Lebensdaten
1869 bis 1947
Geburtsort
Görlitz
Sterbeort
Birmingham
Beruf/Funktion
Philosoph ; Psychologe ; Pädagoge
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118669664 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Cohn, Jonas

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Zitierweise

Cohn, Jonas, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118669664.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Phil. (1829–78), Kaufm.;
    M Anna Gottschalk (1846–1907);
    1903 Elise (1872–1953), T des Glashüttenbesitzers Wilh. Ebstein u. der Math. Hausmann.

  • Leben

    Nach Studium ab 1888 in Leipzig, Berlin, Heidelberg und Promotion in Systematischer Botanik Berlin 1892 habilitierte sich C. 1897 für Philosophie und Pädagogik in Freiburg (Breisgau). Hier lehrte er ab 1901 als außerordentlicher und seit 1919 als ordentlicher Professor für Philosophie, Psychologie und Pädagogik. 1933 emigrierte er nach England.

    C.s philosophisches Denken geht aus von einer Kritik der mechanistischen Naturauffassung. Demgegenüber will er für Ethik, Ästhetik und Pädagogik eine eigene Bewußtseinsgrundlegung schaffen. Dabei zeigt er sich als Vertreter des Neukantianismus, speziell der „Südwestdeutschen Schule“ von W. Windelband und H. Rickert. In der Erkenntniskritik verbleibt er bei Kants Auffassung, dagegen lehnt er Kants Formalismus für die Ethik, Ästhetik und Pädagogik ab und bietet das fehlende Materialobjekt dar in einer kritisch-dialektischen Wertlehre. Zu deren Wesenheit gehört vor allem das Widerspiel zwischen der empirischen Realität und der ihr prinzipiell übergeordneten transzendentalen Idealität, diese vorab als Selbstzeugung des denkenden Bewußtseins ausgelegt, sodann die prinzipielle Aufhebung der Einheit von Sein und Wert im Gegensatz zur realistischen Metaphysik.

    Diese antinomische, kritisch-dialektische Denkstruktur eignet gleichfalls der von Schleiermacher beeinflußten Pädagogik C.s. Ihr Ziel lautet: Der Zögling soll gebildet werden zum autonomen Glied der historischen Kulturgemeinschaften, denen er angehört. Es geht ihm um eine Vereinigung zwischen der Freiheit des empirisch-realen Individuums und dessen Bindung durch die Selbstgesetzlichkeit der überzeitlichen Ideen und Wertgeltungen, die in den Kulturgemeinschaften (Familie, Volk, Staat) wirksam sind, also um eine Synthese zwischen Individual- und Sozialpädagogik sowie um die Verwebung der empirisch-induktiven mit der systematischdeduktiven Methode. Wie in der Philosophie setzt C. in seiner Psychologie ein bei einer kritischen Verwerfung der zu seiner Zeit noch vielfach herrschenden mechanistischen Auffassung des Psychischen und beteiligt sich im methodischen Gleichklang mit G. Th. Fechner, W. Wundt, H. Ebbinghaus und O. Külpe an dem Ausbau der aufblühenden experimentellen Psychologie. In seinen psychologischen Deutungsprinzipien tritt wieder maßgebend hervor die Bindung an die empirische Realität bei gleichzeitigem Festhalten an der Freiheit autonom geistiger Idealität.

    C. gehört zu den erstrangigen Vertretern der neuzeitlichen theoretischen Pädagogik. Die Ungunst der Zeit sowie sein persönliches Schicksal haben die ihm gebührende Beachtung geschmälert, sein Werk bedarf noch weitgehend der wissenschaftsgerechten Sichtung und Auswertung.

  • Werke

    (außer d. b. Ueberweg IV, S. 461 angegebenen) Experimentelle Unterss. üb. d. Gefühlsbetonung d. Farben, in: Philos. Stud., 10, 1894;
    Die Hauptformen d. Realismus, ebenda, 19, 1903;
    Experimentelle Unterss. üb. d. Zusammenwirken d. akust.-motor. u. d. visuellen Gedächtnisses, in: Zs. f. Psychol. u. Physiol. d. Sinnesorgane, 15, 1904;
    Unterss. üb. Geschlechts-, Alters- u. Begabungsunterschiede, 1911;
    Widersinn u. Bedeutung d. Krieges, in: Logos, 5, 1915;
    Erziehung z. sozialen Gesinnung, 1920;
    Zur Psychol. d. Weltanschauungen, in: Kant-Stud. 26, 1921;
    Befreien u. Binden. Zeitfragen d. Erziehung überzeitlich betrachtet, 1926;
    Recht u. Sinn eines allgemein-gültigen Erziehungszieles, in: Die Erziehung, H. 3, 1927;
    Führende Denker, 51928;
    Wertwiss., 1932;
    Einführung in Toynbees Gesch.lehre, in: A. J. Toynbee, Der Gang d. Weltgesch., 21949; Autobiogr. in:
    Die dt. Philos. d. Gegenwart in Selbstdarst. II, 21923 (P); hinterlassene, noch unveröff. W:
    Wirklichkeit als Aufgabe;
    Selbstüberschreitung;
    Volkscharakter u. Menschheitsideal.

  • Literatur

    P. Barth, Elemente d. Erziehungslehre, 1906. 101923, S. 347, 361;
    O. Külpe, Einleitung in d. Philos., 111917, §§ 5, 6, 10, 12;
    Th. Litt, J. C., Geist d. Erziehung, in: Kant-Stud., 25, 1920, S. 254-58;
    ders., Einl. in d. Philos., 1933, 21949, S. 326;
    A. Messer, Pädagogik d. Gegenwart, 1926, S. 25 f.;
    S. Marck, Am Ausgang d. jüngeren Neu-Kantianismus, Ein Gedenkbl. f. R. Hönigswald u. J. C., in: Archiv f. Philos., 3, 1949, S. 144 ff.;
    Ziegenfuß I (W, L);
    H. Kautz, in: Lex. Päd. I, 1952 (W, L).

  • Autor/in

    Heinrich Kautz
  • Empfohlene Zitierweise

    Kautz, Heinrich, "Cohn, Jonas" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 316 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118669664.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA