Zimmer, Karl Günter
- Lebensdaten
- 1911 – 1988
- Geburtsort
- Breslau
- Sterbeort
- Karlsruhe
- Beruf/Funktion
- Physiker ; Strahlenbiologe
- Konfession
- evangelisch
- Normdaten
- GND: 139403973 | OGND | VIAF: 101147658
- Namensvarianten
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- Zimmer, Karl Günther
- Zimmer, Karl Günter Artur
- Zimmer, Karl Günter
- Zimmer, Karl Günther
- Zimmer, Karl Günter Artur
- Zimmer, Carl Günter
- Zimmer, Carl Günther
- Zimmer, Carl Günter Artur
- zimmer, karl günther artur
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Zimmer, Karl Günt(h)er Artur
| Physiker, Strahlenbiologe, * 12.7.1911 Breslau, † 29.2.1988 Karlsruhe, ⚰ seit 1990 Stahnsdorf bei Berlin, Südwestkirchhof. (evangelisch)
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Genealogie
V →Arthur (1874–1929), Min.amtmann;
M →Elsa Geipel (1878–1955);
Om →Georg Geipel (1871–1973), Dr. phil., Studiendir., Spezialist f. Daktyloskopie, seit 1930 Gastwiss. am KWI f. Anthropol., menschl. Erblehre u. Eugenik in Berlin bzw. d. MPI f. vgl. Erbbiol. u. Erbpathol. ebd., seit 1960 d. Inst. f. Anthropol. u. Humangenetik d. Univ. Heidelberg– ⚭ Berlin 1940 →Elisabeth Charlotte Cron (1917–2003), techn. Assistentin f. Chemie u. Biol.;
kinderlos. -
Biographie
Z. wuchs in Breslau und seit 1917 in Berlin auf, wo er 1929 das Abitur am Helmholtz-Realgymnasium bestand und bis 1933 an der Univ. Berlin Physik, Chemie und Philosophie studierte. Mit einer photochemischen Arbeit wurde er hier 1934 bei →Walter Friedrich (1883–1968) zum Dr. phil. promoviert. 1934–39 war er Assistent an der Strahlenabteilung der Klinik Cecilienhaus und zugleich 1936–45 Mitarbeiter der Firma Auer-Gesellschaft.
Seit 1934 (1937–45 in fester Anstellung) arbeitete Z. mit dem Genetiker →Nikolaj V. Timoféeff-Ressovsky (1900–81) am KWI für Hirnforschung in Berlin-Buch zusammen; mit dem theoretischen Physiker →Max Delbrück (1906–1981) publizierten beide im Juni 1935 die Schrift „Über die Natur der Genmutation und der Genstruktur“ (Nachrr. v. d. Ges. d. Wiss. z. Göttingen; math.-physikal. Kl., Fachgruppe VI Biol. NF 1, 13, S. 189–245, engl. in: Sloan u. Fogel, 2011, S. 213–80, s. L), die für die frühe Molekularbiologie wegweisend und durch →Erwin Schrödingers (1887–1961) Buch „What is Life?“ (1944) weithin bekannt wurde.
In den folgenden Jahren bearbeitete Z. zahlreiche Themen aus der Genetik und Biophysik, insbesondere zur biologischen Wirkung von Neutronen, die er mit Timoféeff-Ressovsky 1947 in „Biophysik, 1. Band, Das Trefferprinzip in der Biologie“ zusammenfaßte. Diese Forschungen wurden durch Arbeitsaufenthalte in den Niederlanden, Großbritannien und Schweden ermöglicht, bevor seit 1939 in Berlin-Buch ein eigener Neutronengenerator zur Verfügung stand. Zusätzlich führte Z. während des 2. Weltkriegs verschiedene Auftragsforschungen aus, darunter die Bereitstellung und Anwendung künstlicher radioaktiver Isotope.
Im Okt. 1945 wurde Z. von der sowjet. Besatzungsmacht in das Lager Krasnogorsk nahe Moskau verbracht. Er mußte zeitweise bei der sowjet. Uranproduktion in der Gruppe des dt. Physikers →Nikolaus Riehl (1901–1990) in Elektrostal mitarbeiten. Seit Dez. 1947 forschte er in den wissenschaftlichen Internierungslagern Sungul (heute: Sneschinsk, Ural) und seit Okt. 1952 in Agudsera bei Sochumi in begrenztem Ausmaß an z. T. geheimen Projekten, jedoch nicht zur Strahlenbiologie. Im April 1955 wurde er nach West-Berlin entlassen. Nach der kumulativen Habilitation für Strahlenforschung 1956 an der Univ. Hamburg sowie einem Aufenthalt als Gastforscher am Forest Research Institute in Stockholm, wurde Z. im Juli 1957 Direktor des Instituts für Strahlenbiologie an der Reaktorstation (später Kernforschungszentrum) Karlsruhe (em. 1979) sowie in Personalunion 1957 ao., 1958 o. Professor für Strahlenbiologie an der Univ. Heidelberg (em. 1977). Aus Z.s Arbeitskreis gingen einige Lehrstuhlinhaber für Strahlenbiologie hervor.
Z. förderte frühzeitig die molekulare Strahlenbiologie. Mit Hilfe der ESR-Spektroskopie gelang ihm 1957 der erste Nachweis strahleninduzierter freier Radikale in lebenden Zellen bzw. Bakteriophagen. Andere Arbeitsgebiete waren die Charakterisierung der primären chemischen Reaktionsprodukte in bestrahlter DNA, die Strahlenwirkung auf Enzyme und die biologische Wirkung dicht ionisierender Teilchenstrahlen. Z. gehörte zur ersten Generation von Physikern, welche die Biologie prägten. Er war einer der Begründer der quantitativen Strahlenbiologie, weil er wegweisende Lösungen für dosimetrische Probleme fand. Als einer der ersten wies er auf die Gefahren hin, die mit der Einwirkung energiereicher Strahlen auf den Menschen verbunden sind und forderte konsequent einen wirksamen Strahlenschutz. Auch als Mitautor des sog. Dreimännerwerks bleibt der Name Z. mit der frühen Geschichte der Molekularbiologie verbunden.
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Auszeichnungen
|o. Mitgl. d. Ak. d. Wiss. u. d. Lit. in Mainz (1958) u. d. Executive Committee d. Internat. Ass. for Radiation Research (1959–1962);
Councillor for Physics d. Internat. Ass. for Radiation Research (1963–1970);
Failla Memorial Lecture Award (1966);
Douglas Lea|Memorial Lecture (1969);
Präs. (1962–64) u. Council Member (1964–1972) d. European Soc. for Radiation Biology. -
Werke
Weitere W Der Reaktionsmechanismus d. photochem. Umwandlung v. o-Nitrobenzaldehyd z. o-Nitrosobenzoesäure im ultravioletten Lichte, 1933 (Diss.);
Radiumdosimetrie, Verfahren u. bisherige Ergebnisse, 1936;
Strahlungen, Wesen, Erzeugung u. Mechanismus d. biol. Wirkung, 1937;
Stud. z. quantitativen Strahlenbiol., 1960, engl. 1961, russ. 1962;
The Target Theory, in: J. Cairns, G. S. Stent u. J. D. Watson (Hg.), Phage and the Origins of Molecular Biology, 1966, S. 33–42;
Some Unusual Topics in Radiation Biology, in: Radiation Research 28, 1966, S. 830–43;
Some Recent Studies in Molecular Radiobiology, in: Current Topics in Radiation Research 5, 1969, S. 1–38;
That was the Basic Radiobiology that was, A Selected Bibliogr. and Some Comments, in: Advances in Radiation Biology 9, 1981, S. 411–67;
– Mithg.: Radiation Botany, 1961–75;
Current Topics in Radiation Research, 1970–78;
– K. G. Z. Papers, 1933–1962, in: Univ. of Tennessee Libraries, Knoxville, Special Collections. -
Literatur
|M. F. Perutz, Physics and the Riddle of Life, in: Nature 326, 1987, S. 555–58 (P);
M. A. Goldman, Molecular Biology, Seed of Rev., ebd. 480, 2011, S. 317 (P);
U. Hagen u. J. T. Lett, in: Radiation and Environmental Biophysics 27, 1988, S. 245 f.;
P. Herrlich, in: Radiation Research 116, 1988, S. 178–80;
P. V. Oleynikov, German Scientists in the Soviet Atomic Project, in: The Nonproliferation Review 7, 2000, H. 2, S. 1–30;
A. v. Schwerin, Medical Physicists, Biology, and the Physiology of the Cell (1920–1940), in: L. Campos u. ders. (Hg.), Making Mutations, Objects, Practices, Contexts, 2010, S. 231–58;
Ph. R. Sloan u. B. Fogel (Hg.), Creating a Physical Biology, The Three-Man Paper and Early Molecular Biology, 2011 (P);
V. Wunderlich, Zum Exodus gezwungen 1933–1945, Lebenswege v. Wissenschaftlern aus Berlin-Buch, 2014, S. 97–130 (P);
Drüll, Heidelberger Gel.lex. IV;
Baden-Württ. Biogr. V;
– Qu Archiv d. Univ. Heidelberg (Personalakte, Bibliogr. 1933–57, Photogrr.);
Karlsruher Inst. f. Technol. (Bibliogr. 1958–82). -
Autor/in
Volker Wunderlich -
Zitierweise
Wunderlich, Volker, "Zimmer, Karl Günt(h)er Artur" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 698-699 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd139403973.html#ndbcontent