Lebensdaten
erwähnt 15.-20. Jahrhundert
Beruf/Funktion
böhmische Adelsfamilie
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119531402 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lobkowicz, von
  • Lobkowitz, von
  • Lobkowicz, von

Objekt/Werk(nachweise)

Orte

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Zitierweise

Lobkowitz, von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119531402.html [20.07.2019].

CC0

  • Leben

    Die L. sind ein altes böhm. Adelsgeschlecht, das nachweislich mit Nikolaus Chudy de Ujezd (und seit 1410) alias de L. ( 1435) auftritt und sich seit dessen beiden Söhnen Nikolaus II ( 1462) und Johann I. ( 1470) in die Hassensteiner Linie (mit den Herrschaften Hassenstein, Brunnersdorf, Eidlitz und Obřistwy), der der auch heute noch existierende sächs.-bayer. freiherrl. Zweig, und in die Popelsche Linie, der die fürstl. Familie angehört, aufteilt. Nachdem die L. 1479 in den böhm. Herrenstand aufgestiegen waren, wurden 1624 Zdenko Adalbert (1568–1628, s. Gen. 3) in den Reichsfürstenstand, 1635 aber Franz Joseph und 1670 die Brüder Friedrich Wilhelm ( 1708), Ulrich Felix ( 1722) bzw. deren Vetter Wenzel Ferdinand ( 1697) von der Popelschen Linie auf Bilin in den Reichsgrafenstand erhoben. Zdenko Adalberts Sohn, Fürst Wenzel Eusebius (1609–77, s. 3), erhielt 1641 die (1806 mediatisierte) gefürstete Gf.sch. Sternstein, erwarb 1646 das Hzgt. Sagan, erreichte die Aufnahme in den Reichsfürstenrat (1653) und bekam 1659 das ungar. Indigenat; auf ihn geht auch die Gründung des L.schen Fideikommisses 1677 zurück. Nach Veräußerung d. Hzgt. Sagan (1785) wurde der Herzogtitel auf die Herrschaft Raudnitz in Böhmen übertragen (1786). Mit dem Aussterben des gräfl. Zweiges (1722) übernahm z. T. das fürstl. Haus dessen Besitztümer (u. a. Bilin und Eisenburg), so daß Prinz Georg Christian (1686–1755, s. Gen. 4), Bruder des regierenden Fürsten Philipp Hyazinth (1680–1735), eine Sekundogenitur des fürstl. Hauses gründete („Fürst von Horin“).

    Zahlreiche Vertreter der Familie L. profilierten sich sehr bald in Politik und Wissenschaft. Im Rahmen des frühneuzeitlichen ständischen Dualismus finden wir manche Repräsentanten in führender Position auf der ständischen, antiköniglichen und später antihabsburgischen Seite, was in Böhmen nicht selten mit dem Bekenntnis zu Hussitismus und Utraquismus zusammenfiel. In der Auseinandersetzung der böhm. Stände mit Rudolf II. und Ferdinand II. ist insbesondere auf die Führungsrolle Wilhelms d. Ä. ( 1637), der, von Friedrich v. d. Pfalz zum Oberstlandhofmeister von Böhmen ernannt, nach der Schlacht am Weißen Berg zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, und auf Georg Popel ( 1607, s. 2) zu verweisen, der aus ähnlichen Gründen dasselbe Schicksal erlitt. Andere Familienmitglieder setzten aber gerade nach 1620 eine entschieden „habsburgfreundliche“ Politik fort: Zdenko Adalbert wird für seine Treue von Ferdinand II. mit Gütern und dem Fürstentitel entlohnt und legt somit den Grundstein für den beträchtlichen Reichtum der mit seinem Sohn Wenzel Eusebius auch zu enormem politischem Einfluß gelangten fürstl. Linie. Somit gehören die L. zu jenen Familien der Habsburgermonarchie, die insbesondere unter Ferdinand II. durch Nobilitierung und Rangerhöhung in den dynastischen Kontext einer auf den Gesamtstaat und auf das Reich (Europa) ausgerichteten Politik eingebunden werden. Wenzel Eusebius ist schon ganz kaiserl. Politiker mit über seine engere böhm. Heimat hinausgreifenden Ansichten und Zielsetzungen, was sich von nun an auch in der internationalen Heiratspolitik der L. widerspiegelt. Die Verehelichungen in den Häusern und Familien der Pfalzgrafen von Sulzbach (Wenzel Eusebius), Nassau-Hadamar und Baden-Baden (Friedrich August Leopold 1635-1715), Thurn und Taxis und Savoyen-Carignan (Ferdinand Phi- lipp Joseph 1724-84, s. Gen. 5) weisen in diese Richtung. Freilich heiratete die Mehrzahl böhm.-österreichisch, wobei gewiß auch der räumlich-ökonomische Aspekt eine Rolle gespielt haben mag. Im ausgehenden 17. und 18. Jh. finden sich unter den L. bes. hohe Militärs und kaiserl. Verwaltungsbeamte. Joseph Anton August (1681–1717), ein Enkel Wenzel Eusebius', fiel als Feldmarschalleutnant vor Belgrad, dessen Bruder Johann Georg Christian, der Begründer der Sekundogenitur, diente ebenfalls als hoher Offizier (Feldmarschall) und war Gouverneur in Sizilien (1732), der Lombardei und in Parma (1734). Dessen Söhne Joseph Maria Karl (1725–1802, s. 4) und August Anton Joseph (1729–1803) ergriffen ebenso wie ihr Vater die militärische Laufbahn. Beide Brüder wurden aber auch mit bedeutenden diplomatischen Aufgaben betraut: Joseph Maria Karl als kaiserl. Botschafter in Rußland, August Anton Joseph als Gesandter in Spanien. Diese Tradition, in den diplomatischen Dienst zu treten, erhielt sich bei den L. bis in das 20. Jh. So war z. B. Maximilian Erwin (1888–1967) Botschafter der Tschechoslowak. Republik. Die letzten bedeutenden Offiziere waren der Enkel bzw. Urenkel von Philipp Hyazinth (1680–1735), nämlich Franz Joseph Maximilian (1772–1816, s. 5) und Joseph Franz (1803–79), der gleichzeitig letzter Oberstlandmarschall von Böhmen war. Im 19. Jh. stellte die Familie mehrere Reichsratsabgeordnete und Mitglieder des Herrenhauses: Georg Christian (1835–1908, s. 7) war u. a. Vizepräsident des Reichsrates, Ferdinand (1850–1926), der Sohn von Joseph Franz, Vizepräsident des Herrenhauses. Die Familie L. zeichnete sich in fast ununterbrochener Folge auch auf dem Gebiet der Wissenschaft und Literatur aus, insbesondere aber durch ihr Kunst- und Musikmäzenatentum. Neben dem Humanisten Bohuslav (1462–1510, s. 1) ist der humanistisch gebildeten Tochter Georg Popels, Eva Eusebia ( 1624, s. Gen. 2), und der Polyxena geb. v. Pernstein (1568–1628, s. Gen. 3), der Gemahlin von Zdenko Adalbert, zu gedenken. Mit Polyxena ist der Kult um das „Prager Jesulein“ verbunden, während Katharina geb. Libsteinsky-Kolowrat, die Witwe von Johann Christoph ( 1613), sich um Loretokult und -kapelle in Prag verdient gemacht hat. Juan Caramuel (1606–82), der „Phoenix eruditorum“, der einzig aufgrund der mütterlichen Aszendenz den Namen L. führte, war u. a. Verfasser einer heftig umstrittenen „Theologia fundamentalis“ (1651) und eines bahnbrechenden musikwissenschaftlichen|Werkes (Arte nueva de Música, 1669). Außer Juhannes Caramuel ( 1682), der Erzbischof von Vigevano (Italien) war, findet sich ein weiterer bedeutender Kirchenfürst in der Familie, nämlich Ferdinand Maria (1726–95), Sohn des Johann Georg Christian (1686–1755), als Erzbischof von Gent. Nachdem der Vater von Ch. W. Gluck als Forstmeister in L.sche Dienste getreten war, förderten verschiedene Familienmitglieder, so Philipp Joseph (1724–84), der auch selbst komponierte, den jungen Tonkünstler. Von Franz Joseph Maximilian (1772–1816, s. 5), Beethovens Förderer, übernahmen dessen Kinder und Enkelkinder den Kunstsinn und die Musikliebe. Zu nennen sind hier sein Sohn Ferdinand Joseph (1797–1868), auf den sich Beethovens „Lobkowitz-Kantate“ (1823) bezieht, und sein Enkel Moritz (1831–1903), der Teile der wertvollen L.schen Musiksammlung und -bibliothek betreute, die sich heute im Nationalmuseum und in der Stadtbibliothek von Prag sowie im Städtischen Archiv Leitmeritz befindet. Auch August Longin (1797–1842, s. 6) war ein Förderer des Musik- und Kunstschaffens seiner Zeit. Der wohl bedeutendste Musikinterpret (Pianist) aus der Familie war Ferdinand Joseph (1885–1953). – Gemäß Familienbeschluß vom 9.1.1919 verwenden die Familienmitglieder heute die als „historisch richtig angenommene“ Schreibweise Lobkowicz.

  • Literatur

    ADB 19;
    J. v. Hormayr, in: Taschenbuch f. d. vaterländ. Gesch. NF I, 1830, S. 219-85;
    Oesterr. Nat.-Enc. III, 1835, S. 468-76, VI, 1837, S. 541 f.;
    M. Dvořak, Gesch. d. Raudnitzer Schloß-Baues 1652–84, 1873;
    ders., Vyvinuti erbu několy pánuv, nyní knížat Lobkovic (Die Entstehung d. Wappens d. Herren, nun d. Fürsten v. L.), 1871;
    K. Bosl (Hrsg.), Hdb. d. Gesch. d. böhm. Länder II, 1974;
    F. Seibt (Hrsg.), Bohemia Sacra, 1974;
    P. de Gmeline, Hist. des princes de Lobkowicz, 1977;
    R. J. W. Evans, The Making of the Habsburg Monarchy 1550-1700, 1979;
    M. Pištolka, in: The New Grove Dict. of Music and Musicians, ed. St. Sadie, XI, 1980, S. 101 f. (neue tschech. L);
    E. Hassenpflug-Elzholz, Böhmen u. d. böhm. Stände in d. Zeit d. beginnenden Zentralismus, Eine Strukturanalyse d. böhm. Adelsnation um d. Mitte d. 18. Jh., 1982;
    Wurzbach 15;
    LThK;
    MGG VIII;
    ÖBL.

  • Autor/in

    Moritz Csáky
  • Familienmitglieder

  • Empfohlene Zitierweise

    Csáky, Moritz, "Lobkowitz, von" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 728-736 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119531402.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA