Yorck von Wartenburg, Paul Graf

Lebensdaten
1835 – 1897
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Klein-Oels (Oleśnica Mała, Niederschlesien)
Beruf/Funktion
Jurist ; Philosoph ; Gutsbesitzer auf Klein-Oels
Konfession
-
Normdaten
GND: 118635921 | OGND | VIAF: 24651514
Namensvarianten

  • Yorck von Wartenburg, Hans Ludwig David Paul Graf
  • Yorck von Wartenburg, Paul Graf
  • Yorck von Wartenburg, Hans Ludwig David Paul Graf
  • Wartenburg, Paul Yorck von
  • Wartenburg, Paul Y. von
  • Yorck von Wartenburg, Paul, Graf
  • Von Wartenburg, Paul Yorck, Graf
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Zitierweise

Yorck von Wartenburg, Paul Graf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118635921.html [19.02.2026].

CC0

  • Yorck von Wartenburg, Hans Ludwig David Paul Graf

    | Philosoph, Jurist, * 1.3.1835 Berlin, † 12.9.1897 Klein-Oels (Oleśnica Mała, Niederschlesien), Klein-Oels (Oleśnica Mała, Niederschlesien), Mausoleum. (lutherisch)

  • Genealogie

    V Ludwig (1805–65, 2] Nina v. Olfers, 1824–1901), Majoratsherr auf K.-Oe., Pol., S d. Ludwig|v. Y. (1759–1830, 1814 preuß. Gf. Y.v. W. ), preuß. GFM (s. 1), u. d. Johanna Seidel (Seydel) (1768–1827);
    M Bertha (1807–45), T d. Georg Emil v. Brause (1774–1836), preuß. Gen.major, Kdt. d. preuß. Kadettenanstalten, Dir. d. Allg. Kriegsschule, mil. Erzieher d. späteren Ks. Wilhelm I. (s. Priesdorff, IV, S. 464–67, Nr. 1393; Stettiner Lb.), u. d. Albertine Karoline v. Schlegell (1777–1845), a. d. H. Zehringen;
    Halb-B Maximilian (1850–1900), preuß. Mil.attaché 1884 in Wien u. 1885 in St. Petersburg, 1893 Oberst im Gr. Gen.stab, Mil.hist. (s. BJ V, S. 235 f.; Schles. Lb. III);
    Berlin 1860 L(o)uise (1838–1918), T d. Louis (Ludwig) v. Wildenbruch (Ps. El Hadji) (1803–1874, preuß. Adel 1810), Dipl., 1842 preuß. Gen.konsul in Beirut, 1848 Sondergesandter in Kopenhagen, 1849 Gesandter in Athen, 1853 bevollmächtigter Min. in Konstantinopel, 1872 Gen.lt., führte geogr., topogr., klimat. u. hist. Forsch. in Kleinasien durch (s. Priesdorff VI, S. 456 f., Nr. 2073; Henze, Entdecker; NDB 15* u. 28*), u. d. Ernestine v. Langen (1805–58), Hofdame d. Fürstin Radziwill, Salonière in B.;
    1 S Heinrich (1861–1923, Sophie Freiin v. Berlichingen, 1872–1945), Dr. iur., preuß. Landrat, Fideikommissherr auf K.-Oe. (s. Gen. 3);
    Gvv d. Ehefrau Louis Ferdinand, Prinz v. Preußen (1772–1806, s. NDB 15);
    Schwager Ernst v. Wildenbruch (1845–1909), Jur., Schriftst., Geh. Legationsrat (s. NDB 28);
    E Peter (1904–44), Jur., Offz., Widerstandskämpfer (s. 3).

  • Biographie

    Y. besuchte nach Privatunterricht 1851–54 das Breslauer Magdalenen-Gymnasium und studierte anschließend Jurisprudenz und Philosophie in Bonn und Breslau. Nach Auskultator-Examen 1858 und Militärdienst absolvierte er seit 1860 sein Referendariat in Breslau. 1862–65 bereitete er sich in Potsdam auf das Assessorexamen vor, übernahm nach dem Tod des Vaters 1865 die Verwaltung der Familiengüter auf Schloß Klein-Oels und wurde Mitglied des preuß. Herrenhauses. Zugleich engagierte sich Y. in der Ev. Kirche und nahm 1869 und 1875 an der Provinzialsynode Breslau teil, 1875 auch an der Generalsynode der ev. Landeskirche Preußens in Berlin. Als Offizier kämpfte Y. in den Kriegen Preußens gegen Dänemark 1864, Österreich 1866 und Frankreich 1870/71. Reisen führten ihn 1854 nach Frankreich und Algerien, 1857 und 1891 nach Italien (Italien. Tageb., hg. v. S. v. d. Schulenburg, 1927, ³1941, ital. Übers. v. F. Donadio, 1997).

    Durch die Verwaltung der Landgüter in Anspruch genommen, widmete Y. die ihm verbleibende Zeit der Beschäftigung mit seiner im Umbruch befindlichen Epoche. Er verfügte auf Klein-Oels über eine der größten Privatbibliotheken seiner Zeit, und sein Herrensitz war ein kultureller Treffpunkt. Kontakte zur Universitätsphilosophie hatte er über den Breslauer Geschichtsphilosophen Christlieb Julius Braniß (1792–1873), den er in einer Widmung seinen „Lehrer und Freund“ nannte, und besonders durch seine langjährige, intensive Freundschaft mit Wilhelm Dilthey (1833–1911).

    Als eigenständiger Philosoph wurde Y. erst postum durch die Veröffentlichung des Briefwechsels mit Dilthey 1923 bekannt. Ließ sich nicht immer entscheiden, wer beider Denkweisen wechselseitig stärker bestimmte, so schienen Y.s pointierte Thesen die innovativeren zu sein. Zu dieser Auffassung trug v. a. auch Martin Heidegger (1889–1976) bei, der seine Gedanken zu „Zeit und Geschichtlichkeit“ in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ (1927) fast ausschließlich mit Y.-Zitaten darlegte. Es folgte die Edition weiterer Arbeiten; so wurden unter dem Titel „Bewußtseinsstellung und Geschichte, Ein Fragment aus dem philosophischen Nachlaß“ (eingel. u. hg. v. I. Fetscher, 1956, Nachdr. 1991) Y.s geschichtsphilosophische Entwürfe publiziert.

    Im Zentrum von Y.s Philosophie steht der Begriff der Geschichtlichkeit. Während eine breitere philosophische Strömung am Ende des 19. Jh. im Zeichen des „Historismus als Problem“ wieder an die Transzendentalphilosophie Immanuel Kants (1724–1804) anknüpfte, hielt Y. eine Abwendung vom Fluß der Geschichte für sinnlos. Nur das bewußt vollzogene Leben in der geschehenden Geschichte mache historische Erkenntnis und Philosophie überhaupt erst möglich: „Denken setzt Leben voraus, auch inhaltlich.“ Daraus folgte Y.s Abwehr von allem vergeblichen Feststellen-Wollen („Äternisieren“), das mit dem vorstellenden Denken beginne und dann sowohl zur Metaphysik als auch zu den Naturwissenschaften führe. Y. stellte das Historische dem Ontischen entgegen – worin später zuweilen der Quellpunkt von Heideggers „ontologischer Differenz“ zwischen dem Sein und dem Seienden gesehen wurde – und hob das geschichtliche Leben vom Bereich der leblosen Dinge und stummen Tatsachen ab.

    Damit sprach er zugleich sein Urteil über die moderne Wissenschaft und Politik, die aus Atomen einen toten Mechanismus konstruierten, aber keinen wirklichen Zusammenhalt, keinen „Syndesmos“, erreichten. Diese mechanistische Denkweise provoziere als Korrektiv eine ästhetische Perspektive, die auch die Geschichtsschreibung bestimme. So erklärte Y. die historische Schule, an die Dilthey anknüpfte, zu einer bloß ästhetischen: Ranke sei ein „großes Okular“, alles werde bei ihm zum Bild und in Distanz gebracht.

    Demgegenüber verlangte Y., aus der Erfahrung der geschichtlichen Gegenwart heraus die prägenden Kräfte zu verstehen, denen man selbst zugehört, und die scheinbar abge-|storbenen Phänomene der Vergangenheit vom gegenwärtigen Leben aus wieder zu „verflüssigen“ und lebendig zu machen. Eine Psychologie der Geschichte sollte diese Gedanken fortführen.

    Wie bei Braniß war Y.s geschichtsphilosophisches Denken zugleich religionsphilosophisch.

    Y. verstand das wissenschaftliche und ästhetische Weltverhalten als Erbe der paganen griech. Antike, dem das Judentum mit seiner „inneren Bildlosigkeit“ entgegengetreten sei.

    Aus diesem sei die christliche Bewußtseinsstellung mit ihrer „Weltferne“ hervorgegangen, welche die Moderne präge. Früh im Einflußbereich des in Breslau starken Luthertums, sah er durch die luth. Frömmigkeit ein Denken ermöglicht, das den Wandel und die Kontingenz aller Verhältnisse ertragen könne, da es durch seinen Transzendenzbezug vor Relativismus geschützt sei. Angesichts der „inneren Geschichtlichkeit des Selbstbewußtseins“ hielt Y. eine Trennung des Systematischen und Historischen in der Philosophie für unangemessen und plädierte für ihre „Vergeschichtlichung“, d. h. für eine geschichtliche Philosophie. Damit wurde er einer der wichtigsten Wegbereiter für das, was Hans-Georg Gadamer (1900–2002) 1960 „philosophische Hermeneutik“ und später Otto Friedrich Bollnow (1903–1991) „hermeneutische Philosophie“ nannten, und erfuhr anhaltende, auch internationale Aufmerksamkeit.

  • Werke

    |Die Katharsis d. Aristoteles u. d. Oedipus Coloneus d. Sophokles, 1866, Wiederabdr. b. Gründer, 1970 (s. L), S. 91–130;
    Heraklit, Ein Fragm. aus d. Nachlaß, hg. v. I. Fetscher, in: Archiv f. Philos. 9, 1959, S. 214–84;
    – Tutti gli scritti, Testo tedesco a fronte, Introduzione, traduzione, note e apparati di Francesco Donadio, 2006 (Qu- u. L-Verz. S. CLXX–CLXXII, P);
    Korr.: Briefwechsel zw. Wilhelm Dilthey u. d. Gf. P. Y. v. W. 1877–1897, 1923, Nachdr. 1974, weitere Briefe b. Gründer, 1970, (s. L), S. 121–53, 187–208, 253–81, 354–63;
    Wilhelm Dilthey, Briefwechsel, hg. v. G. Kühne-Bertram u. H.-U. Lessing, Bd. 1–3, 2011–19, s. Reg. (enthält alle Briefe Y.s an Dilthey).

  • Literatur

    |F. Kaufmann, Die Philos. d. Gf. P. Y. v. W., in: Jb. f. Philos. u. phänomenol. Forsch. 9, 1928, S. 1–253;
    F. G. Jünger, in: ders., Sprache u. Denken, 1962, S. 162–212;
    L. v. Renthe-Fink, Geschichtlichkeit, Ihr terminol. u. begriffl. Ursprung b. Hegel, Haym, Dilthey u. Y., ²1968;
    P. Hünermann, Der Durchbruch geschichtl. Denkens im 19. Jh., J. G. Droysen, W. Dilthey, Gf. P. Y. v. W., Ihr Weg u. ihre Weisung f. d. Theol., 1967;
    K. Gründer, Die Philos. d. Gf. P. Y. v. W., Aspekte u. neue Qu., 1970 (Deutungsgesch. S. 23–36);
    – F. Donadio, Ragione storica es ragione ermeneutica, Dilthey e il conte Y., in: G. Cacciatore u. G. Cantillo (Hg.), Wilhelm Dilthey, Critica metafisica e ragione storica, 1985, S. 22–52;
    J. Krakowski u. G. Scholtz (Hg.), Dilthey u. Y., Philos. u. Geisteswiss. im Zeichen v. Geschichtlichkeit u. Historismus, 1996;
    F. Donadio, La storicità e l’originario, Religione e arte in P. Y. v. W., 1998;
    ders., L’albero della filosofia e la radice della mistica, Lutero, Schelling, Y. v. W., 2002;
    ders., Rel. u. Gesch. b. P. Y. v. W., 2013 (P);
    F. Rodi, Die Intensität d. Lebens, Zur Stellung d. Gf. Y. zw. Dilthey u. Heidegger, in: ders., Das strukturierte Ganze, Stud. z. Werk v. Wilhelm Dilthey, 2003, S. 225–47;
    G. Kühne-Bertram, Konzeptionen e. lebenshermeneut. Theorie d. Wissens, Interpretationen zu Wilhelm Dilthey, Georg Misch u. Gf. P. Y. v. W., 2015 (P);
    BBKL 32 (W, L);
    LThK³;
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
    Enz. Philos. u. Wiss.theorie;
    Stanford Enc. of Philosophy (Internet).

  • Autor/in

    Gunter Scholtz
  • Zitierweise

    Scholtz, Gunter, "Yorck von Wartenburg, Hans Ludwig David Paul Graf" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 568-570 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118635921.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA