Lebensdaten
1852 bis 1934
Geburtsort
Eleonorenhain (Böhmerwald)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Historiker ; Philosoph
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118777920 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kralik, Richard (bis 1877)
  • Kralik Ritter von Meyrswalden, Richard
  • Kralik, Richard von
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Zitierweise

Kralik von Meyrswalden, Richard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118777920.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (s. 1);
    Schw Mathilde (1857–1944). Komponistin, Musikschriftstellerin (s. ÖBL);
    - Wien 1883 Maria (1858–1943), T d. Wilh. Rr. v. Flattich (1826–1900), Baudir. d. Südbahn, u. d. Marie Luise Tafel;
    3 S, u. a. Dietrich (s. 3), Heinrich (1887–1965), Dr. phil., Redakteur d. „Neuen Wiener Tagbl.“, später d. „Presse“, Musikhistoriker u. -kritiker.

  • Leben

    Nach einer vorwiegend in Linz verbrachten Kindheit und Schulzeit ging K. 1870 nach Wien, um dort Jura zu studieren (Dr. iur. 1876). Außerdem besuchte er, seinen eigentlichen Neigungen folgend, Vorlesungen und Seminare über Kunstgeschichte, Archäologie|und Ägyptologie, Geschichte, Philosophie und Nationalökonomie. Ein anschließender dreisemestriger Studienaufenthalt in Bonn und Berlin brachte ihn in näheren Kontakt mit bedeutenden Gelehrten, darunter Usener und Jakob Bernays, Mommsen und Lepsius, Treitschke und Herman Grimm. Die starken Eindrücke einer Italienreise 1877/78 bewogen ihn schließlich, den länger gehegten, insbesondere von seinem Lehrer Rudolf von Jhering geförderten Gedanken an eine rechtswissenschaftliche Universitätslaufbahn aufzugeben und sich gänzlich der Tätigkeit eines freien Schriftstellers und Privatgelehrten zuzuwenden. Ein offenbar reichlich dotiertes Legat seines Vaters bot ihm dafür die materiellen Voraussetzungen.

    Mit Ausnahme einer größeren Griechenlandreise fortan im wesentlichen in Wien ansässig, entfaltete K. seit den 80er Jahren eine immer stärker werdende literarische und kulturpolitische Wirksamkeit im Sinne des „christlich-germanischen Kulturideals“, die ihn zu einer ungemein engagierten und produktiven Teilnahme an den geistigen Auseinandersetzungen dieser Zeit führte. Sie machte ihn aber auch mit den herausragenden Repräsentanten der verschiedenen Richtungen bekannt, die, bei aller bisweilen höchst polemisch divergierenden Unterschiedlichkeit der Standpunkte, gleich ihm vom Krisen-, ja Verfallscharakter der sich dem Ende zuneigenden großbürgerlich-liberalen Ära überzeugt waren. So stand K., gewissermaßen in äußerer Widerspiegelung seiner inneren individuellen Entwicklung von einem „sozialistischen“ Stürmer- und Drängertum zu einer entschieden konservativ-traditionsbewußten Weltanschauung und Kunstauffassung, zunächst radikal-reformerischen Kreisen wie jenem um den Wagner- und Nietzscheanhänger Siegfried Lipiner oder der etwas gemäßigteren „Montagsgesellschaft“ um den Kunsthistoriker Albert Ilg, später auch der von Fritz Lemmermayer, dem Jugendfreunde Rudolf Steiners, geleiteten „Iduna“ zeitweilig nahe, um schließlich doch eigene, ihm gemäßer erscheinende Wege einzuschlagen. Jedenfalls war er schon bald der festen Überzeugung, daß eine wirkliche Erneuerung der mittel-, ja gesamteuropäischen Kultur- und Gesellschaftsverhältnisse von Grund auf nur durch eine Rückbesinnung auf die gemeinsamen christlichen Grundlagen und Grundwerte eben dieser Kultur herbeigeführt werden könnte, ohne damit freilich deren anderen Komponenten, der griechisch-römischen Antike und dem germanisch-romanischen Mittelalter, den ihnen zukommenden Rang absprechen zu wollen.

    Anfänglich als weitgehend unzeitgemäßer Einzelgänger für das von ihm selbst als „romantisch“ gekennzeichnete Literatur- und Kulturprogramm eintretend, sah er sich bald von einem langsam wachsenden Kreis Gleichgesinnter umgeben, die wie er zu den reinen Quellgründen der europäischen Geschichte zurückstrebten, die ihrer Ansicht nach durch die modernen säkularisierenden Zeitströmungen verschüttet worden waren. Zumindest seit den 90er Jahren konnten sich K. und seine Anhänger jedoch als durchaus „auf der Höhe der Zeit“ stehend betrachten, als in eigenartiger Konvergenz zwischen ihren eigenen Bestrebungen und der allgemeinen, ebenso innenpolitischen wie geistesgeschichtlichen Entwicklung der politische und kulturelle Katholizismus nach Jahren der Apathie und Stagnation einen ungewöhnlichen Aufschwung nahm – in Österreich vor allem markiert durch die Gründung der Christlichsozialen Partei (1893) und der Leo-Gesellschaft (1892). K. vermochte nunmehr seine ganze Kraft seiner Lebensaufgabe zu widmen, den „zerstörerischen“, durch Aufklärung und Revolution freigesetzten Kräften des 19. Jahrhunderts als Dichter und Denker eine „einheitliche Weltanschauung“ neuromantischen – oder auch neubarocken – Gepräges entgegenzustellen. Seit seinen literarischen Anfängen von der kausalen Wechselwirkung zwischen Kultur und Gesellschaft überzeugt und daher ein entschiedener Gegner der „liberalen“, dem L’art-pour-l’art-Gedanken huldigenden Ästhetik ebenso wie jeglicher allzu individualistischen, sich ihrer moralischen und politischen Verantwortung gegenüber Volk und Vaterland nicht mehr hinreichend bewußten Schriftstellerei, beschritt er vor allem dort eigene Wege, wo es galt, die literarische und künstlerische Seite seines Kulturprogramms im besten Sinne des Wortes „volkstümlich“ zu machen und sie in alle Schichten des Volkes zu tragen. Mehr Nachgestalter denn Eigenschöpfer, griff er dabei folgerichtig auf alle jene einfachen und archaischen Dichtungsformen zurück, die seit Aufklärung und Weimarer Klassik als Zeugnisse des „finsteren Mittelalters“ oder des „jesuitischen Barocks“ in Verruf und Verfall geraten waren, wie etwa die spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Moralitäten- und Mysterienspiele oder das humanistisch-barocke Schuldrama, aber auch – und hier wiederum stärker an die bodenständige österreichische Tradition anknüpfend – die Weihnachts- und Osterspiele der bäuerlichen, alpinen Gebiete ebenso wie das Puppen- und Kasperltheater der auf dem flachen Land umherziehenden|Wanderbühnen. Aus dem gleichen Geiste sind auch K.s zeitweise überaus erfolgreiche Bemühungen um eine Wiederbelebung der Fastnachtsspiele Hans Sachs' und der Calderónschen „Autos“ sowie seine eigenen Weihnachts- und Oster-, Fest- und Weihespiele und die analogen Gelegenheitsdichtungen erwachsen, die er in einer schier unglaublichen Vielzahl und oft unbedenklichen Eile für alle möglichen Anlässe und Bedürfnisse abzufassen sich bereit fand. Als literarisch bedeutsamer dürfte demgegenüber sein „Deutsches Götter- und Heldenbuch“ (6 Bände, 1900–04) anzusehen sein, das nicht nur zur Lektüre, sondern – K.s Vorstellungen vom christlich-germanischen Gesamtkunstwerk entsprechend – auch zur rhapsodischen Rezitation mit Musikbegleitung gedacht war; weiters die beiden Reihen von „Heimaterzählungen“ (1909 f.), in denen – bezeichnend für K.s kombinatorische wie kompilatorische Arbeitsweise – altbekannte Geschichten neben neuerfundenen erscheinen; ferner zwei Dramenzyklen, die teils als Tetralogie große Szenen aus der frühneuzeitlichen Geschichte Österreichs, teils als Heptalogie die Ereignisse zwischen 1789 und 1815 unter dem Titel „Die Revolution“ (1908) auf die Bühne zu bringen versuchten.

    In engstem Zusammenhang mit seinen volksbildnerischen und kulturpolitischen Bestrebungen auf künstlerisch-literarischem Gebiet sind K.s historische und philosophische Arbeiten zu sehen, die seine katholisch-konservativen Grundgedanken noch eindringlicher als seine Dichtungen zum Ausdruck bringen. Aus der auch hier kaum überschaubaren Fülle von Veröffentlichungen sei, neben einer Geschichte Wiens (1912, 31933) und der „Allgemeinen Geschichte der Neuesten Zeit von 1815 bis zur Gegenwart“ (6 Bände, 1915–23), vor allem „Die Weltgeschichte nach Menschenaltern“ (1903) hervorgehoben, in deren Titel bereits eine Lieblingsidee K.s, nämlich die von Ottokar Lorenz beeinflußte Konzeption von den aus jeweils drei Generationen sich zusammensetzenden und ihrerseits wiederum als Bausteine noch größerer „Weltalter“ aufgefaßten Jahrhunderten, unverkennbar zutage tritt. Zeigen sich allein hierin schon Anklänge an mittelalterliche oder noch ältere Formen der Historiographie, so muß der durch die annalistisch-chronikalische Darstellungsweise des Verfassers zusätzlich verstärkte archaisierende Eindruck, es hier eher mit einem geschichtstheologischen als geschichtswissenschaftlichen Werk zu tun zu haben, vollends zur Gewißheit werden, wenn K. die Geburt Jesu Christi nicht mehr bloß als schlichte chronologische Datierungsmarke, sondern geradezu als säkulare Epochenscheide zwischen Hellenismus und Urchristentum versteht. – Eine Vorliebe für dreigliederige Konstruktionen ist auch in K.s philosophischem Hauptwerk „Weltweisheit“ zu erkennen, das in drei Bänden (Weltwissenschaft, 1896; Weltgerechtigkeit, 1893; Weltschönheit, 1894) die Metaphysik, Ethik und Ästhetik behandelt und unter Verwendung aristotelischer, aber auch kantischer Kategorien eine Annäherung der Sphären des „Glaubens“ und „Wissens“ ganz im Geiste des Novalis und anderer Romantiker zu erreichen versucht.

    Aus dem Freundeskreis K.s, einer inzwischen ansehnlichen regelrechten „Gemeinde“, entstand 1905 der „Gral“-Bund, daneben eine Zeitschrift und eine Schriftenreihe gleichen Namens als Forum für die von ihm und seinen Getreuen verfochtenen Anschauungen. Dieses Forum sollte sich freilich bald auch als Arena erweisen, als K. 1907-10 den sogenannten „Katholischen Literaturstreit“ mit Karl Muths Zeitschrift „Hochland“, die für eine liberalere und zeitgemäßere katholische Kulturpolitik eintrat, austrug. Obwohl er dabei sogar den Richterspruch des Papstes anrief, der ihm in einem eigenen Breve in der Form auch recht gab, hat die spätere Entwicklung dennoch weitgehend den Auffassungen Muths im Grundsätzlichen zum Siege verholfen, während die völlig müßige, weil weitgehend um Scheingegensätze geführte Kontroverse der gemeinsamen Sache des „katholischen Schrifttums“ mehr geschadet als genützt haben dürfte.

    Seit der Jahrhundertwende und erst recht seit den – auch in weltanschaulicher Hinsicht – so desorientierenden Umwälzungen des Weltkrieges und der Nachkriegszeit der weithin anerkannte Wortführer des kulturellen und literarischen Katholizismus in Österreich – und vielfach auch in Deutschland –, fühlte sich K. mehr denn je berufen, für das von ihm als richtig Erkannte in Wort und Schrift einzutreten, wie beispielsweise durch die von ihm 1920-33 rund siebenhundertmal in seinem gastlichen Hause abgehaltenen „Dienstagsvorträge“. Bis ins hohe Alter sich ungewöhnlicher Schaffenskraft erfreuend, konnte er die von ihm so früh schon ausgestreute Saat einerseits in dem von Reinhardt, Hofmannsthal und Roller für Salzburg aufgegriffenen Festspielgedanken, zum anderen aber auch in der österreichischen Laienspielbewegung der Zwischenkriegszeit (J. A. Lux, G. Terramare, R. Sobotka) noch fruchtbar aufgehen sehen. Umgekehrt bewahrte ihn ein gütiges Geschick davor, die tendenziöse Entstellung so mancher seiner mißdeutbaren Anschauungen und Formulierungen durch den christlichen Ständestaat der Ära Dollfuß und Schuschnigg erleben zu müssen.

  • Werke

    Weitere W Kunstbüchlein gerechten gründl. Gebrauchs aller Freunde d. Dichtkunst, 1891;
    Sokrates nach d. Überlieferungen s. Schule dargest., 1899;
    Kulturstud., 1900, 21904;
    Neue Kulturstud., 1903;
    Kulturarbb., 1904;
    Kulturfragen, 1907;
    Goldene Legende d. Heiligen v. Joachim u. Anna bis auf Constantin d. Gr., 1903;
    Jesu Leben u. Werk, Im Rahmen d. Zeitgesch. aus d. Qu. dargest., 1904, 21911;
    Der hl. Leopold, Mgf. v. Österreich, 1904;
    Die Gralsage, 1907;
    Zur nordgerman. Sagengesch., 1908;
    Die kath. Lit.bewegung d. Gegenwart, Ein Btr. zu ihrer Gesch., 1909;
    Homeros, Ein Btr. z. Gesch. u. Theorie d. Epos, 1910;
    Österr. Gesch., 1913, 31914;
    Vom Weltkrieg z. Weltbund, Abhh., Aufsätze, Gedanken u. Stimmungen, 1916;
    Die Weltlit. im Lichte d. Weltkirche, 1918, 21928;
    Hist. Stud. z. älteren u. neuesten Zeit, 1918;
    Die neue Staatenordnung in organ. Aufbau, 1918;
    Grundriß u. Kern d. Weltgesch., 1920, 21922;
    Tage u. Werke, Lebenserinnerungen, 1922;
    Karl Lueger u. d. christl. Sozialismus, 1923;
    Die Weltlit. d. Gegenwart, 1923;
    Gesch. d. Sozialismus d. Neuesten Zeit, Von Babeuf b. z. d. Bolschewiken, 1925;
    Neue Tage u. neue Werke, Forts, d. Lebenserinnerungen, 1927.

  • Literatur

    H. M. Truxa, R. v. K., Ein Lb. mit e. Auswahl aus s. Dichtungen u. e. Slg. krit. Stimmen, 31905;
    A. Innerkofler, R. v. K., Eine Studie, 21912;
    P. Pauer u. a., in: Aus unserer Werkstatt, Vj.-Hh. f. Schrifttum, Kunst u. Musik, H. 3/4, 1932;
    A. Straka, Das moderne rel. Festspiel in Österreich u. s. Zusammenhänge mit d. altdt. Mysterienspielen, Diss. Wien 1932 (ungedr.);
    E. Raybould, R. v. K.s Erneuerung altdt. Dichtung, Ein Btr. z. Geistesgesch. Österreichs, 1934;
    Nagl-Zeidler-Castle IV, S. 1600-37 (P);
    M. Clauß, Hinwendung z. Mysterienspiel b. neueren dt. Dichtern, Diss. Leipzig 1938;
    H. Steinacker, Die Stellung R. v. K.s in d. österr. Historiogr., Diss. Wien 1949 (ungedr.);
    A. Fuchs, Geistige Strömungen in Österreich 1867-1918, 1949, S. 71-76;
    M. Dobrawsky, R. K. u. d. Puppenspiel, Diss. Wien 1952 (ungedr.);
    F. Bambule, Verz. d. gedr. u. ungedr. Werke v. R. K., in: Mitt. d. Kralik-Ges., 1954 (unvollst.);
    R. Allram, Stud. z. kath. Lit.streit „Gral“ - „Hochland“, Diss. Wien 1955 (ungedr.);
    K. Kienesberger, Der romant. Lit.begriff R. v. K.s u. s. spätere Weiterentwicklung, Ein Btr. z. Gesch. d. christl. Dichtung, in: 120. Jber. d. Öffentl. Stiftsgymnasiums Kremsmünster, 1977, S. 131-70;
    J. Nadler, Lit.gesch. Österreichs, 21951, S. 417-22.

  • Portraits

    Gem. v. C. v. Pausinger, 1926, Abb. b. Nagl-Zeidler-Castle.

  • Autor/in

    Nikolaus Mikoletzky
  • Empfohlene Zitierweise

    Mikoletzky, Nikolaus, "Kralik von Meyrswalden, Richard" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 663-666 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118777920.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA