Lebensdaten
1812 bis 1872
Geburtsort
Darmstadt
Sterbeort
Rohitsch-Sauerbrunn (Steiermark)
Beruf/Funktion
österreichischer Diplomat ; Staatsmann
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119059363 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Biegeleben, Ludwig Maximilian Balthasar Theodor Freiherr von
  • Biegeleben, Ludwig Maximilian Freiherr von
  • Biegeleben, Ludwig Freiherr von
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Zitierweise

Biegeleben, Ludwig Freiherr von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119059363.html [18.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus alter westfälischer freibäuerlicher, später städtischer Familie;
    V Kaspar Josef von Biegeleben (1766–1842), kurkölnischer Hofrat, groherzoglich hessischer Regierungspräsident, S des Engelbert Theodor (1732–99), kurkölnischer Geheimer Oberappellationsgerichtsrat zu Arnsberg, und der Maria Anna Zeppenfeldt;
    M Marianne (1783–1843), T des Aachener Patriziers Franz von Braumann und der Dorothea Freiin von Mylius;
    Wien 1846 Maria (1825–71), T des Franz Freiherr Buol von Berenberg (1794–1865), kaiserlich königlicher Kämmerer, Sektionschef und Staatsrat, und der Marianna Freiin von Giovanelli;
    4 S, 1 T.

  • Leben

    B. entfaltete sich frühzeitig zu einer reichen Persönlichkeit, die tiefe humanistische Bildung, schöpferische Hingabe an Poesie und Kunst mit scharfsinnigem juristischem, in Bonn, Heidelberg und Gießen erworbenem Wissen vereinte. Ein selbstverständlicher und starker katholischer Glaube durchglühte als Erbe seines der geistlichen Welt des alten Reiches verbundenen Elternhauses sein ganzes Leben. Nach zehnjähriger Tätigkeit im hessischen Gerichtsdienst wurde der Übersetzer Petrarcas Ende 1842 zum großherzoglichen Legationssekretär und Geschäftsträger in Wien ernannt. Hier gewann er nicht nur im Hause Ottilie von Goethes seine Frau, Wien und der Kaiserstaat wurden ihm zum Schicksal. Von einer hohen Auffassung über Österreichs deutschen Beruf erfüllt, begrüßte er bei aller revolutionsfernen konservativen Grundhaltung die Bewegung des Jahres 1848 als Möglichkeit einer Neugestaltung Deutschlands auf bundesstaatlicher Grundlage und einer innigeren Verflechtung Österreichs mit dem deutschen Gesamtvolk. In diesem Geiste versah er das Amt des Unterstaatssekretärs des Äußeren im Frankfurter Reichministerium, auf welchen Platz ihn das Vertrauen Heinrich von Gagerns im August 1848 berief. Seine dabei zutage tretenden Fähigkeiten, seine intime Kenntnis des deutschen Bundesrechts und der deutschen politischen Angelegenheiten brachten ihm Angebote von J. M. von Radowitz und Fürst Felix Schwarzenberg. Er entschied sich für Österreich und übernahm im Sommer 1850, zuerst als Sektionsrat, zwei Jahre später als Wirklicher Hof- und Ministerialrat, das deutsche Referat im Haus am Ballplatz. Durch 20 Jahre von Olmütz bis Versailles, von Schwarzenberg bis Beust, war B. die Seele der deutschen Politik des Kaiserstaates, der leidenschaftliche Anwalt der historischen Führerstellung Österreichs in Deutschland, deren Erhaltung ihm für die Zukunft des Habsburgerreiches ebenso unerläßlich erschien wie für die Aufrechterhaltung der föderativen Ordnung des Deutschen Bundes, zu dessen konstruktiver Reform er Österreich mitzureißen suchte. Der Frankfurter Fürstentag wurde der Höhepunkt im Leben des von Franz Joseph hochgeschätzten „Staatsschreibers“ und Protokollführers, dessen Geist und Hand den deutschen Notenwechsel des Wiener Außenministeriums jener zwei Jahrzehnte prägten. B. wurde in diesem Amte der erbittertste Gegner Preußens und seiner kleindeutschen Machtbestrebungen, der entschlossenste Gegenspieler Bismarcks im Kampf um die Führung in Deutschland, mehr als einmal im Gegensatz zur ziellosen Politik seiner Minister Buol, Rechberg und Mensdorff, nicht frei von doktrinärer Unterschätzung und Verkennung Bismarcks und der realen Machtgegebenheiten, in seinem Wesen stärker ein Staats- und Rechtsdenker von geistig-sittlicher Höhe als ein Politiker und Staatsmann. Zur Durchführung seines Programms fehlten der Habsburgermonarchie die Kräfte, die Führerpersönlichkeiten und die Partner in Deutschland. Ohne die bismarckische Lösung als endgültig zu betrachten, entsagte B. Anfang 1871 dem für ihn inhaltslos gewordenen deutschen Referat und zog sich ein Jahr später vom Dienst zurück.

  • Werke

    Die Reime d. Francesco Petrarca, übers. u. erl. v. K. Kekule u. L. v. B., 2 Bde., 1844.

  • Literatur

    ADB II;
    R. v. Biegeleben, L. Frhr. v. B., 1930 (P);
    O. Folkert, L. v. B., Diss. Wien 1939;
    H. v. Srbik, Dt. Einheit III, 1942, S. 138-53 u. ö. in III u. IV;
    P. Wentzcke, L. v. B., in: Hess. Jb. f. Landesgesch. 3, 1953.

  • Portraits

    Jugend- u. Mannesbild (Schloß Siegmundslust b. Schwaz, Tirol);
    Phot., um 1860 (Bildarchiv d. Österr. Nat. bibl. Wien).

  • Autor/in

    Taras von Borodajkewycz
  • Empfohlene Zitierweise

    Borodajkewycz, Taras von, "Biegeleben, Ludwig Freiherr von" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 224 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119059363.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Biegeleben: Ludwig Maximilian Freih. v. B., 14. Jan. 1812 in Darmstadt geboren, 1872, entstammte einer streng katholischen Familie aus dem ehemals kurkölnischen Herzogthum Westfalen. Sein Vater Caspar v. B. war Präsident des Administrativjustizhofes und wirklicher geheimer Rath in Darmstadt. Seine Mutter, eine geb. v. Braumann, ahmte in ihrem frommen und edlen Lebenswandel ihre eigene Mutter nach, die in Westfalen im Geruche der Heiligkeit stand. Nach einer sorgfältigen Erziehung im Vaterhause bezog Ludwig, noch nicht 16 Jahre alt, die Bonner Universität, vollendete seine juridischen Studien in Gießen und trat am 20. Juni 1832 in den darmstädtischen Justizdienst, wechselte aber die Laufbahn und war schon im J. 1840 großherzoglich hessischer Geschäftsträger in Wien. Er verehelichte sich dort mit der geistvollen Freiin Maria v. Buol-Bernberg, die er im Hause der Schwiegertochter Goethe's kennen lernte. Sie war ihm eine treue Begleiterin auf seiner irdischen Pilgerfahrt, welche sie selbst im J. 1871 beschloß. Biegeleben's eminente Fähigkeiten und die wahrhaft classische Feder, welche der talentvolle Staatsmann zu führen verstand, richteten bald die Aufmerksamkeit der leitenden deutschen Staatsmänner auf ihn. Heinrich v. Gagern als hessischer Minister-Präsident wurde insbesondere auf B. durch die geistvolle Berichterstattung über die Wiener März-Vorgänge des Jahres 1848 aufmerksam und berief ihn von dort ab, um ihn bei der Bildung|des Reichs-Ministeriums in Frankfurt a. M. zum Unter-Staatssecretär vorzuschlagen. B. war denn auch unter dem ereignißvollen Wechsel von vier Ministerien (Heckscher, v. Schmerling, Heinrich v. Gagern und Fürst Wittgenstein) die Seele der auswärtigen Politik des Reichsverwesers. Er suchte Ordnung in das deutsche Chaos zu bringen und machte sich insbesondere durch seine Bemühungen um das Interim verdient, welches 1850 den Uebergang zur Wiederherstellung des Bundes unter Osterreichs Vorsitz bildete. Das Ministerium Radowitz wollte B. für Preußen erwerben; Fürst Schwarzenberg gelang es aber, den hessischen Legationsrath für Oesterreich zu gewinnen, wo ihm religiöse, politische und gesellschaftliche Beziehungen sympathisch waren. B. trat also im J. 1850 als Sectionsrath in den österreichischen Dienst und wurde schon am 26. Oct. 1852 als Hofrath in der Staatskanzlei Referent der deutschen Angelegenheiten im Ministerium des Aeußern. Erfüllt von der Größe, der politischen Ehre und Macht des deutschen Präsidialhofes, beeinflußte er die Leitung der deutschen Bundes-Angelegenheiten in diesem Sinne. Seine Politik bestand im Erhalten des Vorhandenen, in der Ausbildung der deutschen Föderation, in der Beschützung der Legitimität, im Festhalten an dem Rechte der Verträge. Es ist hier nicht der Ort, um die Phasen näher zu entwickeln, welche die Politik des österreichischen Cabinets in den Jahren 1854—1866 durchgemacht hat. Unter dem Wechsel der Ministerien Schwarzenberg, Buol, Rechberg, Mensdorff (Esterhazy) behielt B. eine einflußreiche Stellung und that sich insbesondere im J. 1863 am Fürstentag, wo ihm die Protokollführung anvertraut war, und im J. 1864 auf der Londoner Conferenz, wo er als zweiter österreichischer Bevollmächtigter fungirte, hervor. An dem Gasteiner Vertrag hat er keinen Theil genommen. Mit dem Schicksalsschlag von 1866 war die politische Laufbahn des Freih. v. B. geendigt. Doch machte er sich um Osterreich finanziell verdient, als er bei der Auseinandersetzung über das Bundeseigenthum durch seine Bemühungen dem österreichischen Staatsschatz einige Millionen rettete, welche man bereits als verloren Preis zu geben Willens gewesen war. Der dankbare Monarch, der ihn im J. 1863 zum wirklichen geheimen Rath erhoben hatte, verlieh ihm deshalb im J. 1867 das Commandeurkreuz des St. Stephans-Ordens. Im April des Jahres 1871 erbat er seine Pensionirung. Einem seiner treuesten Freunde schrieb er um diese Zeit: „Der Nachruf, den Sie meinem 20jährigen Staatsschreiberthum widmen, klingt weit schöner und stolzer als der, den ich wirklich verdiene, aber es freut mich doch, mir sagen zu dürfen, daß wer ein Zeugniß, wie das Ihrige, aufzuweisen hat, mit ruhigem Bewußtsein auf seine Laufbahn zurückblicken, und sich von jedem Vorwurf darüber, daß sie das Ziel so ganz und gar verfehlt hat, freisprechen darf. — Wahr ist auch und Ihnen darf ich es gestehen, daß es einzelne Momente gegeben hat, — obwol ich sonst stets darauf bedacht war, ehrgeizige Regungen zu zügeln, — in welchen ich gewünscht hätte an erster Stelle wirken zu können, — Sie wissen schon, an welche Momente ich denke. Jedenfalls gehört der jetzige nicht mehr dazu, und ich danke dem Himmel, daß ich einen Zustand, in dem man nicht einmal weiß, welches Ende man herbeiwünschen soll, nur aus der Ferne zu beobachten brauche.“ Und wenige Tage später am 29. April 1872: „Unser politischer Verfall findet mich leider schon so abgehärtet, daß es mir kaum noch gelingt infandum renovare dolorem. Indignation ist ein Gefühl, daß sich zuletzt erschöpft und philosophischer Ruhe der Betrachtung weicht, — schauen wir also in Gottes Namen ruhig zu, wie Cisleithanien für Preußen präparirt wird, und üben wir höchstens noch unsern Scharfsinn ein wenig an der Frage, ob es absichtlich oder unabsichtlich geschieht, oder vielmehr, wer dazu mit Bewußtsein mithilft. Darüber sind allerhand Gedanken möglich, die ich lieber unterdrücke, — nur|möchte ich manchmal wissen, ob denn die Leute, die unsere Richtung so kurzweg für todt und abgethan erklären, von dem Platz Oesterreichs in der modernen Welt sich irgendwie eine Vorstellung machen, welche jene fatale Idee vom Präparat für Preußen ausschließt. — Wir, die wir Oesterreich im größten Stile für Gegenwart und Zukunft haben herrichten wollen, müssen allerdings von uns reden lassen wie von Besiegten oder auch Missethätern, aber nicht von alten Zöpfen und von der Zeit überholten Mandarinen.“

    Ungefähr um die Zeit dieses Briefes, Ende April, verließ B. Tirol, um sich nach Venedig zu begeben; von dort reiste er Mitte Juli nach Rohitsch, erkrankte in den letzten Tagen jenes Monats und starb 61 Jahre alt am 6. Aug. 1872. B. war ein durch und durch edler, hochbegabter und hochgebildeter Staatsmann. Er war ein strenger, gläubiger Katholik ohne ultramontan zu sein. Er liebte und pflegte die schönen Künste, war ein Meister in Schrift und Wort. Seinen edlen, liebenswürdigen Charakter zierte eine seltene Bescheidenheit. Denjenigen, die ihm nahe standen, gab er das große Beispiel christlicher und staatsmännischer Selbstverleugnung, und damit hat er auch die Menschenverachtung überwunden, die ihm sonst nahe gelegt war. Mit reichsgeschichtlichen und katholischen Waffen vertheidigte er seine Staatsmaximen; mit diesen kann er auf einen ruhmvollen Schild gehoben werden als Parteimann für die großdeutsche Idee, mit der er lebte und mit der er starb.

    • Literatur

      Ludwig Freiherr v. Biegeleben, letzter deutscher Staatsreferent des Bundes-Präsidialhofes. Ein Zeitbild von Alfred v. Vivenot. Wien 1873. — Von 1806—66. Zur Vorgeschichte des neuen deutschen Reiches von Heinrich Freiherrn Langwerth von Simmern.

  • Autor/in

    Vivenot.
  • Empfohlene Zitierweise

    Vivenot, "Biegeleben, Ludwig Freiherr von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 2 (1875), S. 620-622 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119059363.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA