Lebensdaten
unbekannt
Beruf/Funktion
Kaufmanns- und Patrizierfamilie
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 13980482X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schnurbein von und zu Meitingen (bis 1741)
  • Schnurbain (bis 1697)
  • Schnurrbain
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Zitierweise

Schnurbein, Freiherren von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd13980482X.html [15.12.2018].

CC0

  • Leben

    Als erster Vertreter der aus Südtirol stammenden Familie kam Ende 1593 Balthasar I (1578–1635), Sohn des Brixener Bürgers und Handelsmanns Nicolaus ( 1607), nach Augsburg. 1594 trat er hier eine achtjährige Lehrzeit bei der Handelsgesellschaft Nikolaus und Ludwig Stierlin an, wo er seinen Dienstvertrag bis 1611 verlängerte. Inzwischen hatte er 1605 durch die Verheiratung mit Felizitas ( 1609), Tochter des Wollhändlers Hans Georg Bühler, das Augsburger Bürgerrecht erworben und wurde gleichzeitig Mitglied der Augsburger Kaufleutestube. Seine zweite Ehefrau Katharina, Tochter des Juweliers Georg Beurlin, brachte 1000 fl. Heiratsgut mit in die Ehe. Über die Familie Bühler war Balthasar mit den Jenisch und Oesterreicher verwandt sowie mit Hans Steininger (1552–1634), einem der reichsten Augsburger Bürger und zwischen 1611 und 1624 Taufpate seiner Kinder. 1610-12 lebte Balthasar außerdem in einem Haus Steiningers, seit 1613 im Haus der Regine Stierlin, geb. Jenisch, die Balthasar nach dem Tod ihres Mannes Ludwig 1610 als Geschäftsführer des Handelshauses „Ludwig Stierlins Erben“ eingesetzt und offenbar am Gewinn der Firma beteiligt hatte. Nach Regine Stierlins Tod übernahm Balthasar 1625 die Alleinvertretung der Firma, die u. a. im Leipziger Seidenhandel tätig war. 1619-35 gehörte Balthasar als Vertreter der Kaufleute Augsburger Konfession dem Großen Rat an. In den 1630er Jahren war er außerdem Deputierter zur Fortifikation.

    Balthasar II (1609–61, s. L), der in Italien und Leipzig auf seine kaufmännische Tätigkeit vorbereitet worden war, übernahm die Firma seines Vaters unter dem Namen „Balthasar Schnurbein und Mitverwandte“. Die Geschäftstätigkeit des Handelshauses – v. a. Silber- und Seidenhandel – konzentrierte sich auf die Bozener Märkte sowie die Naumburger und Leipziger Messen. Balthasar II erwarb von der Witwe des 1644 verstorbenen Handelsmanns Daniel Oesterreicher das heute noch im Besitz der Familie befindliche sog. „Schnurbeinhaus“ (nach Zerstörung 1944 neu errichtet). Nach 1661 führte seine Witwe Jakobina, geb. Ledergerber, die Geschäfte mit Unterstützung Christoph Henschels (1633–86), den sie 1663 heiratete, erfolgreich weiter.

    Balthasar III (1645–1711) nahm nach dem Besuch des Gymnasiums eine Lehre bei der Firma Jäger, Hammermüller und Henning in Leipzig auf. 1666 verehelichte er sich mit Sabina, Tochter des Gewürzhändlers Andreas Hueber, und führte das Schnurbeinsche Unternehmen weiter, bis 1686 gemeinsam mit seinem Stiefvater Christoph Hentschel. Über Bozen (Einkauf oberital. Seidenwaren), Leipzig und Frankfurt/M. (v. a. Absatz v. Gold- u. Silberwaren) lief der ausgedehnte Handel des Unternehmens. Als einziger Augsburger Kaufmann errichtete Balthasar III in Leipzig ein eigenes Handelshaus, welches sich auf den Vertrieb von Gold- und Silberwaren verlegte, die inzwischen zum Teil in Leipzig selbst gefertigt wurden. Balthasar III legte mit dem 1704 von der Hospitalstiftung erfolgten Erwerb des Allodialgutes Meitingen den Grundstock des S.schen Grundbesitzes außerhalb der Reichsstadt Augsburg. 1711 folgte der Kauf des Weilers und des Gutes Deuringen, ebenfalls vom Heilig-Geist-Spital in Augsburg. Balthasar III war 1677 Hauptmann einer bürgerlichen Stadtkompanie und 1680 Pate der Kaufleutestuhe. Im selben Jahr wurde er – ebenso wie seit 1706 seine beiden Söhne – als Vertreter der Kaufleute in den Augsburger Kleinen Rat gewählt. 1696 stiftete er 3 000 fl. für die Unterstützung notleidender ev. Bürger (1738 u. 1778 aufgestockt) und 1708 jeweils 1 000 Gulden für den Unterricht armer Kinder bzw. zur Unterstützung armer Theologiestudenten. 1697 wurde er von Ks. Leopold geadelt und nannte sich später „S. von und zu Meitingen“. Seine beiden Söhne Markus I (1671–1746) und Balthasar IV (1673–1729, s. L) wurden 1706 in das Augsburger Patriziat aufgenommen, nachdem sich ersterer 1695 mit Anna Barbara, Tochter des Patriziers Gottfried Ammann, und Balthasar IV 1728 mit Magdalena Barbara, Tochter des Patriziers Paul v. Stetten (1665–1727), verehelicht hatte. Die beiden Söhne führten die Handelskompanie unter dem Namen „Markus und Balthasar v. Schnurbein“ weiter. Als 1711 das Erbe Balthasars III aufgeteilt wurde, nahm die Familie S. in der Rangfolge des Augsburger Großkapitals vier der sechs Spitzenpositionen ein. Balthasar IV, der 1716-29 dem Kleinen Rat angehörte, wurde 1717 zum Getreideaufschlagsamt deputiert und 1723 in das Steueramt gewählt.

    Markus I war seit 1718 Finanzier der Hofkammer in Innsbruck und seit 1724 des Bischofs von Augsburg. 1724 erwarb er von Kammerrat Martin Bönigke die Gold- und Silberwarenfabrik in Köthen zur Herstellung von Tressen und Draht sowie anderen leichten Waren. 1728/34 übernahm er außerdem die Schwarzkupfer- und Silberausbeute des Mansfeld-Eisleben-Hettstedter Harzbergbaus. 1726 errichtete er in Köthen ein Wohnhaus (heute Alten- u. Pflegeheim), wo er sich in der Folgezeit häufig aufhielt.

    Er hinterließ zwei Söhne aus erster Ehe: Gottfried (1700–49, s. L) und Markus II (1701–91, s. L), von denen letzterer den Grundbesitz erweiterte und v. a. den sächs.-anhaltin. Geschäftszweig der Firma weiterführte. Markus, der in erster Ehe mit Regina (* 1702), Tochter des Lindauer Stadtammanns Martin Matthias v. Eberz (1675–1722), in 2. Ehe mit Maria Jacobina Amman, Tochter des Augsburger Patriziers Martin Hieronymus v. Langenmantel, verheiratet war, übernahm 1735 das Hauptgeschäft seines Vaters in Augsburg, behielt aber seinen Hauptwohnsitz in Köthen bei; 1752 erwarb er von den Brüdern Ludwig Christian und Viktor August v. Einsiedel das Rittergut Kleinbadegast b. Köthen, das er seinem Großneffen Markus Jakob vererbte. Gottfried hingegen schlug nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Leipzig und Halle die politische Laufbahn ein. Er stand u. a. seit 1723 im Dienst der Dresdner Hofkanzlei, wo er Anschluß an den sächs. Gesandten Ernst Christoph v. Manteuffel fand, war seit 1728 Legationssekretär in Wien, 1731 Geheimagent Prinz Eugens und des sächs. Hofs in München und 1733-47 sächs. Vertreter in Augsburg. 1741 in den Reichfreiherrenstand erhoben, verschuldete er sich im unbesoldeten Dienst des Prinzen Eugen. Markus II gelang es als Vormund für Gottfrieds Sohn Markus III (1743–1801), den Familienbesitz zu sanieren und auszudehnen: 1757 wurde die Fuggerherrschaft Ettelsried erworben, 1775 das halbe Dorf Wollmetshausen. 1764 übergab Markus II die Köthener Gold- und Silberwarenmanufaktur seinem Neffen und wurde kursächs. und 1775 auch anhält. Geh. Kammerrat. 1791 traten die Gebrüder v. Pfister, Vertreter des|Lindauer Patriziats in Leipzig und Verwandte der S., die Nachfolge im Köthener Manufakturbesitz an. Markus III, Gottfrieds Sohn und Erbe, der 1766 Justina Rosina Ammann (s. W) heiratete, ließ zwischen 1768 und 1773 das Meitinger Schloß aufwendig renovieren. Dessen Sohn Markus Jakob (1769–1825), verheiratet mit der Augsburger Bankierstochter Jakobina Magdalena v. Schwarz, wurde Stammvater des heute noch blühenden Geschlechts, das sich in die Linien Hemerten und Hurlach teilt. Von den Söhnen des Otto (1866–1948), auf Hurlach, wurde Gottfried (1899–1975), Dr. med., Arzt, während Karl-Eglof (1907–41), Korvettenkapitän, 1941 auf See fiel. Sein Sohn Immo (* 1938, s. SZ v. 5.9.1991) kommandierte als Kapitän zur See die „Gorch Fock“. Gottfrieds Söhne Rennwart (* 1937) und Hartmut (* 1943), beide Dr. med., sind Internisten, Siegmar (* 1941, s. Kürschner, Gel.-Kal. 2005) leitet die Röm.-German. Kommission des Dt. Archäologischen Instituts in Frankfurt/M., Eglofs (* 1933), Dr.-Ing., Tochter Stefanie (* 1961, s. Kürschner, Gel.-Kal. 2005), Dr. phil., ist Professorin an der Humboldt-Univ. Berlin für Skandinavistik, Dietlind (1936–89) war mit dem Wirtschaftshistoriker Wolfgang Zorn (1922–2004, s. L) verheiratet.

    Zusammen mit weiteren ev. Augsburger Familien gründeten die S. 1751 die „Patriziatsstiftung zur Unterstützung hilfsbedürftiger Witwen und Nachkommen“, welche 1806 in die „Stiftung einiger augsburg. prot. Familien zur Unterstützung ihrer notleidenden Mitglieder“ umgewandelt wurde.

  • Werke

    zu Justina Rosina: Simpathien beym Tode d. Frau Johanna Jakobina Magdalena v. Pfister, geborne v. Ammann, verst. am 29. Mai 1775 in Köthen: – zu Markus II: Aufzeichnungen aus d. Nachlau (Staats- u. Stadtbibl. Augsburg, 2° Cod. Aug. 87).

  • Literatur

    P. v. Stetten d. J., Gesch. d. adel. Geschl. in d. freyen Reichs-Stadt Augsburg, 1762, S. 333 f.;
    A. Werner, Die örtl. Stiftungen f. d. Zwecke d. Unterr. u. d. Wohltätigkeit in d. Stadt Augsburg, 1899;
    W. Thiem, Zur Gesch. d. Gold- u. Silberdrahtind. in Cöthen, in: Askania, Beil. z. Cöthenschen Ztg., 23. Jg., 1925, Nr. 17;
    Anton Mayr, Die gr. Augsburger Vermögen in d. Zeit v. 1618 bis 1717, 1931;
    A. Haemmerle, Die Hochzeitsbücher d. Augsburger Bürgerstube u. Kaufleutestube bis z. Ende d. Reichsfreiheit 1806, 1936.;
    W. Zorn, Handels- u. Ind.gesch. Bayer. Schwabens 1648-1870, 1961;
    Hist. Atlas v. Bayern, T. Schwaben, H. 3, Wertingen, bearb. v. K.Fehn, 1967, S. 35;
    dass., H. 11. Augsburg Land, bearb. v. J. Jahn, 1984, S. 92-98;
    Augsburger Eliten d. 16. Jh., Prosopogr. wirtschaftl. u. pol. Führungsgruppen 1500-1620, hg. v. W. Reinhard, 1996;
    B. Roeck. Eine Stadt in Krieg u. Frieden, Stud. z. Gesch. d. Reichsstadt Augsburg zw. Kal.streit u. Parität, 2. T., 1989, S. 1068;
    M. Häberlein, Wirtsch.gesch. v. MA bis zur Gegenwart, in: Augsburger Stadtlex., S. 146-61;
    M. Schmölz-Häberlein, ebd. S. 794 f.;
    Bosl;
    GHdA 68 (Frhrl. Häuser B VII), 1978, 128 (Adelslex. XIII), 2002;
    GHdA Bayern V, 1955, 22, 1998; |

  • Quellen

    Qu StadtA Augsburg; Fam.archiv in Hemerten: Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abt. Dessau; StadtA Köthen; – zu Balthasar II: Joh. Gg. Stierle, Christl. Denck- u. Grabmahl d. B. Schnurpain d. Ä., Augspurg 1661; – zu Gottfried: Letztes Ruhm- u. Ehrenvolles Angedencken d. Weyl. Hoch-Wohlgebohrnen Herrn G. Baron v. S. auf Meitingen (Beigabe z. gedr. dt. Fassung d. Lpr. d. Pfarrers v. ev. St. Ulrich Samuel Widemann, 1749); W. Zorn, in: Lb. Bayer. Schwaben, X, 1973, S. 177-90 (P); – zu Balthasar IV: Samuel Urlsperger, Leichenpredigt auf B. v. S., Augspurg 1729.

  • Portraits

    zu Balthasar III: Kupf. v. L. Heckenauer (jun.?), 1690 (Privatbes.), dass. v. I. Fisches jun. u. A. M. Wolfgang, Augsburg 1702 (Kunstslgg. u. Museen d. Stadt Augsburg, Sign. G1605 u. G 10316);
    zu Balthasar IV:
    Kupf. v. G. Spitzel u. J. B. Probst, 1730 (ebd. Sign. G 9558);
    zu Markus I:
    Schabbl. v. J. J. Haid, o. J. (ebd. Sign. G 1606);
    zu Markus II:
    Kupf. nach d. Ölgem. v. A. Graff u. J. E. Nilson, Augsburg 1776 (ebd. Sign. G 7223);
    Ölgem. v. A. Graff. Leipzig o. J. (Privatbes.);
    zu Gottfried:
    Ölgem. v. G. Eichlerd. Ä., 1741 (Privatbes.);
    Kupf. v. Ph. A. Kilian, nach Ölgem. v. G. Eichler d. Ä., 1750 (Privatbes.).

  • Autor/in

    Simone Herde
  • Empfohlene Zitierweise

    Herde, Simone, "Schnurbein, Freiherren von" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 344-346 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd13980482X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA