Reismüller, Georg

Lebensdaten
1882 – 1936
Geburtsort
Ingolstadt
Sterbeort
Günzburg
Beruf/Funktion
Bibliothekar ; Philologe ; Romanist
Konfession
römisch-katholisch
Normdaten
GND: 116430141 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Reismüller, Georg Bernhard Lorenz
  • Reismüller, Georg
  • Reismüller, Georg Bernhard Lorenz

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Zitierweise

Reismüller, Georg, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd116430141.html#indexcontent [08.07.2026].

CC0

  • Reismüller, Georg Bernhard Lorenz

    1882 – 1936

    Bibliothekar, Philologe

    Der ausgebildete Philologe Georg Reismüller bereitete im Auftrag der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) die Gründung der Pfälzischen Landesbibliothek in Speyer vor, deren erster Direktor er 1921 wurde. Während einer Ostasienreise 1928/29 kaufte er rund 18 500 chinesische Bände an, die heute einen großen Teil der international bedeutenden Sinica-Sammlung der BSB bilden. Als Generaldirektor der BSB seit 1929 initiierte er zu deren baulicher Erweiterung bei. 1935 wurde er nach politischer Denunziation in den Ruhestand versetzt.

    Lebensdaten

    Geboren am 11. Mai 1882 in Ingolstadt
    Gestorben am 12. Mai 1936 in Günzburg
    Konfession römisch-katholisch
    Georg Reismüller (InC)
    Georg Reismüller (InC)
  • 11. Mai 1882 - Ingolstadt

    1892 - 1901 - Regensburg

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Altes Gymnasium

    Herbst 1901 - Herbst 1907 - München

    Studium der Klassischen, seit 1902 auch der Neueren Philologie (Abschluss: Erstes Staatsexamen für Romanische und Englische Philologie)

    Universität

    Herbst 1902 - München

    Stipendiat

    Maximilianeum

    1907 - 1909 - München

    Praktikant (Abschluss: bibliothekarische Staatsprüfung)

    Königliche Hof- und Staatsbibliothek

    29.7.1909 - München

    Promotion (Dr. phil.)

    Universität

    1910 - 1921 - München

    Kustos, später Staatsbibliothekar

    Königliche Hof- und Staatsbibliothek (seit 1919 Bayerische Staatsbibliothek)

    1921 - 1928 - Speyer

    Oberbibliothekar; Direktor

    Pfälzische Landesbibliothek (bayerische Kreisanstalt unter Aufsicht der Bayerischen Staatsbibliothek)

    September 1928 - Juli 1929 - Ostasien; New York City

    Reise

    November 1929 - 1935 - München

    Generaldirektor

    Bayerische Staatsbibliothek

    - bis 1933 - München

    Mitglied

    Bayerische Volkspartei

    März 1935 - Mai 1935 - München

    Verhaftung durch die Gestapo; Untersuchungshaft

    August 1935 - München

    Versetzung in den einstweiligen Ruhestand

    Bayerische Staatsbibliothek

    Herbst 1935 - Günzburg

    Patient

    Sanatorium

    12. Mai 1936 - Günzburg

    alternativer text
    Georg Reismüller (rechts), BSB / Bildarchiv / Fotoarchiv Gulliland (InC)

    Nach dem Besuch des Alten Gymnasiums in Regensburg seit 1892 und dem Abitur 1901 nahm Reismüller ein Studium der Klassischen und seit 1902 – als Stipendiat des Maximilianeums – der Neueren Philologie an der Universität München auf, das er 1907 mit dem Ersten Staatsexamen für Romanische und Englische Philologie abschloss. Studienaufenthalte, die dem Spracherwerb dienten, führten ihn in dieser Zeit nach Besançon (Département Doubs, Frankreich), Lyon, London und Brüssel. 1907 trat er als Praktikant in die Königliche Hof- und Staatsbibliothek in München ein, legte 1909 die bibliothekarische Staatsprüfung ab und wurde im selben Jahr mit der Arbeit „Romanische Lehnwörter (Erstbelege) bei Lydgate“ an der Universität München bei dem Anglisten Josef Schick (1859–1944) zum Dr. phil. promoviert; das Korreferat übernahm der Romanist Hermann Breymann (1842–1910).

    Seit 1910 Kustos, später Staatsbibliothekar an der Hof- und Staatsbibliothek (seit 1919 Bayerische Staatsbibliothek, BSB), wurde Reismüller nach Ende des Ersten Weltkriegs in die Bayerische Pfalz entsandt, um im Auftrag der BSB die Einrichtung einer Kreisbibliothek vorzubereiten. 1921 wurde er im Rang eines Oberbibliothekars Direktor der neu gegründeten Pfälzischen Landesbibliothek in Speyer, deren Aufbau er verantwortete und die einen Grundstein des Landesbibliothekszentrums Rheinland-Pfalz bildet, in dem sie 2004 aufging.

    1928 beurlaubte die BSB Reismüller und sandte ihn für eine neunmonatige Reise nach Ostasien und in die USA, um die rund 11 000 Bände umfassende Sinica-Sammlung zu erweitern. Die dafür erforderlichen Chinesischkenntnisse hatte sich Reismüller großenteils autodidaktisch, teils auch bei dem Frankfurter Sinologen und Gründer des Chinainstituts, Richard Wilhelm (1873–1930), angeeignet. Während der Reise erwarb Reismüller ca. 18 500 chinesische Bücher (ben), u. a. offizielle Provinzbeschreibungen, rund 60 Sammelwerke (congshu) nachgedruckter älterer Werke, Sammlungen zeitgeschichtlicher Dokumente sowie Enzyklopädien, Bibliografien und Werke zur Philosophie und den Schönen Künsten. Die dadurch stark gewachsene Sammlung der BSB überstand den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet und wurde seit den 1970er Jahren weiter ausgebaut.

    Nach seiner Rückkehr wurde Reismüller im August 1929 als Nachfolger Hans Schnorrs von Carolsfeld (1862–1933) Generaldirektor der BSB. Als solcher verfügte er 1930 den Anschluss der bayerischen Bibliotheken an den Deutschen Gesamtkatalog und förderte durch eine gezielte Presse- und Öffentlichkeitsarbeit die Bekanntheit seines Hauses in Deutschland. Der von ihm veranlasste Bau einer zwölfstöckigen, selbsttragenden Stahlregalanlage im Nordmagazin der Bibliothek trug erfolgreich zur Vermeidung von Bombenschäden während des Zweiten Weltkriegs bei.

    Reismüller hatte mit der wirtschaftlich prekären Lage der BSB zu kämpfen, war aufgrund seines Führungsstils umstritten und fand in dem Abteilungsleiter Georg Leidinger (1870–1945) einen erbitterten Gegner. Von Leidinger politisch denunziert, wurde Reismüller, der bis 1933 der Bayerischen Volkspartei angehört hatte, am 23. März 1935 mit seinem Mitarbeiter Otto Hartig (1876–1945) von der Gestapo verhaftet, vom Dienst suspendiert und mit Wirkung vom 1. Juli 1935 in den Ruhestand versetzt; sein Nachfolger wurde der Nationalsozialist Rudolf Buttmann (1885–1947). Gesundheitlich angeschlagen, verbrachte Reismüller seine restliche Lebenszeit in einer Klinik in Günzburg.

    1934 Mitglied des Rotary Clubs München
    1957 Georg-Reismüller-Straße, München-Allach (seit 2018 mit Erläuterungsschild „Verfolgter des NS-Regimes“)
    Mitglied des Bibliotheksausschusses der Deutschen Gemeinschaft zur Erhaltung und Förderung der Forschung
    Mitglied des preußischen Beirats für Bibliotheksangelegenheiten

    Nachlass:

    Bayerische Staatsbibliothek, München, Handschriftenabteilung, Ana 422.

    Monografie:

    Romanische Lehnwörter (Erstbelege) bei Lydgate. Ein Beitrag zur Lexicographie des Englischen im XV. Jahrhundert, 1911. (Diss. phil.)

    Aufsätze und Beiträge:

    Europäische und chinesische Technik, in: Geschichtsblätter für Technik, Industrie und Gewerbe 1 (1914), S. 2–7.

    Karl Friedrich Neumann. Seine Lern- und Wanderjahre, seine chinesische Büchersammlung, in: Aufsätze zur Kultur- und Sprachgeschichte, vornehmlich des Orients. Ernst Kuhn zum 70. Geburtstag am 7. Februar 1916 gewidmet, 1916, S. 437–457.

    Des bayerischen Franziskanerpaters Ladislaus May Reise in das Heilige Land (1748–1753), in: Das Bayernland 30 (1919), S. 419–424.

    Zur Geschichte der chinesischen Büchersammlung der Bayerischen Staatsbibliothek, in: Ostasiatische Zeitschrift 8 (1919/20), S. 331–336.

    Auszug aus der Denkschrift des Oberbibliothekars Dr. G. Reismüller über die Schaffung einer Pfälzischen Landesbibliothek, in: Die Pfalz am Rhein 5 (1920), S. 24–28.

    Die neue Pfälzische Landesbibliothek in Speyer a. Rh., in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 39 (1922), S. 335–340.

    Die neue Pfälzische Landesbibliothek, in: Pfälzisches Museum 40 (1923), S. 1–8.

    Die Pfälzische Landesbibliothek in Speyer von 1. April 1923 bis 1. September 1925, in: Pfälzisches Museum 42 (1925), S. 259–261.

    Zur Geschichte der naturwissenschaftlichen Bibliotheken in der Pfalz, in: Pfälzisches Museum 44 (1927), S. 9–11.

    Erfahrungen und Eindrücke aus ostasiatischen und amerikanischen Bibliotheken, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 47 (1930), S. 469–473.

    Das bayerische Bibliothekswesen in Vergangenheit und Gegenwart, in: Georg Jacob Wolf, Dem bayerischen Volke. Der Weg der Bayern durch die Jahrhunderte. Ein Bekenntnis zu Bayern und zum Reich, 1930, S. 131–139.

    Zur Vorgeschichte des Neubaus der Bayerischen Staatsbibliothek. Eine Säkularerinnerung an die Grundsteinlegung am 8. Juli 1832, in: Das Bayernland 43 (1932), S. 387–392.

    Hundert Jahre Bayerische Staatsbibliothek im Dienste der Wissenschaft vom Orient, in: ebd., S. 409–414.

    Goethe und die bayerische Gelehrtenpolitik seiner Zeit, in: ebd., S. 142–153.

    Ferdinand Geldner, Dr. Georg Reismüller. Ein Lebensbild, in: Ingolstädter Heimatblätter (1953), S. 27 f. (P)

    Alexandra Habermann/Rainer Klemmt/Frauke Siefkes, Lexikon deutscher wissenschaftlicher Bibliothekare 1925–1980, 1985, S. 304.

    Fridolin Dressler, Die Bayerische Staatsbibliothek im Dritten Reich. Eine historische Skizze, in: Peter Vodosek (Hg.), Bibliotheken während des Nationalsozialismus, Bd. 1, 1989, S. 49–79.

    Alfons Dufey, Die ostasiatischen Altbestände der Bayerischen Staatsbibliothek, 1991.

    Hartmut Walravens, Palastrevolution in der Staatsbibliothek? Die Kontroverse um Generaldirektor Georg Reismüller, in: Bibliotheksforum Bayern 26 (1998), S. 256–270. (W, P)

    Rupert Hacker, Die Bayerische Staatsbibliothek in der Weimarer Republik, in ders., (Hg.), Beiträge zur Geschichte der Bayerischen Staatsbibliothek, 2000, S. 265–284.

    Fridolin Dressler, Die Bayerische Staatsbibliothek im Dritten Reich, in: ebd., S. 285–308.

    Susanne Wanninger, „Herr Hitler, ich erkläre meine Bereitwilligkeit zur Mitarbeit“. Rudolf Buttmann (1885–1947). Politiker und Bibliothekar zwischen bürgerlicher Tradition und Nationalsozialismus, 2015, S. 331–334.

    Anita Naujokat, Schilder an Neumeyerstraße und Georg-Reismüller-Straße geben Auskunft über die Namenspaten, zwei NS-Verfolgte, in: Süddeutsche Zeitung v. 1.5.2018. (Onlineressource)

    Ralf Kramer, Georg Reismüllers Erwerbungsreise nach Ostasien (1928/29). Vorbereitung, Verlauf und Ergebnisse, 2022. (Qu) (Onlineressource)

    Annemarie Kaindl, „Das grossartigste Gebäude in München“. Die Baugeschichte der Bayerischen Staatsbibliothek, 2023, v. a. S. 155–167.

    zwei Fotografien v. Arthur Allan Gulliland (1906–1948), 1931, in: Bayerische Staatsbibliothek München, Bildarchiv.

  • Autor/in

    Hartmut Walravens (Berlin)

  • Zitierweise

    Walravens, Hartmut, „Reismüller, Georg“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd116430141.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA