Lebensdaten
1929 - 2004
Geburtsort
Schönebeck/Elbe
Sterbeort
Leipzig
Beruf/Funktion
Maler ; Graphiker
Konfession
-
Normdaten
GND: 118624458 | OGND | VIAF: 118556345
Namensvarianten
  • Tübke, Werner
  • Tübke, Werner

Verknüpfungen

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Zitierweise

Tübke, Werner, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118624458.html [19.05.2021].

CC0

  • Genealogie

    V Alfred (1899–1966, ev.), Kaufm. in Sch., S d. Arthur (1877–1943), Lokomotivführer, u. d. Martha Olms (1877–1963);
    M Lucie (1906–72), außerehel. T d. Adolf Julius Bosch (* 1878), aus Stuttgart, Maler, Künstler, u. d. Martha Schultze (1888–1957, ⚭ N. N. Sandau), aus Magdeburg, Soubrette;
    1) Ingersleben (Sachsen-Anhalt) 1952 1959 Anneliese Heer (1924–96), aus Ingersleben, Kunst- u. Sportpäd., Graphikerin, zuletzt in Greifswald (s. Lex. Künstler DDR; AKL), 2) Leipzig 1960 1976 Angelika Hennig (* 1935, 2] N. N. Gräfe), aus Dessau, Malerin, Graphikerin (s. Lex. Künstler DDR; AKL), 3) 1976 Brigitte Schmuntzsch (* 1931, 1] N. N. Schellenberger), RA, Vors. d. Stiftungsrats d. Tübke Stiftung in L. (s. W);
    1 T aus 1) Claudia (* 1954), Malerin, Graphikerin (s. AKL), 2 S aus 2) Adrian (1969–2010), zuletzt in New York, Albrecht (* 1971), Photogr. in Italien (s. AKL).

  • Leben

    T., dessen Kindheit in Schönebeck vom Krieg verschont blieb, besuchte hier die Volksschule, seit 1939 das Städt. Realgymnasium. 1945 wurde er unter dem falschen Verdacht, einen Sowjetoffizier erschossen zu haben, in der Schule festgenommen, später in einem Magdeburger Militärgefängnis inhaftiert. Im Herbst 1946 wieder zurück in der Oberschule, legte er 1948 sein Abitur ab. Danach absolvierte er eine Grundklasse an der Leipziger Kunsthochschule, wo Elisabeth Voigt (1893–1977), Ernst Hassebrauk (1905–74) und Walter Arnold (1909–79) seine Lehrer waren. 1950 wechselte T. an die Univ. Greifswald, um Kunsterziehung und Psychologie zu studieren, und kehrte nach dem Staatsexamen (1953) nach Leipzig zurück. Hier folgten auf feste Assistentenstellen freiberufliche Tätigkeiten, auf erste Anerkennungen, Förderungen und Aufträge teilweise heftige kunstpolitische Debatten und Konflikte, die 1957 zur Entlassung als Oberassistent der Hochschule führten; eine drohende erneute Entlassung wurde 1968 von seinen Studenten durch Proteste verhindert.

    Bereits seit 1955 hatte T. ein besonderes Interesse für zeitgeschichtliche und geschichtsphilosophische Themen entwickelt. Um diese zu bearbeiten, eignete er sich die Bildsprachen der älteren Kunst an und machte sich mit deren komplexer Ikonographie vertraut. Nach eigenem Bekunden wurde ihm dabei die ital., niederl. und dt. Renaissance und ihre manieristische Nachfolge so vertraut, daß er sie als seine zweite Natur verstand. 1958 gewann T. einen Wettbewerb für fünf Diptycha der „Fünf Kontinente“ im Leipziger Repräsentationshotel Astoria. 1960/61 folgte ein kleinteiligerer Zyklus zur „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ für das Feierabendhaus „Andersen Nexö“ in Leipzig. Agitatorische Untertöne mischten sich hier mit ironischen Spitzen; die Einkleidung in die Welt Bruegels weckte Irritationen. Der Kulturfunktionär Alfred Kurella (1895–1975) erkannte T.s Talent, wollte es steuern und politisch nutzbar machen. 1961/62 unternahm er mit T. eine ausgedehnte Reise durch die südöstliche Sowjetunion bis nach Samarkand. Hier konnte T. eine Fülle von Eindrücken aufnehmen; als herausragender Zeichner und Aquarellist schöpfte er zeitlebens aus diesem Fundus. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre verschärfte sich die offizielle Kritik jedoch erneut: Angesichts der Gemälde des elfteiligen Zyklus „Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze“, 1965–67, zunächst ohne Auftrag entstanden, dann vom Kulturbund übernommen, wurden T. erneut symbolistische Verschlüsselung, Esoterik und ideologische Uneindeutigkeit vorgeworfen.

    Seit Ende der 1960er Jahre fand T. auch im Westen, zuerst bei dem Mailänder Kunsthändler Emilio Bertonati, später bei dem Sammler Peter Ludwig (1925–96) Aufmerksamkeit. Als Bertonati 1971 eine Wanderausstellung durch mehrere ital. Städte von Mailand über Florenz bis Rom organisierte, konnte T. endlich das Land seiner Sehnsucht bereisen. 1970 gewann er den Wettbewerb für ein Bild mit dem vorgegebenen Titel „Arbeiterklasse und Intelligenz“ im Hauptgebäude der Univ. Leipzig. Die in Italien von Altargemälden und Freskenzyklen gewonnenen Eindrücke gingen nun unmittelbar in das monumentale Werk ein (1973 fertiggestellt). Statt Agitprop wird hier gesellschaftliche Versöhnung durch kommunikative Prozesse zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen vorgeschlagen.

    T., seit 1956 Mitglied der SED (bis 1989), wurde 1972 zum Professor ernannt, 1973–76 amtierte er als Rektor der Leipziger Kunsthochschule. 1977 nahm er mit Willi Sitte (1921–2013), Bernhard Heisig (1925–2011), Wolfgang Mattheuer (1927–2004), Jo Jastram (1928–2011) und Fritz Cremer (1906–93) an der documenta 6 in Kassel teil.

    Ein Jahr zuvor hatte T. den Auftrag für sein „opus magnum“, das Panoramagemälde in der neuerrichteten Bauernkriegsgedenkstätte im thür. Bad Frankenhausen, übernommen. Der Vertrag sicherte ihm ausdrücklich die Freiheit von jeglicher Einflußnahme zu. 1981 war der Entwurf, 1987 das mit 123 Metern Umlauf, 14 Metern Höhe und Tausenden Figuren größte Ölgemälde der Welt vollendet. Das politisch-ideologische Projekt und den Staatsauftrag funktionierte T. zum apokalyptischen Mysterienspiel einer Umbruchszeit um. In der Kreisform der Rotunde vollzieht sich Weltgeschichte als Weltgericht.

    Die Wende von 1989 markierte in T.s Werk keine Zäsur. Für Gian Carlo del Monacos Inszenierung von Webers Freischütz an der Bonner Oper entwarf er Bühnenbild und Kostüme (1993); im Auftrag der Landeskirche Hannover schuf er den Flügelaltar von St. Salvatoris zu Clausthal-Zellerfeld im Oberharz (Weihe 1997).

    T.s frühe Erfahrung mit Haft und Folter hinterließ in seinem Schaffen lebenslange Spuren. Er entwickelte eine besondere Sensibilität für Opferschicksale, für Leiden als zentrale Lebenserfahrung. In dem weitgespannten Zyklus „Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze“, der unter dem Eindruck des Eichmann- und des Auschwitz-Prozesses entstand, spürte T. der Willkür und Gewalttätigkeit des NS-Regimes nach. Später prägten zunehmend biblische und christliche Bildideen sein Werk.

  • Auszeichnungen

    A Goldmedaille d. Internat. Grafikbiennale v. Florenz (1972); Käthe-Kollwitz-Preis (1980); Nat.preis d. DDR (1982/87); Mitgl. d. Schwed. Ak. d. Künste (1982) u. d. Ak. d. Künste d. DDR (1983); Dr. phil. h. c. (Leipzig 1985); Ehrenmitgl. d. Ak. d. Künste d. UdSSR (1988); Ehrenmedaille d. Stadt Leipzig (2004, postum).

  • Werke

    Weitere W u. a. Polyptychon z. Thema „Der Mensch – Maß aller Dinge“, unvollendetes Wandgem. f. d. Ostberliner Palast d. Rep., 1974–76 (Dt. Hist. Mus., Berlin);
    Ausst.kat.: u. a. W. T., Mailand, Galleria del Levante 1971 (P);
    W. T., Variationen z. Thema „Lebenserinnerungen d. Dr. jur. Schulze“, Nat.gal. Berlin (Ost) 1972;
    W. T., Dresden, Gem.gal. Neue Meister u. Leipzig, Mus. d. bildenden Künste 1976 (P); Paris, Gal. Claude Bernard 1986 u. 1995; W. T., Nat.gal. Berlin (Ost) 1989 (P); W. T., Das maler. Werk, Bad Frankenhausen, Panorama-Mus. 1999 (P); Faszination Mittelmeer, Bad Frankenhausen 2004 (P); W. T. „Arbeiterklasse u. Intelligenz“, Leipzig, Mus. d. bildenden Künste 2006 (P); Der Zellerfelder Flügelaltar v. W. T. u. seine Vorarbb., Bad Frankenhausen 2007 (P); T., Die Retrospektive z. 80. Geb.tag, Leipzig, Mus. d. bildenden Künste, u. Berlin, Kunstforum d. Volksbank 2009 (P); – W-Verz.: Werkverz. d. Gem. 1940 bis 1975, in: W. T., Ausst.kat. Dresden 1976; Werkverz. d. Gem. 1976 bis 1999, in: W. T., Das maler. Werk, hg. v. Brigitte Tübke-Schellenberger u. G. Lindner, 1999 (P); Werkverz. d. Druckgraphik, hg. v. G. Söhn, Bd. 1: 1950 bis 1990, Bd. 2: 1991 bis 2002, bearb. v. Brigitte Tübke-Schellenberger, 1991/2002; Bestandskataloge d. Tübke Stiftung Leipzig: Gem. 2008, Zeichnungen u. Aquarelle 2009 (P); Zeichnungen aus d. Nachlaß 1955 bis 2004 (Ausw.), Gal. Schwind, Frankfurt, Leipzig, 5 Bde., 2007–11 (P); – Autobiogr. Text zu d. Aquarellen: W. T., „Ich fange mit dem Himmel an“, Aquarelle u. Texte, 1991 (P); – Nachlaß: Tübke Stiftung Leipzig; Tagebücher: Univ.bibl. Leipzig; schriftl. Nachlaß: Dt. Kunstarchiv, GNM, Nürnberg.

  • Literatur

    L G. Meißner, in: Weggefährten, 1970;
    ders., W. T., 1974;
    ders., W. T., Leben u. Werk, 1989;
    ders., W. T., Bauernkrieg u. Weltger., 1995;
    I. Emmerich, W. T., Schöpfertum u. Erbe, 1976;
    E. Beaucamp, W. T. „Arbeiterklasse u. Intelligenz“, 1985;
    ders., in: Krit. Lex. d. Gegenwartskunst, 1992;
    ders., W. T., Meisterbll., 2004;
    K. M. Kober, Ref., Rev., Panorama Frankenhausen, 1988;
    H. Offner u. K. Schroeder (Hg.), Eingegrenzt – Ausgegrenzt, Bildende Kunst u. Parteiherrschaft in d. DDR 1961–1989, 2000;
    H. Behrendt, W. T.s Panoramabild in Bad Frankenhausen zw. staatl. Prestigeobjekt u. künstler. Selbstauftrag, 2006;
    F. Zöllner, Apokalypse u. Erlösung, in: K.-S. Rehberg, W. Holler u. P. Kaiser (Hg.), Abschied v. Ikarus, Bildwelten in d. DDR – neu gesehen, 2012, S. 273–83;
    Vollmer;
    Dict. of Art;
    Stadtlex. Leipzig (P);
    Wer war wer DDR;
    Lex. Künstler DDR;
    Lex. Buchstadt Leipzig; AKL.

  • Portraits

    P bekannt sind 288 gezeichnete, gedruckte u. gemalte Selbstporträts; vgl. dazu A. Michalski, „Ich spiele mich, wie ich bin“, Die Selbstdarstellungen W. T.s v. 1940 bis 2004, 2014 (W-Verz., Abb.).

  • Autor/in

    Eduard Beaucamp
  • Empfohlene Zitierweise

    Beaucamp, Eduard, "Tübke, Werner" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 494-495 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118624458.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA