Lebensdaten
1912 – 1998
Geburtsort
Gries bei Bozen (Südtirol)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118624555 | OGND | VIAF: 59099935
Namensvarianten
  • Tumler, Franz Ernest Aubert
  • Tumler, Franz
  • Tumler, Franz Ernest Aubert

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Zitierweise

Tumler, Franz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118624555.html [23.06.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Franz (1878–1913), Dr. phil., Sprachforscher, Prof. am Staats-Reform-Realgymn. in Bozen, S d. Johann, Kleinhäusler, Bauer, Metzger; seit 1924 StiefV Rudolf Reichart, Lehrer an d. Hauptschule in Lambach;
    M Ernestine (1890–1945), seit 1913 in Linz, T d. Josef Fridrich, Buchdrucker in Ried (Innkr.);
    1) Kirchschlag (Österr.) 1939 1954 Susanne Lühr (1915–2002), 2) 1997 (?) Sigrid John (* 1935), Dipl.-Psychol., Psychoanalytikerin in Berlin;
    1 S aus 1) Tilman (* 1938), Romanist in Wien.

  • Biographie

    T. besuchte die Volksschule in Linz, die Bürgerschule in Lambach und 1926–30 das Bfl. Lehrerseminar in Linz, wo er mit seiner Mutter nach dem Tod des Vaters lebte. Schon früh lernte er das Werk Adalbert Stifters kennen, dessen Erzählstrategien ihn faszinierten. T. war 1930–34 in Paura, 1934–38 in Buchkirchen/Wels als Volksschullehrer tätig. Der nachhaltige Eindruck, den Südtirol bei ihm hinterließ, zeigt sich in seiner ersten Erzählung „Das Tal von Lausa und Duron“ (1935, Neuausg. mit e. Nachschr. 1966) und 30 Jahre später noch in dem Roman „Aufschreibung aus Trient“ (1965, Neuausg. mit e. Nachwort v. S. Klettenhammer 2012) sowie dem Sachbuch „Das Land Südtirol“ (1971). Der große Erfolg der ersten Erzählung ebnete T. nach dem „Anschluß“ 1938 den Weg zu einer Karriere im „Dritten Reich“, zu dem er sich mit Werken wie der Erzählung „Der Soldateneid“ (1939) und dem Essay „Österreich ist ein Land des Deutschen Reiches“ (1940) bekannte (Mitgl. d. NSDAP u. d. SA seit 1938). Kontakte pflegte T., der seit 1939 in Hagenberg (Oberösterr.) lebte, u. a. zu Paul Alverdes (1897–1979), Bruno Brehm (1892–1974) und Gertrud Fussenegger (1912–2009). 1941 meldete er sich, obwohl uk-gestellt, freiwillig zum Kriegsdienst.

    Nach der Rückkehr aus Krieg und Gefangenschaft, die er in seinem Roman „Heimfahrt“ (1950) verarbeitete, lebte T. seit 1945 als amtlich „belasteter“ NS-Autor auf der Suche nach Auswegen, zunächst in Hagenberg, seit 1949 in Altmünster am Traunsee. Erst mit dem Roman „Der alte Herr Lorenz“ (1949) konnte er langsam literarisch wieder Fuß fassen. Wichtig für seine weitere Karriere als freier Schriftsteller wurde die Übersiedlung nach Berlin 1954, die damit verbundene Einbindung in ein neues soziales und kulturelles Milieu und die Freundschaft mit Gottfried Benn (1886–1956). Mit den Romanen „Ein Schloß in Österreich“ (1953) und „Der Schritt hinüber“ (1956, Neuausg. mit e. Nachwort v. B. Hoiß, 2013) sowie v. a. den Erzählungen „Der Mantel“ (1959) und „Nachprüfung eines Abschieds“ (1961, Neuausg. mit e. Nachwort v. J. Holzner 2012) distanzierte sich T. von seinen politisch belasteten Werken und fand Anerkennung auf dem literarischen Markt, bei Rundfunkanstalten und prominenten Verlagshäusern. 1962 wurde T. zum Treffen der Gruppe 47 eingeladen, in der er allerdings eine Randfigur blieb. 1959 wurde er Mitglied der Berliner Akademie der Künste, deren Abteilung Literatur er 1967/68 als Direktor, 1968–70 als stellv. Direktor vorstand. Nach einem Schlaganfall 1973 schrieb T. nur mehr kurze Texte bzw. Gedichte, zunehmend zog er sich aus dem Literaturbetrieb zurück.

    1961 erschien T.s Erzählung „Volterra“ (Erstveröff. u. d. T. „Der Engel geht durch den Stein“, in: Jahresring 61/62, als Buch 1962 mit e. Nachwort v. R. Hartung, Neuausgg., mit e. Nachw. v. U. Heldt 1991, mit e. Nachw. v. J. Holzner 2011). In der Nachschrift dazu, dem Essay „Wie entsteht Prosa“, bezeichnete T. „die Hingabe an den Gegenstand und die vollkommene Trennung von ihm“ als unumstößliche Voraussetzung für jedes künstlerische Schaffen. Damit nahm er Anregungen aus Gesprächen mit Benn auf, aber auch aus der Lektüre neuer Vorbilder nach 1945 wie|Henry James, James Joyce und William Faulkner. Zudem zeigen sich Einflüsse von Samuel Becketts „Molloy“ und v. a. von Alain Robbe-Grillets Roman „Le Voyeur“, den T. ausführlich besprach (in: Der Monat 10, H. 115, 1958, S. 66–69). In seiner programmatischen Rezension hob er die Unterschiede zwischen dem konventionellen Roman und dem Nouveau Roman hervor, setzte sich von dem im dt.sprachigen Raum gängigen Erwartungshorizont des Publikums ab und trat für die strikte Verknüpfung von Erzählen und Reflektieren ein. Indem er den Konstruktionscharakter seiner Erinnerungsarbeit unterstrich, plädierte er keineswegs für die Flucht vor den Bürden der Vergangenheit. Er setzte nur, radikal anders als früher, auf akribische Wahrnehmung individueller wie kollektiver Identitätsentwürfe und auf die scharfe Beobachtung einer jeden (sogar der eigenen) Stimme, um so ideologischen Verstrickungen entgehen zu können. 2007 stiftete die Südtiroler Landesregierung den „Franz-Tumler-Literaturpreis“, mit dem alle zwei Jahre zeitgenössische dt.sprachige Debütromane ausgezeichnet werden. Für T.s Wiederentdeckung haben sich immer wieder v. a. Schriftsteller aus Südtirol eingesetzt, wie N. C. Kaser, Joseph Zoderer, Sabine Gruber und Toni Bernhart.

  • Auszeichnungen

    A Dichterpreis d. Reichshauptstadt (Berlin 1940);
    Kulturpreis Oberdonau (1941);
    Sudetendt. Schr.tumspreis (Karlsbad 1942);
    Charles-Veillon-Preis (Lausanne 1956);
    Ehrenpreis d. BDI (Köln 1961);
    Lit.preis d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste (1967);
    Arb.stipendium in d. Villa Serpentara (Rom 1970);
    Adalbert-Stifter-Preis (Linz 1971);
    österr. Prof. (1972);
    Ehrenkreuz f. Wiss. u. Kunst 1. Kl. (1981);
    Andreas-Gryphius-Preis (Düsseldorf 1982);
    Würdigungspreis f. Lit. d. Landes Tirol (Innsbruck 1982);
    Walther-v.-d.-Vogelweide-Preis (Bozen 1985);
    Kunstwürdigungspreis d. Stadt Linz (1992);
    (Grab-)Denkmal v. A. Gutweniger (Berlin, Waldfriedhof Heerstraße).

  • Werke

    W Der Ausführende, 1937;
    Die Wanderung z. Strom, Erz. u. Gedichte, 1937;
    Im J. 38, 1939;
    Ein kl. Stifter-Lesebuch, 1939 (Hg.);
    Der erste Tag, 1940, neu bearb. Ausg. 1951;
    Anruf, Gedichte, 1941;
    Auf d. Flucht, 1943;
    Ländl. Erzz., hg. v. K. H. Waggerl, 1944;
    Einmal war etwas Gutes geschehen, 1947;
    Liebes-Lobpreisung, 1947;
    An der Waage, Aufzeichnungen aus d. Lagerhaus, 1947;
    Landschaften des Heimgekehrten, 1948, u. d. T. Neuer Blick auf d. Erde, Zehn Landschaften, 1949;
    Das Hochzeitsbild, 1953;
    Berlin, Geist u. Gesicht, Mit Bildern v. F. Eschen, 1953;
    Der Gardasee, Mit 32 Aufnahmen, darunter 2 farbigen v. H. Müller-Brunke, 1958;
    Menschen in Berlin, Fotos v. J. Nico, 1960;
    Welche Sprache ich lernte, 1970;
    Über d. Ak. d. Künste, Persönl. Betrachtung e. Berliner Institution in 18 Kap., 1971;
    Sätze v. d. Donau, 1972;
    Ein Landarzt, 1972;
    Pia Faller, 1973;
    Landschaften u. Erzz., 1974; F. T., Zum 70. Geb.tag, hg. v. H. Wielander, bearb. v. N. Florineth u. J. Hofer, 1982 (W); Album Rom, Bilder mit Gedichten, Fotos v. D. Manhartsberger, 1983; Welche Sprache ich lernte, Texte v. u. über F. T., hg. v. H. D. Zimmermann, 1986 (W); Das Zerteilen d. Zeit, 1989; Aber geschrieben gilt es, Ein Lesebuch, 1992; – Bibliogr.: B. Hoiß, Ich erfinde mir noch einmal d. Welt (s. L), S. 485–559, u. in d. Internetpräsenz d. Brenner-Archivs, Innsbruck; – Nachlaß: DLA Marbach; Dok.stelle f. neuere Südtiroler Lit., Bozen; Forsch.inst. Brenner-Archiv (Univ. Innsbruck).

  • Literatur

    L N. Langer, in: Dichter aus Österr., 2. F., 1957, S. 112–16 (P);
    H. Himmel, Unsicherheit u. Präzision, Zu F. T.s Erz. Der Mantel, in: Erzähltechniken in d. modernen österr. Lit., hg. v. A. Doppler u. F. Aspetsberger, 1976, S. 46–63;
    Arsenal, Btrr. z. F. T., hg. v. P. Demetz u. H. D. Zimmermann, 1977;
    K. Weissenberger, Sprache als Wirklichkeitsgestaltung, F. T.s Transparenz d. epischen Fiktion v. Ein Schloß in Österreich bis Pia Faller, in: Stud. z. österr. Erzähllit. d. Gegenwart, hg. v. G. Labroisse, 1982, S. 1–21;
    K. Amann, Im Schatten d. Bücherverbrennung, Österr. Lit. u. NS, in: Wespennest, Zs. f. brauchbare Texte u. Bilder 52, 1983, S. 16–25;
    E. Krispyn, F. T., Nachprüfung e. österr. Laufbahn, in: Leid d. Worte, Panorama d. lit. NS, hg. v. J. Thunecke, 1987, S. 420–34;
    M. Fritz, F. T.s lit. Südtirol-Bild, Diss. Innsbruck 1987;
    F. T., Btrr. z. 75. Geb.tag, hg. v. Bundesländerhaus Tirol, 1987 (W);
    K. Amann, Lit.betrieb 1938–1945, Vermessungen e. unerforschten Gebietes, in: NS-Herrschaft in Österr. 1938–1945, hg. v. E. Tálos u. a., 1988, S. 283–99;
    W. Burger, Heimatsuche, Südtirol im Werk F. T.s, 1989;
    K. Müller, F. T. (1912), Die Bannung d. Unordnung oder d. Mühseligkeit d. Erinnerung, in: Zäsuren ohne Folgen, Das lange Leben d. lit. Antimoderne Österr. seit d. 30er J., 1990, S. 274–87;
    A. Costazza, F. T., Una letteratura di confine;
    1992;
    J. Holzner, Lit. in Südtirol, Dt., österr., ital. Lit.?, in: Lit.gesch. Österr., Prolegomena u. Fallstud., hg. v. W. Schmidt-Dengler u. a., 1995, S. 91–99;
    J. Sachslehner, Nachprüfung, Zu d. Autobiogrr. v. Robert Hohlbaum, Paula Grogger, Gertrud Fussenegger u. F. T., in: Autobiogrr. in d. österr. Lit., hg. v. K. Amann u. K. Wagner, 1998, S. 125–40;
    B. Hoiß, Ich erfinde mir noch einmal d. Welt, Versuch über Moderne, Heimat u. Sprache b. F. T., Diss. Innsbruck 2006;
    dies. (Hg.), Donau, Verzweigt, Schreiben unter u. nach d. NS, F. T. u. Arnolt Bronnen, 2008 (P);
    S. P. Scheichl, F. T.s „Das Land Südtirol“, Eine Vinschgauer Perspektive auf d. Tiroler Gesch.?, in: Kulturraum Tirol, Lit., Sprache, Medien, Jubiläumsbd. „150 J. Germanistik in Innsbruck“, hg. v. S. Klettenhammer, 2009, S. 55–68;
    F. T., Beobachter, Parteigänger, Erzähler, hg. v. J. Holzner u. B. Hoiß, 2010;
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
    Killy;
    Kulturlex. Drittes Reich;
    Lit. Nazi-Dtld. (P); Krit. Lex. Gegenwartslit.

  • Porträts

    P Photogr. v. R. v. Mangold, Abb. in: dies., Autoren, Fotogrr. 1963–2013, 2013, S. 85

  • Autor/in

    Johann Holzner
  • Zitierweise

    Holzner, Johann, "Tumler, Franz" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 502-503 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118624555.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA