Lebensdaten
1723 bis 1801
Geburtsort
Straßburg
Sterbeort
Straßburg
Beruf/Funktion
Historiker
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 117215686 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lorenz, Johann Michael
  • Lorentz, Jean Michel
  • Lorentz, Johan Michael
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Quellen(nachweise)

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Zitierweise

Lorenz, Johann Michael, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117215686.html [18.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Michael (1692–1752), Dr. theol., Pfarrer, Prof. d. Theol. in St., S d. Joh. Michael, Gen.-sekr. d. 15er Rats, u. d. Margarete Deckherr;
    M Anna Maria (1697–1773), T d. Sigismund Hempel (1645–1710), hanau-lichtenberg. Hofprediger in Bischweiler, u. d. Anna Cleopha Sebitz;
    B Friedrich Sigismund (1727–83), Prof. d. Theol. in St.;
    - Straßburg 1760 Christine Salome, Wwe d. Philipp Heinrich Boecler (1718–59), Prof. d. Med. in St. (s. BLÄ), T d. Buchhändlers Joh. Beck in St. u. d. Maria Salome Frantz; kinderlos.

  • Leben

    L. begann schon 1736 das Studium der Geschichte und Rechtswissenschaft an der Univ. Straßburg, wo er 1748 bei Joh. Gg. Scherz seine Dissertation „De antiquo coronae Galliae et Carolingorum Franciae regum in regnum Lothringiae jure“ verteidigte. Auf Empfehlung seines Lehrers Joh. Daniel Schöpflin wurde er im Okt. 1749 Hofmeister der beiden Söhne Karls von Nassau-Usingen (Karl Wilhelm, Friedrich August), die er für 3 Jahre an die Univ. Utrecht begleitete. Nach der Rückkehr an den Hof in Biebrich erhielt L. einen Ruf nach Straßburg als ao. Professor der Geschichte. Ehe er im Sommer 1753|diese Stelle antrat, unternahm er mit den beiden Usinger Prinzen 1752/53 eine Bildungsreise durch Frankreich und pflegte in Paris Kontakte zu führenden Gelehrten. Die Wahrnehmung der historischen Pflichtvorlesungen an der Univ. Straßburg durch L. erlaubte Schöpflin den Ausbau der Straßburger Diplomatenschule und den Abschluß der „Alsatia Illustrata“. 1755/56 übernahm L. noch die Professur für Rhetorik und hielt in dieser Funktion seit 1761 die jährliche Festansprache der Universität zu Ehren des franz. Königs; seit 1758 leitete er auch die Universitätsbibliothek. Nach dem Tode Schöpflins 1771 wurde L. o. Professor der Geschichte und führte zusammen mit Ch. W. Koch und J. J. Oberlin das von Schöpflin begründete, auch mit der Straßburger Diplomatenschule in Verbindung stehende breite Lehrprogramm der historischen Disziplinen fort. 1781 hielt er im Namen der Universität die Festrede zur 100-Jahr-Feier der Angliederung Straßburgs an Frankreich. Wie die anderen Professoren Straßburgs begrüßte er die 1789 mit der Revolution eintretenden Veränderungen, auch weil sie die Lage der Protestanten in Frankreich normalisierten. Mit anderen Straßburger Professoren fiel er während der Terrorherrschaft in Ungnade und wurde 1794 inhaftiert, da er in seiner Funktion als Festredner der Universität vor 1789 ein „Lobredner der Tyranney“ gewesen sei. Er kam nach dem Sturz Robespierres wieder frei und widmete sich fortan ganz seinen Werken.

    L. hat im Winterhalbjahr 1753/54 Voltaire bei der Erstellung der „Annales de l'Empire“ assistiert. Er gab zahlreiche lateinisch geschriebene Lehr- und Handbücher sowie Abhandlungen zur mittelalterlichen Geschichte heraus, hat sich mit der Straßburger Stadtgeschichte befaßt und auch einige theologische Abhandlungen geschrieben. Heute ist von seinen Werken vor allem die vierbändige „Summa historiae Gallo Francicae …“ (1790-93) von Interesse, da sie auch die Franz. Revolution einbezieht und somit zu den ersten zeitgenössischen Revolutionsdarstellungen zählt. – L. war fest in der luth. Tradition seiner Familie verwurzelt und sah im Rationalismus eine Gefahr für die Kirche. Gegenüber Kardinal Garampi, den er seit 1762 kannte, sprach er sich 1785 für eine Annäherung der Konfessionen aus.

  • Werke

    Weitere W u. a. De successione in illustriora feuda Franciae, Germaniae, Italiae, 1748;
    Epitome rerum Galliarum, 1762;
    Tabulae temporum fatorumque Germaniae, 1762;
    Elementa historiae universae usibus auditorum, 1772;
    Annales breves regum Merovaerum, 1773;
    Elementae historiae Germaniae, 1776;
    Urbis Argentorati brevis historia, 1789;
    Annales Paulini, 1769;
    Acta Trudperti martyris, 1777.

  • Literatur

    ADB 19;
    Sitzmann II, S. 194 f.;
    A.-L. Salomon, Jean-Michel L. 1723-1801, in: Revue d'Alsace 71, 1924, S. 444-67 (Biogr.), 72, 1925, S. 48-61, 143-52, 247-61, 324-49, 431-47 (Auszüge aus L.s Briefen aus d. Gefangenschaft 1794);
    J. Voss, Universität, Gesch.wiss. u. Diplomatie im Za. d. Aufklärung: Joh. Daniel Schöpflin (1694–1771), 1979. - Zur Fam.:
    M.-J. Bopp, Die ev. Geistlichen u. Theologen in Elsaß u. Lothringen, 3 Bde., 1959 ff.

  • Autor/in

    Jürgen Voss
  • Empfohlene Zitierweise

    Voss, Jürgen, "Lorenz, Johann Michael" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 177-178 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117215686.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Lorenz: Johann Michael L., Professor der Geschichte und Beredtsamkeit an der Universität Straßburg. Ueber seine äußeren Lebensumstände liegt nur eine biographische Notiz seines Collegen Oberlin vor in dem Magasin encyclopédique VIIe année, t. 6 p. 220 ss. (Paris 1801), deren Angaben leider nicht durchweg den Eindruck der Zuverlässigkeit machen. Danach wurde er 1723 in Straßburg als Sprößling einer angesehenen Familie geboren, erhielt an dem dortigen Gymnasium seine erste Bildung und bezog schon mit 12 Jahren die Universität. Er winde hier besonders von den Vorträgen Schöpflin's gefesselt, welche er acht Jahre lang besucht haben soll. Schöpflin habe ihm dann auch die Unterweisung verschiedener vornehmer junger Herren verschafft, welche ja damals Straßburg besonders gern besuchten. 1748 vertheidigte er unter dem Vorsitz von Scherz seine Dissertation „De antiquo coronae Gallicae et Carolingorum Franciae regum in regnum Lotharingiae jure“. 1749 wurde er auf Schöpflin's Empfehlung zum Hofmeister der Prinzen von Nassau-Usingen gewählt, mit welchen er fast drei Jahre die Universität Utrecht besuchte. Da er noch in dieser Stellung war, wurde er 1752 zum außerordentlichen Professor der Geschichte an seiner heimischen Universität gewählt, besuchte aber mit seinen Zöglingen noch Paris und trat erst im Sommer 1753 seine Professur an. Schon 1754 ernannte man ihn zum Professor der Beredtsamkeit. Seitdem verband er Vorlesungen über lateinischen Stil mit denen über alle Theile der Geschichte. Nach Schöpflin's Tode im J. 1771 übernahm er die ordentliche Professur der Geschichte. Schon vorher war er zum Stiftsherrn bei St. Thomas und zum Bibliothekar der Universität ernannt worden. Er starb am 2. April 1801. Seine meisten historischen Publicationen ("Epitome rerum Gallicarum", 1762; „Tabulae temporum fatorumque orbis terrae", 1762: „Tabulas temporum fatorumque Germaniae", 1763; „Elementa historiae universae", 1772; „Annales breves regum Merovaeorum", 1773; „Elementa historiae Gernianicae“, 1776; „Urbis Argentorati brevis historia“, 1789) tragen den Charakter von Lehrbüchern, welche eine eigenthümliche Neigung zu trockener Schematisirung verrathen. Am deutlichsten tritt seine Art wol in dem umfassendsten seiner Werke hervor, der vierbändigen „Summa historiae Gallo-Francicae, civilis et Sacrae“, welche er 1790|bis 1793 herausgab. Er verwendet da z. B. 87 Seiten auf die Regierung Franz I., gibt aber, da er Alles unter höchst complicirten Formeln rubricirt, nicht einen zusammenhängenden Sah, schreibt nichts als eine den Leser förmlich erdrückende Fülle zerrissener Einzelnheiten. Mit großer Sorgfalt ist er bemüht jedes Datum quellenmäßig zu belegen; da er aber jeden Vorgang in seine kleinsten Glieder zerlegt, so führt das zu endlosen Wiederholungen. Man kann kein frappanteres Gegenstück zu dieser ganz äußerlichen Schematistrung finden als Spittler's Entwurf der europäischen Staatengeschichte, welcher fast gleichzeitig erschien. Die Straßburger Universitätsbibliothek besitzt die französische Uebersetzung einer von L. im lateinischen Manuscript hinterlassenen Geschichte Straßburgs bis zum J. 1800, worin eine gewisse fortlaufende Erzählung versucht wird. Aber auch hier zerbröckelt Alles in zusammenhanglose und überdies schlecht geordnete Details, welche auch nicht die schwächste Vorstellung von dem historischen Leben der Stadt erwecken. — L. hat auch einige theologische Schriften veröffentlicht, unter welchen die „Annales Paulini“ (1769) die meiste Anerkennung gefunden haben. — Noch ein Umstand verdient erwähnt zu werden. Schon in seiner ersten Schrift suchte L. gegen die damaligen deutschen Publicisten das alte Recht Frankreichs auf Lothringen nachzuweisen. Mit höchst überraschender Stärke tritt aber der französische Standpunkt in einer Rede hervor, welche L. am 29. September 1781 vor den versammelten Ständen zur Feier des 100jährigen Jubiläums der „Wiedervereinigung“ Straßburgs mit Frankreich hielt und in welcher er seinem „Jubelgefühl" einen geradezu überschwänglichen Ausdruck gab. „So kam endlich“, heißt es unter Anderem, „die verlohrene Tochter in die offenen Arme der Mutter zurück. So ward aller Furcht, Angst, Noth, allem hundert-, vielhundertjährigen Elend und Jammer auf einen Tag, in einer Stunde ein ewiges Ziel gesetzet.“ Keiner von den vielen Rednern jener Tage ist gegen die deutsche Vergangenheit der Stadt so maßlos ungerecht gewesen. Da L. viele Jahre hindurch der officielle Festredner der Universität war, so kann der Einfluß derartiger Anschauungen nicht gering gewesen sein.

  • Autor/in

    Baumgarten.
  • Empfohlene Zitierweise

    Baumgarten, Hermann, "Lorenz, Johann Michael" in: Allgemeine Deutsche Biographie 19 (1884), S. 179-180 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117215686.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA