Seherr-Thoß, Freiherren von (seit 1721)

Lebensdaten
unbekannt
Beruf/Funktion
Adelsfamilie
Konfession
evangelisch,katholisch
Normdaten
GND: 1020811757 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Seherr-Thoß, Grafen von (seit 1775)
  • Seherr und Thoß, von
  • Seherr genannt Tasse

Orte

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Zitierweise

Seherr-Thoß, Freiherren von (seit 1721), Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd1020811757.html [28.09.2016].

CC0

Seherr-Thoß (vor 1914 auch „S. genannt Tasse“, „S. u. T.“), Freiherren (böhmische Freiherren 1721 und 1734) und Grafen (preußische Grafen 1775, 1840) von

(evangelisch, katholisch)

  • Leben

    Das Geschlecht ging aus den beiden Familien S. Seherr (Seer, Seir, Sehren, Seren) in Glogau (urkundl. 1371) und Tasse (Tase, Tassen, Thoß) im Posenschen (1496) hervor. Nicol S. Tasse vererbte seiner Frau, die 1496 Reczin erwarb, das Gut Nisticz (b. Köben/Oder), das 1503 Sohn Hannus übernehmen sollte; sie heiratete Hans v. Seer. 1497 erbte Peter Seherr gen. Tasse ( 1535) die Güter Weigmannsdorf, Lissen und Tillendorf (b. Fraustadt). Nachdem die Familie Tasse Ende des 16. Jh. ausgestorben war, blieb der Doppelname erhalten.

    Ende des 15. Jh. bildeten sich die beiden Linien des Geschlechts: Cunern-Pilgramshain-Hohenfriedeberg-Schollwitz und Olbersdorf-Weigmannsdorf-Tannhausen-Rietschütz. Cunern (Kr. Wohlau) blieb 1450–1630 und Olbersdorf (Kr. Reichenbach/Eule) 1735–1892 im Besitz der S. Seit dem 17. Jh. hatte die Familie auch Besitzungen im Raum Jauer-Striegau-Schweidnitz, danach 1705–78 das Schloß Domanze (b. Schweidnitz). Eine eigene Linie Hohenfriedeberg bildete sich 1789 heraus durch Friedrich (1754–1814), dessen gleichnamiger Sohn (1789–1857) 1840 in den preuß. Grafenstand erhoben wurde. Durch Heirat 1896 begründete dessen Enkel Hilmar (1861–1917, s. W) in Bellschwitz (Kr. Rosenberg, Westpreußen) die ostpreuß. Linie.

    Im 17. und 18. Jh. standen mehrere Vertreter der Familie in militärischen Diensten. 1621 mobilisierte Ernest v. Sehren im Fraustädter Ländchen 300 Reiter, mit denen er im poln. Heer unter Kg. Sigismund III. ( 1648) gegen die Türken zog. Unter böhm.-österr. Herrschaft wurden Johann Christoph v. S. u. T. (1677–1743, s. A, L) 1721 und vier weitere Mitglieder der Familie 1734 in den Freiherrnstand erhoben. Mit 16 Jahren in die k. k. Armee eingetreten, machte Johann Christoph 1696 die Belagerung von Temesvar mit. Seit 1706 setzte Prinz Eugen (1663–1736) den Rittmeister bevorzugt ein. 1710/11 war er im Span. Erbfolgekrieg mit seinen 500 Reitern bei der Einnahme von Kaschau beteiligt, 1716 an den Siegen bei Peterwardein. 1717 leitete er als Oberst den Brückenbau über die Donau bei Pantschowa und ermöglichte dadurch den Marsch auf Belgrad, zu dessen Eroberung er dadurch beitrug, daß zwei seiner abgesessenen Reiterschwadronen das Lager des türk. Großwesirs erstürmten. Als Bevollmächtigter Ks. Karls VI. (1685–1740) und des Prinzen Eugen war Johann Christoph 1718 an den Verhandlungen zum Friedensvertrag von Passarowitz zwischen Österreich, Venedig und der Türkei beteiligt. Unter den hohen Offizieren war er der einzige Protestant. Seit 1739 Feldmarschall, entwarf er Verbesserungsvorschläge, nach denen Ksn. Maria Theresia (1717–80) eine Heeresreform durchführte. 1741 setzte ihn die Kaiserin als Gouverneur von Österr. Schlesien und Mähren sowie als Kommandanten von Stadt und Festung Brünn ein. Nachdem Johann Christoph 1723 die Herrschaft Tannhausen (Kr. Waldenburg) wieder erworben hatte, gründete seine Frau Charlotte, geb. Gfn. Pückler (1696–1770, s. L) 1724 den Kurort Bad Charlottenbrunn.

    Heinrich Leopold (1734–1804, 1775 Gf.), Sohn des Christoph Ernst (1700–53) aus der Olbersdorf-Weigmannsdorfer Linie und der Elisabeth v. Netz (1713–41), war der bedeutendste landwirtschaftliche Unternehmer der Familie. Er begnügte sich nicht mit der 1757 ererbten Herrschaft Weigelsdorf/Eule, in deren Umgebung drei Ortschaften nach den S. benannt waren, sondern erwarb im wirtschaftlich zukunftsreichen Oberschlesien fünf große Güter zwischen Oppeln und Gleiwitz hinzu, darunter Dobrau (1779), Bitschin (1790) und Kieferstädtel b. Gleiwitz (1796). Mit 80 000 ha Feld und Wald gehörte er zu den größten Grundbesitzern Schlesiens. Als Mitbegründer der „Schles. Landschaft“ erhob ihn Friedrich d. Gr. 1775 in den Grafenstand. Sein Enkel Arthur (1820–98, s. Wurzbach) ging nach Ungarn, wo er sich „Schertosz“ nannte, bewirtschaftete 1839–64 ein Gut und führte die Bauernbefreiung durch. Er schloß sich 1848 den ungar. Patrioten gegen Österreich an, wurde Hauptmann in der ungar. Armee und stellte ein Jägerbataillon auf. 1850–53 wirkte er in Paris als Diplomat für die Exilregierung Lajos Kossuths (1802–94). Seit 1866 ungar. Major, geriet er in österr. Gefangenschaft, wurde zum Tode verurteilt, dann begnadigt und gemäß den Friedensschlüssen von Nikolsburg/Prag 1866 amnestiert, so daß er als Abgeordneter des ungar. Reichstags heimkehren konnte. Olga Gfn. Strachwitz (1827–1909, s. W), die mit Arthurs Cousin Hermann (1810–93), auf Grüben, Landrat des Falkenberger Kreises, verheiratet war, veranlaßte den gfl. Zweig 1847 zur Konversion; sie baute eine neue Kirche und eine Schule in Dobrau; 1880–96 verfaßte sie sechs Gebetbücher. Ihr Urenkel Hans-Christoph (* 1918), Dipl.-Ing., Automobil- und Technikhistoriker, war 1954–83 Bibliothekar und Archivar des ADAC, München (s. W, L).

    Mitglieder der Olbersdorfer Linie standen in preuß. Diensten, u. a. Joachim ( 1595) als Burggraf von Fraustadt 1583. Johann Christoph (* um 1600) vertrat 1653 das Fst. Glogau auf dem Reichstag zu Regensburg, wo er über dessen Privilegien für die ev. Kirchen vortrug. Im 18. Jh. kamen vier Hohenfriedeberger in Verwaltungen der Fürstentümer Schweidnitz und Liegnitz. Im 19. Jh. stellte die Olbersdorfer Linie fünf preuß. Landräte in den Kreisen Bolkenhain, Glatz, Falkenberg, Neiße und Pleß, angefangen mit Karl Friedrich (1754–1814), der 1798 Landrat wurde. In Oberschlesien war Hans (1786–1854) 1832–42 Landrat und Landesältester des Kreises Neustadt, danach Landschaftsdirektor von Oberschlesien; 1801/02 baute er in Cunern (Kr. Wohlau) die erste Achardsche Zuckerfabrik. Günther (1859–1926, s. A, W), der von seiner Mutter ein Gut in Lorzendorf (Kr. Ohlau) erbte, trat nach seinem Jurastudium 1885 als Regierungsassessor in Frankfurt/Oder ein, wurde 1888 Landrat und Deichhauptmann in Grünberg und 1892 Oberregierungsrat im preuß. Landwirtschaftsministerium; 1902–15 war er Regierungspräsident in Liegnitz. 1845 saß Ludwig (1798–1870) im ersten Vereinigten Preuß. Landtag. Weitere preuß. Abgeordnete waren Stanislaus (1827–1907, s. Biogr. Hdb. Preuß. Abg.haus II) und der Major Eugen (1836–1904, s. Biogr. Hdb. Preuß. Abg.haus I).

    Mitglieder der Familie dienten nicht nur in der Kavallerie, sondern traten auch im Renn- und Turniersport hervor, so mit drei Dobrauer Brüdern in der dt. Equipe an der Olympia Horse Show (erste Military) 1911 in London. Der letzte prominente Kavallerist war Hilmar (1903–84, s. W) als Trainer (u. a. von Josef Neckermann), Autor, Veranstalter von Turnieren und Turnier-Richter. Von den beiden Söhnen des Diplomaten Hermann Gf. (1879–1959) und der amerik. Botschaftertochter Muriel White (1880–1943) erwarb Hermann Gf. (1915–92), Dipl.-Landwirt, 1941 in Wyoming eine Ranch von 400 ha.; sein Bruder Hans Christoph Gf. (1912–92, s. W), Dipl.-Landwirt, unternahm 1964 auf Anregung der Smithsonian Institution, Washington D. C., mit seiner Frau Sonia (* 1919) eine Forschungsreise von Istanbul nach Erat (Afghanistan) zum Studium der islam. Architektur; die Ergebnisse publizierte er 1968 in einer Bilddokumentation.

  • Auszeichnungen

    A zu Johann Christoph ( 1743): Gedenktafel auf d. Burg am Spielberg in Brünn, 1882; – zu Günther: Ehrenbürger v. Liegnitz (1915).

  • Werke

    W zu Johann August (Tannhausen): Lebensgesch. d. Joh. Christoph v. S. T., 1750 (Ms.); – zu Manfred (Olbersdorf): Über künstl. Dichroismus, 1879; – zu Olga (Dobrau): Der Gott geweihte Tag d. christl. Seele, 1880; Des Christen Hülfe, 1881; Communion-Buch, 1882; Beim Tabernakel, 1892; Litaneien-Gebetbuch f. kath. Christen, 1893; Tägl. Lesung f. jeden Tag d. J., 1896; – zu Arthur (Dobrau): Erinnerungen aus meinem Leben, 1881; – zu Lothar (Bukkowine): Über d. Geschl. v. S.-T., 1963 u. 1967 (masch.); – zu Günther (Lorzendorf): Das Jagdschein-Gesetz, 1895; Die officielle Festfahrt nach Jerusalem, 1899; 5 Lieder f. Mezzosopran mit Klavierbegleitung, 1900; Das schles. Hochwasserschutz-Gesetz, 1900; Die Jagd, 1904; – zu Hans (Cujau): Erinnerungen an Ks. Friedrich III., 1907; Die Hohenzollern u. d. 11. Grenadier-Rgt., 1908; Bad Warmbrunn im Riesengebirge, 1908; Der allg. schles. Bäderfonds, 1913; – zu Roger (Weigelsdorf): DRP 454 664, 1926; – zu Hilmar (Bellschwitz): Das Training d. Military Pferdes, 1965; Dressurprüfungen bei Reitturnieren, 1967; Das Reiter-ABC, 1970; – zu Hans Christoph ( 1992) (Dobrau) u. Sonia: Design and Color in Islamic Architecture, Afghanistan, Iran, Turkey, 1968; – zu Eckart (Schollwitz): S.s im früheren Fst. Glogau, 1997; – zu Hans Christoph ( 1918): Oldtimer, 1965, 31968; Die Entwicklung d. Zahnradtechnik, 1965; Die dt. Automobilind., 1974, 21979; Die hist. u. techn. Entwicklung d. Nutzfahrzeuge v. Büssing, in: W. Lochte (Hg.), H. Büssing, 1986, S. 201–300; Gelenke u. Gelenkwellen, 1988, 22002 (engl. 1992, 22006, chines. 1997); Die Technik d. MAN-Nutzfahrzeugbaus, in: W. Lochte (Hg.), Leistung u. Weg, Zur Gesch. d. MAN-Nutzfahrzeugbaus, 1991, S. 311–529; Dictionary of famous personalities in the automobile world, 2002; Hg.: Zwei Männer – ein Stern, 1984, 21988; Centennial of 13 automobile clubs, Initiators of the automobile movement, 22004.

  • Literatur

    Sinapius, Curiositäten d. schles. Adels, 1720; J. F. Fülleborn, Genealogia d. hochadel. u. frhrl. Geschl. v. S.-T., 1755; K. v. Prittwitz, Die v. S.-T., in: Schles. Prov.bl., 1874, S. 616 ff.; H. v. Oppell, in: Der Dt. Herold 22, 1891, S. 22–24; E. Tschersich, Gesch. d. Stadt Köben a. d. Oder I, 1928; Lothar Frhr. v. Seherr-Thoß, Über d. Geschl. v. S.-T., 1967; ders., Das Geschl. v. S.-T. in Schlesien, in: Dt. Adelsbl. 22/9, 1983, S. 197 f.; E. Neumann-Reppert, Die Fam. v. S.-T., 1975 (Ms.); ders., Stammtafeln d. Geschl. v. S.-T., 1982/83 (Ms.); H. Weczerka, Schlesien, in: Hdb. d. Hist. Stätten, 1977, S. 688; Eckart Frhr. v. Seherr-Thoß, Seherrs im früheren Fst. Glogau, 1997; F. Filipczyk u. N. Zawilak, Dobrau in 7 Jhh., 2002; Hans-Christoph Gf. v. Seherr-Thoß u. Eckart Frhr. v. Seherr-Thoß, Gedenkdaten d. Fam. v. S.-T., 2005; Wurzbach; GHdA 101, Gfl. Häuser 13, 1991, 118; ebd. 120, Frhrl. Häuser 20, 1999; ebd. 128, Adels-Lex. 13, 2002; – zu Johann Christoph ( 1743): Die denkwürdigsten J.tage Schlesiens, I, 1802, S. 181–90; Biogr. Lex. Böhmen; – zu Charlotte: F. W. Loose, Charlotta Maximiliana Frfr. v. S.-T., 1896; K. Bergmann, Chronik v. Tannhausen, Blumenau, Erlenbusch, Bad Charlottenbrunn u. Sophienau, 1921; W. Loose, Gesch. d. Kurortes Bad Charlottenbrunn in Schlesien, 1924; – zu Hans Christoph (T 1918): Stuttgarter Ztg. u. Stuttgarter Nachrr. v. 23. 5. 2003 (P).

  • Portraits

    P Kupf. d. Gf. Heinrich Leopold (Weigelsdorf/Dobrau) von S. Halle, Berlin 1796; Ölgem. d. Manfred (Weigelsdorf) v. Knobloch 1910, d. Theobald (Dobrau) v. Prof. Junker, Berlin 1938, d. Eckart (Buckowine) v. H. de Marées, 1944.

  • Autor

    Hans Christoph Graf von Seherr-Thoß, Eckart Freiherr von Seherr-Thoß
  • Empfohlene Zitierweise

    Seherr-Thoß, Hans Christoph Graf von; Seherr-Thoß, Eckart Freiherr von, "Seherr-Thoß, Freiherren von (seit 1721)" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 165-167 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd1020811757.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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