Lebensdaten
1847 bis 1938
Geburtsort
Mettmann bei Düsseldorf
Sterbeort
Mülheim/Ruhr
Beruf/Funktion
Montanindustrieller
Konfession
katholisch,gottgläubig
Normdaten
GND: 11877722X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kirdorf, Emil

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Zitierweise

Kirdorf, Emil, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11877722X.html [20.04.2019].

CC0

  • Genealogie

    B Adolph (s. 1);
    - 1) 1872 Mathilde Kauert ( 1919), aus Bergmanns- u. Eisenhändlerfam. in Krefeld, 2) 1923 Olga Wessel geb. Gayen;
    3 T aus 1).

  • Leben

    Nach dem Besuch der Realschule in Düsseldorf und der Webschule in Mülheim/Ruhr (1863/64) lernte K. im Familienbetrieb, volontierte 1868/69 in Hamburg beim Handelshaus Richter, Yriberry & Co. und trat dann in die Textilhandlung von W. Brüning in Krefeld ein, bei kinderlosen Verwandten, die ihm Aussicht auf spätere Beteiligung machten. Nachdem er durch den Zusammenbruch der väterlichen Firma sein Vermögen verloren hatte, sah er zunächst keine Möglichkeit einer beruflichen Weiterentwicklung und war entschlossen auszuwandern.

    1871 erhielt K. durch Vermittlung seines Bruders eine Chance, im Kohlenbergbau als sogenannter „Direktor“ auf der niedersten Stufe der|Grubenverwaltung – er war einem Buchhalter gleichgestellt – sein Fortkommen zu gestalten, und trat bei der Zeche „Holland“ in Wattenscheid ein. Während seiner dortigen Tätigkeit wurde bereits eine für K. typische überempfindliche, cholerische Reizbarkeit, eine abweisende Schroffheit und Verschlossenheit erkennbar, mit der er versuchte, sich gegenüber einer Umwelt durchzusetzen, die in ihm, so seine Worte, „den kleinen Angestellten“ sah, der „infolge zerrütteter Vermögensverhältnisse“ nichts weiter als seine Arbeitskraft einzusetzen hatte, um eine „verfahrene Zeche wieder flott zu machen“. Anfang 1873 erhielt er den kaufmännischen Direktorposten der kurz zuvor von Friedrich Grillo und Adolph von Hansemann gegründeten Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG). Als K. bei der GBAG eintrat, förderte das Unternehmen auf 2 Zechen 156 000 Kohle. Als er sie 1926 – nach 53jähriger Leitung – verließ, war sie zum größten Kohlenbergbauunternehmen Deutschlands und Europas geworden.

    In K.s unternehmerischem Wirken lassen sich 3 Zeitabschnitte feststellen. Die erste Phase ist gekennzeichnet durch die Ausweitung der GBAG zum großen Kohlenbergbauunternehmen. Sie überwand die Krise der 70er Jahre und vermochte mit Hilfe langfristiger Abschlüsse, guter Gaskohle in bester Lagerung und der Finanzierung durch die Disconto-Gesellschaft zu expandieren. 1876 wurden 606 000 gefördert. Dann aber brach der Eisen- und Kohlenmarkt zusammen. Es kam zu Förderkonventionen und dann, unter K.s Antrieb, zu ersten Kartell- und Syndikatsbildungen. Gleichzeitig wurden Schachtanlagen übernommen, so zum Beispiel 1888/89 Hansa, Zollern, Germania. K. gründete das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat. Seit 1894 ging der Kohlenabsatz durch diese Organisation. Der Tonnenpreis stieg von 8,02 (1895) auf 10,56 Mark (1900), der Absatz von 15,9 Millionen auf 31,6 Millionen †, die Förderung der GBAG von 2,9 Millionen (1893) auf 4,1 Millionen (1898). – Die zweite Phase umfaßt die Jahre 1903–18. In dieser Zeit war K. gezwungen, den Schritt zum gemischten Betrieb, zum Konzern zu tun. Während die 1. Periode im Zeichen der Kohle stand, stand die 2. eindeutig im Zeichen von Eisen und Stahl. Waren die ersten Jahre geprägt durch das Bemühen, eine horizontale Konzentration zu erreichen, so versuchte K. seit 1904 mit der Eingliederung des Schalker Gruben- und Hütten-Vereins und der Kooperation mit dem Aachener Hütten-Verein an der Entwicklung zum Konzern, also der vertikalen Konzentration teilzunehmen. In diese Jahre fielen Auseinandersetzungen mit Thyssen und Stinnes, mit den pressure groups der Eisenhüttenleute, den Kartellgegnern in Parlament, Regierung und Öffentlichkeit und den Verstaatlichungsintentionen der preußischen Regierung. Es war aber auch die Zeit harter Auseinandersetzung mit der Disconto-Gesellschaft, um mit Hilfe der Strategie starker Verschuldung zu versuchen, die GBAG unabhängiger von den Großbanken entwickeln zu können. Zugleich wurden Kohlenhandels- und Reederei-Gesellschaften, so Raab, Karcher & Co., angegliedert und neue Betriebe, so die Adolph-Emil-Hütte in Esch (1909/11), errichtet, letzteres mit dem Ziel, die lothringisch-luxemburgischen Erzvorräte mit der Kohle des Ruhrreviers in unmittelbare Verbindung zu bringen. Bis 1913 lag die Rentabilität der GBAG zwischen 9 und 12%. – Nach dem 1. Weltkrieg, in dem K. sich für Annexionen ausgesprochen hatte, büßte die GBAG ihre Erzbasis in Lothringen, Luxemburg und Frankreich einschließlich aller Investitionen ein. Sie stand wieder dort, wo sie 15 Jahre zuvor im Zeichen der vertikalen Konzentration begonnen hatte. – Die letzte Periode von 1918 bis zum Ausscheiden K.s (1926) war bestimmt von der Frage, ob die GBAG wieder reines Kohlenbergbauunternehmen werden sollte. In dieser Phase allerdings war nicht mehr K. sondern Hugo Stinnes die Persönlichkeit, welche die Entwicklung prägte und mit dessen Unternehmungen die GBAG sich zur Rhein-Elbe-Union zusammenschloß. Die GBAG sollte das Kohlenfundament bilden, „auf dem ein deutscher Trust entwickelt werden konnte“. K. leistete zunächst Widerstand gegen die Trustvorstellungen von Stinnes und Thyssen. Als dieser Widerstand erfolglos blieb, schied er, verärgert über die mit 39,5% des Aktienkapitals seines Erachtens nicht angemessene Rolle der GBAG gegenüber Thyssen, Phönix und Rheinische Stahlwerke in den Vereinigten Stahlwerken als Generaldirektor aus dem Vorstand der GBAG aus.

    K.s Konzentration auf den Kohlenbergbau erklärt sein Engagement in der Kartellbewegung und seine Gegnerschaft gegen jene Politik der konzentrierten Konzerngestaltung, die Betriebe entwickeln wollte, in denen von der Kohle bis zum Fertigprodukt alles in einer organisatorischen Hand lag. Diese Gegnerschaft hinderte ihn allerdings nicht, unter dem Einfluß seines Bruders Adolph auch die GBAG zum Konzern zu führen. Aber während zum Beispiel für Thyssen der Konzern das Kartell überwinden sollte, versuchte K. gerade mit dem Konzern das Kohlenkartell zu halten.

    In der Sozialpolitik hatte K. reaktionäre Vorstellungen. Für ihn existierte eine soziale Frage nur als Frage des Gehorsams. Eine Lösung der Arbeiterfrage durch Assimilation der Arbeiter hielt er für unmöglich. Er sah im Entgegenkommen gegen die Forderungen der Arbeiter einen Bankrott des Staates. Eine Politik der gesellschaftlichen Befriedung, wie sie die Kathedersozialisten anstrebten, war für ihn „reine Schreibtischgelehrsamkeit“. Nach K.s Ansicht gehörten „alle Männer deutscher Nation“, vom „Reichskanzler bis zum Hirten, zu den Arbeitern“. „Jede Arbeit adelt“, so K. „Jeder ist ehrenwert, der die ihm angewiesene Stellung wahrnimmt“. Diese Ordnungsvorstellungen wurzelten in der Tradition deutschen Staats- und Gesellschaftsbewußtseins des 19. Jahrhunderts. Der Unternehmer hat nach K. für die Arbeiter zu sorgen, der Arbeiter dem Unternehmer zu gehorchen, der Staat diese Ordnung zu schützen. Der Kampf gegen die Arbeiterbewegung erschien ihm als „Kampf für die Erhaltung der deutschen Ordnung und der Machtstellung Deutschlands in der Welt“.

    In der Person Bismarcks sah K. den deutschen Gedanken verwirklicht. Seine Deutschtümelei ging so weit, daß er zum Beispiel Bleistifte von Faber aus Nürnberg bei der GBAG verbieten ließ, weil auf ihnen das Wort „manufactured“ stand. Nach Bismarcks Abgang stellte er fest, „aus hartem Eisen sei Wachs geworden, sowohl an oberster Stelle, wie im Bürgertum“, und nach 1918 betonte er als entschiedener Gegner der Weimarer Republik in immer erneuten Aufrufen und Versammlungen die Notwendigkeit, „im Sinne des alten deutschen Geistes zu handeln“. Geprägt von der Überzeugung, daß „doch stets eine kleine wollende Minderheit den guten Geist eines Volkes“ bilde, versuchte K., GBAG, Rheinisch-Westfälisches Kohlensyndikat, soziale Frage und nationale Aufgabe als Einheit zu begreifen.

    So geschlossen sich die Persönlichkeit K.s in mancher Weise abbildet, so ist doch eine gewisse Zwiespältigkeit festzustellen. Einerseits beurteilte er mit Nüchternheit und Skepsis die wirtschaftlichen Möglichkeiten seines eigenen Unternehmens, aber auch die der deutschen Unternehmen in Übersee. Andererseits ließ er diese nüchterne Zurückhaltung vollkommen vermissen, wenn es darum ging, wie zum Beispiel im 1. Weltkrieg, politische Ansprüche gegenüber anderen Staaten zu formulieren. Als Kaufmann rechnete er, wog ab, zog mit Nüchternheit der Realität der Interessen entsprechende Konsequenzen. Als Politiker beherrschte ihn „das Gefühl, daß der Wille zur Tat in unserer äußeren wie inneren Politik sich nicht mehr zur rechten Zeit geltend macht, daß hier ein männlicher Akkord selten erklingt“. Schließlich erblickte er in Hitler die Kraft, die „dem undeutschen Geist“ der Demokraten, Sozialdemokraten, Ultramontanen, Gewerkschaften und Juden begegnen würde. Im Wirken der Nationalsozialisten, zu deren frühen Förderern er gehörte, sah er die Wiederbelebung Bismarckschen Geistes. War ihm 1919 noch „schwarz die Zukunft, rot die Gegenwart und golden allein die Vergangenheit“, so glaubte er nach 1933, wieder in Bismarcks Reich leben zu dürfen. Sein Staatsbegräbnis erfolgte im Beisein Hitlers.|

  • Auszeichnungen

    GKR; Dr.-Ing. E. h. (Berlin 1913); Ehrenbürger v. Gelsenkirchen (1917) u. Mülheim/Ruhr (1935).

  • Literatur

    F. A. Freundt, E. K., Ein Lb., 1922 (P);
    H. Böhme, E. K., Überlegungen zu einer Unternehmerbiographie, in: ZUG 13, 1968, S. 282-300, 14, 1969, S. 21-48 (L, P);
    H. A. Turner, Jr., E. K. and the Nazi Party, in: Central European History 1, 1968;
    W. Bacmeister, E. K., 21936 (P);
    Wenzel;
    Rhdb. (P). - Eigene Archivstud.

  • Autor/in

    Helmut Böhme
  • Empfohlene Zitierweise

    Böhme, Helmut, "Kirdorf, Emil" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 666-668 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11877722X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA