Lebensdaten
1874 bis 1952
Geburtsort
Mies (Střibro, Böhmen)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Offizier ; Unternehmensleiter ; Politiker ; österreichischer Bundeskanzler ; Publizist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 115710906 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Streer Ritter von Streeruwitz, Ernst
  • Streeruwitz, Ernst (seit 1919)
  • streeruwitz, ernst
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Zitierweise

Streeruwitz, Ernst (seit 1919), Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd115710906.html [14.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus böhm. Adelsfam.;
    V Adolf Streer Rr. v. S. (1828–90), aus M., Postmeister, 1864–90 Bgm. v. M., dt.lib. Abg. d. Reichsrats f. d. Bez. Mies, Tuschkau, Bischofteinitz, Hostau, Ronsperg, Pfraumberg, Taus u. Neugedein, u. d. LT in M., Ehrenbürger v. M. (s. Wurzbach; Egerländer Biogr. Lex.);
    M Anna Czerny;
    1) 1901 Christine Strobl († 1933), 2) 1938 Grete Winter (1904–2003), Dr.;
    3 S aus 1) u. a. Fritz (1903–62), Dipl.-Ing., 1951 Betriebsleiter d. Dynamit-Nobel-Werke in W., Werk St. Lambrecht (s. Egerländer Biogr. Lex.), 1 T aus 1), 1 S aus 2); Verwandte Franz Streer (1753–1832), Bgm. v. M., Johann Karl Streer Rr. v. S. (1831–1903), k. u. k. Oberst, Art.dir. d. Festung Josefstadt, Art.brigadier b. Mil.kommando in Zara, Hans Streer Rr. v. S. (1856-n. 1936), Erbpostmeister, 1898–1919 Bgm. v. M., 1907 Ehrenbürger ebd. (alle s. Egerländer Biogr. Lex.).

  • Leben

    S. trat 1884 als Stipendiat ins Gymnasium in Mies ein (Matura 1892), absolvierte die Theresianische Militärakademie in Wiener Neustadt und diente seit 1895 als Leutnant beim Dragoner-Regiment „Herzog von Lothringen“ in Lissa/Elbe. Dort freundete er sich mit dem Industriellen Friedrich v. Leitenberger (1862–1904) an. S. besuchte die Brigade-Offiziersschule in Klattau, wurde 1899 zur Generalstabsausbildung nach Wien versetzt und schied 1901 aus Gesundheitsgründen aus dem aktiven Militärdienst aus.|Nach staatswiss. Studien an der TH Wien und an der Univ. Wien stellte ihn sein Freund Leitenberger 1901 als Assistent für technische Fragen an und schickte ihn auf eine einjährige Studienreise zu Industriebetrieben in mehreren europ. Ländern. 1902 wurde S. generalbevollmächtigter Betriebsleiter der Kattundruckerei Leitenberger in Cosmanos, Josefstal (Böhmen), die er erfolgreich reorganisierte. Nach dem Tod Leitenbergers 1904 wurde die Firma in eine AG unter Führung der Wiener Boden-Credit-Anstalt umgewandelt, S. blieb Direktor, wurde 1913 in die Wiener Unternehmenszentrale versetzt und wechselte 1914 als Direktor zur Neunkirchner Druckfabrik AG (Textildruck) in Niederösterreich. Bei Kriegsausbruch 1914 meldete er sich freiwillig (Kriegsdienst bis 1918). 1918 nahm S. die österr. Staatsbürgerschaft an und leitete seit Ende 1918 wieder die Neunkirchner Druckfabrik.

    Seine politische Tätigkeit begann in der Nachkriegszeit, als er sich einen ausgezeichneten Ruf als Verhandler mit dem Betriebsrat und den sozialdemokratischen Arbeitnehmervertretern erwarb und zahlreiche Arbeitskonflikte entschärfte. Auf Vorschlag des Präsidenten des Hauptverbandes der Industrie, Ludwig Urban, wurde S. zum Obmann des Arbeitgeberverbands der Textilindustrie gewählt. Gewalttätige Ausschreitungen nach einer Demonstration von Metallarbeitern aus Wien-Floridsdorf am 1. 12. 1921 bewogen S., die antidemokratische Heimwehrbewegung zu fördern, zugleich arbeitete er jedoch als sachkundiger Mandatar in demokratischen Institutionen: 1923–33 war S. Abgeordneter im österr. Nationalrat, nominiert von Ignaz Seipel (1876–1932) als Vertreter der Industrie in der Christlichsozialen Partei. S. war Mitglied im Verkehrsausschuß und in der parlamentarischen Bankenkommission, ferner Aufsichtsrat bei der Niederösterr. Landeshypothekenanstalt und der Burgenländ. Hypothekenanstalt. 1928 gründete S. das „Österr. Kuratorium für Wirtschaftlichkeit“, dessen geschäftsführender Vorsitzender er bis 1938 blieb. Nach dem überraschenden Rücktritt Seipels wurde S. zum Bundeskanzler der Republik Österreich bestellt (4. 5.– 26. 9. 1929). Die Koalitionsregierung bestand aus Parteigängern der Christlichsozialen, der Großdeutschen und des Landbundes. S.s Amtszeit war geprägt von innenpolitischen Kämpfen wie dem schweren Zusammenstoß zwischen Heimwehren und dem sozialdemokratischen Schutzbund in St. Lorenzen (Steiermark) mit zahlreichen Toten und Verletzten. Nachdem sich der Landbund von der Regierungsvorlage zur Verfassungsreform, die eine Stärkung des Präsidenten herbeiführen wollte, im letzten Moment distanziert hatte, demissionierte S. Die Verfassungsreform kam im Dez. 1929 unter seinem Nachfolger Johannes Schober (1874–1932) zustande. S.s politischer Einfluß ging nach dem Ende seiner Kanzlerschaft zurück. Nach dem Ausscheiden aus der Politik studierte er in Wien Staatswissenschaften (Dr. rer. pol. 1939) und lebte dort als Privatmann.

  • Auszeichnungen

    A Vizepräs. (1927–30, ruhend während d. Kanzlerschaft 1929) u. Präs. (1930–35) d. Wiener Handelskammer; Mitgl. d. internat. Handelskammer in Paris (1934).

  • Werke

    Planwirtsch. als Mittel z. Überwindung d. Weltkrise, 1925;
    Weltwirtsch. u. Handelspol., 1925;
    Ordnung u. Aufbau d. Weltwirtsch., 1931;
    Polit. u. wirtschaftl. Probleme d. Gegenwart, Referat, 1933;
    Wie es war, Erinnerungen u. Erlebnisse e. alten Österreichers, 1934;
    Die Friedenssicherung u. ihre Methoden, 1935;
    Springflut über Österr., Erinnerungen, Erlebnisse u. Gedanken aus bewegter Zeit, 1914–1929, 1937;
    Österr. Wirtsch.struktur, 1937;
    zahlr. Publl. in Tagesztgg., u. a. Neue Freie Presse;
    Neues Wiener Tagbl.;
    Reichspost sowie in ausländ. Ztgg., u. a.: Unternehmensgewinn, Arb.lohn u. staatl. Aufgaben, in: Neue Freie Presse v. 8. 12. 1921;
    Das Existenzproblem f. Österr., in: Reichspost v. 24. 12. 1924;
    Der unverbietbare Anschluß, in: Neues Wiener Journal v. 22. 8. 1928;
    Demokratie u. autoritäres Regime, in: NZZ v. 31. 1. 1934.

  • Literatur

    W. Dallamaßl, Seipels Rücktritt u. d. Reg. S., Diss. Wien 1964;
    W. Baril, E. v. S., Ein österr. Pol. d. Ersten Rep., Diss. Wien 1965;
    I. Ackerl, in: F. Weissensteiner u. E. Weinzierl (Hg.), Die österr. Bundeskanzler, 1983, S. 132–46;
    G. Enderle-Burcel (Hg.), Protokolle d. Min.rates d. 1. Rep. 6/1, Kab. E. S., 4. Mai 1929 bis 26. Sept. 1929, Kab. Dr. Johannes Schober, 26. Sept. 1929 bis 29. Nov. 1929, bearb. v. E. Dorner-Brader, 1988;
    NÖB 17;
    Hist. Lex. Wien;
    Österr. Personenlex.;
    Personenlex. Österr.

  • Portraits

    Foto (Wien, Österr. Nat.bibl., Bildarchiv).

  • Autor/in

    Georg Rigele
  • Empfohlene Zitierweise

    Rigele, Georg, "Streeruwitz, Ernst/seit 1919" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 526-527 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd115710906.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA