Lebensdaten
1869 bis 1950
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
österreichischer Bundespräsident
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119184745 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Seitz, Karl Borromäus Josef
  • Seitz, Karl
  • Seitz, Karl Borromäus Josef
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Zitierweise

Seitz, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119184745.html [18.09.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Karl Borromäus (1826–76), aus Währing, Brennholzhändler in W., S d. Josef (1804–32), aus Döbling b. W., Hauer u. Hauseigentümer in Währing b. W., u. d. Therese Rieder (1799–1828), aus Unter-Sievering b. W.;
    M Barbara (* 1833), T d. Josef Kaiser (* 1815), Gastwirt in W., u. d. Anna Solterer, aus Hadersdorf am Kamp;
    1) Wien 1900 Emilie (1868–1943), Dir. d. Mädchenbürgerschule in W., T d. Johann Paul Heindl, Pfarrmesner in Alt-Ottakring b. W., u. d. Therese Nöstelböck, 2) 1945 Emma Seidl ( 1948?).

  • Leben

    S. wuchs nach dem frühen Tod seines Vaters wegen der finanziellen Not der Mutter im Wiener städtischen Waisenhaus auf. Er besuchte nach einer Schneiderlehre mit Hilfe eines Stipendiums das Lehrerseminar in St. Pölten (Abschluß 1888). Er war Mitbegründer einer ersten sozialdemokratischen Lehrerorganisation und 1895/96 Herausgeber der „Freien Lehrerstimme“, 1897 Obmann des von ihm mitinitiierten Zentralvereins der Wiener Lehrerschaft und des Bezirksschulrats in Wien. Ein Disziplinarverfahren wegen seiner politischen Betätigung führte zu S.s Entlassung. 1901 wurde er im Wahlkreis Floridsdorf (bis 1918) als erster sozialdemokrat. Abgeordneter in den Reichsrat gewählt, wo er 1907 sozialdemokrat. Fraktionsführer und enger Mitarbeiter Victor Adlers (1852–1918) war; 1902 wurde er auch in den Niederösterr. Landtag gewählt. S. trat offen gegen den Krieg auf, zunächst in Artikeln in der Zeitschrift „Der Kampf“, dann in öffentlichen Reden. Er war Mitglied der Staatsschulden-Kontrollkommission, 1917/18 Präsident der Kriegswirtschaftlichen Kommission und 1918 Vizepräsident des Abgeordnetenhauses. 1918/19 war S. nach dem Tod des Parteigründers Victor Adler provisorischer Parteichef der SDAP, Leiter des Parlamentsklubs der SDAP, einer der drei Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung sowie vom 5.3.1919 bis 16.12.1920 Erster Präsident der Konstituierenden Nationalversammlung und damit Staatsoberhaupt der Ersten Republik; nach Einführung der neuen Verfassung am 1.10.1920 bis zur Wahl von Michael Hainisch zum ersten Bundespräsidenten am 9.12.1920 amtierte er als interimistischer Bundespräsident. 1920–34 war er Abgeordneter zum Nationalrat sowie 1920–23 zweiter Nationalratspräsident. Seit 1921 Präsident der Kurie Niederösterreich-Stadt, wirkte er maßgeblich mit an der Trennung Wiens von Niederösterreich 1922. 1919–34 war S. auch SPÖ-Vorsitzender, 1923 wurde er Nachfolger Jakob Reumanns als Landeshauptmann und Bürgermeister von Wien. „Das rote Wien“ wurde unter S. zum internationalen Studienmodell sozialdemokratischer Kommunalpolitik. Der Justizpalastbrand am 15.7.1927 brachte eine politische Radikalisierung; am 26.11.1927 verübte der Monarchist Richard Strebinger ein Revolverattentat auf S. Am 12.2.1934 im Zuge des Februaraufstands der Sozialisten seines Bürgermeisteramtes enthoben, wurde S. für mehrere Monate inhaftiert und anschließend polizeilich überwacht; dennoch hatte er Kontakte zu den verbotenen Revolutionären Sozialisten. Nach dem „Anschluß“ Österreichs an das Dt. Reich 1938 wieder kurz verhaftet, wurde er im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 aufgrund von Kontakten zu Carl F. Goerdeler, Wilhelm Leuschner und Jakob Kaiser im KZ Ravensbrück interniert und nach seiner Entlassung kurz vor Kriegsende nach Plaue (Thür.) verbannt. Im Juni 1945 kehrte S. nach Wien zurück und legte den Parteivorsitz der neugegründeten SPÖ, den er noch als SDAP-Vorsitzender innehatte, nieder; 1945–50 war er Nationalrat. Zuletzt erregte er Aufmerksamkeit mit seinen Stellungnahmen gegen die Bevormundung des österr. Parlaments durch die Besatzungsmächte.

  • Auszeichnungen

    Ehrenbürger d. Stadt Wien (1929); Ehrenmitgl. d. niederösterr. Landeslehrerver.; Ehrenvors. d. SPÖ (1946); K.-S.-Hof, Wien, Jedleseerstr.; Denkmal, Wien, Exedra (1950); Gedenktafel, Wien, 19. Bez., Himmelstr. 43; K.-S.-Platz, Wien (1998); Sonderbriefmarke d. Österr. Post, 1994 (P). W Volksschule oder Pfaffenschule?, 1902; Arbeiter oder Soldaten?, 1917; Die Schmach v. Genf u. d. Rep., 1922.

  • Literatur

    F. F. Blaha, K. S., Mann d. Volkes – Mann d. Herzens, Eine Bilderschr., 1945;
    A. Tesarek, Unser S., Zu seinem achtzigsten Geb.tag, Btr. zu e. Biogr., 1949;
    F. Weissensteiner u. E. Weinzierl (Hg.), Die österr. Bundespräsidenten, 1983;
    R. Spitzer, K. S., Waisenknabe, Staatspräs., Bgm. v. Wien, 1994;
    H. D. Gröller, K. S., Ein Leben an Bruchlinien, 2005;
    NÖB XII, 1957, S. 128–39 (P);
    ÖBL (W, L);
    Hist. Lex. Wien;
    zur Fam.:
    Forsch. u. Mitt. d. österr. Inst. f. Geneal., Fam.recht u. Wappenkunde, H. 1, 1927, S. 26 f.

  • Portraits

    Büste v. G. Ambrosi, 1950 (Wien, Exedra).

  • Autor/in

    Michael Gehler
  • Empfohlene Zitierweise

    Gehler, Michael, "Seitz, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 206-207 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119184745.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA