Lebensdaten
1660 bis 1746
Geburtsort
Melle bei Osnabrück
Sterbeort
Helmstedt
Beruf/Funktion
Orientalist ; Alttestamentler ; Theologe ; Sprachforscher
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118701568 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • van der Hardt, Hermann
  • Hardt, Hermann van der
  • van der Hardt, Hermann
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der NDB Genealogie
Personen in der GND - familiäre Beziehungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Hardt, Hermann van der, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118701568.html [18.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    Die Fam. (Münzmeister, Goldschmiede, Kaufleute) stammt aus Geldern u. wanderte aus Glaubensgründen (1567-73) nach Lübeck aus;
    V Hermann (1631-n. 1684), Münzmeister in M. u. O., S d. Richard (1587–1657), Goldschmiedemeister, Münz- u. Silberwardein in Lübeck, u. d. Petronella Kelbing;
    M Anna (1632–1700), T d. Stephan Peckstein, brandenburg. Münzmeister in Minden, u. d. Margarelhe König; ledig.

  • Leben

    1671-79 auf verschiedenen Gymnasien (Herford, Osnabrück, Bielefeld und Coburg) vorgebildet, bezog H. 1679 die Universität Jena zum Studium der orientalischen Sprachen bei Frischmuth, war 1681/82 zum gleichen Zweck bei Esra Edzard in Hamburg, der ihn auch methodisch beeinflußte. 1682 wieder in Jena, erwarb er dort 1683 den Magistergrad, Dezember 1686 den Magistergrad in Leipzig. In Leipzig wurde H. Mitglied in der griechischen Klasse des Collegium philobiblicum. Nach vorübergehendem Genuß des Schabbelstipendiums – Freundschaft mit August Hermann Francke – schlugen Verhandlungen auf Übertragung einer theologischen Professur in Rostock fehl. 1688 erfolgte seine Berufung zum Bibliothekar und Geheimsekretär des Herzogs Rudolph August von Braunschweig. 1690 wurde er zum Professor für orientalische Sprachen in Helmstedt ernannt, nachdem Bemühungen um eine theologische Professur in Kiel gescheitert waren. Die Helmstedter Professur hat er bis zu seinem Tod innegehabt. Er war zugleich Verwalter der Universitätsbibliothek und Propst von Marienberg. 1727 entpflichtet, blieb er der wissenschaftlichen und literarischen Arbeit treu. Neben der für jene Zeit unvergleichlichen editorischen Leistung des „Magnum oecumenicum Constantiense concilium“ (6 Teile, Frankfurt und Leipzig 1700 [Porträt in VI], Index 1742) steht sein Beitrag zur historisch-kritischen Erforschung des AT. Dabei hat er seine anfänglich pietistische Haltung aufgegeben und stärker dem Rationalismus Folge geleistet. Der späteren Quellenscheidung im Pentateuch hat er durch Aussonderung verschiedener Stücke der Genesis und durch Zuweisung des Deuteronomiums an den Hohenpriester Hilkia zur Zeit des Königs Josia vorgearbeitet. In der Prophetenexegese teilte er kleinere Sinnabschnitte, die sich häufig mit den traditionellen kleinen Paraschen deckten, ab und wurde somit Vorläufer moderner Prophetenforschung. An Jesaja 40 ff. erkannte er die Herkunft aus späterer Zeit (Deuterojesaja!). In der Psalmenexegese hielt er die Überschriften für spätere Zutaten und bemühte sich um eine chronologische Fixierung des einzelnen Psalms, wobei er vielfach Resultate der Psalmenforschung Bernhardt Duhms vorwegnahm. Auch auf dem Gebiete der hebräischen Metrik erkannte er ein alternierendes metrisches System, freilich vertrat er auch zahlreiche unhaltbare Exegesen und Thesen, unter anderem die Abhängigkeit des Hebräischen und Arabischen vom Griechischen.

  • Werke

    W Verz. b. Möller, s. L;
    Umfangreiche Archivalien (Briefe) in Wolfenbüttel und Karlsruhe;
    literar. Nachlaß in Stuttgart.

  • Literatur

    ADB X;
    G. W. Götten, Das jetzt lebende gel. Europa III, 1740;
    Ch. Breithaupt, Venerandis Manibus viri summe venerabilis et profundae eruditionis gloria illustris Domini H. v. d. H., 1746;
    H. W. Rotermund, Das gel. Hannover II, 1823 (14½ S. Verz. s. Schrr.);
    F. Lamey, H. v. d. H. in s. Briefen u. s. Beziehungen z. Braunschweiger Hofe, zu Spener, Francke u. d. Pietismus, = Beil. I zu d. Hss. d. Ghzgl. Bad. Hof- u. Landesbibl. Karlsruhe, 1891;
    H. Möller, H. v. d. H. als Alttestamentler, theol. Habil. schr. Leipzig 1962 (Verz. d. Druckschrr.: ca. 560; d. hs. erhaltenen Schrr.:
    ca. 47; d. nicht mehr erhaltenen:
    ca. 49);
    Ersch-Gruber II, 2 (W, L);
    PRE;
    RGG3.

  • Portraits

    in: H. v. d. H., Magnum oecumenicum Constantiense concilium VI, Frankfurt u. Leipzig 1700, S. 341.

  • Autor/in

    Hans Bardtke
  • Empfohlene Zitierweise

    Bardtke, Hans, "Hardt, Hermann van der" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 668-669 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118701568.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hardt: Hermann v. d. H., ein seiner Zeit berühmter Theologe und Sprachkenner, stammte aus einer niederländischen, nach Deutschland eingewanderten Familie und ward als dritter Sohn seines gleichnamigen Vaters, welcher das Amt eines fürstlich Osnabrückischen Münzmeisters bekleidete, am 15. November 1660 zu Melle, einem Städtchen des ehemaligen Bisthums Osnabrück, geboren. Seinen ersten Schulunterricht erhielt er zu Osnabrück, wo er auch das dortige Gymnasium besuchte, seine weitere Vorbildung zur Universität auf den Gymnasien zu Herford, Coburg und Bielefeld. Dann bezog er die Universität Jena, wo er sich mit besonderem Eifer auf das Studium der orientalischen Sprachen, namentlich des Hebräischen, warf. Der Ausbruch der Pest im J. 1680 veranlaßte ihn, Jena auf einige Zeit zu verlassen, und seine Neigung für die morgenländischen Sprachen führte ihn nach Hamburg, wo er sich unter der Leitung des berühmten Talmudisten Esra Edzard, eines Schülers von Johann Buxtorf, ausschließlich dem Studium des Hebräischen und Chaldäischen widmete. Nach Jahresfrist in die von ihm geflohene Stadt zurückgekehrt, erlangte er die Magisterwürde und habilitirte sich 1683 in Jena, welche Universität er jedoch schon nach drei Jahren mit dem benachbarten Leipzig vertauschte. Hier schloß er sich an die Vertreter des Pietismus an, trat mit August Hermann Francke, dem bekannten Begründer des Halle'schen Waisenhauses, in nahe Beziehungen und lebte dann einige Zeit in Dresden in vertrautem Umgange mit Philipp Jacob Spener, dem anderen Haupte des deutschen Pietismus. Nachdem er, unterstützt durch ein Lübecker Stipendium, in Gemeinschaft mit seinem Freunde Francke noch den Unterricht des damals als Exegeten hochberühmten Kaspar|Hermann Sandhagen zu Lüneburg genossen hatte, erhielt H. im J. 1688 einen Ruf als Geheimsecretär des Herzogs Rudolf August von Braunschweig, der ihm auch die Aufsicht und Verwaltung der von ihm in Braunschweig und Hedwigsburg bei Wolfenbüttel gesammelten Privatbibliotheken übertrug. Schon nach zwei Jahren ward er durch die Gunst dieses gelehrten Fürsten, die ihm auch bis zu dessen Tode bewahrt blieb, an der Julius-Universität zu Helmstedt als Professor der orientalischen Sprachen angestellt, ward später Propst des benachbarten Klosters Marienberg und Oberbibliothekar der verschiedenen mit der Universität vereinigten Büchersammlungen. Hier in Helmstedt hat er als weitberühmter Lehrer und überaus fruchtbarer Schriftsteller eine vielseitige Thätigkeit entfaltet und durch diese nicht wenig zu der damaligen Blüthe der Universität beigetragen, auch dann noch, als er im J. 1727 wegen vorgerückten Alters seiner eigentlich akademischen Stellung enthoben ward. Sein Tod erfolgte zu Helmstedt am 28. Februar 1746. — H. gehörte zu den vielseitigst gebildeten Männern seiner Zeit, doch trägt seine Gelehrsamkeit nur allzusehr den Charakter der Polyhistorie, und er war daher keineswegs auf alle den Gebieten, auf denen er sich als Schriftsteller versuchte, gleichmäßig zu Hause. Seine Schriften sind ungemein zahlreich — ein mir vorliegendes Verzeichniß derselben zählt, abgesehen von den durch ihn hinterlassenen Manuscripten, weit über 200 auf — und sie erstrecken sich über eine große Anzahl von Disciplinen. Seine Hauptstärke lag auf dem Gebiete der orientalischen Philologie. Die von ihm herausgegebenen Grammatiken der hebräischen und der chaldäisch-syrischen Sprachen waren für jene Zeit musterhafte sprachliche Hülfsmittel und haben eine große Anzahl von Auflagen erlebt. Eine hervorragende Kenntniß besaß er im Rabbinischen und Talmudischen, aber seine Ansichten über die Verwandtschaft der Sprachen waren völlig confus und unrichtig: sie beruheten auf der irrigen Annahme, daß sämmtliche Sprachen des semitischen Stammes in dem Griechischen wurzelten und aus dieser Sprache abzuleiten seien. Eines nicht unbedeutenden Rufes erfreuete er sich auch als Exeget, obschon es ihm auf diesem Gebiete mehr auf frappante Einfälle und glänzende Combinationen als auf eine besonnene, sachgemäße Forschung ankam. Als Kirchenhistoriker hat er sich durch die Herausgabe seines großen Werkes über das Concilium zu Kostnitz ein bleibendes Verdienst erworben. Wunderlich und phantastisch, wie in seinen Büchern, ja selbst nicht ohne einen Anflug von Charlatanismus, war er auch in seinen Lebensgewohnheiten. Von seiner Geheimnißkrämerei und seinem absonderlichen, an das Närrische streifenden Wesen hat der ehrliche Uffenbach in seinen „Merkwürdigen Reisen“, in denen er übrigens der ausgebreiteten Gelehrsamkeit des Mannes die gebührende Anerkennung zollt, ein ergötzliches Bild entworfen.

  • Autor/in

    v. Heinemann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Heinemann, Otto von, "Hardt, Hermann van der" in: Allgemeine Deutsche Biographie 10 (1879), S. 595-596 unter Hardt [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118701568.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA