Lebensdaten
1903 – 1975
Geburtsort
Augsburg
Sterbeort
Kassel
Beruf/Funktion
Musikverleger
Konfession
evangelisch
Namensvarianten
  • Vötterle, Karl Hans
  • Vötterle, Karl
  • Vötterle, Karl Hans
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Zitierweise

Vötterle, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz136977.html [28.02.2024].

CC0

  • Genealogie

    Aus bäuerl. Fam.;
    V Franz Xaver (1874–1942), Maurer, städt. Bauaufseher in A.;
    M Luise Centmayer (1880–1962);
    1) Kassel 1927 Maria Zeiß (1905–44), aus K., 2) 1945 Hildegard (Hilde) Preime (1914–98), aus K., T d. Konrad Schaub, Bausekr.diätar b. Mil.bauamt in K., Gde.vertreter in Altenbauna b. K., u. d. Maria Dick;
    1 S aus 1) Bernhard (1928–2013), 3 T aus 1) Ute Becker-V. (1930–2007), Friederike Wüthrich-V. (* 1934, Lucas Heinrich Wüthrich, * 1927, Dr. phil., Kunsthist., 1972–88 Redaktor d. „Zs. f. Schweizer. Archäol. u. Kunstgesch.“, 1986–93 Präs. d. Antiquar. Ges. in Zürich , s. HLS), Gisela Maria Bernstein (* 1937), 1 T aus 2) Barbara Scheuch-V. (* 1947, Leonhard Scheuch, * 1938, aus Winterthur, 1969–76 Dramaturg in Zürich , seit 1976 Geschäftsführer d. Bärenreiter-Verl.), Musikverl. in K., trat 1970 in d. väterl. Verl. ein, dessen Ltg. sie nach d. Tod v. V. übernahm, Goethe-Plakette d. Landes Hessen 1999, Ehrenmitgl. d. Ges. f. Musikforsch. 2005 u. d. Dt. Musikrats 2005, Ehrenprof. d. Landes Hessen 2007;
    E Clemens Scheuch (* 1980), seit 2003 im Bärenreiter-Verl. tätig, leitet seit 2007 d. Bereiche Vertrieb u. Produktcontrolling, seit 2011 Mitgl. d. Geschäftsltg.

  • Biographie

    Ein Jahr vor dem Abitur verließ V. die Oberrealschule in Augsburg und absolvierte eine Ausbildung zum Buchhändler. Die Faszination für den charismatischen Volksliedforscher Walther Hensel (1887–1956) und dessen Engagement für das „echte Volkslied“ veranlaßten ihn im Sept. 1923 zur Gründung des Musikverlages „Bärenreiter“. Noch im selben Jahr verlegte er das erste Heft der „Finkensteiner Blätter“: monatlich erscheinende Volksliedersammlungen, in denen – schon lange vor der nationalsozialistischen Machtergreifung – auch die Vision von einer umfassenden Volksgemeinschaft einschließlich „Sudetendeutschland“ besungen wurde.

    Der obligatorische Eintrag des Verlages in das Handelsregister setzte die Volljährigkeit seines Inhabers voraus – erst an seinem 21. Geburtstag wurde V. auch offiziell Verleger. Anfang 1927 zogen er und seine spätere Ehefrau Maria Zeiß in deren Heimatstadt Kassel um. Der Verlag, seither hier angesiedelt, expandierte; V. forcierte die Wiederentdeckung von Heinrich Schütz und der Alten Musik und fand Verbindungen zur Musikwissenschaft. Zunehmend führte er Werke der kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung im Programm, profitierte dabei freilich weiterhin von den zahlreich verlegten Liedsammlungen. 1933 gründete V. zusammen mit seinem Cheflektor Richard Baum (1902–2000) die „Kasseler Musiktage“, die bis heute jährlich veranstaltet werden. 1934 übernahm er auch den böhm. Johannes Stauda-Verlag sowie den Neuwerk-Verlag.

    Als Reaktion auf den (nicht gezeichneten) Abdruck einer Andacht zum 7. Sonntag nach Johannis, die gegen das nationalsozialistische Euthanasie-Programm protestierte, in der von V. betreuten kirchlichen Wochenzeitschrift „Der Sonntagsbrief“ verfügte die Reichspressekammer Ende 1935 V.s Ausschluß. Der Widerruf des Dekrets im Febr. 1936 war mit einschneidenden Auflagen verbunden: wirtschaftliche Entflechtung des Unternehmens und Verzicht auf jegliche Einflußnahme auf kirchliche oder allgemeinpolitische Inhalte eines Periodikums. Nach 1945 sollte sich die|so erzwungene Teilung des Unternehmens als wirtschaftlich höchst vorteilhaft erweisen: Sie ermöglichte eine rasche Wiederaufnahme der Produktion und einen zügigen Wiederaufbau des im März 1945 fast völlig zerstörten Verlagsgebäudes, obwohl V. selbst zunächst keine Verlagslizenz erhielt und sich um die Jahreswende 1946 / 47 vor einer alliierten Spruchkammer in Kassel verantworten mußte.

    Seine Aufnahme in die NSDAP hatte V. am 4. 4. 1937 beantragt (Mitgl. Nr. 4.629.166). Bereits ein Jahr zuvor, noch während der Aufnahmesperre, war V. dem SA-Reiterkorps beigetreten und dort zum Oberscharführer avanciert. Verlegerisch stimmte er einen Teil der Produktion – etwa die militaristisch betitelten Sammlungen „Kämpfende Mannschaft“ und „Christliche Kampflieder der Deutschen“ oder die tendenziösen „Lieder von Helden- und Mannestum“ – durchaus auf Ideologeme der nationalsozialistischen Machthaber ab, vermied im übrigen aber eine allzu plakative Willfährigkeit. Die ursprüngliche Einstufung V.s seitens der amerik. Militärregierung in die Gruppe der „Verantwortlichen“ wurde stufenweise revidiert und führte im Okt. 1947 schließlich zur vollständigen Entlastung und Rehabilitation.

    Zu V.s Initiativen für das Kultur- und Musikleben nach 1945 zählen u. a. die Mitbegründung der Gesellschaft für Musikforschung (1946), der Landgraf-Moritz-Stiftung (1955), des Kasseler Brüder-Grimm-Museums (1959) sowie der Interessengemeinschaft musikwissenschaftlicher Herausgeber und Verleger (heute VG Musikedition). Von 1957 bis zu seinem Tod war er Präsident der „Neuen Schütz-Gesellschaft“ (seit 1963: Internat. Heinrich-Schütz-Ges.), die er 1929 mitbegründet hatte. Verlegerisch trat V. nach dem Krieg als Initiator der – bereits 1942 begonnenen – Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ und zahlreicher wissenschaftlich-praktischer Gesamtausgaben hervor (u. a. J. S. Bach, Berlioz, Berwald, Händel, Gluck, Mozart, Orlando di Lasso, Schubert, Schütz). Mit ihnen avancierte der Bärenreiter-Verlag zu einem der größten Musikverlage der Welt.

  • Auszeichnungen

    |Dr. phil. h. c. (Kiel 1953);
    Dr. theol. h. c. (Leipzig 1953);
    Gr. silbernes Ehrenzeichen d. Rep. Österr. (1963);
    Hess. Goethe-Plakette (1963);
    Bayer. Verdienstorden (1964);
    Goldene Medaille d ČSSR (1965);
    Gr. BVK (1968);
    Ehrensenator (Univ. Marburg 1968);
    Silberne Ehrenmedaille (Univ. Ljubljana 1970);
    Ehrenmitgl. d. Ges. f. Musikforsch., d. Association Internat. des Bibliothèques Musicales u. d. Dvǒrák-Ges. Prag;
    zahlr. Ehrungen u. a. in Österr., d. Tschechoslowakei, Hessen u. Kassel.

  • Werke

    |u. a. Haus unterm Stern, Aus e. Erinnerungsbuch über d. Entstehen, d. Zerstörung u. d. Wiederaufbau d. Bärenreiter-Werkes, 1949, ⁴1969 (P);
    Der Musikverl. als Unternehmer, in: Musica 5, 1951, S. 259 ff.;
    Der Musikverl. im Leben d. Gegenwart, ebd. 7, 1953, S. 205 f.;
    Die Stunde d. Gesamtausg., ebd. 10, 1956, S. 33;
    Die Funktion d. Musikverl. im Raume d. Kirche, in: Musik u. Kirche 21, 1951, S. 241 f.;
    Begegnung mit Walther Hensel, in: Neue Schau 19, 1958, S. 21 f.;
    Antwort an Helmut Seifert „Die Singbewegung in ihrer Zeit“, in: Die Slg. 14, 1959, S. 161 f.;
    Begegnung über Grenzen, Ansprache b. d. Eröffnung d. XVIII. Internat. Heinrich-Schütz-Festes in Berlin am 3. Mai 1965, in: Acta Sagittariana 3, 1965, S. 41 f.;
    Zur Situation d. dt. Musikverl., Referat anläßl. d. J.hauptverslg. 1973 d. Dt. Musikverl.Verbandes, Bonn 1973;
    Hg. u. Schriftleiter: u. a. Musica-Kal. 1954 ff.;
    Sagittarius, Btrr. z. Erforsch. u. Praxis alter u. neuer Kirchenmusik, 1966 ff.;
    Hg. u. Mithg. v. Lieder- u. Textslgg.

  • Literatur

    |B. v. Peinen, Der zehnj. Bärenreiter, in: Musik u. Volk 1933 / 34, S. 152 f.;
    H. Seiffert, Die Singbewegung in ihrer Zeit, Eine geschichtl.-soziol. Betrachtung, in: Die Slg. 13, 1958, S. 468 ff.;
    Musik u. Verlag, K. V. z. 65. Geb.tag am 12. April 1968, hg. v. R. Baum u. W. Rehm, 1968;
    Bärenreiter-Chron., Die ersten fünfzig J. 1923–1973, 1973;
    H. Jantzen, Namen u. Werke, Biogrr. u. Btrr. z. Soziologie d. Jugendbewegung, 2. Bd., 1974, S. 313–22 (P);
    D. Berke, „Die Stunde d. Gesamtausg.“ – nachgefragt, in: Bärenreiter-Alm., 1998, S. 171 ff.;
    S. Hiemke, „Folgerichtiges Weiterschreiten“, Der Bärenreiter-Verlag im „Dritten Reich“, ebd., S. 161 f.;
    Nachrufe in: FAZ v. 31. 10. 1975 u. in: SZ v. 3. 11. 1975;
    Lb. Bayer. Schwaben, 16, 2004;
    Riemann;
    MGG;
    MGG²;
    Stadtlex. Augsburg;
    Kassel Lex.;
    Dok. dt.sprachiger Verlage, hg. v. G. Olzog u. J. Hacker, 121995, S. 30–32.

  • Porträts

    |Bronzebüste v. T. Bartfay, 1962 (Kassel, Bärenreiter Verlag), u. 7 Photogrr., Abb. in: Haus unterm Stern, ⁴1969 (s. W).

  • Autor/in

    Sven Hiemke
  • Zitierweise

    Hiemke, Sven, "Vötterle, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 12-13 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz136977.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA