Lebensdaten
1825 bis 1890
Geburtsort
Wassersleben bei Wernigerode (Harz)
Sterbeort
Göttingen
Beruf/Funktion
Tierernährungsphysiologe ; Direktor der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt Göttingen
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 116710853 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Henneberg, Johann Wilhelm Julius
  • Henneberg, Wilhelm
  • Henneberg, Johann Wilhelm Julius

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Zitierweise

Henneberg, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116710853.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Eduard (1797–1866), Amtsrat, Domänenpächter in W., S d. braunschweig. Postrats Georg (1750–1820) u. d. Marie Amalie König (Stief-T d. Dichters Gotthold Ephraim Lessing, 1781);
    M Mathilde (1802–70), T d. Kaufm. Gg. Otto Löbbecke in Braunschweig u. d. Auguste Bollmann; Vt 2. Grades Lebrecht (1850–1933), Prof. d. Mechanik a. d. TH Darmstadt, s. Name lebt fort in d. Bezeichnung „H.sches Stabtauschverfahren“ f. e. d. Methoden z. Bestimmung d. Kräfte in Stäben e. Fachwerks (s. W);
    1) Celle 1852 Minna (1820–58, Cousine), T d. Postdir. Ernst Henneberg (1787–1857) in Hamburg u. d. Luise Knorre, 2) Weende b. Göttingen 1860 Ottilie (1829–70), T d. Kaufm. Gg. Frdr. Schele in Hamburg u. d. Karoline Knorre;
    3 S (1 ⚔, 2 früh †), 1 T aus 2);
    N Richard (s. 1), Wilhelm (s. 3).

  • Leben

    H. besuchte seit 1837 das Gymnasium und später das Collegium Carolinum in Braunschweig und studierte seit Ostern 1845 in Jena bei M. J. Schleiden (Botanik) und bei H. W. F. Wackenroder (Chemie). Seit Herbst 1846 führte er in Gießen im Laboratorium von Liebig bereits mehrere analytische Arbeiten auf dem Gebiet der Tierchemie durch. 1849 erfolgte seine Promotion in Jena. Unter dem nachhaltigen Einfluß seines Lehrers Liebig wandte H. sich der Agrikulturchemie zu. 1857 übernahm er die Leitung der neugegründeten landwirtschaftlichen Versuchsstation in Weende-Göttingen. In den Versuchen an Wiederkäuern (1860) schuf er durch chemische Analyse des aufgenommenen Futters und der Ausscheidungen den Begriff der „wirklichen (verdaulichen) Nährstoffe“. Die Voraussetzungen für die notwendige Vergleichbarkeit derartiger Versuche entwickelte er durch Fixierung einer einheitlichen analytischen Methodik in den weltbekannten sogenannte(r) „Weender Methoden“. So kam H. erstmalig zur Aufstellung der Stickstoffbilanz beim Wiederkäuer und somit „zur Beurteilung der Fleischbildung“. Zur quantitativen Bestimmung des Fettansatzes über die Kohlenstoffbilanz zeigte er die Brauchbarkeit des von Pettenkofer geschaffenen Respirationsapparates auch für Wiederkäuer auf. Neu waren auch die für die spätere ernährungsphysiologische Forschung so wichtigen Gleichgewichtsversuche. Nach der Umsiedlung von Weende in Räume des neu erbauten Instituts der Universität Göttingen (1874) wurden, dem öffentlichen Wunsche entsprechend, „die Forschungen in tierphysiologischer Hinsicht“ fortgesetzt. H. gilt als Begründer der klassischen Tierernährungslehre beziehungsweise Tierernährungsphysiologie. Seit 1865 außerordentlich, seit 1873 ordentlich Professor in Göttingen|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Ak. d. Wiss. Göttingen (1867), korr. Mitgl. d. Bayer. Ak. d. Wiss. u. d. Landbau-Ak. Schweden, Dr. med. h. c. (Halle 1867).

  • Werke

    Das Erhaltungsfutter volljähriger Rinder, 1860;
    Über d. Ausnutzung d. Futterstoffe durch d. volljährige Rind, 1864;
    Unterss. üb. d. Respiration d. Rindes u. Schafes nebst e. methodolog. Einl., 1870/72. - Zahlr. Arbb. u. a. in Liebigs Ann., Journal f. Landwirtsch., Zs. f. analyt. Chemie, Die Landwirtsch. Versuchsstationen, Zs. f. physiolog. Chemie, 1846–89. - Zu Vt Lebrecht: Statik d. starren Systeme, 1886;
    Die graph. Statik d. starren Körper, in: Enz. d. math. Wiss., T.bd. IV, 1, 1903, S. 349-434;
    Die graph. Statik d. starren Systeme, 1911.

  • Literatur

    ADB 50;
    F. Lehmann, Journal f. Landwirtsch. 38, 1890, S. 502 (L, P);
    Th. Pfeiffer, in: Nachrr. d. Clubs d. Landwirte, 1892, S. 2375;
    W. Lenkeit, Zs. f. Tierernährung u. Futtermittelkde. 12, 1957, S. 315 (P);
    Pogg. I, III. - Zu Vt Lebrecht: Pogg. III-VI.

  • Portraits

    Büste im Inst. f. Tierphysiol. u. Tierernährung Göttingen.

  • Autor/in

    Walter Lenkeit
  • Empfohlene Zitierweise

    Lenkeit, Walter, "Henneberg, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 540 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116710853.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Henneberg: Wilhelm H., Dr. philos. et Dr. med. hon. c., königlich preußischer Geh. Reg.-Rath, ordentl. Professor an der Universität zu Göttingen und Dirigent der landw. Versuchsstation daselbst, am 22. November 1890. Als ältester Sohn des Domänenpächters H. in Wassersleben (Grafschaft Wernigerode) am 10. September 1825 geboren, erhielt er zunächst im elterlichen Hause durch Privatlehrer den zur Vorbereitung auf den Besuch eines Gymnasiums nöthigen Unterricht und bekundete dabei neben beachtenswerthen geistigen Fähigkeiten auch ein besonderes Interesse für Belehrungen aus der Naturkunde, wozu ihm wol der Betrieb eines in der Umgebung seines Geburtsortes gelegenen Hüttenwerkes Anregung geboten hatte. Nachdem er das Gymnasium in Braunschweig und das dortige Collegium Carolinum im Alter von 19 Jahren absolvirt hatte, entschloß er sich unter dem Einfluß der ihm zugänglich gewesenen Schriften J. v. Liebig's zum Studium der Chemie und wandte sich zu diesem Behufe Ostern 1845 nach Jena. Als er hier die fundamentalen naturwissenschaftlichen Studien zum Abschluß gebracht, ging er nach Gießen, um dort vorzugsweise die agriculturchemischen Vorlesungen von J. v. Liebig zu hören und in dessen Laboratorium zu arbeiten. Hatte er sich dieser Aufgabe bis Ostern 1848 ungestört widmen können, so suchte er sich nunmehr durch selbständige Thätigkeit in einem ihm eingeräumten chemischen Laboratorium und durch Ertheilung naturwissenschaftlichen Unterrichtes an der Ackerbauschule zu Badersleben, sowie auch durch Instructionsreisen, die er bis nach England auszudehnen vermochte, weiter auszubilden. Inzwischen erwarb er sich an der philosophischen Facultät der Universität Jena den Doctorgrad und fand demnächst Veranlassung, eine Anstellung als zweiter Secretär des landw. Vereins im Herzogthum Braunschweig, freilich nur als provisorische Function, um Ostern 1851 zu übernehmen. Es wurde ihm jedoch schon nach Jahresfrist durch die Ernennung zum Secretär der reorganisirten königlich hannoverschen Landwirthschafts-Gesellschaft zu Celle eine erwünschte Gelegenheit zur Erweiterung seines Wirkungskreises geboten, denn hiermit war ihm nicht nur die selbständige Leitung des Secretariates sowie die Redaction des von ihm begründeten „Journals für Landwirthschaft“, sondern auch die Verfügung über ein Laboratorium zur Ausführung agriculturchemischer Untersuchungen übertragen. Gleichwol bildete auch diese Stellung nur eine Vorstufe für diejenige Wirksamkeit, mit welcher er sein Berufsleben ausfüllen sollte; er wurde im Sommer 1857, als die genannte landw. Gesellschaft die letzten Vorbereitungen zur Errichtung einer landw. Versuchsstation in Weende bei Göttingen traf, mit der Leitung derselben betraut. Hiermit war ihm ein durch wissenschaftliche Untersuchungen noch vielfach zu erschließendes Gebiet überwiesen, und er widmete sich dieser Aufgabe mit voller Kraft, um der Landwirthschaft als kundiger Beamter, der Wissenschaft der Agriculturchemie als gewissenhafter Forscher dienen zu können. Seine gediegenen Kenntnisse, seine hervorragenden Leistungen sicherten ihm bald nicht nur dankbare Anerkennung in den Kreisen der interessirten Landwirthe, sondern auch ehrenvolle Beachtung seitens der Vertreter der Wissenschaft. So wurde ihm im Wintersemester 1864/65 durch Vermittlung der philosophischen Facultät der Universität zu Göttingen ein Lehrauftrag für Agriculturchemie ertheilt, den er seit dem Beginn des Sommersemesters 1865 anfänglich als a. o. Professor und später als Ordinarius mit anerkennenswerthem Erfolge ausgeübt hat. Kam ein solcher Erfolg auch nicht in der Zahl seiner Hörer zum Ausdruck, so trat derselbe doch unverkennbar in der Gediegenheit seines Vortrages und in der Beherrschung des Auditoriums durch reiche Belehrung, durch Anregung zu eifrigem Studium und durch Einflößung dankbarer Hochschätzung hervor. Mit berechtigter Genugthuung konnte sich H. daher auch auf die Verlegung der ihm unterstellten Versuchsstation von Weende nach Göttingen vorbereiten, um dort im innigen Contact mit den naturwissenschaftlichen Instituten der Universität, sowie mit dem 1872 angegliederten landwirthschaftlichen Lehrinstitute einen Zuwachs an Mitteln und Aufgaben für seinen Wirkungskreis zu gewinnen.

    Wie schon seit Anfang der 60 er Jahre seine Thätigkeit hauptsächlich durch die Aufgaben einer systematisch betriebenen Erforschung der Nährstoffe und der Nährwirkung der verschiedenen Futtermittel, sowie des Nahrungsbedarfs der verschiedenen landwirthschaftlichen Nutzthiere und des Stoffwechsels im Ernährungsproceß derselben in Anspruch genommen war, so hielt er diese Forschungsrichtung auch in Göttingen ein und wandte sich mit dem weiteren Vordringen in das von ihm zur wissenschaftlichen Erschließung ausersehene Gebiet den schwierigeren Aufgaben zu, welche noch der Lösung harrten. Kamen ihm dabei auch die in Göttingen bereit gehaltenen reicheren Hülfsmittel zu statten, so bedurfte es doch eines wissenschaftlichen Scharfblickes auf gehobenem Standpunkte, einer Unverdrossenheit und Energie, wie sie von H. bethätigt wurden, um derartige Forschungen mit Erfolg durchzuführen. Bei dem enormen Erforderniß im Aufwande an Zeit und Arbeit gelang es ihm zwar noch, die für wichtig erkannte Fragestellung (Wirkung einer über den Bedarf im Beharrungszustande vermehrten Nährstoffzufuhr) in einer Richtung des Ernährungsprocesses zur Entscheidung zu führen und sodann die vorbereitenden Untersuchungen auch für die anderen Richtungen anzustellen, aber leider war es ihm nicht mehr vergönnt, diese umfassenden Forschungsarbeiten zur Vollendung zu bringen, da er bereits im Alter von 64 Jahren von einer heftigen Erschütterung seines Gesundheitszustandes betroffen wurde. Gleichwol hat er ein Lebenswerk von außergewöhnlicher Bedeutung vollbracht, denn er hat als bahnbrechender Pionier der Wissenschaft gewirkt, als ein erleuchteter Führer in der gedachten Forschungsrichtung auch eine dominirende Stellung auf dem Gebiete der Thierernährungslehre eingenommen und. als Meister der von ihm vertretenen Lehrdisciplinen eine große Zahl von tüchtigen Schülern in den Dienst der Wissenschaft gezogen, um deren Förderung durch jene in seinem Geiste sicher gestellt sehen zu können.

    Als bleibendes Zeugniß seiner umfassenden Leistungen ist die große Zahl seiner litterarischen Arbeiten zu betrachten, welche sich auf die Gebiete der Landwirthschaft und der Agriculturchemie, der analytischen, technischen und physiologischen Chemie, sowie in den Bereich der Biologie bezw. der Thierphysiologie erstreckten und theils in den angesehensten wissenschaftlichen Zeitschriften, theils in selbständig erschienenen Schriften zur Veröffentlichung gelangten. Von einem lebendigen Drange nach Förderung der wissenschaftlichen Erkenntniß beherrscht, war er in seiner vielseitigen Thätigkeit fast unermüdlich und fand im Wechsel der Arbeit des Forschers, des Lehrers und des Litteraten stets neue Anregung und Stärkung. Dabei waren ihm Bescheidenheit, Zuvorkommenheit und Güte im hohen Grade eigen und neben diesen vortrefflichen Eigenschaften kam sein edler Charakter in mildem Ernste und Lauterkeit, in Uneigennützigkeit und Selbstlosigkeit, wie in hoch entwickeltem Pflichtgefühl und strenger Wahrhaftigkeit zum Ausdruck. Einem Manne von solcher Capacität und so gewinnenden Charakterzügen wurde sowol die innigste Verehrung aus dem Kreise der Berufsgenossen, als auch die ungetheilte Hochschätzung aus anderen, vom persönlichen Verkehr mit ihm oder von seinem Wirken berührten Kreisen dargebracht. Ihm fehlte es nicht an Ehrenbezeigungen mannichfacher Art, von siebenzehn wissenschaftlichen Gesellschaften und Vereinen ähnlicher|Tendenz war er theils zum Ehrenmitgliede, theils zum correspondirenden bezw. ordentlichen Mitgliede ernannt, ihm wurde seitens der Liebig-Stiftung die große goldene Medaille als dem ersten und würdigsten Träger derselben verliehen, und schon 1867 wurde er von der medicinischen Facultät der Universität Halle durch die Ernennung zum Doctor honoris causa ausgezeichnet. Diesen gewichtigen Ehrenvotionen reihten sich noch verschiedene Ordensdecorationen an, welche mit der im J. 1889 erfolgten Ernennung zum kgl. preußischen Geheimen Regierungsrathe ihren Abschluß fanden.

    Noch im Besitze einer ungebrochenen Kraft traf er Vorbereitungen zu weiteren Forschungsarbeiten und befaßte sich mit der schriftlichen Bearbeitung der Ergebnisse seiner letzten Untersuchungen, als ihn gegen Ende 1889 ein Schlaganfall heimsuchte, der ihn für einige Monate an das Krankenlager fesselte und, ohne ihn seiner geistigen Capacität zu berauben, doch seinem Wirken eine unvorhergesehene Schranke setzte, an welcher ihm schon nach Jahresfrist ein sanfter Tod beschieden sein sollte.

    • Literatur

      Vgl. Landw. Versuchsstationen, Jahrg. 1891, „Wilhelm Henneberg“ von Dr. Pfeiffer.

  • Autor/in

    C. Leisewitz.
  • Empfohlene Zitierweise

    Leisewitz, Carl, "Henneberg, Wilhelm" in: Allgemeine Deutsche Biographie 50 (1905), S. 193-195 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116710853.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA