Lebensdaten
1679 bis 1751
Geburtsort
Immensen bei Lehrte
Sterbeort
Wolfenbüttel
Beruf/Funktion
Musiktheoretiker ; Kantor ; Musiksammler ; Komponist
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 123286484 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Bokemeyer, Heinrich
  • Bockemeier, Heinrich
  • Bockemeyer, Heinrich
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Zitierweise

Bokemeyer, Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd123286484.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Andreas, Leineweber in Immensen;
    Braunschweig 1704 Anna Sophia ( 1751), T des Braunschweiger Hutmachers Paul Traussels; 2 T (mit Kantoren verheiratet).

  • Leben

    B. studierte 1702-04 an der Universität Helmstedt, war bereits 1704 Kantor der St. Martinskirche in Braunschweig, nahm aber noch jahrelang bei dem Wolfenbütteler Kapellmeister und Schloßkantor Georg Oesterreich Unterricht „in der musicalischen Composition“. 1712-17 Kantor in Husum (Schleswig), wurde er sodann stellvertretender, ab 1720 hauptamtlicher Kantor der Fürstlichen Schule zu Wolfenbüttel. Als trefflicher Kirchenkomponist und „fertiger Poet“ geschätzt, verdankt "der berühmte Wolfenbüttelsche Kantor“ seinen Ruf vor allem seiner musikalischen Gelehrsamkeit. Der vielbegehrte Lehrer im strengen Satz, einer der letzten Verteidiger der kontrapunktischen Schreibweise, führte 1723 mit dem Hamburger Musikpapst Johann Mattheson, dem Vorkämpfer des neuen „galanten Stils“, einen viel beachteten, von Mattheson veröffentlichten Briefwechsel über den Wert der kontrapunktischen Künste, insbesondere der Canones gegenüber der neumodischen melodischen „Firlefanzkrämerey“. 1739 in Mizlers „Musikalische Gesellschaft“ aufgenommen, stand B. mit den führenden Musikschriftstellern seiner Zeit, mit Johann Adolf Scheibe, Lorenz Christ. Mizler, Jac. Adlung, Johann G. Walther in regem Gedankenaustausch und war vor allem letzterem ein unermüdlicher und uneigennütziger Freund und Helfer bei der Arbeit am Lexikon. Sein musikalisches Wirken blieb auf seine Zeit beschränkt, ein unvergängliches Verdienst aber erwarb er sich durch den lebenslangen, rastlosen Sammeleifer, mit dem er eine riesenhafte Bibliothek wertvoller Kirchenwerke des 17. und 18. Jahrhunderts zusammenbrachte, die 1846 vom „Institut für Kirchenmusik“ der damaligen Königlichen Bibliothek Berlin unter der Bezeichnung „B.-Sammlung“ überwiesen wurde. Sie umfaßt ca. 150 Bände mit je 30-40, zum größten Teil von B. selbst (!) kopierten oder spartierten Einzelwerken von ca. 130 Komponisten, ein einzigartiges, bewegendes Zeugnis entsagungsvollen Forscherfleißes und selbstloser Kunstbegeisterung, das den Namen des „gelehrten Kantors“ in der deutschen Musikwissenschaft lebendig erhalten wird. Allein der glücklichen Fügung, daß ihre Werke als Unica der B.-Sammlung auf uns gekommen sind, verdanken wir die Kenntnis so bedeutender Barockmeister wie Nik. Bruhns, Vinc. Lübeck, N. A. Strungk, Mathias Weckmann und vieler anderer. Ein Gesamtkatalog dieser unschätzbaren, noch lange nicht wissenschaftlich ausgeschöpften Quelle ist in Bälde von Harald Kümmerling zu erwarten.

  • Werke

    (alle hs. W in d. öffentl. wiss. Bibl. Berlin): Cantata „Me miserum“ f. Solotenor, 2 Oboen u. Continuo;
    Die kanon. Anatomie, in: Matthesons Critica Musica, Bd. 1. 1723;
    Der Musicalische Vorhof, d. i. Herrn H. B.s Versuch v. d. Melodica, ebenda, Bd. 2;
    s. a. MGG.

  • Literatur

    ADB III;
    J. G. Walther, Musikal. Lex., Dresden 1732;
    J. Ch. Dommerich, Memoria H. Bokemeieri…, Braunschweig 1752;
    A. Solty, G. Oesterreich (1664–1735), sein Leben u. seine Werke, in: Archiv f. Musikwiss., Jg. 4, 1922;
    G. Schünemann, J. G. Walther u. H. B., in: Bachjb., 1933 (Walthers Briefe an B.);
    F. Stein, in: MGG (W, L).

  • Autor/in

    Fritz Stein
  • Empfohlene Zitierweise

    Stein, Fritz, "Bokemeyer, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 428 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd123286484.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Bokemeyer: Heinrich B., gelehrter Cantor zu Wolfenbüttel, geb. März 1679 zu Immensen im Cellischen. Nach empfangener wissenschaftlicher Vorbildung auf verschiedenen Schulen bezog er 1702 die Akademie Helmstädt, wurde 1704 Cantor an St. Martin zu Braunschweig, 1712 zu Husum in Schleswig, 1720 zu Wolfenbüttel und starb daselbst 7. Dec. 1751. Als Musikschriftsteller ist er bekannt durch seinen Streit mit Mattheson über die Frage, ob der canonischen Kunst oder der Melodie der Vorrang gebühre, wozu Mattheson's Bemerkung 2. Orch. 139, daß der Nutzen der Canons sehr gering sei, Veranlassung gab. Anfangs stand B. auf Seiten des Canons, ließ sich durch Mattheson aber nach und nach für die Melodie gewinnen; auch sollen die Ergebnisse dieser von beiden Seiten mit Gründlichkeit und Scharfsinn geführten Untersuchungen, welche man bei Mattheson Crit. Mus. I. 237, 257, II. 291 ff. findet, auf Bokemeyer's Compositionen Einfluß geübt und ihren Stil biegsamer, leichter und angenehmer gemacht haben. Doch sind sie unbekannt geblieben, und nur eine 1736 dem Consistorium von ihm überreichte Schrift über die Eigenschaften eines guten Kirchenstiles ist bei Mitzler, Musikal. Bibl. II. abgedruckt. Seine 1724 von Wolfenbüttel aus in der Crit. Mus. II. 30 angekündigte „Neue Anleitung zum Singen für die tyrones Musices in 4 Theilen“ ist ebensowenig im Druck erschienen wie sein bei Mitzler a. a. O. I. Th. IV. 83 versprochener Tractat von der vernünftigen und wohlanständigen Silbendehnung. Auch hatte er 1725 Mattheson und Telemann zur Gründung einer musikalischen Gesellschaft aufgefordert (Crit. Mus. II. 254); Zweck derselben sollte sein „die gründliche Untersuchung aller zur Musik gehörigen Theile, um in derselben rechte dauerhafte und deutliche Anleitungen zum geschwinderen Begriffe und zur größeren Aufnahme der Musik zu finden“. Den Anfang sollten B., Mattheson und Telemann machen, andere gelehrte Musiker würden nach Befinden schon hinzutreten. Jedes Mitglied sollte einen Gesellschaftsnamen führen, Telemann etwa der Beschäftigte, Mattheson der Beurtheilende, B. selbst der Grundlegende heißen etc. Zur Ausführung kam dieser Plan erst 1738 durch Mitzler in Leipzig, doch war B. noch eins der ersten Gesellschaftsmitglieder.

  • Autor/in

    v. Dommer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Dommer, Arrey von, "Bokemeyer, Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 3 (1876), S. 93-94 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd123286484.html#adbcontent

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