Fürth, Henriette
- Lebensdaten
- 1861–1938
- Geburtsort
- Gießen
- Sterbeort
- Bad Ems
- Beruf/Funktion
- Frauenrechtlerin ; Publizistin ; Schriftstellerin ; Politikerin ; Sozialdemokratin ; Feministin ; Soziologin
- Konfession
- jüdisch
- Normdaten
- GND: 119372622 | OGND | VIAF: 62357056
- Namensvarianten
-
- Katzenstein, Henriette / geborene
- Stein, Gertrud / Pseudonym
- Fürth, Henriette
- Katzenstein, Henriette / geborene
- Stein, Gertrud / Pseudonym
- Fuerth, Henriette
- Stein, G.
- Stein, Gertrud
- Katzenstein, Henriette
- b7
- b8
- Catzenstein, Henriette / geborene
- Catzenstein, Henriette
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Fürth, Henriette (geborene Henriette Katzenstein)
Pseudonym: Gertrud Stein
1861 – 1938
Frauenrechtlerin, Publizistin
Henriette Fürth setzte sich seit den späten 1880er Jahren publizistisch für Wohlfahrtspflege sowie besseren Rechtsschutz für Arbeiterinnen, Mütter und Kinder ein. Darüber hinaus trat sie mit viel beachteten sozialwissenschaftlichen Arbeiten hervor und engagierte sich führend in der jüdischen Frauenbewegung. Infolge der nationalsozialistischen Machtübernahme verlor sie 1933 sämtliche Ämter.
Lebensdaten
Henriette Fürth (InC) -
Autor/in
→Kerstin Wolff (Kassel)
-
Zitierweise
Wolff, Kerstin, „Fürth, Henriette“ in: NDB-online, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd119372622.html#dbocontent
Fürth wuchs in einem wohlhabenden, der Sozialdemokratie nahestehenden Elternhaus in Gießen auf, wo sie bis 1877 eine Höhere Mädchenschule besuchte, auf der sie antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt war. Seit Herbst 1877 besuchte sie die Elisabethenschule in Frankfurt am Main, um Lehrerin zu werden, brach die Ausbildung jedoch nach einem halben Jahr ab. Nach ihrer Heirat 1880 lebte Fürth in Darmstadt, seit 1885 in Frankfurt am Main. Auf Basis ihrer autodidaktischen Beschäftigung mit historisch-philosophischen und sozialpolitischen Fragen veröffentlichte sie seit 1888 anfangs unter Pseudonym u. a. in der „Frankfurter Zeitung“ und in Joseph Blochs (1871–1936) „Sozialistischen Monatsheften“ Artikel zu Fragen der Wohlfahrtspflege, der proletarischen Frauenarbeit, der Armenpflege und des Arbeitsschutzes.
Seit den späten 1880er Jahren engagierte sich Fürth in öffentlichen Versammlungen für Wohlfahrtspflege und wurde 1896 als einzige Frau Mitglied der Volkswirtschaftlichen Sektion des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt am Main. Im Rahmen eines von Max Flesch (1852–1943) geleiteten Forschungsprojekts über das Frankfurter Bekleidungsgewerbe verfasste sie eine kritische, empirische Studie zur „Frauenarbeit in der Herrenschneiderei“, die in dem Sammelband „Zur Lage der Arbeiter im Schneider- und Schuhmachergewerbe in Frankfurt a.M.“ (1897) abgedruckt wurde. Detaillierte Kenntnisse der Lebens- und Arbeitsverhältnisse von Arbeiterinnen erhielt Fürth auch als Vorsitzende der Frankfurter Rechtsschutzstelle für Frauen. 1897 trug sie durch einen Boykottaufruf an die Frankfurter Hausfrauen zum Erfolg des aufsehenerregenden Streiks der Wäschereiarbeiterinnen in Neu-Isenburg bei und erarbeitete bis 1902 die auf Berichten der Gewerbeinspektoren basierende Studie „Die Fabrikarbeit verheirateter Frauen“, die v. a. auf Seiten der Freien Gewerkschaften große Beachtung fand.
1893 zählte Fürth zu den Gründungsmitgliedern der Frankfurter Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und rief 1901 mit Bertha Pappenheim (1859–1936) den Verein Weibliche Fürsorge ins Leben, der unverheiratete Jüdinnen aus Osteuropa unterstützte und der Armutsprostitution entgegenwirkte. Innerhalb der deutschen Frauenbewegung wirkte Fürth als pragmatische Vermittlerin zwischen deren sozialistischen und bürgerlichen Flügeln und arbeitete trotz öffentlicher Differenzen auch mit Clara Zetkin (1857–1933), der Führerin der sozialistischen Frauenbewegung, zusammen.
Von 1897 bis zum Ersten Weltkrieg veröffentlichte Fürth über ein Dutzend Monografien, in denen sie sich v. a. mit Frauenerwerbsarbeit, Kinder- und Mutterschutz sowie der Stellung der Frauen in Familie und Gesellschaft beschäftigte. Seit 1897 sammelte sie am Beispiel ihres eigenen Haushalts Daten zu Ausgaben, Einkünften und Lebensverhältnissen einer mittelständischen Familie, die in ihr sozialwissenschaftliches Hauptwerk „Ein mittelbürgerliches Budget über einen zehnjährigen Zeitraum“ (1907) einflossen, das u. a. von dem SPD-Politiker Eduard Bernstein (1850–1932) und dem Ökonomen Lujo Brentano (1844–1931) hochgeschätzt wurde. In Anerkennung dieser Leistung wurde Fürth 1909 als erste Frau Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.
Fürth befürwortete 1914 den Ersten Weltkrieg, engagierte sich mit ihren Töchtern in dem von Gertrud Bäumer (1873–1954) und Hedwig Heyl (1850–1934) initiierten Nationalen Frauendienst, eröffnete im Oktober 1914 in Frankfurt am Main die reichsweit erste Kriegsküche und übernahm zudem Aufgaben in der Auskunftsstelle des städtischen Lebensmittelamts. In ihrer Schrift „Die deutschen Frauen im Kriege“ (1917) betonte sie die Bedeutung außerhäusiger Frauenarbeit, die gerade im Krieg ein entscheidender Faktor des gesamten Wirtschaftslebens sei.
Seit 1916 Mitglied der SPD, kandidierte Fürth 1919 nach der Einführung des Frauenwahlrechts erfolglos für die Weimarer Nationalversammlung, wurde aber im selben Jahr in die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung gewählt, in der sie bis 1924 in mehreren Ausschüssen mitarbeitete. Sie setzte sich besonders für die Gesundheitspolitik und das Schulwesen ein, interessierte sich aber auch für Finanzfragen. Parallel dazu engagierte sich Fürth im Institut für Gemeinwohl, beim Bund für Volksbildung sowie weiterhin in der Frauenbewegung, u. a. als Teilnehmerin an der Konferenz der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit in Frankfurt am Main (1929).
Unter dem Einfluss v. a. der Schriften des Soziologen Rudolf Goldscheid (1870–1931) widmete sich Fürth in ihren letzten beiden Monografien – „Das Bevölkerungsproblem in Deutschland“ (1925) und „Die Regelung der Nachkommenschaft als eugenisches Problem“ (1929) – dem Thema Bevölkerungspolitik. Sie verteidigte das weibliche Recht auf Selbstbestimmung und Berufstätigkeit, betonte aber zugleich die generativen Verpflichtungen gegenüber dem Staat. Neben sozialpolitischen Maßnahmen zum Schutz von Müttern und Kindern befürwortete Fürth die Einschränkung der Kinderzahl von „krankhaft Entarteten und Belasteten“ durch Empfängnisverhütung und schloss auch „rassenhygienische“ staatliche Eingriffe nicht aus, um die Fortpflanzung „minderwertiger“ Bevölkerungsgruppen zu verhindern.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Fürth 1933 aus allen Ämtern entlassen und verbrachte ihre letzten Lebensjahre bei ihrer Tochter Lore in Bad Ems.
| 1931 | Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main |
| 1931 | Ehrenurkunde der Universität Frankfurt am Main |
| 1961 | Gedenkfeier auf dem Jüdischen Friedhof der Stadt Frankfurt am Main |
| 1964 | Henriette-Fürth-Straße, Frankfurt am Main |
| 1979 | Henriette-Fürth-Straße, Gießen |
| seit 2004 | Verleihung des Henriette Fürth-Preises vom Gender- und Frauenforschungszentrum der Hessischen Hochschulen (jährlich) |
| 2005 | Gedenkstein, Frauen-Gedenk-Labyrinth, Frankfurt am Main |
| 2008 | Henriette-Fürth-Haus, Gießen |
Nachlass:
nicht bekannt.
Gedruckte Quelle:
Henriette Fürth, Streifzüge durch das Land eines Lebens. Autobiografie einer deutsch-jüdischen Soziologin, Sozialpolitikern und Frauenrechtlerin (1861–1938), hg. v. Monika Graulich, 2010.
Monografien:
Das Ziehkinderwesen in Frankfurt am Main und Umgebung, hg. v. d. Rechtsschutzstelle für Frauen, 1898.
Die Fabrikarbeit verheirateter Frauen, hg. v. Oscar Stillich u. d. Sozialwissenschaftlichen Verein, 1902.
Die geschlechtliche Aufklärung in Haus und Schule, 1903, 41904.
Kulturideale und Frauentum, 1906. (Onlineressource)
Weitere Beiträge zu Kinderarbeit und Kinderschutz, 1906.
Ein mittelbürgerliches Budget über einen zehnjährigen Zeitraum nebst Anhang „Die Verteuerung der Lebenshaltung im Lichte des Massenkonsums“, 1907.
Mutterschutz durch Mutterschaftsversicherung, 1907.
Die Prostitution. Ursachen und Wege zur Abhilfe, 1907.
Wohnbedarf und Kinderzahl. Beitrag zur Wohnungsfrage, zugleich Anregung für die Tätigkeit gemeinnütziger Bauvereine, 1907.
Die Berufstätigkeit des weiblichen Geschlechts und die Berufswahl der Mädchen. Mit Anhang: Wegweiser für die weibliche Jugend, 1908.
Das Geschlechtsproblem und die moderne Moral, 1908.
Die Mutterschaftsversicherung, 1911. (Onlineressource)
Ehe und Ehepflichten. Ein Wegweiser für Mütter und Töchter, 1911.
Vineta. Dichtungen, 1911.
Staat und Sittlichkeit, 1912.
Die Hausfrau. Eine Monographie, 1914.
Die soziale Bedeutung der Käufersitten, 1917.
Die deutschen Frauen im Kriege, 1917.
Die gesunkene Kaufkraft des Lohnes und ihre Wiederherstellung. Gemeinwirtschaftliche Förderung der Haushaltung und der Lebenskraft, 1919.
Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten als bevölkerungspolitisches, soziales, ethisches und gesetzgeberisches Problem, 1920.
Zur Sozialisierung der öffentlichen Wohlfahrtspflege. Rückschau und Ausblick, hg. v. Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, 1920.
Der Haushalt vor und nach dem Krieg. Dargestellt an Hand eines mittelbürgerlichen Budgets, 1922. (Onlineressource)
Das Bevölkerungsproblem in Deutschland, 1925. (Onlineressource)
Die Regelung der Nachkommenschaft als eugenisches Problem, 1929.
Monografien:
Angelika Epple, Henriette Fürth und die Frauenbewegung im deutschen Kaiserreich, 1996.
Irmgard Maya Fassmann, Jüdinnen in der deutschen Frauenbewegung. 1865–1919, 1996, bes. S. 270–292.
Susanne Omran, Frauenbewegung und „Judenfrage“. Diskurse um Rasse und Geschlecht nach 1900, 2000, bes. S. 436–478.
Henriette Fürth. Eine biographische Würdigung anlässlich der erstmaligen Verleihung des Henriette-Fürth-Preises für herausragende Abschlussarbeiten zur Frauen- und Genderforschung an Hessischen Fachhochschulen, hg. v. d. Gender- und Frauenforschungszentrum der Hessischen Hochschulen, 2005.
Helmut Berding, Henriette Fürth (1861–1938), 2011.
Aufsätze und Artikel:
Marie Juchacz, Henriette Fürth, in: dies., Sie lebten für eine bessere Welt. Lebensbilder führender Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts, 1955, S. 91–95. (P)
Maya Fassmann, Art. „Fürth, Henriette“, in: Jutta Dick/Marina Sassenberg (Hg.), Jüdische Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. Lexikon zu Leben und Werk, 1993, S. 134–136. (P)
Sabine Hock, Art. „Fürth, Henriette“, in: Frankfurter Personenlexikon, 1994. (Onlineressource)
Dagmar Klein, Frauen in der Gießener Geschichte. 52 Biographien und sozio-kulturelle Hintergründe, 1997, S. 113–118.
Helga Krohn, „Du sollst dich niemals beugen“. Henriette Fürth, Frau, Jüdin, Sozialistin, in: Peter Freimark/Alice Jankowski/Ina S. Lorenz (Hg.), Juden in Deutschland. Emanzipation, Integration, Verfolgung und Vernichtung, 1991, S. 326–343.
Claudia Honegger, Jüdinnen in der frühen deutschsprachigen Soziologie, in: Mechthild M. Jansen/Ingeborg Nordmann (Hg.), Lektüren und Brüche. Jüdische Frauen in Kultur, Politik und Wissenschaft, 1993, S. 178–195.
Helga Baumann-Spitta, Die ersten weiblichen Stadtverordneten im Frankfurt der Weimarer Republik, in: FrauenStadtGeschichte. Zum Beispiel Frankfurt am Main, hg. v. d. Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, 1995, S. 175–187.
Christina Klausmann, Art. „Fürth, Henriette, geb. Katzenstein“, in: Manfred Asendorf/Rolf von Bockel (Hg.), Demokratische Wege. Deutsche Lebensläufe aus fünf Jahrhunderten. Ein Lexikon, 1997, S. 197–199. (P)
Helga Krohn, Frauenrechtlerin, Sozialarbeiterin, Publizistin. Henriette Fürth, in: Sabine Hering (Hg.), Jüdische Wohlfahrt im Spiegel von Biographien, 2007, S. 174–189.
Helga Krohn, Art. „Henriette Fürth. Frauenrechtlerin, Sozialarbeiterin, Schriftstellerin“, in: Frankfurt am Main 1933–1945. Internetportal des Instituts für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, 2008. (P) (Onlineressource)
Helmut Berding, Henriette Fürth (1861–1938), in: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins 96 (2011), S. 5–21. (Onlineressource)
Helga Krohn, Art. „Henriette Fürth, geb. Katzenstein“, in: Frankfurter Frauenzimmer, 2015. (P) (Onlineressource)
Lothar Pollähne, Henriette Fürth. „Fremde in ihrem Vaterland“, in: vorwärts v. 1.6.2023. (Onlineressource)