Lebensdaten
1905 bis 1998
Geburtsort
Meiningen (Thüringen)
Sterbeort
Bonn
Beruf/Funktion
Politiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118735829 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Oberländer, Theodor

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Zitierweise

Oberländer, Theodor, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118735829.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus thüring. Pastoren- u. Juristenfam.;
    V Oskar (1866–1933), Reg.rat in M., GR;
    M Clara Müller|(1875-1961);
    Rominten 1935 Erika Buchholz (1908–89), Pfarrers-T aus Dubeningen, dann Goldap (Ostpreußen), Volkswirtin;
    3 S, u. a. Erwin (* 1937, Gisela, Dr., T d. DP-, dann CDU-Politikers Heinrich Hellwege, 1908–91, 1949-55 Bundesratsmin., 1955-59 niedersächs. Min.präs.), Dr. phil., Dr. h. c., Prof. f. osteurop. Gesch. in Mainz (s. Kürschner, Gel.-Kal. 1996).

  • Leben

    Nach dem Besuch des Meininger Gymnasiums studierte O., der der bündischen Jugend angehörte, in München, Hamburg und Berlin Agrarwissenschaften (Dr. agr. 1929), dann in Berlin und Königsberg Nationalökonomie (Dr. rer. pol. 1930). Ausgedehnte Reisen zum Studium des Ackerbaus und der jeweiligen politischen und sozialen Zustände führten ihn in den Kaukasus, dann nach China, Japan, Kanada, in die USA und die Türkei. O., der 1923 am Hitlerputsch teilgenommen hatte, trat 1933 in die NSDAP ein. Seit 1933/34 leitete er das Institut für osteurop. Wirtschaft an der Univ. Königsberg und nahm eine ao. Professur für Agrarpolitik an der TH Danzig wahr. Daneben führte er den „Bund Deutscher Osten“ (DBO) und das ostpreuß. Büro der „Vereinigung für das Deutschtum im Ausland“ (VDA). Für den DBO und den VDA baute O. den Nachrichtendienst für die Belange der Volksdeutschen in Osteuropa auf, wobei er geheimdienstliche, wissenschaftliche und politische Erkenntnisse in einzigartiger Weise bündelte. Seiner Meinung nach sollte die Agrarwirtschaft der osteurop. Länder mit Hilfe deutscher Fachleute durch eine wirtschaftliche Lösung der Überbevölkerungsfrage grundlegend reformiert werden. Die Radikalisierung der ostpolitischen Pläne der NSDAP und das personelle Eindringen der SS in diese Domäne beendeten die Karriere O.s. Eine Intrige des Gauleiters Erich Koch und der Gestapo kostete ihn 1937 seine Ämter in der VDA und im BDO sowie seine Königsberger Professur. O. fand Zuflucht beim Chef der deutschen Abwehr, Admiral Wilhelm Canaris, der dem Osteuropakenner 1938 einen Lehrstuhl in Greifswald verschaffte und ihn in den Dienst der Abwehr nahm. Für Canaris konzipierte O. 1940, im selben Jahr zum Professor für Staatswissenschaften in Prag ernannt, die deutschukrain. Freiwilligeneinheit „Nachtigall“ und 1942 den deutsch-kaukasischen Sonderverband „Bergmann“. Seine positiven Erfahrungen, verknüpft mit Kritik an der deutschen Besatzungspolitik – die osteurop. Völker sollten vom Bolschewismus befreit und nicht von Deutschland unterdrückt werden – legte er in sechs Denkschriften nieder, die im Oktober 1943 auf Himmlers direkte Veranlassung zu seiner Ablösung als Kommandeur führten. Im März 1945 trat O. als Verbindungsoffizier dem Stab von Wlassows „russ. Befreiungsbewegung“ bei, von der er mehrere tausend Soldaten in geschickten Verhandlungen an die US-Armee auslieferte und damit rettete. Nach seiner Entlassung aus amerik. Kriegsgefangenschaft 1946 war O. als Landwirtschaftsberater tätig und erstellte inoffiziell für den amerik. Geheimdienst Analysen über Osteuropa und seine antistalinistischen Kräfte.

    Politisch gelangte der kämpferische Antikommunist über die FDP zum „Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ (BHE); bis 1953 war er bayer. Landesvorsitzender, 1954/55 auch Bundesvorsitzender des „Gesamtdeutschen Blocks/BHE“. Im Dezember 1950 wurde er Staatssekretär für das Flüchtlingswesen im bayer. Innenministerium, im Oktober 1953 Bundesminister „für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte“, 1953-61 und 1961-65 gehörte er dem Bundestag an. Einerseits reklamierte O. namens des BHE die Wiederherstellung des Deutschen Reichs in den Grenzen von 1937 und das Selbstbestimmungsrecht der Heimatvertriebenen, andererseits förderte er die politische, wirtschaftliche und soziale Eingliederung der über 12 Mio. Vertriebenen und Flüchtlinge in die Bundesrepublik entscheidend (u. a. Bundesvertriebenengesetz, Lastenausgleich, Dokumentationen d. Vertreibung u. d. Kriegsgefangenen) und stützte mit den Stimmen des BHE im Bundestag maßgeblich Adenauers Politik der Westintegration. Dieser Spagat spaltete den BHE im Juli 1955; O. wechselte 1956 zur CDU. 1958-64 führte er dort den Vorsitz des Landesverbandes Oder-Neiße, der Vertretung der Vertriebenen innerhalb der CDU.

    Dank seiner deutschnationalen Einstellung, seines hemdsärmeligen Wesens und seiner Integrationserfolge bildete O. ein bevorzugtes Ziel östlicher Propaganda, die gerade auf die Vertriebenen als sozialrevolutionäres Unruhepotential der Bonner Republik gesetzt hatte. Mit O.s Namen verbindet sich die erste DDR-Großkampagne gegen einen prominenten Bonner Amtsträger. O.s Erfolge bei der Eingliederung der Heimatvertriebenen und die Tatsache, daß O. mit den Stimmen seiner Partei die Wiederbewaffnung und den Beitritt der Bundesrepublik zur NATO ermöglicht hatte, waren seit Sommer 1959 der unmittelbare Anlaß, O. als Kriegsverbrecher zu entlarven. Man warf ihm vor, im Sommer 1941 an der Erschießung von Juden und Polen in Lemberg beteiligt gewesen und auch|für den Tod zahlreicher Menschen im Kaukasus verantwortlich zu sein; in einem Schauprozeß verurteilte man ihn am 29.4.1960 in Abwesenheit zu lebenslangem Zuchthaus. Auch in der Bundesrepublik entfachte der „Fall Oberländer“ zur Jahreswende 1959/60 eine heftige Debatte. Eine Reihe von Journalisten (etwa Bernt Engelmann im „Spiegel“ und Gerd Bucerius in der „Zeit“) machten sich die DDR-Vorwürfe zu eigen, die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen den Minister. Adenauer sah sich schließlich genötigt, O. zum Rücktritt am 3.5.1960 zu bewegen. Obwohl aus den inzwischen zugänglichen Stasi-Akten hervorgeht, daß die Ost-Berliner Regierung die Kampagne mit gefälschten Dokumenten betrieben hatte, und die Bonner Staatsanwaltschaft bereits im April 1961 festgestellt hatte, daß die Vorwürfe jeglicher Grundlage entbehrten, mußte sich O. weiterhin in über 80 langjährigen Verfahren gegen sie wehren. Seine Gegner, besonders „Die Tat“ und ihr Redakteur E. Karpenstein (1961–73) sowie Bernt Engelmann (1982–86), wurden hierbei seitens Ost-Berlins juristisch und geheimdienstlich unterstützt. Erst Ende 1993 wurde das DDR-Urteil von 1960 vom Landgericht Berlin als „rechtsstaatswidrig“ aufgehoben. Nach seinem Rücktritt engagierte sich O., der 1965-71 eine Beratertätigkeit für Messerschmitt-Böikow-Blohm ausübte, für die 1957 von ihm mitbegründete Friedlandhilfe und die Europ. Konferenz für Menschenrechte.|

  • Auszeichnungen

    Gr. BVK mit Schulterband u. Stern (1958).

  • Werke

    u. a. Die Landflucht in Dtld. u. ihre Bekämpfung durch agrarpol. Maßnahmen, 1933;
    Die agrar. Überbevölkerung Polens, 1935;
    Die Landwirtschaft Posen-Pomerellens vor u. nach d. Trennung v. Dtld., 1937;
    Die Überwindung d. dt. Not, 1954;
    Der Osten u. d. dt. Wehrmacht, 1987;
    zahlr. Aufss. in „Ostland“, „Dt. Ostforschung“, „Dt. Erzieher“, „Volk u. Reich“, „Neues Bauerntum“ u. a.

  • Literatur

    Der Spiegel v. 21.4.1954, 2.12.1959 u. ö. (jeweils mit P), Die Tat Nr. 39, 1959, bis Nr. 39, 1960;
    Die Wahrheit üb. O., Braunbuch üb. d. Verbrecher. faschist. Vergangenheit d. Bonner Min., 1959;
    Der Oberländerprozeß, Gekürztes Protokoll d. Verhandlung vor d. Obersten Ger. d. DDR, hg. v. Ausschuß f. Dt. Einheit, 1960;
    V. Silling, Die Hintergründe d. Falles Oberländer, 1960;
    J. Zwart, Lemberg 1941 u. O., Das Ergebnis e. Unters., 1960;
    A. Drozdzynski, O., A study in german east politics, 1960;
    K. Ziesel, Der Rote Rufmord, 1961;
    K. O. v. Aretin, Der Sturz d. Min. O., in: Die Furche 18, 1960;
    M. Broszat, Nat.soz. Polenpol., 1961;
    H. Raschhofer, Der Fall Oberländer, Eine vgl. Rechtsanalyse d. Verfahren in Pankow u. Bonn, 1962;
    B. Engelmann, Die Laufmasche, 1981 (Roman);
    M. Burleigh, Germany turns eastward, A study of Ostforschung in the Third Reich, 1988;
    W. Ruhenstroth-Bauer, in: Ostdt. Gedenktage 1990, S. 84-86 (L, P);
    G. Aly u. S. Heim, Vordenker d. Vernichtung, 1991;
    S. Schütt, Th. O., Eine dokumentar. Unters., 1995 (P);
    B. Kallina, in: Das Parlament v. 28.4.1995 (P);
    K. H. Roth, Hans Joachim Beyer, in: Gesch.schreibung als Legitimationswiss., hg. v. P. Schöttler, 1997;
    I. Haar, Revisionist. Historiker u. Jugendbewegung, Das Königsberger Beispiel, ebd.;
    I. Haar, Historiker im NS, Die dt. Gesch.wiss. u. d. Volkstumskampf im Osten (ersch. 1998);
    Ph.-Ch. Wachs, Der Fall Oberländer (ersch. 1998);
    Rößler-Franz;
    Klimesch (P).

  • Autor/in

    Franz Menges, Philipp-Christian Wachs
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz; Wachs, Philipp-Christian, "Oberländer, Theodor" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 392-394 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118735829.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA