Lebensdaten
1912 bis 1993
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Gudensberg bei Kassel
Beruf/Funktion
Philosoph ; Schriftsteller ; Journalist
Konfession
-
Normdaten
GND: 119061848 | OGND | VIAF: 71517911
Namensvarianten
  • Sonnemann, Ulrich
  • Herdenreich, Heliander
  • Schemesch, Uria Ben
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Zitierweise

Sonnemann, Ulrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119061848.html [04.03.2021].

CC0

  • Genealogie

    V Leopold Veit (1875–1959), Prokurist d. Frankfurter Societäts-Druckerei, Leiter d. Berliner Büros d. Frankfurter Ztg.;
    M Elfriede Wiener (1881–1959), Malerin, Schülerin v. Otto Eckmann u. Lovis Corinth; Vt d. Gvv Leopold (s. 1);
    Hameln 1958 Brigitte (* 1931), Gruppentherapeutin, Päd. (s. W), T d. Walter Geske (1904–88) u. d. Emmy Krause (1909–93); kinderlos.

  • Leben

    S. ging in Berlin zur Schule und wurde in seinem Elternhaus durch den Umgang mit Autoren wie Joseph Roth und Siegfried Kracauer geprägt. Früh las er Lessing, Kant und Hegel – auf letzteren führte er später sein lebenslanges Interesse an Geschichts- und Zeitproblemen zurück. Sein Studium der Soziologie und Philosophie, auch der Psychologie und Nationalökonomie, führte S., in Fortsetzung zweier Berliner Semester, im Sommer 1931 nach Freiburg (Br.), wo der antiakademische Heidegger ihn „faszinierte“. Seit dem Sommer 1932 studierte S. in Frankfurt/M., doch erzwangen die „Machtergreifung“ und Entlassung bzw. Emigration seiner Professoren Karl Mannheim, Paul Tillich und Gottfried Salomon-Delatour ein Ausweichen nach Wien. Die dort randalierenden Nationalsozialisten aber vertrieben ihn bald, für ein knappes Jahr, nach Paris. Im Sommer 1934 nahm S. in Basel sein Studium wieder auf und wurde Ende des Jahres bei Edgar Salin mit einer wissenssoziologischen Arbeit (Der soziale Gedanke im Werk H. G. Wells) promoviert. Anschließend vervollständigte er sein Psychologie-Studium in Zürich.

    Von 1931 an veröffentlichte S. Veranstaltungs- und Buchbesprechungen im „Berliner Tageblatt“; die „Zürcher Illustrierte“ druckte eine Erzählung, die Genueser „Lirica“ präsentierte eines seiner Gedichte, der „Manchester Guardian“ publizierte schließlich 1937 den zweiteiligen Bericht über einen letzten Deutschlandbesuch.

    1938 aus Deutschland ausgebürgert, übersiedelte S. kurz vor Beginn des 2. Weltkriegs nach Brüssel, wurde 1940 in Frankreich interniert und entkam im Jahr darauf in die USA. Dort nahm er (wohl 1942) die amerik. Staatsbürgerschaft an, leistete seinen Dienst in der Armee als klinischer Psychologe und ließ nach dem Krieg seine psychotherapeutische Tätigkeit in eine Privatpraxis münden. S. lehrte seit 1948 in New York am City College und an der New School for Social Research und reiste 1950 erstmals wieder nach Europa. Obwohl seine beiden amerik. Bücher „Handwriting Analysis“ (1950, 51968) und „Existence and Therapy“ (1954) auf das US-Publikum ausgerichtet waren, ging ihr Interesse dahin, in den „Menschenwissenschaften“ an die europ. Entwicklungen anzuschließen.

    1955 blieb S. endgültig wieder in Deutschland und suchte zuerst in Frankfurt, dann in München mit Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, Hörfunksendungen und Vorträgen sein Auskommen. Der 1957 im „Merkur“ veröffentlichte Aufsatz „Die Glücksdressur, Ein Phänomen der Managergesellschaft“ brachte ihm die zustimmende Reaktion, später, bei zunehmender Nähe zur Kritischen Theorie, die Freundschaft Theodor W. Adornos ein. S.s erstes Deutschlandbuch, „Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“ (1963, 21985) eroberte die Spiegel-Bestsellerliste, das zweite, „Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland“ (1964, 21984), geriet in Zusammenhang mit der Studentenrevolte, die „Negative Anthropologie“ (1969, 21981) nahm sich, mit Marxismus und Psychoanalyse als „gegenseitigen kritischen Regulativen“, der „kritischen Utopie“ an. „Der bundesdeutsche Dreyfus-Skandal“ (1970, 31985) übte Justizkritik am Brühne-Ferbach-Fall, wurde auf Betreiben von Franz Josef Strauß beschlagnahmt und hatte einen langjährigen Rechtsstreit zur Folge.

    Seit 1969 lehrte S. an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film Soziologie, Sozialpsychologie und Politikwissenschaft. Zwei Jahre später kam eine Philosophie-Gastprofessur an der Univ. Bremen hinzu. 1974 wurde er als Professor für Sozialphilosophie an die Gesamthochschule Kassel berufen (em. 1992). Gastvorlesungen führten ihn 1982 nach St. Louis und 1986 nach Honolulu.

    Die Transzendentale Akustik, auf die S. zuletzt hinauswollte, konnte er nicht mehr ausarbeiten. Ihre Konzeption wird erkennbar in Aufsätzen wie „Zeit ist Anhörungsform, Über Wesen und Wirken einer kantischen Verkennung des Ohrs“ (in: Zeitbegriffe, Ergebnisse des internationalen Symposiums „Zeitbegriff der Naturwissenschaften, Zeiterfahrung und Zeitbewußtsein“, hg. v. G. Heinemann, 1986, S. 51–78), und auch da wieder ging es um eines der „im argen liegenden“, „unbereinigten Verhältnisse“, wie sie S. ein Leben lang umtrieben.

  • Auszeichnungen

    Ludwig Thoma-Medaille d. Stadt München (1969); Wilhelm Leuschner-Medaille d. Landes Hessen (1986);
    Dr. h. c. (Bremen 1987);
    Mitgl. d. dt. PEN-Zentrums (seit 1970);
    Gründungsmitgl. u. Vors. d. Georg-Forster-Ges. (seit 1989);
    – U.-S.-Ges. (seit 1997).

  • Werke

    Weitere W My hell in the Nazi coffin on rails, in: Sensation, Juli 1942, S. 36–41 u. 94 ff., dt.: Meine Hölle im Nazi-Sarg auf Schienen, in: zäsuren 1, Nov. 2000, S. 10–23;
    Die Dickichte u. die Zeichen, Roman, 1963, franz. 1966;
    Was ist dt.? Versuch e. Definition, Rundfunksendung DLF, 1965;
    Wie frei sind unsere Politiker?, 1968 (Hg.);
    Institutionalismus u. student. Opposition, Thesen z. Ausbreitung d. Ungehorsams in Dtld., 1968;
    Wie frei ist unsere Justiz?, 1969 (Hg.);
    Die Schulen d. Sprachlosigkeit, Deutschunterr. in d. Bundesrep., 1970;
    Das Elend d. Psychoanalyse-Kritik, Subjektverleugnung als pol. Magie, 1973 (mit H. Dahmer, Th. Leithäuser, A. Lorenzer u. K. Horn);
    Der mißhandelte Rechtsstaat in Erfahrung u. Urteil bundesdt. Schriftst., Rechtsanwälte u. Richter, 1977 (Hg.);
    Gurs 1941, in: B. Engelmann (Hg.), Lit. d. Exils, 1981, S. 141–49;
    Atlantis z. B., 1986 (Hg. mit D. Kamper);
    Tunnelstiche, Reden, Aufzeichnungen u. Essays, 1987;
    Gangarten e. nervösen Natter b. Neumond, Volten u. Weiterungen, 1988;
    Bildstörung oder: Der Einbruch d. Zeit in d. Sendezeit, 1989;
    Autobiographisches, tabellarisch, in: W. Schmied-Kowarzik (Hg.), Einsprüche krit. Philos., Kl. FS f. U. S., 1992, S. 229–39;
    Nation, 1992 (Hg.);
    Müllberge d. Vergessens, Elf Einsprüche, hg. v. P. Fiebig, 1995;
    Schrr. in zehn Bdn., hg. v. P. Fiebig, seit 2005;
    Nachlaß:
    U.-S.-Archiv, Brigitte Sonnemann, Gudensberg-Obervorschütz.

  • Literatur

    Th. W. Adorno, Zu U. S.s „Negativer Anthropol.“, 1969, in: ders., Gesammelte Schrr. 20,1, 1986, S. 262 f.;
    G. Heinemann u. W. Schmied-Kowarzik (Hg.), Sabotage d. Schicksals, Für U. S., 1982;
    S. Gürtler (Hg.), Spontaneität u. Prozeß, 1992;
    W. Schmied-Kowarzik (Hg.), Einsprüche krit. Philos., Kl. FS f. U. S., 1992;
    H. Eidam u. W.|Schmied-Kowarzik (Hg.), In memoriam U. S., Vortrr. u. Btrr. z. akad. Trauerfeier, Juli 1993, 1994;
    D. Class (Hg.), Un-erhörtes, Glossen z. Denken U. S.s, 1997;
    K.-V. Klenke u. a. (Hg.), Existenz, Negativität u. Kritik b. U. S., 1999;
    M. Schafstedde, Spontaneität u. Vermessenheit, Zur Genese negativer Anthropol. b. U. S., 2002;
    BHdE II;
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    Munzinger.

  • Autor/in

    Paul Fiebig
  • Empfohlene Zitierweise

    Fiebig, Paul, "Sonnemann, Ulrich" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 574-576 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119061848.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA