Gysi, Klaus

Lebensdaten
1912 – 1999
Geburtsort
Neukölln (heute Berlin)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Politiker ; Verlagsleiter ; Kulturminister ; Botschafter ; Kultusminister ; Volkswirt ; Diplomat
Konfession
konfessionslos
Normdaten
GND: 116938587 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Paul Riemer / Deckname (Rote Studentenbewegung 1933/34)
  • Kurt / Deckname (Ministerium für Staatssicherheit 1956–1965)
  • Gysi, Klaus
  • Paul Riemer / Deckname (Rote Studentenbewegung 1933/34)
  • paul riemer / deckname
  • Kurt / Deckname (Ministerium für Staatssicherheit 1956–1965)
  • kurt / deckname
  • Curt / Deckname (Ministerium für Staatssicherheit 1956–1965)

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Zitierweise

Gysi, Klaus, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd116938587.html#indexcontent [03.08.2026].

CC0

  • Gysi, Klaus

    Decknamen: Paul Riemer (Rote Studentenbewegung 1933/34); Kurt (Ministerium für Staatssicherheit 1956–1965)

    1912 – 1999

    Klaus Gysi schloss sich in der späten Weimarer Republik der kommunistischen Bewegung an und engagierte sich während der NS-Zeit im antifaschistischen Widerstand. Im DDR-Machtapparat setzte er ungeachtet zeitweiliger Stigmatisierung als sog. Westemigrant in hohen Funktionen die kultur- und kirchenpolitische Parteilinie kompromisslos durch und zeichnete sich zugleich durch intellektuelle Offenheit und diplomatisches Geschick aus.

    Lebensdaten

    Geboren am 3. März 1912 in Neukölln (heute Berlin)
    Gestorben am 6. März 1999 in Berlin
    Grabstätte Waldfriedhof Dahlem, Feld 013-22 in Berlin-Zehlendorf
    Konfession konfessionslos
    Klaus Gysi, Imago Images (InC)
    Klaus Gysi, Imago Images (InC)
  • 3. März 1912 - Neukölln (heute Berlin)

    1918 - 1931 - Berlin-Neukölln; Ober-Hambach (heute Heppenheim); Darmstadt

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Volksschule; Kaiser-Friedrich-Realgymnasium; Odenwald-Schule

    1928 - Berlin

    Mitglied

    Kommunistischer Jugendverband Deutschlands

    1928 - Berlin

    Mitglied

    Internationale Arbeiterhilfe

    1928 - Frankfurt am Main

    Mitglied

    Sozialistischer Schülerbund/Kommunistischer Jugendverband Deutschlands

    1931 - Frankfurt am Main

    Mitglied

    KPD

    1931 - 1935 - Frankfurt am Main; Paris; Innsbruck; Berlin

    Studium der Volkswirtschaft (Abschluss: Diplom-Volkswirt)

    Universität

    1931 - 1933 - Frankfurt am Main; Berlin

    Mitglied; Pol-Leiter; Organisations-Sekretär

    Rote Studentenbewegung

    1933 - 1934

    Mitglied; illegale Arbeit (Deckname Paul Riemer) u. a. als Kurier

    Reichsleitung der Roten Studentenbewegung

    1935 - Berlin

    Relegation als „Halbjude“

    Universität

    1936 - Cambridge (Großbritannien)

    Emigration

    1939 - Paris

    Mitglied der illegalen Studentenleitung

    KPD

    1939 - 1940 - u. a. Vierzon; Bourges (beide Département Cher, Frankreich)

    Internierung

    Internierungslager

    1940 - 1945 - Berlin

    Rückkehr; freier wissenschaftlicher Mitarbeiter; illegale Widerstandsarbeit

    Wirtschaftsverlag Hoppenstedt & Co.

    1945 - Berlin-Zehlendorf

    kommissarischer stellvertretender Bezirksbürgermeister

    Bezirksverwaltung

    1945 - 1946 - Berlin-Zehlendorf

    Mitglied

    KPD-Kreisleitung

    1945 - 1948 - Berlin

    Chefredakteur

    Aufbau (kulturpolitische Monatszeitschrift)

    1945 - 1977 - Berlin (-Ost)

    Mitglied des Präsidialrats; 1949–1951 Bundessekretär; seit 1957 Präsidiumsmitglied

    Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands

    1946 - 1989 - Berlin (-Ost)

    Mitglied

    SED

    1949 - 1954 - Berlin-Ost

    Abgeordneter der SED

    (Provisorische) Volkskammer

    1952 - 1957 - Berlin-Ost

    stellvertretender Abteilungsleiter; Leiter

    Verlag Volk und Wissen, Ressort Deutsche Literaturgeschichte

    1956  - 1965 - Berlin-Ost

    Inoffizieller Mitarbeiter (Deckname Kurt)

    Ministerium für Staatssicherheit

    1957 - 1966 - Berlin-Ost

    Leiter

    Aufbau-Verlag

    1958 - 1962 - Berlin-Ost

    Stadtverordneter

    Magistrat

    1959 - 1966 - Leipzig

    Vorsteher

    Börsenverein der Deutschen Buchhändler

    1963 - 1966 - Berlin-Ost

    Mitglied

    Westkommission des Politbüros des Zentralkomitees (ZK) der SED

    1966 - 1973 - Berlin-Ost

    Mitglied

    Kulturkommission des Politbüros des ZK der SED

    1966  - 1973 - Berlin-Ost

    Minister

    Ministerium für Kultur

    1967 - 1990 - Berlin-Ost

    Abgeordneter der SED

    Volkskammer

    1973  - 1978 - Rom; Vatikanstadt; Valletta

    Botschafter

    Botschaft der DDR

    1979 - 1979 - Berlin-Ost

    Generalsekretär

    Komitee der DDR für Europäische Sicherheit und Zusammenarbeit

    1979  - 1988 - Berlin-Ost

    Leiter

    Staatsekretariat für Kirchenfragen

    1990 - 1999

    Mitglied

    PDS

    6. März 1999 - Berlin

    Gysi wuchs konfessionslos in großbürgerlichen Verhältnissen auf und wehrte sich zeitlebens gegen die Zuschreibung eines religiös-jüdischen Familienhintergrunds, obwohl nahezu alle seine Verwandten mütterlicherseits dem Holocaust zum Opfer fielen. Er besuchte das von dem Schulreformer Fritz Karsen (1885–1951) geleitete Kaiser-Friedrich-Realgymnasium in Berlin-Neukölln und die Odenwald-Schule in Ober-Hambach (heute Heppenheim), an der er 1931 das Abitur ablegte. Bereits als Schüler trat er 1928 in Berlin dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands bei, 1931 auch der KPD. Er studierte von 1931 bis 1935 Volkswirtschaft in Frankfurt am Main, Paris, Innsbruck und Berlin (1935 Diplom-Volkswirt). Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme hatte er im In- und Ausland unter Decknamen verschiedene und teils leitende Funktionen im kommunistischen Widerstand. 1935 nach seinem Studienabschluss an der Universität Berlin zwangsexmatrikuliert, tauchte Gysi in England und Frankreich unter, kehrte nach zwischenzeitlicher Internierung auf Parteibefehl 1940 wieder nach Deutschland zurück und überstand den Zweiten Weltkrieg, für "wehrunwürdig" erklärt, als freier Mitarbeiter eines Wirtschaftsverlags.

    Direkt nach Kriegsende avancierte Gysi zum stellvertretenden Bürgermeister des Berliner Bezirks Zehlendorf, ehe ihn die US-amerikanische Besatzungsmacht im Juli 1945 wieder entließ. In den Folgejahren stieg er, seit 1946 SED-Mitglied, zum Bundessekretär des Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands und zum Abgeordneten der (Provisorischen) Volkskammer auf. Dennoch blieben ihm als Parteikader großbürgerlicher Herkunft mit jüdischem Hintergrund und sog. Westemigrant Spitzenfunktionen im SED-Parteiapparat verschlossen. 1951 verlor er seine Funktion als Generalsekretär des Kulturbunds und war fortan im Verlag Volk und Wissen tätig, wo ihm eine Auffangstellung angeboten wurde. Gysi suchte in der Folge seine politische Position durch strikte Parteiloyalität zu festigen, u. a. durch seine von 1956 bis 1965 dauernde Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter.

    Gysis in seiner weiteren Karriere als Buchverleger und später als DDR-Botschafter in Italien und im Vatikan bewiesene Fähigkeit, Konflikte zwischen Partei und Gesellschaft mit diplomatischem Geschick und intellektueller Beweglichkeit zu entschärfen, ohne die Parteilinie zu verlassen, ließ ihn bereits in der Ära Walter Ulbricht (1893–1973) bald zu neuer Wertschätzung zu gelangen. Schon 1957 mit der Leitung des Aufbau-Verlags und dann mit weiteren kulturpolitischen Ämtern betraut, wurde er 1967 zum Kulturminister ernannt. In beiden Fällen folgte er als Hardliner auf zwei innerparteiliche Reformer, Walter Janka (1914–1994) und Hans Bentzien (1927–2015), die den kulturpolitischen Spielraum hatten erweitern wollen und deshalb Repression bzw. Kaltstellung erfuhren. Gysi vertrat die auf kooperatives Verhältnis von Staat und Kirche zielende Kirchenpolitik der SED im Ton geschmeidig, aber in der Sache ohne Abstrich.

    Ulbrichts Nachfolger Erich Honecker (1912–1994) tauschte Gysi als Kulturminister gegen Hans-Joachim Hoffmann (1929–1994) aus und ernannte ihn 1973 zum Botschafter in Malta und Italien. 1979 wurde er für knapp zehn Jahre Staatssekretär für Kirchenfragen und bemühte sich in diesem Amt, die durch das Staat-Kirche-Abkommen 1978 nur zeitweilig entschärften Spannungen besonders mit der evangelischen Kirche in der DDR auszugleichen. In dieser Zeit setzte sich Gysi gegen Widerstand im SED-Apparat auch für die institutionelle Stärkung jüdischen Lebens in der DDR ein und erreichte die öffentliche Nutzbarkeit der bislang im Staatsarchiv der DDR unter Verschluss gehaltenen NS-„Judenkartei“ ebenso wie die Gründung des Centrums Judaicum und die Berufung eines Rabbiners an die Ost-Berliner Synagoge Oranienburger Straße. 1988 zog er sich krankheitsbedingt und von den Konflikten zermürbt aus der Politik zurück.

    Gysi stellte aufgrund seiner von Gegensätzen und Widersprüchen geprägten Laufbahn als Parteikommunist eine außergewöhnliche Figur im politischen und kulturellen Leben seiner Zeit dar und wird bis heute kontrovers beurteilt: Stephan Hermlin (1915–1997) erklärte ihn aufgrund seiner in einem Gespräch mit Günter Gaus (1929–2004) 1990 geäußerten Auffassung, dass Diktaturen vor ihrem Beginn verhindert werden müssten, zu einem „Opportunisten reinsten Wassers“, während Hans Modrow (1928–2023) ihn als „klugen und witzigen Mann“ charakterisierte. Gysis Sohn Andreas Goldstein (geb. 1964) warf ihm vor, dass seine Worte nach dem Ende des DDR-Regime klangen, als habe er nicht dazugehört. Marcel Reich-Ranicki (1920–2013) erlebte Gysi als parteiergebenen Fanatiker, mit dem sich dennoch reden lasse und der Moskauhörigkeit mit intellektueller Beweglichkeit verbinde.

    1972 Vaterländischer Verdienstorden in Silber (1972 in Gold, 1982 Ehrenspange)
    1969 Banner der Arbeit
    1970 Erinnerungsmedaille des Ministeriums für Staatssicherheit
    1970 Lenin-Erinnerungsmedaille
    1977 Karl-Marx-Orden
    1987 Großer Stern der Völkerfreundschaft
    1987 Dr. h. c., Universität Jena

    Nachlass:

    Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, N2639. (Zugangsbeschränkung)

    Weitere Archivmaterialien:

    Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, MfS 1, Ministerium für Staatssicherheit, Zentrale, 42.3.11 11.

    Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, SAPMO, IV 2/11/4911 (Kaderakte), DO-4, 1346/2 (Staatssekretär für Kirchenfragen).

    Gedruckte Quellen:

    Porträts in Frage und Antwort. Günter Gaus im Gespräch mit Gottfried Forck, Markus Meckel, Heinz Warzecha, Peter-Michael Diestel, Markus Wolf, Manfred Stolpe, Horst Klinkmann, Barbara Thalheim, Klaus Gysi, 1991.

    Die Entwicklung des künstlerischen Volksschaffens zu einer breiten, lebendigen Kraft im Leben des Volkes. Aus dem Referat, 1968/69.

    Festrede des Ministers für Kultur, Klaus Gysi, anläßlich des 20. Jahrestages der Wiedereröffnung des Deutschen Nationaltheaters Weimar am 28. August 1968, 1970.

    Karin Hartewig, Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR, 2000.

    Horst Dohle/Joachim Heise, Klaus Gysi. Staatssekretär für Kirchenfragen 1979–1988, 2003, 22003.

    Karin Hartewig, A German Jewish Communist of the Second Generation. The Changing Personae of Klaus Gysi, in: Jonathan Fraenkel/Dan Diner (Hg.), Dark Times, Dire Decisions. Jews and Communism, 2004, S. 255–274.

    Hans-Dieter Schütt (Hg.), Klaus Gysi, Zwischen Buch und Botschaft, 2019.

    Gabriele Gysi/Gregor Gysi, Unser Vater. Ein Gespräch, 2020.

    Lexikonartikel:

    Helmut Müller-Enbergs/Bernd-Rainer Barth, Art. „Gysi, Klaus“, in: Helmut Müller-Enbergs/Jan Wielgohs/Dieter Hoffmann/Andreas Herbst (Hg.), Wer war wer in der DDR?, 42006, S. 352. (Onlineressource)

    Dokumentarfilm:

    Der Funktionär, 2018, Drehbuch und Regie: Andreas Goldstein.

    Fotografie v. Eva Kemlein (1909–2004), 1966, Sammlung des Stadtmuseums Berlin. (Onlineressource)

    Fotografien, 1948–1988, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs. (Onlineressource)

  • Autor/in

    Martin Sabrow (Berlin)

  • Zitierweise

    Sabrow, Martin, „Gysi, Klaus“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd116938587.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA