Holst, Amalia

Lebensdaten
1758 – 1829
Geburtsort
Altona bei Hamburg
Sterbeort
Groß-Timkenberg (heute Teldau, Mecklenburg)
Beruf/Funktion
Pädagogin ; Frauenrechtlerin ; Publizistin ; Schriftstellerin ; Pädagogin
Konfession
unbekannt
Normdaten
GND: 118774786 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Holst, Johanna Paulina Amalia
  • Justi, Johanna Paulina Amalia / geborene
  • Holst, Amalia
  • Holst, Johanna Paulina Amalia
  • Justi, Johanna Paulina Amalia / geborene
  • Holst, Amalie
  • Justi, Amalie von
  • Justi, Amalia
  • Justi, Amalia von
  • Justi, Marchand Paulina Johanna Amalia von
  • Holst, Marchand Paulina Johanna Amalia

Vernetzte Angebote

Verknüpfungen

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Holst, Amalia, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118774786.html#indexcontent [07.10.2026].

CC0

  • Holst, Amalia (geborene Johanna Paulina Amalia Justi)

    1758 – 1829

    Pädagogin, Frauenrechtlerin, Publizistin

    Amalia Holst war Leiterin mehrerer Erziehungsinstitute und beteiligte sich seit 1791 an pädagogischen und frauenrechtlichen Diskursen. In ihren Schriften setzte sie sich v. a. gegen die beschränkten Bildungsmöglichkeiten von Frauen zur Wehr, plädierte jedoch nicht für weibliche Berufstätigkeit.

    Lebensdaten

    Geboren am 10. Februar 1758 in Altona bei Hamburg
    Gestorben am 6. Januar 1829 in Groß-Timkenberg (heute Teldau, Mecklenburg)
    Grabstätte Friedhof in Blücher (heute Besitz, Mecklenburg)
    Amalia Holst, Bemerkungen über die Fehler unserer modernen Erziehung von einer praktischen Erzieherinn (Titelblatt) == Titelblatt der Erstausgabe von Amalia Holsts Schrift „Bemerkungen über die Fehler unserer modernen Erziehung von einer praktischen Erzieherinn“, 1791. (Onlineressource)
    Amalia Holst, Bemerkungen über die Fehler unserer modernen Erziehung von einer praktischen Erzieherinn (Titelblatt) == Titelblatt der Erstausgabe von Amalia Holsts Schrift „Bemerkungen über die Fehler unserer modernen Erziehung von einer praktischen Erzieherinn“, 1791. (Onlineressource)
  • 10. Februar 1758 - Altona bei Hamburg

    1766 - Küstrin (Neumark, heute Kostrzyn nad Odrą, Polen)

    Übersiedlung der Familie

    1768 - Staffelde (heute Stendal)

    Übersiedlung der Familie (ohne den Vater)

    seit 1771

    vermutlich Kindermädchen und Erzieherin

    seit 1791 - Hamburg

    Publizistin

    seit 1795 - Hamburg

    Erziehungsanstalt

    1807 - 1823 - Wittenburg; seit 1819 Parchim (beide Mecklenburg)

    Leiterin

    Erziehungsanstalt

    1823 - Groß-Timkenberg (heute Teldau, Mecklenburg)

    Übersiedlung zur Familie ihres Sohns

    6. Januar 1829 - Groß-Timkenberg (heute Teldau, Mecklenburg)

    Holsts Kindheit und Jugend verliefen v. a. aufgrund der unsicheren Vermögensverhältnisse und wechselnden Berufe des Vaters unstet. Nach dessen Tod in einem preußischen Gefängnis 1771 zog die Mutter zu ihrem Bruder, die jüngeren Geschwister kamen auf verschiedene Schulen. Über Holsts weiteren Lebensweg liegen kaum Informationen vor; vermutlich verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Kindermädchen, später als Erzieherin.

    In ihrer ersten Veröffentlichung „Bemerkungen über die Fehler unserer modernen Erziehung von einer praktischen Erzieherinn“ (1791) beschäftigte sich Holst mit den maßgeblichen Pädagogen ihrer Zeit, v. a. Johann Bernhard Basedow (1724–1790), Joachim Heinrich Campe (1746–1818) und Christian Gotthilf Salzmann (1744–1811). Holst pflichtete deren Konzepten weitgehend bei, kritisierte aber scharf die praktischen Anleitungen für den pädagogischen Alltag. Anstatt den Unterricht mit umfangreichen Lesebüchern zu überfrachten, sollten Kinder aus eigenem Antrieb lernen. Dem Zeitgeist der Aufklärung entsprechend, plädierte Holst für eine stärkere Individualisierung der Erziehung, lehnte aber – im Gegensatz etwa zu Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) – eine Unterscheidung zwischen Mädchen- und Knabenbildung ab und betonte denselben Anspruch beider Geschlechter auf Bildung. Die Möglichkeit einer eigenständigen Berufstätigkeit forderte Holst nur für alleinstehende Frauen.

    Nach ihrer Heirat 1792 führte Holst mit ihrem Ehemann eine Erziehungsanstalt in Hamburg. Details über diese Tätigkeit sind nicht überliefert. In Reaktion auf den Erfolg des Romans „Elisa, oder das Weib, wie es seyn sollte“ (1799) von Wilhelmine Caroline von Wobeser (1769–1807) publizierte sie in der Monatsschrift „Musarion“ vier „Briefe“, in denen sie für weibliche Autonomie eintrat und sich gegen die im Roman dargestellte aufopferungsvolle und demütige Frauenrolle wandte. 1802 veröffentlichte Holst ihre bekannteste Schrift „Über die Bestimmung des Weibes zur höheren Geistesbildung“, deren Bedeutung 1992 von Berta Rahm (1910–1998) mit Mary Wollstonecrafts (1759–1797) „Verteidigung der Rechte der Frau“ (1791) verglichen wurde. Holst setzte sich in ihr mit patriarchalen Gesellschaftsstrukturen auseinander, forderte grundsätzlich das Recht auf Bildung für Frauen und Mädchen und kritisierte die ungleiche Machtverteilung zwischen den Geschlechtern, wobei sie sich auf Theodor Gottlieb von Hippels (1741–1796) „Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber“ (1792) bezog. Holsts Schrift stieß zeitgenössisch auf Ablehnung; anonyme Rezensenten bescheinigten ihr Inkompetenz, mangelnde philosophische Tiefe und ein Unverständnis des christlichen Frauenbilds.

    1807 war Holst in Wittenburg (Mecklenburg) gemeldet, wo sie eine Erziehungsanstalt leitete, während ihr Mann in Hamburg gemeldet blieb; das Ehepaar lebte offenbar getrennt. Später soll Holst eine Mädchenschule in Parchim (Mecklenburg) geführt haben, ehe sie von 1823 bis zu ihrem Tod bei der Familie ihres Sohns in Groß-Timkenberg (heute Teldau, Mecklenburg) lebte.

    Eine Rezeption von Holsts Werken setzte Anfang des 20. Jahrhunderts von Seiten der deutschen Frauenbewegung ein, v. a. durch Gertrud Bäumer (1873–1954), Karl Jacoby (1849–1939) und Agnes Zahn-Harnack (1884–1950). Im Rahmen der Neuen Frauenbewegung stieg seit den 1970er Jahren erneut das Interesse an Holst, wobei ihr Einsatz für weibliche Bildung Anerkennung fand, ihr fehlendes Engagement für weibliche Berufstätigkeit hingegen als persönliche oder intellektuelle Schwäche auslegt wurde. In jüngster Zeit wurden im englischsprachigen Raum Holsts pädagogische Schriften neu interpretiert; Robert B. Louden (geb. 1953) würdigte ihre kritische Auseinandersetzung mit Basedow und Campe, während Andrew Cooper (1986–2025) in ihren Schriften einen aufgrund der Kühnheit und Stringenz der Argumentation bemerkenswerten Beitrag zur Philosophie der Aufklärung erkannte.

    Nachlass:

    nicht bekannt.

    Weitere Archivmaterialien:

    Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, NHA:11:278-88 (Brief v. Holst an August Hennings, 29.5.1802) u. CS 2: Holst: 1-2 (Brief v. Holst an Franz August Gottlieb Campe, 31.10.1824).

    Bemerkungen über die Fehler unserer modernen Erziehung von einer praktischen Erzieherinn, hg. v. Verfasser des Siegfried von Lindenberg [i. e. Johann Gottwerth Müller], 1791. (anonym publiziert) (Onlineressource)

    Briefe an eine Freundin über Elisa, oder das Weib, wie es seyn sollte, in: Musarion, die Freundin weiser Geselligkeit und häuslicher Freuden. Eine Monatsschrift für Damen 1/2 (1799), H. 4, S. 345–361, H. 5, S. 30–52, H. 7, S. 213–227 u. H. 8, S. 326–341. (Onlineressource)

    Über die Bestimmung des Weibes zur höheren Geistesbildung, 1802, Neuausg. hg. v. Berta Rahm, 1984.

    Monografien:

    Hannelore Schröder (Hg.), Die Frau ist frei geboren. Texte zur Frauenemanzipation, Bd. 1, 1979, S. 145 f. u. 155–174.

    Claudia Honegger, Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaft vom Menschen und das Weib, 1991, S. 29 f., 77 u. 92.

    Heide von Felden, Die Frauen und Rousseau. Die Rousseau-Rezeption zeitgenössischer Schriftstellerinnen in Deutschland, 1997, bes. S. 152–169.

    Elke Spitzer, Emanzipationsansprüche zwischen der Querelle des Femmes und der modernen Frauenbewegung, 2001, bes. S. 163–183.

    Andrea Gerhard, Wenn die Frau Mensch wird. Campe, Holst und Hippel im Vergleich. Ein Beitrag zur Geschichte der Mädchen und Frauenbildung, 2017.

    Andrew Cooper, Amalia Holst, 2024.

    Aufsätze und Artikel:

    Karl Jakoby, Amalia Holst, geb. von Justi. Hamburgs erste Frauenrechtlerin, in: ders., Beiträge zur deutschen Litteraturgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts, 1911, S. 3–32.

    Berta Rahm, Vorwort u. Nachwort, in: dies. (Hg.), Amalia Holst, Über die Bestimmung des Weibes zur höheren Geistesbildung, 1984, S. 7–14 u. 140–176.

    Elke Kleinau, Art. „Holst, Amalia, geb. von Justi“, in: Manfred Asendorf/Rolf von Bockel (Hg.), Demokratische Wege. Ein biographisches Lexikon, 2006, S. 285–287.

    Robert B. Louden, A Mere Skeleton of the Sciences? Amalia Holst’s Critique of Basedow and Campe, in: Corey W. Dyck (Hg.), Women and Philosophy in Eighteenth-Century Germany, 2021, S. 72–91.

    Andrew Cooper, Germany’s Wollstonecraft. Brilliant and Fierce, the Philosopher and Educator Amalia Holst Demonstrated how the German Enlightenment Failed Women, in: Aeon v. 13.9.2021. (Onlineressource)

    Simon Gansinger, Amalia Holst, geb. von Justi (1758–1829), in: Aufklärung. Interdisziplinäres Jahrbuch zur Erforschung des 18. Jahrhunderts und seiner Wirkungsgeschichte 37 (2025), S. 377–391.

    Andrew Cooper/Simon Gansinger, Amalia Holst and the Paradox of Public Reason, in: Journal of the History of Philosophy 64 (2026). (in Vorbereitung)

  • Autor/in

    →Elke Spitzer (Kassel)

  • Zitierweise

    Spitzer, Elke, „Holst, Amalia“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118774786.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA