Lebensdaten
1884 – 1966
Geburtsort
Ciechanowiec (Polen)
Sterbeort
Montreux (Kanton Waadt)
Beruf/Funktion
Rabbiner ; Talmudgelehrter
Konfession
jüdisch
Namensvarianten
  • Weinberg, Yechiel Yaakov
  • Weinberg, Yehi'el Ya'akov
  • Weinberg, Jechiel Jakob
  • mehr

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Zitierweise

Weinberg, Jechiel Jakob, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz139875.html [13.04.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Mosche (Moses), Kaufm. in C.;
    M Scheine Rivke Kuzinsky;
    4 Geschw u. a. Anna, emigrierte in d. 1930er J. in d. USA;
    Pilwishki (?) 1906 um 1921 / 22 Ester Levin (Lewin, Levit?) (* 1890, 2] Nathan Bukan[t]z, 1857–1938, 1892–1924 Rabbiner in Helsinki, ab 1926 in Jerusalem), emigrierte 1926 mit ihrem Mann n. Palästina, T d. Yaakov Meir ( v. 1921), Rabbiner in Pilwishki (Pilviškiai, Litauen);
    kinderlos.

  • Biographie

    W. besuchte den Cheder, die jüd. Elementarschule, in Ciechanowiec und studierte an berühmten osteurop. Talmudhochschulen (Jeschiwot): 1900 / 01 in Grodno, 1901–03 an der Jeschiwa „Knesset Jisrael“ des Rabbi Nathan Zvi Finkel (1849–1927) in Slobodka (bei Kowno/ Kaunas, Litauen) und 1903 / 04 in Mir. Im Alter von vermutlich 19 Jahren wurde er als Rabbiner ordiniert. Obwohl eine traditionelle jüd.-religiöse Ausbildung für die osteurop. Orthodoxie säkulare Fächer ausschloß, strebte er nach weltlicher Bildung.

    Von 1906 bis (offiziell) 1918 amtierte W. als Rabbiner in Pilwishki, nach einem staatlichen Examen in Łomza als staatlich anerkannter Kronrabbiner. Um die Stelle antreten zu können, heiratete er die Tochter seines Vorgängers. Schon vor dem 1. Weltkrieg veröffentlichte W. erste Artikel über Fragen jüd. Religion, Bildung und Literatur. Seine Publikationstätigkeit in mehreren Sprachen setzte er bis in seine letzten Lebensjahre fort. W., der sich im Sommer 1914 für eine medizinische Behandlung in Berlin aufhielt, konnte nach Kriegsbeginn nicht in das Russ. Reich zurückkehren. Er war in Berlin u. a. als Rabbiner einer orthodoxen Privatsynagoge (Kantstr.) tätig und lernte bei Veranstaltungen des hebr. Klubs „Bejt ha-wa’ad ha-iwri“ jüd. Intellektuelle und Künstler wie Shmuel Agnon (1888–1970), Zalman Rubashov (Shazar, 1889–1970) und Gershom Scholem (1897–1982) kennen. Als Pilwishki 1916 von dt. Truppen besetzt wurde, entschied er sich gegen eine mögliche Rückkehr. Mit einer Empfehlung Albert Einsteins (1879–1955) schrieb er sich 1919 / 20 als Gasthörer an der Univ. Berlin ein. 1920–23 studierte er an der Univ. Gießen bei dem ev. Theologen und Orientalisten Paul Kahle (1875–1964), der W. als Lektor für Jüd. Wissenschaften am Oriental. Seminar beschäftigte. 1923 reichte W. seine Dissertation „Die Pesitta, ihre exegetische Methode, ihr Verhältnis zum jüdischen Schrifttum und zu den antiken Versionen“ ein, legte die mündliche Prüfung ab, erwarb jedoch nie offiziell den Doktortitel.

    W. näherte sich in Deutschland zunehmend der Neo-Orthodoxie des Rabbiners Samson Raphael Hirsch (1808–88) an, für die traditionelle jüd. Bildung und moderne Wissenschaft keine Gegensätze bildeten. Seit 1924 als Dozent für Talmudwissenschaft und Halacha am orthodoxen Berliner Rabbinerseminar beschäftigt, amtierte er spätestens seit 1935 als letzter Rektor dieser nach dem Novemberpogrom 1938 geschlossenen Institution. Zu seinen Schülern gehörten der letzte Lubawitscher Rebbe Menachem Mendel Schneerson (1902–94) und der orthodoxe Rabbiner und Philosoph Eliezer Berkovits (1908–92). Für viele Zeitgenossen repräsentierte W. in idealtypischer Weise die Verbindung von osteurop. talmudischer Gelehrsamkeit und westlicher Wissenschaft. Er bezog in der NS-Zeit Stellung zu wichtigen Fragen, die die dt. Orthodoxie betrafen; u. a. verfaßte er nach dem Schächtverbot durch die Nationalsozialisten eine umfangreiche religionsgesetzliche Abhandlung zum Thema.

    Anfang 1939 wurde W. von der Gestapo aus Deutschland ausgewiesen und mußte schwerkrank unter Zurücklassung seiner Bücher und Manuskripte nach Kowno ausreisen; im Aug. 1939 gelangte er nach Warschau. Als litau. Staatsbürger erhielt er 1940 nach der Besetzung des Landes durch die UdSSR einen sowjet. Pass, der ihm unter dt. Besatzung, auch nach Einrichtung des Warschauer Ghettos im Okt. 1940, einen begrenzten Schutz bot. W. leitete hier ein Hilfskomitee für Rabbiner und Jeschiwastudenten und amtierte als Präsident zweier rabbinischer Gremien, der Agudat Harabbanim von Warschau und des poln. obersten rabbinischen Gerichts.

    Nach dem dt. Überfall auf die Sowjetunion wurde W. verhaftet und im Okt. 1941 in ein Internierungslager in der Festung Wülzburg (Mittelfranken) verbracht, wo er möglicherweise für einen Austausch mit dt. Gefangenen in der UdSSR vorgesehen war. Nach seiner Befreiung im April 1945 wurde W. spirituelles Oberhaupt einer Gemeinde jüd. Displaced Persons in Weißenburg (Mittelfranken). Im Juni 1946 übersiedelte er auf Einladung eines Schülers, des Rabbiners Shaul Weingort (1915–46), nach Montreux (Schweiz). Mit seinen Schriften nahm er großen Einfluß v. a. auf religionsgesetzliche Entscheidungen (Scheride esch, Sche’elot u-teschuvot, chiduschim u-vi’urim, 4 Bde., 1961–68, weitere Aufll. 1976/77–2006). Bis heute wird er von verschiedenen Richtungen der jüd. Orthodoxie als Autorität geschätzt und verehrt.

  • Werke

    |Zur Gesch. der Targumim, Eine Darst. d. Entstehung u. Entwicklung d. aramä. Targumim, in: FS f. Jacob Rosenheim, 1931, S. 237–58;
    Li-ferakim, Perakim be-toledotam u-mischnatam schel ba’ale hamusar we-ische mofet, Bilgoraj, 1936, 2. gekürzte Ausg. 1967;
    Das Volk der Rel., Gedanken über d. Judentum, 1949;
    La Haggada de Pessah commentée par le rabbin Yechiel Yaakov W. et annotée par son élève le rabbin Abraham Weingort, 2014;
    Bibliogr.: Shapiro, Between the Yeshiva World, 1999 (s. L), S. 239–47 (Verz. d. erhaltenen Briefe W.s an Shapiro, S. 247–74);
    Biogr. Hdb. Rabbiner, T. 2, S. 639 f.;
    Teilnachlaß: Univ. Gießen.

  • Literatur

    |M. B. Shapiro, On Targum and Tradition, J. J. W., Paul Kahle and Exodus 4:22, in: Henoch, Studies in Judaism and Christianity from Second Temple to Late Antiquity 19, 1997, S. 215–32;
    ders., Scholars and Friends, Rabbi J. J. W. and Prof. Samuel Atlas, in: Torah u-Madda Journ. 7, 1997, S. 105–21;
    ders., Between the Yeshiva World and Modern Orthodoxy, The Life and Works of Rabbi J. J. W., 1884–1966, 1999 (W, L, P);
    ders., Rabbi J. J. W. on the Limits of Halakhic Development, in: The Edah Journ. 2, 2002, H. 2 (Internet);
    J. Bleich, Between East and West, Modernity and Traditionalism in the Writings of Rabbi Yehi’el Ya’akov W., in: M. Z. Sokol (Hg.), Engaging Modernity, 1997, S. 169–273;
    D. H. Ellenson, Parallel Worlds, „Wiss.“ and „Pesaq“ in the „Seridei Esh“, in: W. Cutter u. D. C. Jacobson (Hg.), Hist. and Literature, New Readings of Jewish Texts in Honor of Arnold J. Band, 2002, S. 55–74;
    M. Eliav u. E. Hildesheimer, Das Berliner Rabbinerseminar 1873–1938, Seine Gründungsgesch., seine Studenten, hg. v. Ch. Schütz u. H. Simon, 2008, S. 283 (fehlerhaft);
    A. Rosenak, Ha-halacha kemecholelet schinui, 2009, S. 165–72;
    Jüd. Lex.;
    Wininger;
    Enc. Judaica;
    Biogr. Hdb. Rabbiner II (W, L).

  • Porträts

    |Photogrr. in: LBI Yearbook 12, 1967, n. S. 38, u. Shapiro, Between the Yeshiva World, 1999 (s. L), S. 86 u. 175.

  • Autor/in

    Ursula Reuter
  • Zitierweise

    Reuter, Ursula, "Weinberg, Jechiel Jakob" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 626-627 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz139875.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA