Lebensdaten
1899 bis 1990
Geburtsort
Neuilly-sur-Seine
Sterbeort
Bremen
Beruf/Funktion
Philosoph ; Nationalökonom ; Soziologe
Konfession
-
Normdaten
GND: 118615246 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Sohn-Rethel, Alfred Carl Eduard
  • Rethel, Alfred Sohn-

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Zitierweise

Sohn-Rethel, Alfred, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118615246.html [01.09.2016].

CC0

Sohn-Rethel, Alfred Carl Eduard

Philosoph, Nationalökonom, * 4. 1. 1899 Neuilly-sur-Seine, 6. 4. 1990 Bremen, Bremen.

  • Genealogie

    Aus weitverzweigter Künstlerfam.; V Alfred (1875–1958), Maler in Paris u. Berlin, Mitgl. d. „Freien Vereinigung Düsseldorfer Künstler“ (s. ThB; Vollmer), S d. Carl Sohn (1845–1908), aus Düsseldorf, Porträt- u. Genremaler, Mitgründer d. „Freien Vereinigung Düsseldorfer Künstler“ (s. BJ 13, Tl.; ThB), u. d. Else Rethel (1853–1933); M Anna Michels (1874–1957), aus Hannover; Ur-Gvv Alfred Rethel (1816–59), Historienmaler (s. NDB 21); Ov Otto (1877–1949), Maler in Düsseldorf (s. ThB; Vollmer, Carl Ernst (Karli Sohn) (1882–1966), Maler in Positano u. Düsseldorf (s. ThB; FAZ v. 23. 4. 1966); 1 B Hans-Joachim (gen. Dotz) (1905–55), Maler, Kabarettist (s. Hdb. Exiltheater), 1 Schw Lissy (1897–1993, Albert Steinrück, 1872–1929, Schausp., s. Kosch, Theater-Lex.); – Heidelberg 1920 Tilla Henninger (1893–1945), Musikstudentin, 2) Birmingham 1945 Joan Levi (1907–80), Mitarb. d. staatl. Gesundheitswesens, 3) Bremen 1982 Bettina Wassmann (* 1942), Buchhändlerin, Verl. in B., Te. Baumwollhändlers in B., u. e. Künstlerin; 1 T aus 1) Brigit (1921–95, 1] Hans Potthoff, 2] Peter Wright), 1 S aus 2) Martin (* 1947), am British Film Inst.in Brighton, 1 T aus 2) Ann (* 1949), Keramikerin in Cheltenham (Gloucestershire, England).

  • Leben

    S. wuchs zunächst in Barbizon auf und dann 1908–12 bei seinem Paten Ernst Poensgen (1871–1949), dem späteren Vorstandsvorsitzenden der Vereinigten Stahlwerke, in Düsseldorf. Bereits als Jugendlicher las er das „Kapital“ von Marx. 1912–17 besuchte er die Goethe-Schule in Berlin-Wilmersdorf, seit 1917 das Johanneum in Lüneburg, wo er im selben Jahr das Abitur ablegte. Danach studierte S. Nationalökonomie, Philosophie und Soziologie in Heidelberg und Berlin, wo ihn u. a. die Theorien Max und Alfred Webers, Karl Mannheims, Leo Löwenthals und Ernst Cassirers prägten. 1928 wurde er bei Emil Lederer mit einer Arbeit über die Grenznutzenlehre Alois Schumpeters zum Dr. phil. promoviert. In die Heidelberger Zeit fielen auch erste Begegnungen mit Ernst Bloch und mit Walter Benjamin, zu dem S. bis 1937 in enger Beziehung stand. Das Studium wurde 1924–27 durch einen Aufenthalt in Italien (Capri, Positano) unterbrochen, wo er Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer kennenlernte. Erste philosophische Exposés, in denen er dem Marxschen „Kapital“ eine materialistische Erkenntnistheorie zur Seite stellen wollte, sollten ihm mit Adornos Hilfe den Zugang zum Institut für Sozialforschung öffnen – ein Vorhaben, das letztlich am Widerstand Max Horkheimers scheiterte.

    1929 nahm S. am 2. Davoser Hochschulkurs teil, an dem u. a. Ernst Cassirer und Martin Heidegger mitwirkten, und blieb zur Behandlung einer Tuberkulose in dem Schweizer Kurort. 1931 verhalf ihm Poensgen zu einer Anstellung beim Mitteleurop. Wirtschaftstag (MWT) in Berlin. Diese bzw. seit 1934 die Tätigkeit beim Dt. Orient-Verein und der Ägypt. Handelskammer (ÄHK) boten ihm Einblicke in die Wirtschafts- und Raumplanung in den 1930er Jahren und v. a. während der NS-Herrschaft. Um einer drohenden Verhaftung wegen seiner Verwicklung in einen Streit der ÄHK mit der Auslandsorganisation der NSDAP zu entgehen, verließ S. 1936 Deutschland und ging über Luzern, Paris und London nach Birmingham.

    1940/41 wurde S. als feindlicher Ausländer auf der Isle of Man interniert. Er erlangte 1947 die brit. Staatsbürgerschaft und war|1947–72 Mitglied der Kommunistischen Partei Großbritanniens. Seit den frühen 1960er Jahren lebte er als Französischlehrer in Birmingham. In dieser Zeit entwickelte S. mit dem Altphilologen George Thomson seine Idee von der Entstehung der Denkformen aus den Abstraktionen beim Warentausch (Warenform u. Denkform, 1971, Neuausg. 1978) und ihrer greifbaren Realisation im Münzgeld (Das Geld, d. bare Münze d. Apriori, in: Btrr. z. Kritik d. Geldes, hg. v. P. Mattick u. a., 1976, S. 35–117, als selbst. Publikation 1990) weiter, die er 1936/37 in enger Diskussion mit Adorno, Benjamin und Horkheimer in mehreren Exposés formuliert hatte. Zugleich überarbeitete er seine Untersuchungen der Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit bei der Herausbildung des Kapitalismus (Geistige u. körperl. Arb., 1970, Neuausg. 1989) und bereitete seine Aufzeichnungen über den MWT und die NS-Industrie- und Agrarpolitik zur Publikation vor (Ökonomie u. Klassenstruktur d. dt. Faschismus, 1973, Neuausg. u. d. T. Ind. u. NS, Aufzeichnungen aus d. ,Mitteleurop. Wirtschaftstag`, hg. v. C. Freytag, 1992). Aufgrund der Veröffentlichung dieser Hauptwerke, zahlreicher Vorträge und mehrerer Gastprofessuren erlangte S. in den 1970er und frühen 1980er Jahren Anerkennung auch in Deutschland. 1978 folgte er einem Ruf an die Univ. Bremen.

    S.s erkenntnistheoretische Thesen, nach denen die Denkformen dem Warentausch entstammen, wurden kontrovers diskutiert: Von orthodox-marxistischer Seite wurde er als Revisionist angegriffen, während er von anderen nach seinem „Siegeszug durch die ,nichtrevisionistische Linke` “ den Maoisten zugeordnet wurde. S.s Denkanstöße reichen über die Philosophie und Politikwissenschaft hinaus bis in die Germanistik (Jochen Hörisch) und Soziologie (Oskar Negt). Seine ökonomischen Arbeiten sind seit 2006 Teil einer breit angelegten Untersuchung am Institut für Zeitgeschichte der Univ. Wien (C. Freytag) über die Rolle des MWT im „Ergänzungsraum Südosteuropa“ während der NS-Zeit.

  • Auszeichnungen

    Dr. phil. h. c. (Bremen 1988); BVK (1988).

  • Werke

    Von d. Analytik d. Wirtschaftens z. Theorie d. Volkswirtsch., Methodol. Unterss. mit bes. Bezug auf d. Theorie Schumpeters, 1936 (Diss.); Materialist. Erkenntniskritik u. Vergesellschaftung d. Arb., 1971; Die ökonom. Doppelnatur d. Spätkapitalismus, 1972; M. Greffrath, Einige Unterbrechungen waren wirklich unnötig, Gespräch mit A. S., in: ders., Die Zerstörung e. Zukunft, Gespräche mit emigrierten Soz.wissenschaftlern, 1979, S. 249–98; Soziol. Theorie d. Erkenntnis, 1985; Das Ideal des Kaputten, Über neapolitan. Technik, hg. v. C. Freytag, 1990; Theodor W. Adorno u. A. S., Briefwechsel 1936–1969, hg. v. Ch. Gödde, 1991; – Nachlaß: BA Koblenz.

  • Literatur

    J. Bischoff, Materielle u. geist. Produktion, S.s „Siegeszug“ durch d. nichtrevisionist. Linke, in: Sozialist. Pol. (SOPO) 3, 1971, S. 1–19; E. Berliner (Ps.), Das monopolist. Problem d. Massenbasis, d. „Dt. Führerbriefe“ u. A. S., in: Bll. f. dt. u. internat. Pol. 19/2, 1974, S. 154–74; P. Brand u. a. (Hg.), Der autonome Intellekt, A. S.s „krit. Liquidierung“ d. materialist. Dialektik u. Erkenntnistheorie, 1976; J. Halfmann u. T. Rexroth, Marxismus als Erkenntniskritik, S.s Revision d. Werttheorie u. d. produktiven Folgen e. Mißverständnisses, 1976 (W, L); H. Dombrowski u. a. (Hg.), Symposium Warenform – Denkform, Zur Erkenntnistheorie S.s, 1978 (W, L); B. Wassmann u. J. Müller (Hg.), L'invitation au voyage zu S., 1979; S. Kratz, S., 1980 (W, L); O. Negt, A. S., 1988 (P); C. Freytag, Linkes Profilierungselend u. linke Streitkultur, Zu e. Attacke auf A. S., in: Freibeuter 44, 1990, S. 14–23; ders., A. S. in Italien 1924–1927, in: A. S., Ideal des Kaputten, 1990, S. 39–52; ders., Beobachter im „Reich der Mitte“, A. S.s Aufzeichnungen z. Ökonomie d. dt. Faschismus, in: A. S., Ind. u. NS, 1992, S. 7–34 (W, L); ders., „Kann man leben v. seinem Genie?“, A. S. in Heidelberg, in: R. Blomert u. a. (Hg.), Heidelberger Soz.- u. Staatswiss., Das InSoSta zw. 1918 u. 1958, 1997, S. 329–47; P. Langemeyer, in: Philos. d. Gegenwart, hg. v. J. Nida-Rümelin, 1999, S. 701–06 (W, L); R. Heinz u. J. Hörisch (Hg.), Geld u. Geltung, Zu A. S.s soziol. Erkenntnistheorie, 2006; KLL (W, L); Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L); Killy; BHdwE; Die dt. Soziol. im Exil 1933–1945; – Dok.film v. G. Hörmann, Geb. 1898, A. S., Soz., NDR 1988; – Radioessay v. C. Freytag, Aus Geld wird Geist, Zum 100. Geb.tag d. Soz.philos. A. S.-R., HR u. SFB 1999.

  • Portraits

    Ölgem. v. K. Schwitters, um 1940 (Privatbes.), Abb. in: Negt, 1988 (s. L).

  • Autor

    Carl Freytag
  • Empfohlene Zitierweise

    Freytag, Carl, "Sohn-Rethel, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 542-543 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118615246.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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