Lebensdaten
1924 – 2008
Geburtsort
Neunkirchen (Saarland)
Sterbeort
Tegernsee
Beruf/Funktion
Historiker
Konfession
evangelisch
Namensvarianten
  • Werner, Karl Ferdinand
  • Werner, Carl Ferdinand

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Zitierweise

Werner, Karl Ferdinand, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz140685.html [15.06.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Karl Friedrich (1883–1946), Metzgermeister, Kaufm., Stadtrat in N., später in Saarbrücken, S d. Karl Valentin Johann Nikolaus (1852–1911), Metzgermeister, Gde.rat in N., u. d. Luise Löw (1850–1913);
    M Johanna (1893–1956), aus Ottweiler (Saarland), T d. Philipp Jakob Klöpfer (1850–1917), Kaufm., u. d. Susanna Schmidt (1856–1924);
    3 ältere Schw Anneliese Marianne, Margarete Eleonore, Johanna Elisabeth;
    Brebach b. Saarbrücken 1950 Brigitte Hermann (* 1923), aus Essen;
    1 T Dorothee Werner-Mang (* 1958), Dr. phil., Vers.angest. in Niederkassel b. Bonn.

  • Biographie

    In Saarbrücken nahe Frankreich aufgewachsen, besuchte W. ab 1934 das dortige Reformrealgymnasium (Abitur 1942). Während des Arbeitsdienstes erkrankte er in der Ukraine an Tetanie, wurde freigestellt und konnte 1943 an der Univ. Heidelberg Geschichte, Deutsch, Geographie, danach auch Kirchengeschichte studieren. Mit Reinhart Koselleck (1923–2006) und Werner Conze (1910–86) wurde hier das Sammelwerk „Geschichtliche Grundbegriffe“ konzipiert; daran hat W. sich später mit einem monumentalen Artikel über „Volk, Nation, Masse“ (1992) beteiligt. Nach der Promotion 1950 bei Fritz Ernst (1905–63) mit einer Arbeit über die kapetingische Ansippung an die Karolinger ging W. nach Paris und studierte an der École pratique des hautes études sowie an der Sorbonne bei Robert Boutruche (1904–75) und Louis Halphen (1880–1950), bis er 1954 eine Assistentur in Heidelberg erhielt. Dort beendete er 1961 die von Fritz Ernst betreute, unveröffentlichte Habilitationsschrift über „Die Entstehung des Fürstentums (8.-10. Jh.)“. Nach einer Vertretung des Lehrstuhls von Karl Hauck (1916 2007) in Münster 1965 zum Gründungs-Ordinarius für Mittlere und Neuere Geschichte an der Univ. Mannheim ernannt, wurde er 1968 zum Direktor des 1958 gegründeten Deutschen Historischen Instituts (DHI) in Paris berufen. W. leitete es mehr als 20 Jahre lang und machte es zu einem herausragenden Zentrum dt.-franz. Wissenschaftsaustauschs und gemeinsamer Forschung. Aus der Etage in der rue du Havre im Opernviertel zog das Institut schon 1970 in ein eigenes Haus in der rue Maspéro im XVI. Arrondissement und 1994, noch von W. vorbereitet, in das stattliche Hôtel Duret de Chevry im Marais. 1973 gründete er die Institutszeitschrift „Francia, Forschungen zur westeuropäischen Geschichte“, die mit ihrem vieldeutigen Titel und reichem Inhalt an mehrsprachigen Originalbeiträgen und Rezensionen alsbald auf ihrem Gebiet führend wurde. Es folgten 1975 die z. T. umfangreichen „Beihefte der Francia“, die die älteren „Pariser Historischen Studien“ (1962 ff.) ehrgeizig ergänzten. Die Reihen „Dokumentation Westeuropa“ und „Documentations et Recherches“ kamen seit 1976 bzw. 1978 hinzu. Als W. 1989 Paris und seinen Wohnsitz in Vaucresson verließ und nach Rottach-Egern zog, wurde ihm von Freunden und Kollegen eine Festschrift in franz. Sprache gewidmet, zu der Georges Duby (1919–96) das Vorwort verfaßte.

    Rastlos in seiner Projektarbeit, hat W. nur wenige, dafür sehr gewichtige Bücher veröffentlicht. Mit „Das NS-Geschichtsbild und die deutsche Geschichtswissenschaft“ (1967), einer Pioniertat, zeigte er, daß die dt. Historikerzunft deshalb so wenig Widerstand gegen die „Bewegung“ des Nationalsozialismus aufbrachte, weil Grundauffassungen wesensverwandt waren. In „Les Origines“ (1984) erschloß er den Franzosen die Anfänge ihrer Nation. W. anerkannte den hohen Wert der damals triumphierenden franz. Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung, ließ sich von ihr aber nicht vereinnahmen und hielt kritische Distanz, was ihm hohen Respekt einbrachte. In „Naissance de la noblesse“ (1998, ²1999, ital. 2000), mit letzter Kraft abgeschlossen, zog er die Summe seiner Studien zur Kontinuität der Eliten von der Spätantike bis ins hohe Mittelalter. Das geplante Werk über Karl den Großen, durch einen Münchner Akademievortrag 1995 vorbereitet, mußte ungeschrieben bleiben. W. – beeindruckender Anreger, Organisator, Diskutant – wirkte im Grunde weniger durch Bücher als durch Vorträge und Abhandlungen, von denen viele in vier Aufsatzsammlungen von 1979, 1984, 1999 und 2004 zusammengefaßt wurden. Hierin finden sich auch Titel wie „Von der Existenz Europas und der Nichtexistenz eines europäische Bewußtseins“ (1979), „Historisches Seminar – École des Annales, Zu den Grundlagen einer europäischen Geschichtsforschung“ (1992) und „Reineke Fuchs, Burgundischer Ursprung eines europäischen Tierepos“ (1995, 1997). Seine Entdeckung der inneren Struktur des karoling.-otton. Reiches nach „regna“ hat sich durchgesetzt, seine Kontinuitätsthese vom Überleben des Staates in der Nachantike weniger. Sein größtes Projekt, die „Prosopographia regnorum occidentalium“, war die Erfassung aller urkundlich bezeugten Namen in der Zeit von 200 bis 1200 als Grundlage für die Erforschung der europ. Aristokratie; der Bestand von ca. 270000 Karteikarten (nicht digitalisiert) wird im DHI Paris aufbewahrt.

    Der Kenner des ersten Jahrtausends war zugleich ein Zeithistoriker, der die verheerenden Folgen des Nationalismus benannte. Die von ihm initiierten Tagungen zeigten dies wie auch seine Fähigkeit neue Themen zu entdecken: „Sozialer Wandel durch den Ersten Weltkrieg“ (1971), „Der Bonapartismus“ (1975), „Vergleichende Verwaltungsgeschichte“ (1977), „Hof, Kultur und Politik im 19. Jahrhundert“ (1982), „Marc Bloch heute“ (1986), „Forschung, Technologie und industrielle Entwicklung“ (1987); in drei Kolloquien behandelte er die schwierige dt.-franz. Geschichte von 1936 bis 1947 (1978, 1986, 1988).

    In Frankreich noch mehr geschätzt als in Deutschland, erhielt er zahlreiche, auch rare Auszeichnungen. Zu seinen Schülern gehören Hartmut Atsma (1937–2009), Jürgen Voss (* 1939), Martin Heinzelmann (* 1942) und Werner Paravicini (* 1942).

  • Auszeichnungen

    |korr. Mitgl. d. Ac. des Inscriptions et Belles-Lettres, Paris (1986, ausw. 1991) u. d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1988);
    Silberne Medaille d. Conseil nat. de la recherche scientifique (1988);
    Dr. h. c. (Sorbonne 1988, Orléans 1996);
    Arenberg-Preis (2000);
    Commandeur d. Ordre des Arts et Lettres (1983);
    Gr. BVK (1989);
    – K.-F.-W.-Fellowship d. DHI Paris (seit 2009).

  • Werke

    Weitere W u. a. Die Entstehung des Reditus regni Francorum ad stirpem Karoli, Diss. Heidelberg 1950, Teilveröff. u. d. T. Andreas v. Marchiennes u. der Reditus regni Francorum ad stirpem Karoli, in: DA 9, 1952, S. 402–63;
    Structures politiques du monde franc (VIe-XIIe siècles), Études sur les origines de la France et de l’Allemagne, 1979 (P);
    Les Origines (avant l’an Mil), 1984 u. ö., zahlr. Überss.;
    Karl d. Gr. oder Charlemagne? Von d. Aktualität e. überholten Fragestellung, SB d. Bayer. Ak. d. Wiss., Phil.-hist. Kl., 1995, H. 4;
    Naissance de la noblesse, L’essor des élites politiques en Europe, 1998 u. ö., ital. 2000, poln. 2015;
    Einheit d. Gesch., Studien z. Historiogr., hg. v. W. Paravicini, 1999 (P);
    Enquêtes sur les premiers temps du principat français (IXe– Xe siècles), Unterss. z. Frühzeit d. franz. Fst. (9.–10. Jh.), traduit par B. Saint-Sorny, avant-propos par W. Paravicini, préface par O. Guillot, postface par M. Parisse, 2004;
    wiss. Nachlaß: mit d. Mss. v. Diss. u. Habil.schr. im DHI Paris (dort auch e. Inventar v. 2005);
    Bibl. (3123 Nummern, Kat. im DHI Paris, mit selbstverfaßtem Schriftenverz. v. 1997), erworben 2003 v. d. Univ. Nagoya (Japan).

  • Literatur

    |Vom Frankenreich z. Entfaltung Dtld.s u. Frankr. s, Ausgew. Btrr., Festgabe zu seinem sechzigsten Geb.tag, 1984 (W-Verz. S. 473–79);
    Media in Francia … Recueil de mélanges offert à K. F. W. à l’occasion de son 65e anniversaire, 1989 (W-Verz. S. 539–51, P);
    K. F. W., Ein Historiker d. „Generation 1945“ zw.dt. Historie“, „Fach“ u. Gesch., in: Erinnerungsstücke, Wege in d. Vergangenheit, Rudolf Vierhaus z. 75. Geb.tag, hg. v. H. Lehmann u. O. G. Oexle, 1997, S. 237–48;
    M. Parisse, in: Les historiens, hg. v. V. Sales, 2003, S. 267–83;
    P. Moraw u. R. Schieffer (Hg.), Die dt.sprachige Mediävistik im 20. Jh., 2005;
    O. Guillot, K. F. W., „novissimus fundator“, in: Das DHI Paris u. seine Gründungsväter, hg. v. U. Pfeil, 2007, S. 221–31;
    Nachrufe: C. Märtl, in: Jb. d. Bayer. Ak. d. Wiss. 2009, S. 236 ff. (P);
    O. G. Oexle, in: Francia 36, 2009, S. 409 f.;
    D. Barthélemy, K. F. W., le médiéviste, ebd. 38, 2011, S. 169–78;
    W. Paravicini, in: Das Dt. Hist. Inst. Paris 1958–2008, hg. v. R. Babel u. R. Große, 2008, S. 85–169 (dt. u. franz., P);
    ders., in: HZ 288, 2009, S. 542–49, auch in: Bull. de la Soc. des Amis de l’Inst. hist. allemand 14, 2009, S. 11–16;
    ders., in: FAZ v. 15. 12. 2008;
    N. Offenstadt, in: Le Monde v. 17. 12. 2008;
    P. Schöttler, K. F. W. et l’histoire du temps présent, ebd., S. 179–89;
    Biogr. Lex. Gesch.wiss.;
    W. Paravicini, in: Lex. d. dt.-franz. Kulturbeziehungen n. 1945, hg. v. N. Colin u. a., 2013, S. 459–61.

  • Autor/in

    Werner Paravicini
  • Zitierweise

    Paravicini, Werner, "Werner, Karl Ferdinand" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 833-834 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz140685.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA