• Leben

    Für das Jahr 1355 ist in Straßburg ein Weinhändler Kunz K. urkundlich belegt, der mit dem Dichter der „Jakobsbrüder“ identisch sein könnte. K. nennt sich selbst als Verfasser der kleinen Verslegende von den beiden „Jakobsbrüdern“ (moderner Titel), die seit Euling auf Grund ihrer Überlieferung, Sprachform und literarischen Bezüge als Straßburger Gedicht aus der Mitte des 14. Jahrhunderts gilt. Die Legende verbindet 2 Themenkreise: die Freundschaftsgeschichte vom Typ des „Amicus und Amelius“ (zum Beispiel von Konrad von Würzburg im Versroman „Engelhardt“ verwendet) sowie eine Wundergeschichte um den heiligen Jakobus. Ein kinderloser bayerischer Graf verspricht, sofern ihm ein Sohn geboren würde, daß dieser später eine Wallfahrt zum Jakobusgrab in Santiago de Compostela unternehmen solle. Als der Sohn dann die Reise unternimmt, befreundet er sich unterwegs mit einem jungen Schwäbischen Adligen aus Haigerloch. Der Grafensohn stirbt, wird aber durch die Treue seines Freundes und ein Wunder des heiligen Jakobus wieder zum Leben erweckt. In die Heimat zurückgekehrt, heilt der junge Bayer mit dem Blut seines neugeborenen Kindes den mittlerweile vom Aussatz befallenen Freund: Er opfert sein Kind aus Freundestreue, doch Jakobus gibt auch diesem das Leben zurück. – Sowohl die Freundschafts- als auch die Wundergeschichten sind weitverbreitete Wander-Motive; die von K. erwähnte fremdsprachige (lateinische?) Vorlage ist nicht bekannt. Das in der Straßburger Literaturtradition stehende Werk zeigt deutlich bürgerliche Züge; seinen Erfolg bezeugen 2 Prosaauflösungen aus dem 15. Jahrhundert (Handschriften in Straßburg und Nürnberg) sowie eine Versbearbeitung durch den Basler Drucker Pamphilus Gengenbach von etwa 1516.

  • Werke

    Die Jakobsbrüder v. K. K., hrsg. v. K. Euling, 1899;
    - Prosafassung d. Straßburger Hs. in: F. Pfeiffer, Altdt. Übungsbuch, 1866, S. 197-99;
    d. Nürnberger Hs. in Vorbereitung durch I. Reiffenstein (parallel mit K.s Text);
    - Versbearb. v. P. Gengenbach, hrsg. v. K. Goedeke, 1856, Nachdr. 1966, S. 231-61.

  • Literatur

    ADB 16;
    R. Köhler, Die Legende v. d. beiden treuen Jakobsbrüdern, in: Germania 10. 1865, S. 447-55;
    R. Wülcker, Zu K. K., ebd. 17, 1872, S. 55-61;
    A. Leitzmann, Bemerkungen z. K.s Jakobsbrüdern, in: Zs. f. dt. Philol. 32, 1900, S. 422-30, 557-63;
    K. Helm, Zu Überlieferung u. Text v. K. K.s Jakobsbrüdern, in: Btrr. z. Gesch. d. Dt. Sprache u. Lit. 26, 1901, S. 157-66;
    I. Reiffenstein, Zur Prosaauflösung v. K. K.s Jakobsbrüdern, in: Strukturen u. Interpretationen, Stud. z. dt. Philol., gewidmet B. Horacek z. 60. Geb.tag, 1974, S. 279-96;
    Ehrismann II 2, 2, 1935, S. 409 f.;
    Vf.-Lex. d. MA II;
    de Boor-Newald III, 1, 1962;
    Kosch, Lit.-Lex.

  • Autor/in

    Ulrich Müller
  • Empfohlene Zitierweise

    Müller, Ulrich, "Kistener, Kunz" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 688 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118568116.html#ndbcontent

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  • Leben

    Kistener, Kunz K., Verfasser der gereimten Legende von den beiden getreuen Jacobsbrüdern, die auch in der französischen und italienischen Litteratur mehrfache Bearbeitung gefunden hat. Bei K. ist sie in Baiern localisirt. Ein baierischer Graf Adam lebt zehn Jahre lang mit seiner Frau in kinderloser Ehe. Da wendet er sich bittend an St. Jacob, und die Frau wird guter Hoffnung. Der Graf gelobt, wenn ihm ein Knabe geboren werde, denselben, sobald er erwachsen sei, eine Wallfahrt nach dem Grabe des Apostels in Compostella antreten zu lassen. Die Frau gebiert einen Knaben. Zwölf Jahre alt, macht sich derselbe nach Compostella auf, vom Vater ermahnt, nur einen braven Mann zum Gefährten zu nehmen. Nach vier Wochen trifft er einen jungen Schwaben aus Heierloch, der desselben Weges zieht. Sie reisen zusammen weiter. Wieder nach vier Wochen erkrankt der Baier und stirbt, nachdem er vorher seinen Freund gebeten, seinen Leichnam nach Compostella zu fuhren. Der Schwabe nimmt die Leiche in einem Ledersacke mit, trägt sie in die Kirche des Heiligen und hier erwacht der Todte zum Leben. Beide kehren nach Deutschland zurück. Nach Jahresfrist befällt den Schwaben der Aussatz, und da sein Freund vernommen, daß er nur durch das Blut eines Kindes geheilt werden könne, opfert er das Leben seines eigenen Kindes. Das Kind aber wird, nachdem der Aussätzige genesen, auf Fürbitte des heiligen Jacob wieder lebendig und behält nur einen rothen Streifen um den Hals. Zu Ehren des Heiligen wird das Kloster Gnadau (bei Pfaffenhofen in Baiern) gebaut. Der Stil des Gedichtes weist auf die Scheide des 13. und 14. Jahrhunderts. Noch im 16. Jahrhundert war es beliebt und wurde von Pamphilus Gengenbach in etwas umgearbeiteter Gestalt neu herausgegeben.

    • Literatur

      Kunz Kistener, herausgegeben von K. Goedeke, Hannover 1855 (nach der Handschrift in Wolfenbüttel); vgl. dazu das Frankfurter Fragment, Germania 17, 55 ff. P. Gengenbach von K. Goedeke S. 231 ff., 629 ff. Ueber Quellen und Verbreitung der Sage vgl. R. Köhler in Germania 10, 447 ff.

  • Autor/in

    K. Bartsch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Bartsch, Karl, "Kistener, Kunz" in: Allgemeine Deutsche Biographie 16 (1882), S. 38 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118568116.html#adbcontent

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