Lebensdaten
1867 bis 1924
Geburtsort
Beresina (Gouvernement Minsk)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
sozialistischer Politiker
Konfession
konfessionslos
Normdaten
GND: 118710249 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Helphand, Alexander Israel Lazarevitsch
  • Gelfant, Alexander (russische Namensvariante)
  • Gelfant, Alexander Israel Lazarevitsch (russische Namensvariante)
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Helphand, Alexander, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118710249.html [16.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V N. N., Handwerksmeister;
    M N. N.; mehrmals verheiratet; mindestens 4 K.

  • Leben

    H. kam als Kind mit seinen Eltern nach Odessa und besuchte dort das Gymnasium. 1885 arbeitete er ein Jahr in Schlosser- und Schmiedewerkstätten. 1886 reiste er in die Schweiz, wo er sich mit der illegalen sozialistischen Literatur befaßte und sich der „Gruppe zur Befreiung der Arbeit“ anschloß. Ende 1886 kehrte er nach Odessa zurück. 1887 verließ er Rußland, um in Westeuropa zu studieren und sich der dortigen Arbeiterbewegung anzuschließen. 1888-91 studierte H. in Basel und Zürich Nationalökonomie, Physik und Mineralogie. 1891 wurde er in Basel mit einer Arbeit über das Problem der Arbeitsteilung zum Dr. phil. promoviert. – Von Basel reiste H. 1891 über Stuttgart nach Berlin, wo er sich der deutschen Sozialdemokratie anschloß. H. war der erste in der Reihe osteuropäischer Emigranten, die sich in der deutschen Sozialdemokratie als Theoretiker und Politiker einen Namen machten. In Karl Kautskys Zeitschrift „Neue Zeit“ focht er für die Beteiligung der SPD an den preußischen Landtagswahlen und gegen die Budgetbewilligung, für die Förderung der Gewerkschaften und die Einführung des gesetzlichen Achtstundentages, für den politischen Massenstreik und den Freihandel – aber gegen Bernsteins Revisionismus der marxistischen Dogmen. – H. wollte „Endziel“ und „Bewegung“, „Revolution“ und „Evolution“; er wollte die Arbeiterbewegung nicht außerhalb des Staates stellen, sondern sie durch praktische politische Ziele – wie den Achtstundentag und den Maifeiertag – in politischer Bewegung halten, um den Staat von innen zu durchdringen und jede errungene Machtposition zu einem Hebel der Revolution zu machen.

    1896-98 leitete er als Chefredakteur die Sächsische Arbeiterzeitung. Nach seiner Ausweisung aus Preußen und Sachsen übersiedelte er 1899 nach München, wo er eine Zeitungskorrespondenz herausgab und den „Verlag slawischer und nordischer Literatur“ gründete, der Maxim Gorki in Deutschland bekanntmachte. In München begegnete H. auch Lenin, der ihn als Mitarbeiter für die „Iskra“ gewann. Trotzki geriet in München unter H.s Einfluß. Gemeinsam erforschten sie die Wirkungsgesetze des politischen Massenstreiks und definierten die Rolle des russischen Proletariats, von dem sie den Anstoß zur Revolution in Westeuropa erwarteten. Trotzki baute darauf später die Theorie der permanenten Revolution auf.

    1905 nahm H. an der 1. russischen Revolution teil. Nach seiner Flucht aus Sibirien kehrte er 1907 nach Deutschland zurück. 1910 reiste er in die Türkei, wo er bis zum Ausbruch des Krieges durch Getreidelieferungen und Rüstungsgeschäfte ein großes Vermögen erwarb. Er fand Befriedigung in den Risiken und den Organisationsproblemen improvisierter Transaktionen; er folgte jedoch auch seiner Überzeugung, daß Geld politische Macht bedeute. Politik und Geschäft waren unzertrennbar verquickt. Im August 1914 stellte sich H. ohne zu zögern auf die Seite der deutschen Regierung. Er bot dem Auswärtigen Amt seine Dienste zur Revolutionierung Rußlands an. – Nach Berlin zurückgekehrt, gründete er die Zeitschrift „Die Glocke“, die die Politik des 4. August propagierte. Von seinem Hauptquartier in Kopenhagen aus schleuste er Geld und Agenten nach Petersburg. 1917 empfahl er der Berliner Regierung, Lenin die Rückreise von der Schweiz nach Rußland anzubieten. – Als Deutschland im November 1918 die Waffen niederlegte, zog H. sich in die Schweiz zurück. Seine undurchsichtigen Kriegsgeschäfte hatten ihn politisch und persönlich diskreditiert. Erst 1920 kehrte er wieder nach Berlin zurück, wo er als stiller Ratgeber das Vertrauen von Ebert, Scheidemann und Wels genoß und seinen Einfluß für eine konsequente deutsche „Erfüllungspolitik“ benutzte. Zur Förderung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit Europas finanzierte er ab 1922 gemeinsam mit Hugo Stinnes, der jedoch als Geldgeber nicht genannt werden wollte, eine in 5 Sprachen erscheinende Zeitschrift „Der Wiederaufbau“. – Vereinsamt und verfemt starb er im Dezember 1924. Für die antirepublikanische Rechte blieb er ein Symbol für Korruption und Schiebertum. Die Kommunisten schmähten ihn als Renegaten und Chauvinisten.

  • Werke

    Die Gewerkschaften u. d. Soz.demokratie, 1896;
    Wohin führt d. pol. Maßregelung d. Soz.demokratie?, 1898;
    Handelskrisis u. Gewerkschaften, 1901;
    In d. russ. Bastille während d. Rev., 1907;
    Die Kolonialpol. u. d. Zusammenbruch, 1907;
    Der Staat, d. Industrie u. d. Sozialismus, 1910;
    Der Klassenkampf d. Proletariats, 1911;
    Im Kampf um d. Wahrheit, 1918;
    Aufbau u. Wiedergutmachung, 1921.

  • Literatur

    J. Fischart, Das alte u. d. neue System, 1919;
    K. Haenisch, Parvus, ein Bl. d. Erinnerung, 1925 (P);
    St. Possony, Jh. d. Aufruhrs, 1956;
    H. Schurer, A. H.-Parvus, in: Russian Review, New York 1959, S. 313-31;
    I. Deutscher, Der bewaffnete Prophet, 1962;
    W. Scharlau u. Z. Zeman, Freibeuter d. Rev., Parvus-H., Eine pol. Biogr., 1964 (L, P);
    F. Osterroth, Bibliograph. Lex. d. Sozialismus I, 1960.

  • Autor/in

    Winfried Scharlau
  • Empfohlene Zitierweise

    Scharlau, Winfried, "Helphand, Alexander" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 506 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118710249.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA