• Genealogie

    V Jakob (1860–1933), Schneider, S d. Knechts Jakob (1828–96) u. d. Magdalena Hügli (1837–96) aus S.;
    M Anna Bernet (1865–1946), Uhrenarbeiterin, T d. Bauern Peter (1809–82) aus Grindelwald, u. d. Maria Michel (1830–94);
    1) Wynau (Kt. Bern) 1907 Anna Emma (1878–1948), T d. Johannes Leist (1848–1905) aus Oberbipp (Kt. Bern), Lehrer, u. d. Marianne Elisabeth Kohler (1846–1901) aus Wynau, 2) Zürich 1949 Rose (Rosa Hulda, 1905–91) aus Buch am Irchel (Kt. Zürich), Sekr., Adoptiv-T d. Schriftsetzers Heinrich Fröhlich (1870–1959) aus Hochfelden (Kt. Zürich), u. d. Barbara Stauber (1880–1962) aus Buch am Irchel;
    1 T aus 1).

  • Leben

    N. wuchs in Grindelwald in bescheidenen Verhältnissen auf. Nach dem Besuch des Lehrerseminars in Hofwil und Bern (1902–06) unterrichtete er 1906-12 in Wynau und Ostermundigen bei Bern. Als Zwanzigjähriger trat er in die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) ein. Beeinflußt von Robert Grimm (1881–1958), rezipierte er den Marxismus und die Theorie des Massenstreiks. 1912 wurde N. Redakteur an der Parteizeitung in Luzern, 1914 in St. Gallen und 1915-35 am „Volksrecht“ in Zürich (seit 1922 Chefredakteur). In Zürich gewann er schnell an Einfluß: 1916-19 und 1920-33 war er Mitglied des Großen Stadtrats, 1916-18 und 1919-23 Präsident der Sozialdemokratischen Partei der Stadt Zürich; bei der ersten Proporzwahl (1919) wurde er in den Nationalrat gewählt, dessen Mitglied er bis 1943 blieb. Im 1. Weltkrieg gehörte N. zur Parteilinken. Er nahm an den Konferenzen der Zimmerwalder Bewegung in Kiental (April 1916) und Stockholm (Sept. 1917) teil, befürwortete den Generalstreik als Mittel zur Verbesserung der materiellen Verhältnisse des Proletariats, lehnte aber bewaffnete Auseinandersetzungen ab. Den Abbruch des Landesstreiks im November 1918 durch die Streikleitung kritisierte er heftig. Im Landesstreik-Prozeß (März 1919) wurde er von einem Militärgericht zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. In den parteiinternen Richtungskämpfen verteidigte er zunächst die Sowjetunion (Sowjet-Russland, 1920), wandte sich aber|nach Bekanntwerden der 21 Bedingungen gegen den Beitritt der SPS zur Kommunistischen Internationale und blieb bei der Spaltung der Partei Ende 1920 in der SPS. 1921 war er Mitbegründer – und seither Redakteur – der „Roten Revue“, des theoretischen Organs der Partei.

    Die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus und die Mitarbeit in den Parlamenten, später die Erfahrung der Krise und die Bedrohung durch Faschismus und Nationalsozialismus führten N. zu reformistischen Auffassungen. In den Parteidiskussionen der 30er Jahre lehnte er nun die von ihm als Mitverfasser des Programms von 1920 noch bejahte „Diktatur des Proletariats“ ab und befürwortete die von der SPS seit 1917 abgelehnte Landesverteidigung. 1935 wurde er zum Regierungsrat des Kantons Zürich (Inneres und Justiz, seit 1938 Volkswirtschaftsdirektion), 1942 zum Stadtpräsidenten von Zürich gewählt. Mit Blick auf die Nachkriegszeit trat er 1943 in der Schrift „Helvetische Erneuerung“ für den Ausbau der Schweiz zu einer sozialen Demokratie ein. Ende 1943 wählte die Bundesversammlung N. als ersten Sozialdemokraten in den Bundesrat, dem er 1944-51 angehörte, 1949 als Bundespräsident. Als Vorsteher des Finanzdepartements setzte er sich u. a. für die Finanzierung der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV, 1947) ein. Mit der Bundesfinanzreform (Sanierung des Haushalts, Abschaffung des Notrechts) scheiterte er 1950 am Widerstand der Bürgerlichen wie der Linken, die beide das Kompromißwerk ablehnten. Nach dem Rücktritt widmete sich N. vermehrt der Malerei und Schriftstellerei (Breitlauinen, Oberländer Novellen, 1956). In seinem Lebenslauf verkörpert sich beispielhaft der Weg der schweizer. Sozialdemokratie von der Opposition zur Regierungsverantwortung.|

  • Auszeichnungen

    Ehrenbürger v. Grindelwald (Kt. Bern, 1944).

  • Werke

    Weitere W Grindelwalds Gesch. v. d. Kirchengründung bis zur Ref., 1912;
    (Unter Ps. Emanuel Hegman), Das Unghiir-Hüsi, eine Neujahrsgesch. aus d. Bergen, 1919;
    Marxist od. Grütlianer, 1920;
    Aus Wilhelm Liebknechts Jugendjahren, 1932;
    Die erzieher. Bedeutung d. Parteien, 1937;
    Herman Greulich, 1842–1925, 1942;
    Probleme d. Bundesfinanzreform, 1946;
    Der Staat u. d. Gemeinwirtsch., 1956.

  • Literatur

    F. Huggenberg, Die N. v. Seedorf, in: Der Schweizer Fam.forscher XIX, 1952, S. 24-31, 84-92, 96-103;
    E. Gruner, Die Schweizer. Bundesverslg. 1848-1920, I: Biogrr., 1966, S. 91;
    H. R. Frick, Zw. Klassenkampf u. Demokratie, Der erste sozialdem. Bundesrat E. N. als Red. am Zürcher „Volksrecht“ 1915-1935, Diss. Univ. Zürich 1975;
    K. Lang in: U. Altermatt (Hg.), Die Schweizer Bundesräte, 21992 (P);
    ders. in: Lb. europ. Sozialdemokraten d. 20. Jh., hg. v. O. Dankelmann, 1995, S. 395-402 (P);
    T. Kästli, E. N., Vom Bürgerschreck z. Bundesrat, Ein pol. Leben, 1995.

  • Autor/in

    Markus Bürgi
  • Empfohlene Zitierweise

    Bürgi, Markus, "Nobs, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 304 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118786350.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA