Lebensdaten
gestorben Anfang 10. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Mönch in St. Gallen ; Dichter ; Musiker ; Bildschnitzer ; Maler ; Architekt
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 100963471 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Tutilo (in ADB)
  • Tuotilo
  • Tutilo (in ADB)
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Zitierweise

Tuotilo, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd100963471.html [11.07.2020].

CC0

  • Leben

    T. ist einer der wenigen Künstler des Frühmittelalters, die namentlich bekannt und zu denen auch konkrete biographische Stationen überliefert sind. Seit etwa 873 gehörte er dem St. Galler Konvent an. Offenbar war er Schüler des Iren Moengal (gen. Marcellus, vor 895) und Mitbruder von Notker Balbulus (um 840–912) und Ratpert (um 850-um 911). In St. Galler Urkunden seit 895 bezeugt (Rüsch) und in einer eigenhändigen Subskription auch als Schreiber faßbar (Rankin), bekleidete er Ämter der klösterlichen Verwaltung (Cellerar, Sakristan und Hospitiar); auf seine Gelehrsamkeit und Kunstfertigkeit bezieht sich der Eintrag als „doctor et nobilis celator“ im St. Galler Nekrolog zum 27. April, wohl des Jahres 913. Als „pictor mira arte“ rühmt ihn eine – nur kopial überlieferte – Grabinschrift.

    T., Dichter „in utraque lingua“, werden Verse nach biblischen Texten zugeschrieben, die er offenbar auch vertonte. Als gesicherte Werke gelten solche zum Introitus an Weihnachten (Hodie cantandus est), am Fest des Johannes Evangelista (Quoniam Dominus) und an Lichtmeß (Omnipotens genitor) sowie zum Offertorium am Stephanitag (Omnium virtutum) und an Ostern (Gaudete et cantate). T. gilt damit als der erste namentlich bekannte Schöpfer von Tropen; die bedeutende St. Galler Tropen-Tradition kann auf ihn zurückgeführt werden.

    Die nachdrücklichste Wirkung entfaltete T. aber wohl als bildender Künstler, v. a. von Werken der Elfenbeinschnitzkunst. Gesichert sind die Elfenbeintafeln auf dem sog. „Evangelium Longum“, einem Auftragswerk des Abts und Konstanzer Bischofs Salomo III. (890–919/20); dieser ließ für das ungewöhnlich große und lange Format eines wohl spätantiken, von T. neu beschnitzten Diptychons ein mit herausragendem Initialschmuck ausgestattetes Evangeliar durch den St. Galler Mönch Sintram herstellen (St. Gallen, Stiftsbibl. Cod. 53). Den Vorderdeckel schmückt eine von Spiralranken gerahmte Darstellung der Majestas Domini, des in der Mandorla thronenden, von den vier Evangelisten und ihren Symbolen umgebenen Christus zwischen Cherubim und kosmischen Personifikationen, den Rückdeckel eine frühe und ungewöhnliche Verbildlichung der Himmelfahrt Mariens, über zwei Episoden der Galluslegende; der mit getriebenen und gestanzten Goldblechfeldern sowie Steinen und Filigran geschmückte Rahmen der Zeit um 900 kann freilich nur ansatzweise eine Vorstellung von den literarisch bezeugten Werken der Goldschmiedekunst T.s geben. Immerhin bietet der oberste Streifen der Marientafel mit einem jagenden Panther eine motivische und stilistische Brücke zu einem weiteren Elfenbeindiptychon von möglicherweise oberital. Provenienz (St. Gallen, Stiftsbibl., Cod. 60), dessen Dekor aus Jagdszenen in Spiralranken lange als ein weiteres Werk T.s, zuletzt als seine unmittelbare Vorlage angesprochen wurde (Ganz). Die bestechende Qualität der T.-Tafeln entspricht der historiographischen Würdigung als eleganter Ziseleur („celaturae elegans artifex“).

    In ihrer kulturgeschichtlichen Bedeutung kaum zu überschätzen sind die Hinweise auf T.s ausgedehnte Reisetätigkeit, deretwegen er als „homo itinerarius“ beschrieben wurde. Daß T. für die Kathedrale von Konstanz ein Gemmenkreuz und für deren Marienaltar ein vergoldetes Antependium sowie ein Lesepult geschaffen haben soll, erklärt sich aus der Doppelfunktion Bf. Salomos, der Auftrag für einen Altar der Kirche St. Alban in Mainz aus Salomos enger freundschaftlicher Verbindung zum dortigen Erzbischof, dem Reichenauer Abt Hatto III. (891–913). Darüber hinaus ist aber auch für Metz eine goldene Tafel mit einem offenbar besonders kunstvollen Marienbild bezeugt. Die rühmenden Epitheta des St. Galler Chronisten Ekkehard IV., denen zufolge T. zudem als Maler („picturae artifex“) und Architekt hervortrat, wie die Formulierung „in structuris efficax“ nahelegt, entstammen zwar erst der ersten Hälfte des 11. Jh., können sich, ungeachtet gewisser gattungsspezifischer Topik, in ihrem teils verifizierbaren Faktenreichtum jedoch nur authentischer lokaler Überlieferung verdanken.

  • Quellen

    Qu Liber anniversariorum et necrologium Monasterii S. Galli, hg. v. F. L. Baumann, in: MGH Necrol. 1, 1888, S. 472; MGH Poetae Latini Medii Aevi V/2, hg. v. K. Strecker, 1939 (Nachdr. 1978), S. 330 (Grabinschr.); Analecta hymnica Medii Aevi, hg. v. C. Blume u. G. M. Dreves, 47, 1905, S. 48–50, u. 49, 1906, S. 7 f., 18 f. u. 283; Ekkehardi IV. Casus Sancti Galli, Ausgew. Qu. z. Dt. Gesch. d. MA 10, hg. u. übers. v. H. Haefele, 1980, cap. 1, 22, 33, 34, 39, 40, 45, 46; Ratpert, St. Galler Klostergeschichten (Casus sancti Galli), hg. v. H. Steiner, MGH SS rer. Germ. 75, 2002.

  • Literatur

    L ADB 39 (unter Tutilo);
    A. Goldschmidt, Die Elfenbeinskulpturen aus d. Zeit d. karoling. u. sächs. Ks., Bd. 1, 1914, Neudr. 1969, S. 80 f., Nr. 163 f.; E. G. Rüsch, T., Mönch u. Künstler, 1953;
    D. GaboritChopin, Elfenbeinkunst im MA, 1978, S. 78 f. u. 192 f., Nr. 72; J. Duft u. R. Schnyder, Die ElfenbeinEinbde. d. Stiftsbibl. St. Gallen, 1984; E. S. Rankin, Notker u. T. (…), in: Schweizer Jb. f. Musikwiss. 11, 1991, S. 17–42;
    F. Brunhölzl, Gesch. d. lat. Lit. d. MA II, 1992, S. 61 f., 563;
    A. Haug, Art. St. Gallen, in: MGG² VIII, 1998, Sp. 948–69;
    R. Schaab, Mönch in St. Gallen, 2003, S. 89, Nr. 385, S. 169 u. 197; F.|Crivello, T., L’artista in età carolingia, in: E. Castelnuovo (Hg.), Artifex bonus, Il mondo dell’artista medievale, 2004, S. 26–34;
    A. v. Euw, Die St. Galler Buchkunst v. 8. bis z. Ende d. 11. Jh., 2008, S. 154–67; D. Ganz, Im Revier d. Bären, Die Schreibtafeln Karls d. Gr. u. d. Buchhülle T.s, in: Ph. Cordez (Hg.), Charlemagne et les objets, Des thésaurisations carolingiennes aux constructions mémorielles, 2012, S. 87–114;
    P. C. Claussen, Gold u. Edelstein, Die Schätze d. Heiligen, Reliquiare u. andere sakrale Goldschmiedekunst aus d. Frühma., in: G. Descoeudres u. a. (Hg.), Die Zeit Karls d. Gr. in d. Schweiz, 2013, S. 174 f.;
    Ch. Eggenberger, Finessen d. Schnitzkunst, Die karoling. Elfenbeine in d. Schweiz, ebd., S. 202–11;
    Vf.-Lex. MA²;
    LexMA;
    LThK³; HLS

  • Autor/in

    Matthias Exner
  • Empfohlene Zitierweise

    Exner, Matthias, "Tuotilo" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 503-505 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100963471.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Tutilo, Mönch in St. Gallen, an einem 27. April im Anfange des 10. Jahrhunderts. Ein Schüler der Klosterlehrer Iso (s. A. D. B. XIV, 637) und Marcellus (XX, 295), war T. ein Zeitgenosse Notker's des Stammler's. Alle näheren Angaben über T. fließen einzig aus der so vielfach getrübten klösterlichen Ueberlieferung, wie sie erst im 11. Jahrhundert durch Ekkehart IV. (siehe A. D. B. V, 792 u. 793) schriftstellerisch gestaltet wurde. Ekkehart schildert T. als einen Menschen mit Muskelarmen und athletischen Gliedern, beredt, von heller Stimme, zierlich in erhabener Arbeit, als einen Künstler in der Malerei, einen Musiker, vor allen seinen Genossen in allen Gattungen von Saiteninstrumenten und Rohrpfeifen, so daß er auch die Söhne der Edeln in einem vom Abt dazu bestimmten Raume auf den Saiten unterrichtete; dazu wird T. als ein geschickter Bote gepriesen, in die Ferne und Nähe — in angefügten Anekdoten erscheint er in Mainz, bei Metz bethätigt —, als in Bauten und in den übrigen Künsten tüchtig, geschult in der deutschen und der lateinischen Rede, in Ernst und Scherz voll Gemüthes, so daß Kaiser Karl III. den schalt, welcher einen Mann von solcher Naturanlage zum Mönche gemacht habe. Keusch, so daß er vor den Frauen die Augen geschlossen hielt, oft im Verborgenen in Thränen zerknirscht, so sei T., „ein Senator unseres Gemeinwesens“, im Chore thätig, Verse und Melodien zu schaffen befähigt gewesen. Auch als Urkundenschreiber wird er, 907, ersichtlich, und von 898 an, nachdem er zuerst 895 als Priester genannt wurde, waltete er urkundlich nachweisbar als Cellararius, Secretarius, Hospitarius, bis 912, unter den klösterlichen Officialen. Ekkehart nennt T. im besonderen auf dem Felde der musikalischen Leistungen als den Meister der Tropen, jener besonders an hohen Festtagen gesungenen ausschmückenden Zusatzverse, deren Weisen er durch das Rotta genannte Saiteninstrument zu finden wußte, und er erwähnt ihn als den Dichter der Weihnachtstrope „Hodie cantandus est“, sowie des Stückes „Omnium virtutum gemmis“, die T. zu einer von Karl III. verfaßten Antiphone zugefügt haben soll; dabei meint Ekkehart, einem musikalischen beanlagten Leser nur einzelne Verse Tutilo's anführen zu müssen, damit dieser sich daran erinnere, wie verschieden von allen Anderen dessen Klang gewesen sei. Ueberhaupt war T. ohne Zweifel ein Liebling des Verfassers der Casus sancti Galli, da er gern gerade von ihm erzählt oder ihn bei anderen Vorfällen als betheiligt erscheinen läßt. Besonders anschaulich ist der Zusammenstoß des Mönches mit den zwei Räubern, welche vor dem tapferen Manne in der Kutte davonflohen, ausgemalt. Im Todtenbuch von St. Gallen ist T. in einer Einfügung als doctor nobilis celatorque hervorgehoben, und Ekkehart schreibt ihm neben anderen Kunstwerken, z. B. einem Superfrontale, ganz ausdrücklich einen Antheil an den Schnitzereien des Elfenbein-Diptychon zu, das an dem auf Bischof Salomon's III. Auftrage angefertigten berühmten Evangelium in St. Gallen sich befinde, und so wollte man die eine Tafel vom Evangelium Longum, Codex Nr. 53 der St. Galler Stiftsbibliothek, auf der die Himmelfahrt Mariä und die Speisung des Bären durch den Klosterheiligen Gallus als figürliche Darstellungen sich finden, dem „Künstlermönche“ zuschreiben. Allein erstlich ist, gegen den Wortlaut des Zeugnisses Ekkehart's, die Urheberschaft des gleichen Künstlers auch für die zweite Tafel des genannten Codex, mit der Majestas Domini als Inhalt der Darstellung, in Anspruch zu nehmen, und zweitens reicht die Bezeugung für eine Zuschreibung des Werkes an T. durchaus nicht aus. Wohl aber ist allerdings Tutilo's Künstlerlegende als die früheste auf deutschem Boden vorkommende zu verzeichnen. Am Ende des Mittelalters galt T. als Heiliger in St. Gallen, und es gab da beim Kloster eine St. Güetlen-Cappelle. Stumpf (s. A. D. B. XXXVI, 751 ff.) wußte im 16. Jahrhundert auch von weiteren Kunstwerken, künstlichen astronomischen Tafeln, zu sprechen, die man in der St. Galler Bibliothek zeige und auf T. zurückführe.

    • Literatur

      Grundlage für die Geschichte Tutilo's sind Ekkehart's IV. Mittheilungen, besonders in cc. 1, 6, 22, 33—36, 39—40, 45, 46 (doch vgl. dazu|die kritischen Noten v. Verf. d. Art. in der Ausgabe, St. Gallische Geschichtsquellen, III, 1877). Vgl. ferner Gabr. Meier, Geschichte der Schule von St. Gallen im Mittelalter, Jahrbuch s. schweizerische Geschichte, X, 58 u. 59. Gegen die kritisch nicht ausreichende Würdigung Tutilo's durch Alw. Schultz in Dohme, Kunst und Künstler des Mittelalters und der Neuzeit, I, Nr. 2, oder Lübke, der gar in seiner Geschichte der Plastik einen „Abt“ Tutilo erwähnt, vgl. Rahn, Geschichte der bildenden Künste in der Schweiz. 111 ff., besonders aber Nachlese, 787—790, sowie Jul. v. Schlosser, Beiträge zur Kunstgeschichte aus den Schriftquellen des frühen Mittelalters, Sitzungsberichte d. phil.-histor. Classe der Wiener Akademie, CXXIII, Nr. 2, 180—185.

  • Autor/in

    Meyer v. Knonau.
  • Empfohlene Zitierweise

    Meyer von Knonau, "Tuotilo" in: Allgemeine Deutsche Biographie 39 (1895), S. 28-30 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100963471.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA