Lebensdaten
1733 bis 1814
Geburtsort
Sandersleben
Beruf/Funktion
Militärschriftsteller ; Staatsmann ; Kriegswissenschaftler
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116129107 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Berenhorst, Georg Heinrich von
  • Behrenhorst, Georg von
  • Behrenhorst, Georg Heinrich von
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Zitierweise

Berenhorst, Georg von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116129107.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau (1676–1747), preußischer General-Feldmarschall;
    M Sophie Eleon., T des Schultheißen Söldner in Ehrich;
    - 1) Zöberitz bei Zörbig 1781 Katharina Christiane Marie Otto, geschieden 1783, 2) Köthen 1783 Henriette von Bülow (1765–1813);
    S aus 2) Georg (1794–1852), dessauischer Geheimer Kabinettsrat;
    5 T; zu den Nachkommen gehört der Jagdflieger Manfred Freiherr von Richthofen (1892–1918).

  • Leben

    B. sammelte seine praktischen militärischen Erfahrungen im friderizianischen Heer und nahm an den Schlachten des Siebenjährigen Krieges als Adjutant des Königs teil. 1762 nahm er seinen Abschied, wurde Prinzenerzieher in Dessau und Verwalter des fürstlichen Hausvermögens. Von 1790 bis zu seinem Tode widmete er sich, frei von Ämtern, kriegswissenschaftlichen Arbeiten. In dieser Zeit entstand sein Hauptwerk „Betrachtungen über die Kriegskunst“, das 1797 in Leipzig anonym erschien und viel gelesen wurde. Er war nach seinem Bildungsgang Autodidakt. Die Lektüre von Kants Kritik der reinen Vernunft hatte ihn angeregt, die Maßstäbe philosophischer Kritik auf die Betrachtung des Krieges anzuwenden. „Ähnlich wie Kant dem menschlichen Erkenntnisvermögen seine Begrenzung aufgewiesen hatte, so gesteht B. mit einem Unterton von Bitterkeit, daß der Krieg das Gebiet des Zufalls sei, daß es kein Faktor der menschlichen Erkenntnis sei, der die Sicherheit des Erfolges im Kriege bestimmen könne“ (Hagemann). Die Entwicklung der Feuerwaffen habe den Zufallscharakter des Krieges, der in den friderizianischen Schlachten ganz offenkundig werde, erst hervorgebracht. Die Schärfe seiner Kritik am preußischen Heeressystem und an der Kriegführung Friedrichs mag mit eine Folge erlittener Kränkungen sein.

  • Werke

    Weitere W Notwendige Randglossen z. d. Betrachtungen üb. einige Unrichtigkeiten in d. Betrachtungen üb. d. Kriegskunst, 1802;
    Aphorismen, 1805;
    Aus d. Nachlaß, hrsg. v. E. v. Bülow, 1845–47.

  • Literatur

    ADB II (unter Behrenhorst);
    E. Hagemann, Die dt. Lehre v. Kriege, Von B. zu Clausewitz, 1940.

  • Autor/in

    Walter Bußmann
  • Empfohlene Zitierweise

    Bußmann, Walter, "Berenhorst, Georg von" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 71 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116129107.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Behrenhorst: Georg Heinrich von B., geb. 1733 zu Sanoersleben, zu Dessau 1814. Er war ein natürlicher Sohn des Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau und der Tochter des Schultheißen Söldener in Ehrich, die später an den Amtmann Rode verheirathet wurde. Da B. zum Soldaten bestimmt war, wurde seine Erziehung vernachlässigt. Er trat im 15. Jahre bei dem Regimente seines Vaters in Halle ein. Als er 1757 als Adjutant zum Prinzen Heinrich kam, konnte er noch kein Französisch und lernte es erst auf dessen Aufforderung: „daß man doch kein deutsches Beest sein möge“. 1759 wurde er Adjutant des Königs und machte die Feldzüge bis 1762 in dieser Stellung mit. Die Bitterkeit des sonst trefflichen Mannes, die in seinen Urtheilen über den großen König hervortritt, erklärt sich aus dieser Stellung: Friedrich II. war oft hart gegen seine persönliche Umgebung und forderte viel von seinen Adjutanten. Dann war die Umgebung des Prinzen Heinrich das Heerlager der geheimen Opposition gegen den König, deren wahre und falsche Meinungen und Urtheile freilich erst nach 1786 in weiteren Kreisen bekannt wurden. 1762 nahm B. den Abschied, begleitete 1765—68 den Prinzen Hans Jürgen von Anhalt-Dessau auf seinen Reisen durch Italien, lebte nachher in Stettin, wo der Prinz als General das Regiment Bevern commandirte, wurde dann Erzieher des Erbprinzen Friedrich und verwaltete von 1776 an das gesammte fürstliche Hausvermögen, war Hofmarschall, Präsident der Rechnungskammer und Schloßhauptmann. — Sein Nachlaß, den der Neffe E. von Bülow herausgegeben, enthält unter anderem „Selbstbekenntnisse“, in der Form eines Briefes an seinen ältesten Freund, Dr. Hotze in Zürich, die an innerer Wahrheit und Offenheit Rousseau's Confessions weit hinter sich lassen. Er erzählt, daß er „um den Versuchungen des Fleisches zu widerstehen“, eine junge Person vom Lande, ohne Stand und Vermögen geheirathet, aber das große Loos an Schande und Corruption gezogen habe. Die Ehe wurde bald wieder getrennt und B. heirathete dann die Wittwe eines sächsischen Majors von Bülow, mit der er eine glückliche mit sechs Kindern gesegnete Ehe führte, deren Nachkommen noch in Dessau leben. Erst spät, im 62. Jahre, begann er seine schriftstellerische Thätigkeit. Vom Epicuräismus und Unglauben seiner Zeit, von der Lectüre des Rousseau, Helvetius und der Encyclopädisten war er zu einer ernsten, religiösen Richtung übergegangen und studirte dann in den neunziger Jahren Kant's Kritik der reinen Vernunft, die ihn so anregte, daß er beschloß, dieselbe Art der Kritik auf die Wissenschaft und Geschichte des Krieges anzuwenden. Wie Kant die Thätigkeit des menschlichen Geistes und die Schranken derselben untersuchte, und Alles jenseits dieser Grenzen als unerreichbar nachwies, so suchte B. Kunst und Wissenschaft des Krieges als unzuverlässig und widerspruchsvoll darzulegen. Schon 1790 hatte er sich von allen Geschäften zurückgezogen und lebte nur der Wissenschaft und der Correspondenz mit seinen zahlreichen Freunden. — In den Jahren 1795 und 1796 schrieb er sein Hauptwerk, das 1797 anonym unter folgendem Titel erschien: „Betrachtungen über die Kriegskunst, ihre Fortschritte, ihre Widersprüche, und ihre Zuverlässigkeit." Die Kriegskunst — das ist der Grundgedanke des Werkes — fordert einen weiteren Umfang von Wissen und mehr angeborene Talente, als eine der anderen Künste und Wissenschaften, um eine Mechanik zu bilden, die nicht wie die andere, auf unwandelbaren Gesetzen, sondern auf unbekannten, also unlenkbaren Modificationen der Seele beruht und mit Hebeln und Winden arbeitet, die Willen und Gefühl haben. Dazu hat sie noch verhängnißvoller Weise in der neueren Zeit eine erste bewegende Kraft bekommen, welcher menschlicher Muth und menschliche Kraft ungleich sind und bleiben werden. Kurz, der Verfasser sucht aus der „Kriegsgelehrsamkeit“ darzuthun, wie wenig es mit der „Kriegsgelahrtheit“ auf sich habe, wozu die Geschichte auf das willigste|die Hand biete. Die geschichtliche Uebersicht und Entwickelung der Kriegskunst ist noch heute, trotz ihrer Kürze, unter allen vorhandenen die beste. Sie beginnt mit dem Kriegswesen der Griechen und Römer, erwähnt kurz das Mittelalter und die Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts, um eingehender die Zeit darzustellen, in welcher die Erfindung des Pulvers und der allgemeine Gebrauch der Feuergewehre zuerst begann die Taktik umzugestalten, also die Zeit des dreißigjährigen Krieges und der Kriege Ludwig XIV. — Erst in dessen Heeren wurde die Stellung der Truppen auf möglichste Feuerentwickelung berechnet, und da erst beginnt eine Erziehung und Ausbildung des einzelnen Soldaten. Dann geht B. auf Preußen über, wo Friedrich Wilhelm I. und des Schriftstellers Vater, Fürst Leopold, ein Heer, eigentlich nur eine Infanterie bildeten, die im Sinne ihrer Zeit vortrefflich war. Die Schilderungen der damaligen Zustände in Heer und Staat sind unübertroffen und bei aller Schärfe des Urtheils in mildem und billigem Sinne gehalten. Eine weniger gerechte Kritik wird gegen den Helden der schlesischen Kriege geübt und hier ist persönliche Gereiztheit nicht zu verkennen. B. glaubt, daß der König den Fürsten Leopold in seinen Schriften nicht mit genügender Anerkennung und Dankbarkeit beurtheilt habe und die kindliche Pietät verleitet den sonst edlen Mann zu ungerechten Urtheilen und bitteren Bemerkungen. Er sucht nachzuweisen, „daß bis zum Hubertusburger Frieden die moderne Kriegskunst, wegen Mangels einer haltbaren Taktik und wegen der Beschaffenheit der Kriegsleute, noch unter die unsicheren Künste gehöre und die meisten ihrer Erfolge, günstige oder ungünstige, dem Zufall zu danken habe“. — Es bleibt Behrenhorst's großes Verdienst, daß er überall die moralischen Elemente hervorhebt und auf sie, also auf Muth, Kraft, Vaterlandsliebe, Treue des einzelnen Soldaten, auf die Organisation des Heeres, ein entscheidendes Gewicht legt, überall das Individuelle des Falles hervorhebt und die Unwahrheit und Unmöglichkeit einer Theorie des Krieges zeigt, in welcher elementar-taktische Spielereien als Arcana des Sieges behandelt werden. Kurz vorher waren die Officiere aller Heere nach den Manöverplätzen bei Potsdam geeilt, um dem greisen Könige seine taktischen Geheimnisse abzulauschen und bald darauf schrieb Bülow sein „System der Kriegskunst“, in dem der Krieg zu einem Spiel des rechnenden Verstandes gemacht wird, in dem alle moralischen Elemente wie alle individuellen unbeachtet bleiben. So bleibt B. neben Clausewitz, obgleich beide fast nur negativ wirken, einer der ersten Militärschriftsteller und mit Recht sagt Pönitz, sie allein hätten Werke von dauerndem Werthe geschrieben, alle anderen würden mit der Zeit, in der sie entstanden, ihren Werth verlieren. — Der dritte, später erschienene Band der Betrachtungen bespricht die russische Armee und besonders Münnich's Feldzüge, der fast als das gute Beispiel Friedrich dem Großen entgegengesetzt wird. Der vierte Band enthält Streitschriften gegen Massenbach, Matthieu, Dumas und Andere. Das Urtheil einflußreicher Kreise über den siebenjährigen Krieg wie über den König wurde lange Zeit durch B. bestimmt. Archenholz bedauerte sein bekanntes Werk geschrieben zu haben, seitdem er die „furchtbaren“ Betrachtungen gelesen. Die „Aphorismen“ (1805) sind eine Sammlung trefflicher Bemerkungen und Einfälle; B. kämpft wie Clausewitz gegen die Phrase, gegen Vorstellungen ohne Wirklichkeit, denen keine Anschauung der Praxis entspricht. — Der von E. v. Bülow herausgegebene Nachlaß enthält außer den biographischen Notizen, einzelnen Aphorismen und der Selbstbiographie, eine Auswahl der Correspondenz mit Valentin:, Rühle von Lilienstern, Massenbach und Anderen, die für die Kenntniß der Militär-Litteratur jener Zeit sehr wichtig ist. Man findet darin Urtheile über die Begebenheiten von 1800—1814, namentlich die schärfsten und treffendsten über die Theorie des Krieges, die sich damals im Gegensatz zur älteren Kriegführung geltend zu|machen suchten. — B. war ein treuer Patriot und Feind Napoleon's, hatte aber dessen Erfolge vorhergesehen, wie sie auch zur Bestätigung des Tadels dienten, den er in den „Betrachtungen“ ausgesprochen. Er starb 81 Jahre alt. Nach der Schilderung seines Neffen E. von Bülow war er ein großer, kräftiger Mann von seltener Schönheit und fester Gesundheit. Er besaß einen hellen und tiefen Verstand, ein treffliches Gedächtniß, einen schlagenden Witz und starkes Gefühl. Aller Lüge und Dummheit war er ein unversöhnlicher Feind; sein Charakter war edel, mannhaft und fest und schreckte anfangs durch eine gewisse Rauhheit, sein Herz war aber theilnehmend und weich wie das eines Kindes. Er war ein Christ im besten Sinne des Wortes, und es verging kein Tag, an dem er nicht aus der Bibel, aus Fenelon's und Luther's Schriften einen Abschnitt gelesen.

  • Autor/in

    v. Meerheimb.
  • Empfohlene Zitierweise

    Meerheimb, von, "Berenhorst, Georg von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 2 (1875), S. 287-289 unter Behrenhorst [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116129107.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA