Lebensdaten
1853 bis 1921
Geburtsort
Bad Kissingen
Sterbeort
Bayreuth
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
katholisch,evangelisch?
Normdaten
GND: 118739131 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Panizza, Leopold Hermann Oskar
  • Panizza, Oskar
  • Panizza, Leopold Hermann Oskar
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Porträt(nachweise)

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Zitierweise

Panizza, Oskar, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118739131.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Carl (1804–55), aus Bellagio/Corner See. Kellner, dann Hotelier u. a. in Bad Kreuznach u. Bad K., Spieler. S d. Leopold, aus Bellagio, Seidenhändler in Würzburg;
    M Mathilde Speeth (1821–1915, kath., dann militante Protestantin), Hotelbes. („Russ. Hof“);
    Geschw Maria Anna Collard-P. (1846-1925), aus Bad Kreuznach, Felix (1848–1908), aus Bad Kreuznach, Kaufm. u. a. in Hongkong, Carl (1852–1916), aus Bad Kreuznach. Kaufm., Ida (1855–1922), aus B. K., Privateuse in München; – ledig; Verwandte Margarethe Speeth (1818–1903, Eduard Mörike, 1804–75, Dichter, s. NDB 17).

  • Leben

    Seit 1863 besuchte P. das pietist. Internat Korntal (Württ.), Gymnasien in Schweinfurt (seit 1868) und München (seit 1870). Nach Privatunterricht, Handelslehre, Militärdienst (1873/74) und Musikstudium legte er im|Herbst 1876 in Schweinfurt die Reifeprüfung ab. Im selben Jahr begann er gegen den Willen seiner Mutter, die ihn zum Pfarrer bestimmt hatte, ein Medizinstudium in München, das er nach einer Assistenz bei Hugo v. Ziemssen mit der Promotion abschloß (Über Myelin, Pigment, Epithelien u. Micrococcen im Sputum, 1880). Nach einer Parisreise erforschte er, seit 1882 Assistent an der oberbayer. Landesirrenanstalt, unter Bernhard v. Gudden das menschliche Gehirn, verließ diese Stellung 1884 und ließ sich 1885 als praktischer Arzt nieder.

    Aus Furcht, geisteskrank zu werden, wandte er sich, angeregt durch Michael Georg Conrad (1846–1927), im selben Jahr ausschließlich der Literatur zu: Schreiben erwies sich für P., dem u. a. E. T. A. Hoffmann und E. A. Poe als literarische Vorbilder galten, als „das beste Ableitungsmittel für allerlei psichopatische Anwandlungen“. 1890 schloß er sich Conrads „Gesellschaft für modernes Leben“ an. Eine von der Mutter erstrittene Jahresrente von 6000 Mark ermöglichte ihm eine Existenz als „freier Schriftsteller“. Tatsächlich aber waren seiner Freiheit enge Grenzen gesetzt: Seine Bücher und Streitschriften, mit denen er Obrigkeitsstaat und kath. Kirche sowie die von dieser vertretene Sexualethik angriff, wurden Anlaß für sein persönliches Scheitern. Nach der Veröffentlichung der Satiren „Die unbefleckte Empfängnis der Päpste“ (1893) und „Der teutsche Michel und der röm. Papst“ (1894) und der Komödie „Der heilige Staatsanwalt“ (1894) erregte das antikath. Drama „Das Liebeskonzil, Eine Himmelstragödie in fünf Aufzügen“ (1894, UA 1969 Paris, verfilmt 1982) die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft. Das Stück, das die Entstehung der Syphilis im 16. Jh. als Strafe darstellt, die von Gott mit Hilfe des Teufels und einer von diesem gezeugten stummen Schönen über die sündige kirchliche Hierarchie weiter verbreitet wird, wurde beschlagnahmt und P. 1895 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Nach seiner Haftentlassung in Amberg und der Fertigstellung der Schrift „Die Haberfeldtreiben im Bairischen Gebirge“, die den am einfachen Rechtsempfinden orientierten Brauch des „Sittengerichts“ schildert, emigrierte P. im selben Jahr nach Zürich, von wo er mit der Herausgabe der „Flugblätter aus dem Gesamtgebiet des modernen Lebens“, den „Zürcher Diskußjonen“ Satiren auf Kirche und Monarchie publizierte. Das Attentat auf Kaiserin Elisabeth von Österreich lieferte 1898 den Vorwand, ihn nach einer Affäre mit einer jugendlichen Prostituierten als unerwünschten Ausländer auszuweisen. P. reagierte literarisch: In seiner Satire „Psichopatia criminalis“ schlägt er den Mächtigen des Deutschen Reiches vor, für oppositionelle Querköpfe eine Irrenanstalt von der Größe der Pfalz einzurichten. Von Paris aus, wohin er – bereits von den schweren Haftbedingungen gezeichnet – emigrierte, suchte er nun mit Kaiser und Reich durch seine am Schicksal Heines orientierten „Parisjana, Deutsche Verse aus Paris“ (1899) abzurechnen. Daraufhin wurde wegen Majestätsbeleidigung ein Steckbrief erlassen und neben dieser Schrift in Deutschland 1900 auch sein Vermögen beschlagnahmt. Um dieses zu retten, stellte er sich 1901 in München. Er wurde kurz inhaftiert und psychiatrisch begutachtet (Diagnose: Paranoia). Einer Rückkehr nach Paris, wo er die „Zürcher Diskußjonen“ (1902) abschloß, folgte, da er nun an akustischen Halluzinationen litt, 1904 eine erneute Reise nach München, wo er, halbnackt durch Schwabing laufend, vergeblich die Aufnahme in seine frühere Wirkungsstätte, die Münchener Psychiatrie, provozierte. 1905 wurde er in die Nervenklinik „St. Gilgenberg“ bei Bayreuth gebracht, im selben Jahr auf Drängen seiner Mutter entmündigt. 1906-21 lebte er im privaten Luxussanatorium „Herzoghöhe“ in Bayreuth.

    P. zählt mit seinem Werk zur Avantgarde des Fin de Siécle. Sein „Liebeskonzil“ wurde u. a. von Theodor Fontane und Frank Wedekind geschätzt. Er war auch ein phantasievoller Erzähler; seine „Gelbe Kroete“ zählt zu den psychologisch interessantesten und sprachlich gelungensten Geschichten der deutschsprachigen Prosa um 1900: Erzählt wird ein Tagtraum, der P. noch einmal die Schrecken seiner Kindheit und seine psychischen Nöte vor Augen führt; am Ende einer Dampferfahrt auf der Themse ist der Icherzähler der einzige an Bord, der für wenige Minuten das vorüberfahrende Monster, die „gelbe Kroete“, gesehen und einen Alptraum durchlebt hat. So unterschiedliche Schriftsteller wie Thomas Mann, Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Walter Benjamin, Lion Feuchtwanger und Gottfried Benn, aber auch Nationalsozialisten wie Martin Bormann haben dafür gesorgt, daß P. in der Literaturgeschichte ein „Fall“ geblieben ist.

  • Werke

    Weitere W u. a. Dämmrungsstücke, 1890;
    Genie u. Wahnsinn, 1891;
    Visionen, 1893;
    Der Illusionismus u. d. Rettung d. Persönlichkeit, Skizze e. Weltanschauung, 1895;
    Abschied v. München, Ein Handschlag, 1896;
    Psichopatia Criminalis, Anleitung, um d. vom Gericht f. notwendig erkannten Geisteskrankheiten psichjatrisch zu eruiren u.|wiss. festzustellen, Für Ärzte, Laien, Juristen, Vormünder, Verw.beamte, Minister etc., 1898;
    Neues aus d. Hexenkessel d. Wahnsinns-Fanatiker u. a. Schrr., 1986;
    Mama Venus, Texte zu Rel., Sexus u. Wahn, 1992;
    Imperjala, hg. v. J. Müller, 1993. – Teil-Nachlässe: München, Stadtbibl. u. Lit.archiv in d. Monacensia, Bayer. Staatsbibl.;
    Berlin, Staatsbibl. Preuß. Kulturbes.

  • Literatur

    M. Bauer, O. P., 1984 (W, L, P);
    ders. u. R. Düsterberg, O. P., Eine Bibliogr., 1988;
    R. Düsterberg, „Die gedruckte Freiheit“, O. P. u. d. „Zürcher Diskußjonen“, 1988;
    H. Rosendorfer, in: Lit. in Bayern 45, 1996, S. 16-21;
    Jürgen Müller, in: NZZ Nr. 66, v. 20./21.3.1999 (P);
    Kunisch/Wiesner, Lex. d. dt.sprachigen Gegenwartslit., 1981;
    Kosch, Lit.-Lex3;
    Killy;
    KLL.

  • Autor/in

    Michael Bauer
  • Empfohlene Zitierweise

    Bauer, Michael, "Panizza, Oskar" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 30-32 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118739131.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA