Lebensdaten
1623 bis 1693
Geburtsort
Kassel
Sterbeort
Köln
Beruf/Funktion
Landgraf von Hessen-Rotenburg-Rheinfels
Konfession
reformiert,katholisch
Normdaten
GND: 118963287 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Ernst
  • Ernestus, Hassia, Landgravius
  • Ernestus, Hessen-Cassel, Landgraf
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118963287.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Landgraf Moritz der Gelehrte v. Hessen-Kassel ( 1632);
    M Juliana (1587–1643), T des Gf. Johann II. v. Nassau-Siegen (1561–1623, s. ADB XIV);
    B Hermann (1607–58), zu Rotenburg (s. ADB XII), Frdr. (1617–55), zu Eschwege u. Wanfried; Halbbruder Landgraf Wilh. V. v. Hessen-Kassel (1602–37, s. ADB 43), 1) Frankfurt/Main 10.6.1647 Maria Eleonora (1632–89), T des Gf. Phil. Reinhard I. zu Solms-Münzenberg u. der Gfn. Elis. v. Wied, 2) (morganatisch) Rheinfels 3.2.1690 Alexandrina Ernestina Maria Jul. v. Dürnizl (Madame Ernestine, 1673–1754), T des Joh. Dürnizl, niederländischer, später kurtrierischer Leutnant;
    2 S aus 1).

  • Leben

    Als Sohn des Vorkämpfers der strengsten calvinischen Richtung erhielt E. eine streng reformierte Erziehung. Reisen nach Holland, England, der Schweiz, Italien und Frankreich und längere Studien in Paris (1636-41) weiteten sein Blickfeld. Nach kurzer Volontärzeit in französischen Diensten (1641) trat E. 1642 in Kriegsdienste seines Hauses Hessen-Kassel. Bei Kriegsende war er 1648 Generalwachtmeister zu Pferde. Von der 1624 für die Söhne 2. Ehe des Landgrafen Moritz gestifteten hessischen Quart erhielt E. am 1.1.1649 die Niedergrafschaft Katzenelnbogen mit der Festung Rheinfels. Nach dem Tode seiner Brüder Friedrich und Hermann fiel ihm die gesamte Quart zu. Die Landeshoheit über die Quart war seinem Halbbruder Wilhelm V. und dessen Nachkommen von der Hauptlinie Hessen-Kassel vorbehalten. Mit dieser ihm zugedachten abhängigen Stellung hat E. sich nie abgefunden, er hat immer wieder versucht, für seine Linie volle Landeshoheit zu erlangen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat er 1688 sogar Ludwig XIV. seine Festungen am Rhein angeboten. 1650 betrieb er selbst seine Sache in Wien, wo er nicht zuletzt durch die Hoffnung auf politische Hilfe dem Katholizismus gewonnen wurde. Nach einem ergebnislosen Religionsgespräch zu Rheinfels zwischen hessischen Theologen und Kapuzinern trat er öffentlich am 6.1.1652 mit seiner Gemahlin im Dom zu Köln zur katholischen Kirche über. In den Städten Sankt Goar, Nastätten und Bad-Schwalbach gründete er seinem neuen Glauben Pfarrkirchen. E. hielt jedoch eine erneute Vereinigung aller christlichen Bekenntnisse in eigenen Schriften und in seinem Briefwechsel mit Leibniz ernsthaft für möglich. Gelehrsamkeit, die schon Vater und Großvater auszeichneten, und feine Bildung heben ihn durchaus über den Kreis seiner fürstlichen Zeitgenossen. Es fehlten jedoch im Bild seines Charakters neben mancherlei Vorzügen auch nicht gewisse Schwächen. Seine Sommerresidenz Bad-Schwalbach verdankte ihm erneutes rasches Aufblühen nach dem Niedergang durch den 30jährigen Krieg. Die Zerstörung von Rheinfels und der Verlust seiner wertvollen Bibliothek 1692 verdunkelten seine letzten Tage.

  • Werke

    u. a. Pourtraict ou description de la vie du prince Ernst, Landgrave de Hesse, …, 1669, z. T. in: C. v. Stramberg, Rhein. Antiquarius II, 7, 1858, S 149-81.

  • Literatur

    ADB VI;
    C. v. Rommel, Leibniz u. Landgf. E v. Rheinfels, 2 Bde., 1847;
    A. Genth, Gesch. d. Kurortes Schwalbach, 31881;
    C. Knetsch, Das Haus Brabant, 1917, S. 251-55 (L);
    Strieder III, S. 416-70 (W). – Qu.: Staatsarchiv Marburg, Hessen-Rotenburg;
    Staatsarchiv Darmstadt, Hausarchiv.

  • Portraits

    2 Stiche (Kassel, Staatl. Kunstslgg).

  • Autor/in

    Hellmuth Gensicke
  • Empfohlene Zitierweise

    Gensicke, Hellmuth, "Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 611-612 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118963287.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Ernst, Landgraf von Hessen-Rheinfels, Stammvater der mit Landgraf Victor Amadeus am 12. Novbr. 1834 ausgestorbenen Linie Hessen-Rotenburg, ein Sohn des Landgrafen Moritz (des Gelehrten) von Hessen-Kassel und dessen zweiter Gemahlin Juliane, geb. Gräfin von Nassau-Dillenburg, geb. 9. Decbr. (a. St.) 1623 zu Kassel, den 12. Mai (n. St.) 1693 zu Köln a/Rh., einer der bedeutenderen fürstlichen Convertiten des 17. Jahrhunderts. Unter der Aufsicht|seiner Mutter erhielt er eine streng reformirte Erziehung, so daß er bei seiner Confirmation 1635 vor dem Genusse des Abendmahls „wie ein aspenlaub zitterte, ohnwürdig darzu zu gehen“. Schon im folgenden Jahre wurde er mit seinem älteren, etwas verkommenen Bruder Christian unter Leitung des Hofmeisters Adolf Fabritius auf Reisen geschickt. Er besuchte bis zum J. 1641 Holland, England, die Schweiz, Italien, Frankreich: längere Zeit verweilte er Studirens halber in Paris, Genf, Florenz. Nachdem er so in den Sprachen, den Kriegswissenschaften, den freien Künsten eine umfassende Bildung erhalten, nahm er Kriegsdienste und zwar wohnte er als Volontär 1641 der Belagerung von Aire in Artois unter dem Marschall de Metterny bei. 1642 kehrte er nach Kassel zurück und trat in die hessische Armee. Er nahm im Verlaufe des dreißigjährigen Krieges, anfangs als Capitän, dann als Oberstlieutenant (1644), als Oberst zu Pferd (1645) und schließlich als Generalwachtmeister zu Pferd an ca. 30 Belagerungen und Gefechten Theil; bei Düren, Kassel a/Rh., Allerheim, Treysa, Gesecke that er sich besonders hervor. Bei der Entsetzung der letzteren Stadt gerieth er, trotz persönlicher Tapferkeit, in kaiserliche Gefangenschaft. Am 1. Juni (a. St.) 1647 vermählte er sich zu Frankfurt mit der Gräfin Maria Eleonore von Solms-Hohensolms-Lich und nahm 1649 die ihm zugefallenen Theile der 1627 für die Söhne Moritzens zweiter Ehe gestifteten hessischen Quart in Besitz. Der Hauptbestandtheil seines Landes war die Niedergrafschaft Katzenellenbogen mit der Festung Rheinfels, welche er sich zum Fürstensitze herrichtete und auch nach eignen Plänen bedeutend verstärken ließ. Da er sich als Kriegsmann bedeutenden Ruf erworben, so erhielt er im Laufe der Jahre verschiedene Anerbietungen, wieder Kriegsdienste zu nehmen, welche er aber ausschlug. Ihm lag zunächst daran, sich mit der regierenden und die Landeshoheit über die Quart ausübenden Hauptlinie Hessen-Kassel auseinanderzusetzen. Seine Absicht ging dahin, eine besondere, von Kassel unabhängige souveräne Nebenlinie zu gründen und das der Hauptlinie erst durch den westfälischen Frieden garantirte Primogeniturrecht umzustoßen. Zur Betreibung dieser Angelegenheiten begab er sich 1650 selbst nach Wien. Hier wurde er, namentlich durch den Umgang mit dem Capuzinergeneral Valerianus Magni für den Katholicismus gewonnen. Bevor er förmlich übertrat, ließ er, nachdem ein in Frankfurt angesetztes Religionsgespräch nicht zu Stande gekommen war, im Anfang December 1651 eine Disputation zwischen hessischen Theologen (namentlich Haberkorn) und den Capuzinern zu Rheinfels abhalten: natürlich ohne Erfolg; am 6. Januar (n. St.,. 1652 legte er mit seiner Gemahlin zu Köln öffentlich im Dome dem Erzbischof Maximilian Heinrich das katholische Glaubensbekenntniß ab. — Durch den kinderlosen Tod seiner beiden rechten Brüder Friedrich ( 1655 Septbr.) und Hermann ( 1653 März) gelangte er in den Besitz der gesammten Quart, wegen deren Rechte er in fortwährenden Streitigkeiten mit der Hauptlinie lag, wenngleich durch den Regensburger Vertrag vom 10. Jan. (n. St.) 1654 die Hauptdifferenzen ausgetragen waren und er die kasselische Primogenitur hatte anerkennen müssen. Als seine Gemahlin, mit welcher er lange Jahre nicht verkehrt hatte, am 12. August (n. St.) 1689 gestorben war, beschloß er, sich nochmals zu verheirathen: sehr naiv setzt er die Gründe auseinander, welche ihn zu diesem ungewöhnlichen Schritte trieben. Um aber die Interessen seiner Kinder erster Ehe nicht zu schädigen, hatte er die (erst 17 Jahr alte) Tochter eines Kriegsofficiers aus Straubing, Alexandrine v. (?) Dürnitzel, gewählt, welche er sich am 3. Januar (a. St.) 1690 morganatisch zu Rheinfels antrauen ließ. Nach seiner Bestimmung sollte sie nicht wie eine Fürstin, sondern nur als eine Adeliche behandelt und einfach Madame Ernestine genannt werden. — E. hinterließ zwei Söhne erster Ehe, Wilhelm und Karl, deren letzterer die Linie Hessen-Wanfried gründete. — Landgraf E. war kein geistig unbedeutender Mann, gelehrt, nicht ohne Züge von Herzensgüte, aber unstet, eitel und sinnlich. Die Motive seiner Conversion waren keine lautern; er hat den Gedanken, mit Hülfe Oesterreichs und der katholischen Partei politische Selbständigkeit zu erlangen, ja selbst die kasselische Linie zu verdrängen, nie aufgegeben. Er hatte in seinem Interesse sogar mit Ludwig XIV. conspirirt und ihm seine Festungen am Rhein angeboten. Der Eifer für seinen neuen Glauben war nicht immer gleich stark bei ihm. Im J. 1686 bekennt er, daß „er sich schon vor einen sehr devoten nicht halten können“, und in seiner Hauptschrift, welche im J. 1660 unter dem Titel „Der so wahrhafte als ganz aufrichtige und discret gesinnte Katholik“ erschien, legt er Schäden und Irrthümer der katholischen Kirche rückhaltslos dar, und namentlich in den letzten Jahren seines Lebens erörtert er in seinem Briefwechsel mit Leibniz ernstlich die Möglichkeit des Zustandekommens einer Union der verschiedenen christlichen Bekenntnisse. Dabei gefiel er sich in Proselytenmacherei und hat ernstliche Versuche zur Einführung seines neuen Glaubens in seinen Landen gemacht. Seit seinem Regierungsantritte brachte er die größte Zeit seines Lebens auf Reisen in Holland, Frankreich, namentlich aber in Italien zu. Namentlich Venedig war sein Lieblings auf enthalt; besonders das leichte, sinnliche Leben, dem er sich hier in vollstem Maße hingeben konnte, hielt ihn dort fest. Viel Werth legte er auf den Umgang und den Briefwechsel mit Potentaten und gelehrten Leuten. Ihre Briefe sammelte er sorgfältig, von berühmten Leuten, mit denen er in seinem Leben zusammengekommen war, machte er sich genaue Verzeichnisse. Seine Schreibseligkeit, namentlich in theologischen Streitfragen, war ungeheuer. Vieles beruht davon noch im Marburger Archive, einiges ist gedruckt (s. Strieder, Grundlage zu einer hess. Gelehrten-Geschichte, Bd. III unter dem betr. Artikel Ernst). Er studirte, las und schrieb (resp. dictirte) überhaupt sehr viel; selbst auf Reisen, bildete sich aber auch nicht wenig auf seine Gelehrsamkeit und seine litterarischen Leistungen ein. Von seinen Schriften sind namentlich wichtig die 1669 unter dem Titel: „Pourtraict ou description de la vie du prince Ernest“ erschienene Selbstbiographie, in welcher er sich mit anscheinender Offenheit schildert und bloßstellt, sowie eine deutsche Beschreibung seines Jugendlebens, Abhandlungen über hessische Geschichte, eine Autobiographie, die er seiner 1686 selbst verfaßten Leichenpredigt beifügte, und sein Briefwechsel.

    • Literatur

      Marburger Staatsarchiv und die Kasseler Landesbibliothek. Strieder, Hess. Gel.-Gesch. III. 416—70. v. Rommel, Leibniz u. Landgraf Ernst von Rheinfels, Frankfurt 1847, 2 Bde. Derselbe bei Ersch und Gruber.

  • Autor/in

    Könnecke.
  • Empfohlene Zitierweise

    Könnecke, "Ernst" in: Allgemeine Deutsche Biographie 6 (1877), S. 284-286 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118963287.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA