Lebensdaten
1758 bis 1819
Geburtsort
Heppenheim/Bergstraße
Sterbeort
Paris
Beruf/Funktion
Politiker ; Revolutionär ; katholischer Theologe ; Schriftsteller ; Philosoph
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 120628384 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Dorsch, Anton Joseph Friedrich Caspar
  • Dorsch, Anton Joseph
  • Dorsch, Anton Joseph Friedrich Caspar
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Orte

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Zitierweise

Dorsch, Anton Joseph, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd120628384.html [20.09.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Stephan, Amtsschreiber.

  • Leben

    D. studierte in Mainz 1776-80 Philosophie und Theologie, promovierte zum Dr. phil. und Licentiatus theol. und empfing hier die Priesterweihe. Nach kurzer Seelsorgetätigkeit wurde er zu weiteren philosophischen Studien nach Paris geschickt, um 1784 an der Mainzer Universität den Lehrstuhl für Philosophie zu übernehmen. War er hier bald als begabter, fortschrittlich denkender und schöngeistiger Dozent beliebt, so erwies er sich in der Folge weniger als schöpferischer Philosoph, denn als vielseitiger Schriftsteller. Die theologische Promotion von 1784 war Anerkennung seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, die sogar noch 1789 durch Übertragung eines Kanonikates am Markusstift zu Heiligenstadt bekräftigt wurde. Von dieser Zeit an ganz der Lehre Kants zugetan, erschloß er sich nun vorbehaltslos aufklärerischer und revolutionärer Denkart. Diese zog ihn 1791 nach Straßburg, wo er – nach kurzer Lehrtätigkeit an Universität und Priesterseminar – nach Abfall vom Priestertum sich ganz der Revolution verschrieb. Kurz darauf kehrte er als Klubist und Präsident der französischen Administration nach Mainz zurück, wo aber bereits Ende März 1793 seine Tätigkeit durch die Flucht aus der belagerten Stadt nach Paris ein unrühmliches Ende fand. Dort war er zunächst im auswärtigen Ministerium tätig, bis er 1798 dem Direktorium der Zentralverwaltung des Roer-Departements als Kommissar beigegeben wurde. In Aachen half er bei der Gründung eines Revolutionsklubs, des „Vereinigungszirkels“, dessen Tätigkeit er mit einer im Druck erschienenen Rede „Über die politische Freiheit“ eröffnete. Zu gleicher Zeit trat er offen für die Einverleibung des linken Rheinufers an Frankreich ein, die er bereits in seiner 1797 erschienenen Schrift „Quelques réflexions sur l'établissement de la république cis-rhénane“ propagiert hatte. Anschließend fand er in Kleve als Unterpräfekt Verwendung, 1805 wurde er Steuerdirektor im Finisterre-Departement (westliche Bretagne), seit 1811 wirkte er in gleicher Eigenschaft in Münster, bis er während der deutschen Befreiungskriege 1813 wieder nach Paris flüchtete. Der verheißungsvoll beginnende Philosoph von mehr kompilatorischer als eigenschöpferischer Art wuchs so in einen uferlosen Fortschritts- und Revolutionsglauben hinein, der ihn nicht bloß religiös und geistig, sondern auch politisch und vaterländisch vollständig entwurzelte.

  • Literatur

    ADB V;
    Getreues Verz. d. sich in Mainz befindl. Klubisten mit Bemerkung derselben Charaktere, 1793;
    Oberdt. allg. Lit. ztg. 2, 1793;
    F.-Ch. Heitz, Les sociétés politiques de Strasbourg 1790-95, Straßburg 1863;
    K. G. Bockenheimer, Die Mainzer Patrioten v. 1793-98, 1873;
    ders., Die Restauration d. Mainzer Hochschule im J. 1784, 1884;
    G. Jentgens, Der philos. Entwicklungsgang d. Joh. Neeb., Diss. Bonn 1922;
    H. Hainebach, Stud. z. lit. Leben d. Aufklärungszeit, Diss. Gießen 1934;
    R. Haaß, Die geistige Haltung d. kath. Universitäten im 18. Jh., 1952;
    A. Ph. Brück, Die Mainzer theol. Fak. d. 18. Jh., 1955.

  • Autor/in

    Ludwig Lenhart
  • Empfohlene Zitierweise

    Lenhart, Ludwig, "Dorsch, Anton Joseph" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 85 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd120628384.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Dorsch: Anton Joseph D., philosophischer Schriftsteller, aber bekannter als eines der Häupter der Mainzer Revolution, war ca. 1758 im Gebiete des Kurstaates geboren, April 1819 zu Paris. Als Kind mit seinen Eltern nach Mainz gekommen, widmete er sich, da seine hervorragenden Fähigkeiten ihn auf einen gelehrten Beruf hinwiesen und die Seinigen den für ein anderes Studium nothwendigen Aufwand nicht bestreiten mochten, der Theologie, trat in das Mainzer Priesterseminar und wurde im dreiundzwanzigsten Lebensjahre nach seiner Weihe|Caplan im Dorfe Finthen. Durch seinen wissenschaftlichen Eifer gewann er Gönner in der Hauptstadt, die den Kurfürsten bestimmten, ihn zu seiner weiteren Ausbildung auf zwei Jahre nach Paris zu schicken. Seine Rückkehr fiel mit der Umgestaltung der Mainzer Universität vom J. 1784 zusammen, und es wurde ihm an dieser die Professur der Logik und Methaphysik übertragen. Seine Vorlesungen erfreuten sich einer großen Beliebtheit, und zugleich veranlaßte ihn seine Stellung zur Abfassung einer Anzahl Einladungsschriften und Dissertationen, die er dann unter dem Gesammttitel „Beiträge zum Studium der Philosophie“ auch für weitere Kreise nach und nach herausgab. Die Abhandlungen sind populär gehalten und von keiner besonderen Tiefe, zeugen aber von Belesenheit in der zeitgenössischen Litteratur. Eine Beleidigung, die ihm vom Minister Albini zugefügt wurde und für welche er keine Genugthuung erlangen konnte, veranlaßte D. im J. 1791 sein Amt niederzulegen und Mainz zu verlassen. Er ging nach Straßburg, wo er die Professur für Moral an der katholischen Akademie und die Stelle eines bischöflichen Vicars erhielt. Am 26. October führte er sich in die Constitutionsgesellschaft seines neuen Wohnorts ein durch einen Vortrag über die „Geschichte der Vaterlandsliebe“, der großen Beifall fand und dessen Druck vom Vereine beschlossen ward. Als im folgenden Februar unter den Mitgliedern eine Spaltung ausbrach, war er unter den Führern der fortgeschritteneren Majorität, die unter der Benennung Jacobinerclub die Versammlungen fortsetzte. Nach der Eroberung von Mainz durch die Franzosen siedelte D. dahin über. Er kam am 3. November 1792 in die Stadt und trat noch denselben Tag als Redner im Club auf. Am 19. November ernannte ihn General Cüstine zum Präsidenten der provisorischen Administration, welche für den occupirten Theil des Erzbisthums an die Stelle der bisherigen obersten Landesverwaltung trat. Die neue Behörde hatte jedoch thatsächlich nur in den untergeordneten Dingen eine selbständige Entscheidung; die eingreifenderen Maßregeln, wozu die Gewaltacte gegen die Anhänger der alten Regierung gehörten, wurden von den Franzosen, namentlich den Conventscommissären, angeordnet. Trotzdem erschien D. seinen Mitbürgern als Vertreter des ganzen revolutionären Regimentes, und als solcher war er von der Masse des Volkes auf das bitterste gehaßt; zugleich fand er unter den eigenen Parteigenossen Widersacher und Neider, die seinen Einfluß zu untergraben bemüht waren. Er wurde Mitglied des rheinisch-deutschen Nationalconvents, hatte aber keine Aussicht von dieser Körperschaft in seinem Amt bestätigt zu werden. So verließ er noch vor dem Schluß der Sitzungen am 30. März 1793 mit den Conventsdeputirten das belagerte Mainz und erreichte glücklich die französische Hauptstadt. Er fand Beschäftigung beim auswärtigen Ministerium, theils in den Bureaux, theils auf diplomatischen Sendungen, und auch seine Thätigkeit in der Presse wurde in Anspruch genommen. Er schrieb in dieser Zeit wiederholt für die Einverleibung des linken Rheinufers an Frankreich, zuletzt 1797 die Abhandlung „Quelques réflexions sur l'établissement de la république cis-rhénane“.1798 wurde er als Commissär des Directoriums der Centralverwaltung des Roerdepartements beigeordnet. In dieser Stellung half er einen Club, den „Vereinigungszirkel“, in Aachen gründen und hielt in der ersten Sitzung desselben eine Rede „Ueber die politische Freiheit“, die im Druck erschienen ist. Er kam dann als Unterpräfect nach Cleve und veröffenlichte eine „Statistique du département de la Roër“ (Cologne an XII). 1805 wurde er Steuerdirector im Finisterredepartement; 1811 in gleicher Eigenschaft nach Münster versetzt, siedelte er bei der Eroberung des Landes durch die Deutschen 1813 nach Paris über, wo er im April 1819 starb.

    • Literatur

      Neueste Staatsanzeigen II. 297 ff. (die Einzelheiten der Jugendgeschichte sind unzuverlässig); Heitz, Les sociétés politiques de Strasbourg1790—95;|Klein, Geschichte von Mainz während der ersten französischen Occupation; Arnault, Biographie nouvelle des contemporains; Bockenheimer, Die Mainzer Patrioten 1793—98.

  • Autor/in

    Leser.
  • Empfohlene Zitierweise

    Leser, Emanuel, "Dorsch, Anton Joseph" in: Allgemeine Deutsche Biographie 5 (1877), S. 361-363 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd120628384.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA