Lebensdaten
1588 bis 1662
Geburtsort
Forchtenberg (Württemberg)
Sterbeort
Schwäbisch Hall
Beruf/Funktion
Bildhauer
Konfession
lutherische Familie
Normdaten
GND: 11872200X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kern, Leonhard

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Zitierweise

Kern, Leonhard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11872200X.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Michael d. Ä. (1555–1634), Steinmetz, Werk- u. Tünchermeister, 1625 Bgm. in F., erbaute 1609/10 d. Jagstbrücke in Schöntal, S d. Steinmetzen Michael ( 1603) in F. u. d. Magdalena Berler;
    M Apollonia ( 1627), T d. Kaspar Rimann in Krautheim;
    Ov Endris (1559–1637), Gehilfe in d. Werkstatt v. Michael d. Ä., Peter (1570–1634), Steinmetz;
    B Michael (s. 2), Georg (1583–1639/43), Steinmetz, seit 1607 Baumeister u. 1621-31 Burgvogt in Neuenstein, plante u. überwachte d. Umbauten d. Schlösser Neuenstein u. Öhringen, entwarf u. a. d. Neuensteiner Gartenportal 1617, Peter d. Ä. (1594–1650), Bildhauer in Koblenz;
    Vt Johannes (* um 1588), Endris (* um 1596), beide Bildhauer in F.;
    - Forchtenberg 19.6.1614 Amalia ( 1670), T d. hohenloh. Amtsschreibers Georg Zöllner in F.;
    7 S, 6 T, u. a. Konstantin (1618–51), Bildnismaler in Würzburg u. Sch. H., Joh. Jakob (1625–68), Bildhauer, seit 1656 in Nürnberg, nach 1660 in Holland u. England; N (S d. Peter d. Ä.) Joh. Georg (1622–98), Bildhauer, Bildschnitzer u. Bgm. in Öhringen, scheint K.s künstler. Erbe gewesen zu sein, führte dessen Werkstatt in F. weiter, (unehel. S d. Peter d. Ä.) Peter d. J. (1615–35), Bildhauer in F.; Nachkomme Eduard (1887–1972), Prof. d. Rechte in Tübingen (s. L).

  • Leben

    Entgegen der Familientradition wurde K. zu einem akademischen Beruf bestimmt und besuchte daher eine Lateinschule. Offenbar auf eigenen Wunsch trat er mit 15 Jahren als Bildhauerlehrling in die Werkstatt seines Bruders Michael des Jüngeren ein (1603-09). Ungewöhnlich für Herkunft und Zeit war seine langjährige Wanderschaft durch ganz Italien (1609–14). Reine Abenteuerlust führte ihn von Neapel aus zu einem Abstecher nach Nordafrika (Mauretanien). Studienhalber hielt er sich in Rom (2 Jahre) und in Neapel (9 Monate) auf; stilistisch ist aus seinen Werken ein Aufenthalt (etwa 1 Jahr) in Oberitalien (Florenz, Mantua, Padua, Venedig) zu erschließen. In Rom studierte er an der Accadèmia di San Luca antike und zeitgenössische Skulptur und Architektur; als Baumeister trat er jedoch nie in Erscheinung. Der Rückweg führte ihn über Oberitalien und Krain (1613, Laibach, Schnitzaltar) zurück nach Forchtenberg (Frühjahr 1614). 1617 (1615?) -20 arbeitete er in Heidelberg (Schloß, Englischer Bau, eigenhändige Werke nicht nachweisbar), unterbrochen durch einen elfwöchigen Aufenthalt in Nürnberg (1617, Rathausportalfiguren). 1620 machte er sich endgültig in Schwäbisch Hall ansässig; die letzten Lebensjahre (1651–61) verbrachte er in dem von ihm erworbenen Schlößchen Tullau bei Hall. – Die wirtschaftliche Blütezeit seiner Werkstatt fällt in die 20er und 30er Jahre; Geschäftsreisen führten ihn nach Nürnberg, Frankfurt, Regensburg (1632/37 Dreieinigkeitskirche, Altarengel und 7 Tugenden), Straßburg (1657 Venus- und Marsgruppe in Kassel), Augsburg und an den kurbrandenburgischen Hof (1648, 3 Monate, in|Kleve? Kurprinz Wilhelm-Statuette, ehemals Berlin). Damals erwarb er seinen Haus- und Grundbesitz. Um 1640 setzte infolge der Kriegsereignisse der wirtschaftliche Niedergang und die Auflösung der Werkstatt ein. – Zeit seines Lebens genoß K. künstlerische und gesellschaftliche Anerkennung (Sandrart!); er war Mitglied des Äußeren Rates in Hall (1640), kurbrandenburgischer (1648) und vielleicht auch kurpfälzischer Hofbildhauer.

    K. war ein äußerst produktiver und rasch arbeitender Künstler, der dem breiten Publikumsgeschmack ebenso Rechnung trug wie dem differenzierten Sammlergeschmack. Daher die großen Qualitätsunterschiede und die Themen- und Motivbreite innerhalb des eigenhändigen Oeuvre, das in Einzelfällen gegenüber jenem seines Sohnes Johann Jakob, seines Neffen Johann Georg und seiner Werkstatt, Schule und Nachfolge nicht immer sicher abzugrenzen ist; daher die weite Verbreitung und gelegentlich schlimme Vergröberung seines Stils. K. arbeitete meist kleinfigurige Kabinettskunst – seltener Monumentalwerke (Altäre, Grabmäler, Statuen), meist Skulpturen – seltener Reliefs, meist Einzelstatuetten – seltener Gruppen. Als Vorlagen dienten ihm hauptsächlich seine nach der Natur gefertigten Wachs- und Tonmodelle, gelegentlich auch Abgüsse, Reduktionen, Original- und Reproduktionsstiche. Als Material verwendete er vorwiegend Elfenbein, dann Alabaster, Speckstein, Holz, Bronze und Sandstein. Eine Spezialausbildung im Elfenbeinschnitzen ist nicht notwendigerweise anzunehmen, da dank seiner virtuosen manuellen Begabung die Technik der Alabasterbearbeitung (Lehrjahre bei Michael Kerndem Jüngeren ; vergleiche dessen Würzburger Kanzel 1609) jenes bereits einschließt. Nur selten sind seine Werke signiert, datiert ist kein einziges. Sein Oeuvre besteht hauptsächlich aus Zuschreibungen. – Eine Reihe von Werken, zum Teil signiert beziehungsweise datierbar, ist verschollen.

    Oft eklektisch in der Verwendung von Vorlagen bildete K. diese stilistisch immer um, analog seiner künstlerischen Grundhaltung. Diese ist gekennzeichnet durch ein klassisches, ausgeprägt tektonisches, kubisch-plastisches Formgefühl. Sie bestimmt sein Verhältnis zu Antike, Renaissance (italienische Frührenaissance, deutsche Früh- und Spätrenaissance), Manierismus (florentinischer und oberitalienischer Manierismus) und Barock (deutscher Frühbarock). Kein Wunder, daß insbesondere seine Bronzen, ganz abgesehen von motivischen Entlehnungen oder Anklängen, gelegentlich als Werke Meits, Vischers des Jüngeren und Flötners oder als oberitalienisch angesprochen wurden, daß andererseits greifbare Beziehungen zu den beiden Hauptvertretern des deutschen Hochbarock, Petel und Zürn, fehlen, und daß die Auseinandersetzung mit der Kunst Rubens' nur Episode blieb. Dem Experimentieren und dem Naturalismus in seiner Frühzeit (bis etwa 1625) folgten der „klassische“ Barock und der Realismus seiner mittleren Zeit (bis etwa 1645) und, nach dem kurzen „flämischen“ Zwischenspiel (um 1645), der barocke „Klassizismus“ mit stark manieristischen Zügen sowie der Idealismus seiner Spätzeit (ab etwa 1650). K. gehörte zu den frühesten deutschen Bildhauern des werdenden Barock und dessen klassisch-realistischer Richtung.

    Im Mittelpunkt von K.s Schaffen stand der Mensch: sowohl der lebensvolle und lebensfrohe, als auch der vereinzelte und vereinsamte Mensch, geprägt von existenzieller Angst, mindestens aber von „existenziellem Grenzbewußtsein“ (Schahl), und zuletzt der Mensch, vergeistigt und sublimiert, als Träger einer transzendenten Idee. Das Thema (aus Mythologie, Allegorie, Historie, Altem und Neuem Testament) reduzierte K. zum Motiv (Stehende, Sinnende, Alter Mann, Alte Frau, Mann, Frau, Kind) und verdichtete es schließlich in seiner Spätzeit zum Symbol (MORTIS IMAGO, Venus-und-Marsgruppe).

  • Werke

    W Verz. in ThB u. b. Grünenwald, s. L;
    Werkstattarbb. u. ausgeschiedene Arbb. s. Grünenwald, Möller, Theuerkauff, Zoege v. Mannteuffel.

  • Literatur

    E. Grünenwald, L. K., e. Bildhauer d. Barock, 1969 (W, L);
    L. L. Möller, Zur Frühzeit L. K.s, in: Pantheon 28, 1970 (W);
    A. Schädler, in: G. Petel, Krit. Kat. 1973, Kat. 114, u. S. 172; Besprechungen
    v. Grünenwald, L. K., 1969: L. L. Möller, in: Pantheon 30, 1972;
    Ch. Theuerkauff, in: Burlington Mgz. 95, 1973 (Abb. u. Neuzuschreibungen);
    ThB. |

  • Quellen

    Qu.: Nekr. im Kirchenbuch Schwäb. Hall v. 6.4.1662 (Schwäb. Hall, ev. Dekanat); Stadtarchiv Schwäb. Hall. Eigene Archivforschungen. - Zu Eduard: H.-H. Jescheck, in: Goldammers Archiv f. Strafrecht, 1967, S. 353-61; Kürschner, Gel.-Kal. 1966.

  • Portraits

    Selbstbildnis (?) im Alter v. 55 J., Specksteinrelief, signiert (verschollen, ehem. Berlin), Abb. b. F. Kugler, Beschreibung d. in d. kf. Kunstkammer zu Berlin vorhandenen Kunstslg., 1838, Nr. 404;
    Ch. Scherer, L. K. als Kleinplastiker, in: Jb. d. Preuß. Kunstslgg. 37, 1916, S. 303.

  • Autor/in

    Elisabeth Grünenwald
  • Empfohlene Zitierweise

    Grünenwald, Elisabeth, "Kern, Leonhard" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 515-516 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11872200X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA