Lebensdaten
erwähnt wohl vor dem 12. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Autor ; Kunsthandwerker ; Goldschmied ; Mönch ; Mönch ; Sachbuchautor
Konfession
-
Normdaten
GND: 119057980 | OGND | VIAF: 37718393
Namensvarianten
  • Theophilus
  • Theophilus humilis presbyter (Pseudonym)
  • Theophilus Presbyter
  • mehr

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Zitierweise

Theophilus Presbyter, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119057980.html [01.08.2021].

CC0

  • Leben

    Unter dem Pseudonym „Theophilus, humilis presbyter“ ist eine für die Erforschung und für das Verständnis der mittelalterlichen Künste bedeutende Schrift überliefert, die unter dem Titel „De diversis artibus“ oder „Schedula diversarum artium“ den kanonischen Referenzrahmen einer offenen Überlieferungstradition bildet. Deren neuzeitliche Rezeption beginnt mit Gotthold Ephraim Lessing, der 1774 in „Vom Alter der Ölmalerei aus dem Theophilus Presbyter“ Auszüge aus der „Schedula“ in einem Wolfenbütteler Codex (Cod. Guelf. 69 Gudianus latinus) publizierte. Aufgrund des Namenszusatzes „qui et Rugerus“ in einem Wiener Codex (ÖNB Cod. 2527) identifizierte 1872 der Kunsthistoriker Albert Ilg (1847–96) den anonymen Autor mit dem Handwerkermönch Roger von Helmarshausen und begründete damit die lange Zeit bestehende Hypothese, der Autor der „Schedula“ sei ein praktisch arbeitender und zugleich literarisch gebildeter Mönch und als Haupt einer niedersächs. Werkstatt auch eine Schlüsselfigur für die Entstehung des roman. Stils in Deutschland gewesen.

    Nach der Infragestellung dieser Autor- und Werkstatthypothese durch die neuere Forschung gilt das gegenwärtige Forschungsinteresse der Eigenart und der komplexen Überlieferung der Schrift. Die drei Bücher enthalten z. T. äußerst detailreiche Anweisungen zu Fertigungsweisen und Werkprozessen sowie Beschreibungen zu Funktion und Wirkung nahezu aller Gattungen mittelalterlicher Kunstgegenstände – von der Buch- und Wandmalerei über die Glas- und Goldschmiedekunst bis hin zu Glockenguß und Orgelbau. Der weit über eine bloße Rezeptsammlung hinausgehende Text vermittelt überlieferte und zeitgenössische Praktiken und Techniken an ein literates Publikum. Hierbei reflektiert die „Schedula“ die Aufwertung der „artes mechanicae“ im Zusammenhang einer umfassenden Sicht des Wissens, die für das 12. Jh. charakteristisch ist. Der enzyklopädische Charakter und die systematische Anordnung und Präsentation verweisen darüber hinaus auf den Kontext naturphilosophischer, technischer und medizinischer Texte unter dem Einfluß arab. Wissenschaften seit der Mitte des 11. Jh. In diese Richtung weist auch die neuerdings diskutierte Autorhypothese, die von der Zuschreibung „Northungus humilis Theophilus“ des Auszüge aus dem ersten und zweiten Buch der „Schedula“ enthaltenden Helmstedter Codex (Cod. Guelf. 1127 Helmst.) aus dem 15. Jh. ausgeht. Mit diesem Namen verbindet sich ein Priestermönch aus dem Kloster von St. Michael in Hildesheim, der mit dem Todesdatum vom 11. Sept. im Nekrolog des Doms erscheint. Möglicherweise ist er identisch mit dem Kompilator des in einem Bamberger Codex (Cod. Bamberg, Staatsbibl., Msc. Med. 6) enthaltenen Traktats „De nominibus morborum“ aus dem letzten Viertel des 12. Jh., der auf pharmakologische und diagnostische Exzerpte aus Salernitaner medizinischen Quellen, v. a. den Constantinus Africanus, zurückgeht.

  • Literatur

    L G. E. Lessing, T. P., Diversarum artium schedula, in: ders. (Hg.), Zur Gesch. u. Lit. aus d. Schätzen d. hzgl. Bibl. z. Wolfenbüttel, 6. Btr., 1781, S. 291–424;
    A. Ilg (Hg.), T. P., Schedula diversarum artium, Rev. Text, Übers. u. Appendix, 1874;
    W. Theobald, Technik d. Kunsthandwerks im 10. Jh., des T. Schedula Diversarum Artium, 1933;
    R. P. Johnson, The Manuscripts of the Schedula of T. P., in: Speculum 13, 1938, S. 86–103;
    D. V. Thompson, T. P., Words and Meaning in Technical Translation, ebd. 42, 1967, S. 313–39;
    B. Bischoff, Die Überlfgg. d. T.-Rugerus nach d. ältesten Hss., in: Münchner Jb. d. bildenden Kunst, 3. Folge, Bd. III/IV, 1952/53, S. 1–5;
    Ch. R. Dodwell (Hg.), T., De diversis artibus – The Various Arts, 1961 (Nachdr. 1986, 1998);
    E. Brepohl (Hg.), T. P. u. d. ma. Goldschmiedekunst, 1987, u. d. T. T. u. d. ma. Kunsthandwerk, 2. Bd., 21999;
    D. Oltrogge, „Cum Sesto et rigula“, L’organisation du savoir technologique dans le Liber Diversarum Artium de Montpellier et dans le De Diversis Artibus de Théophile, in: Discours et Savoirs, Encyclopédies médiévales, hg. v. B. Baillaud, J. de Gramont u. D. Hüe, 2004, S. 67–99;
    A. Speer, Aesthetics, in: The Oxford Handbook of Medieval Philosophy, hg. v. J. Marenbon, 2012, S. 661–84;
    ders. (Hg.), Zwischen Kunsthandwerk u. Kunst, Die ‚Schedula diversarum artium‘, 2013; – Internet: The Schedula diversarum artium, a digital critical Ed., Univ. Köln, 2010

  • Autor/in

    Andreas Speer
  • Empfohlene Zitierweise

    Speer, Andreas, "Theophilus Presbyter" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 100-101 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119057980.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA