Lebensdaten
1911 bis 2001
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Genf
Beruf/Funktion
jüdischer Funktionär
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 122210697 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Riegner, Gerhart M.
  • Riegner, Gerhardt M.
  • Riegner, Gerhart Moritz

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Zitierweise

Riegner, Gerhart M., Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd122210697.html [20.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Heinrich, RA u. Notar in B. (assoziiert mit Kurt Rosenfeld, 1877–1943, RA u. Sozialist. Pol., preuß. Justizmin.), Kammervorstandsmitgl., emigierte 1937 mit Frau u. Töchtern in d. Niederlande, 1938 in d. USA, S d. N. N. ( 1911), aus Namslau (Niederschlesien), Getreidehändler (assoziiert mit Leopold Preuß, 1827–1905, Stief-V d. Hugo Preuß, 1860–1925, Jur., Pol. s. NDB 20), u. d. N. N., aus Neu-Brandenburg;
    M Agnes, Volksschullehrerin, Mitgl. d. Zentralkomitees d. DDP, T d. Max Arnheim, aus Magdeburg, Kaufm., u. d. N. N. Lewandowski, aus Halle;
    Ur-Gvm Jacob Lewandowski, Vorbeter in d. Synagoge, B d. Louis Lewandowski (1821–94), Komp. u. Chorleiter d. Gr. Synagoge in B., reformierte d. jüd. Synagogengesang (s. Riemann mit Erg.bd.; Enc. Jud. 1971);
    Gr-Om Alfred Lewandowski (1864–1931), Prof. f. innere Med., Doz. an d. Univ. Berlin (s. Kürschner, Gel.-Kal. 1931); Gr-Tante-m Martha Lewandowski ( 1942, Hermann Cohen, 1842–1918, o. Prof. d. Phil. in Marburg, s. NDB III), Pianistin;
    Tante-m N. N. ( N. N. Goldschmidt, RA. dann im preuß. Justizmin., als RA assoziiert mit SPD-RT-Abg. Oscar Cohn, 1869–1934);
    2 Schw, u. a. Helen Kauder (* 1909), Ph. D., bis 1938 Lehrerin in Frankfurt/M.; – ledig.

  • Leben

    Aus einem linksliberalen jüd. Elternhaus stammend, zu dessen Freundeskreis Hermann Cohen, Franz Rosenzweig und Max Liebermann zählten, studierte R. 1929-33 Rechtswissenschaft in Freiburg (Br.), Berlin und Heidelberg. Am 1.4.1933 als Referendar am Amtsgericht Wedding suspendiert, setzte er in Paris (Sorbonne) sowie 1934-36 in Genf (Inst. des Hautes Études Internat.) und Den Haag (Ak. f. Völkerrecht) seine Studien fort. 1936-39 war er Sekretär, 1939-48 Leiter der Genfer Geschäftsstelle des Jüd. Weltkongresses (World Jewish Congress – WJC). Zu R.s Aufgaben gehörten Fragen des Minderheitenschutzes und der Flüchtlingshilfe sowie besonders Rettungsaktionen für bedrohte Juden. Bereits im Okt. 1941 berichtete er Nahum Goldmann vom WJC in New York über die Ermordung von Juden an der dt. Ostfront. Im März 1942 baten er und Richard Lichtheim (1885–1963) den Vatikan über Nuntius Filippe Bernardini (Bern) um Hilfe für die Juden in der Slowakei, Ungarn und Kroatien. Ende Juli 1942 informierte Eduard Schulte (1891–1966), Generaldirektor des Bergbau-Unternehmens „Georg v. Giesches Erben“ (Breslau) den jüd. Anlageberater Isidor Koppelmann (Basel) sowie den Leiter der „Jüd. Nachrichten“ in Zürich, Benjamin Sagalowitz (1901–70), über die geplante „Endlösung der Judenfrage“. Diese gaben die Information an R. weiter, der sich seinerseits am 8.8.1942 in einem berühmt gewordenen Telegramm an die Regierungen und jüd. Organisationen in den USA und Großbritannien wandte. Diese erste fundierte Information über die Massentötung von Juden in Osteuropa wurde teils als unglaubwürdig angesehen, teils bewußt unterdrückt. Stephen Wise, der Präsident des WJC, der erst durch den brit. Parlamentsabgeordneten Sidney Silverman von ihr erfuhr, gab das „Riegner-Telegramm“ am 24. November an die Presse weiter. Erst jetzt wurde es Präsident Roosevelt vorgelegt, der am 8. Dezember eine jüd. Delegation unter Leitung von Wise empfing. Dies führte zu der Erklärung vom 17.12.1942, in der die Alliierten den Massenmord an den Juden verurteilten. Im Mai 1943 nahm der amerik. Geheimdienst Kontakt zu Schulte auf. Die Bermuda-Konferenz (For the Rescue of Jews from Nazi-Occupied Europe) vom selben Monat ließ es dennoch mit der verbalen Verurteilung bewenden. Erst die persönliche Intervention Henry Morgenthaus bei Roosevelt vom 16.1.1944 führte zur Bildung des „War Refugee Board“, so daß ca. eine halbe Mio. Juden gerettet werden konnten. R.s Vorschlag vom April 1944, Auschwitz und die Bahnverbindungen dorthin zu bombardieren, wurde hingegen abgelehnt.

    1948-65 Mitglied des Exekutivausschusses des WJC und 1965-83 dessen Generalsekretär, war R. dank dieser Funktionen Mitglied verschiedener intemat. Organisationen (UNO: 1953-55 Vors., dann Schatzmeister d. Conference of Non-Governmental Organisations, 1956-58 Vors. d. Non-Governmental Organisation in Consultative Status with UNESCO; IRK; Internat. Refugee Organisation). Er nahm an der Pariser Friedenskonferenz teil und war an der Vorbereitung der im Dez. 1948 von der UNO verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beteiligt. Mitgründer des International Committee for Interreligious Consultations, förderte er die Zusammenarbeit zwischen den Juden und dem Weltkirchenrat sowie der kath. Kirche. Er arbeitete eng mit Kardinal Augustin Bea zusammen, der im Okt. 1965 die Erklärung „Nostra Aetate“ im II. Vaticanum durchsetzte, durch die die Beziehungen der kath. Kirche zum Judentum neu definiert wurden, und setzte sich für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und dem Hl. Stuhl 1993 ein. Wiederholt mahnte er eine Auseinandersetzung der Schweizer mit ihrer Haltung während des Kriegs an und begrüßte daher die im Dez. 1996 eingesetzte „Bergier-Kommission“.|

  • Auszeichnungen

    Offz. d. franz. Ehrenlegion (1987); Dr. phil. h. c. (Luzern 2001).

  • Werke

    Report on the Development of the Organizational Activities of the World Jewish Congress 1961-|64, 1964;
    Ne jamais désespérer, 1998 (s. hierzu: FAZ v. 1.12.1999, u. Aufbau, 2001, P), dt. Übers. u. d. T.: Niemals verzweifeln, Sechzig J. f. d. jüd. Volk u. d. Menschenrechte, 2001 (P);
    Riegner Telegram, in: The Holocaust Enc., hg. v. W. Laqueur, 2001, S. 562-67.

  • Literatur

    A. Morse, While Six Millions Died, 1967;
    W. Laqueur u. R. Breitmann, Breaking the Silence, The German Who Exposed the Final Solution, 1986 (P), dt. Übers. u. d. T. Der Mann, der d. Schweigen brach, Wie d. Welt v. Holocaust erfuhr, 1986, 21987;
    W. Treue, Eduard Schulte, in: ZUG 33, 1988, S. 118-21;
    „Es fehlte d. Wille z. Retten“, in: Der Spiegel 44, 2001 (Interview);
    FAZ v. 12.9. u. 5.12.2001;
    NZZ v. 5.12.2001 u. v. 12.2.2002;
    Die Schweiz, der NS u. d. Zweite Weltkrieg, Schlußber., hg. v. d. Unabhängigen Expertenkomm. Schweiz – Zweiter Weltkrieg, 2002;
    BHdE I;
    BBKL 20, Erg.bd. VII.

  • Autor/in

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Riegner, Gerhart M." in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 585-586 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd122210697.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA