Jaray, Paul

Lebensdaten
1889 – 1974
Geburtsort
Wien
Sterbeort
St.·Gallen
Beruf/Funktion
Luftfahrtpionier ; Ingenieur
Konfession
unbekannt
Normdaten
GND: 124877257 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Jaray, Paul

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Zitierweise

Jaray, Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd124877257.html#indexcontent [14.07.2026].

CC0

  • Jaray, Paul

    1889 – 1974

    Luftfahrtpionier, Ingenieur

    Der Ingenieur und Aerodynamiker Paul Jaray prägte in den 1920er Jahren mit seinen Forschungen zur Stromlinienform die Entwicklung moderner Fahrzeuge und revolutionierte mit seinen wissenschaftlich fundierten Entwürfen die Automobil- und Luftfahrtindustrie.

    Lebensdaten

    Geboren am 11. März 1889 in Wien
    Gestorben am 22. September 1974 in St. Gallen
    Konfession jüdisch, seit 1917 römisch-katholisch
    Paul Jaray, ETH-Bibliothek Zürich (InC)
    Paul Jaray, ETH-Bibliothek Zürich (InC)
  • 11. März 1889 - Wien

    ca. 1904 - 1906 - Wien

    Schulbesuch

    Realschule

    1910 - Wien

    Konstrukteur

    Keller & Wouwermans

    1910 - 1911 - Wien

    Studium

    Maschinenbauschule der TH

    1911 - Prag

    Assistent

    Deutsche TH

    1911 - 1912 - Prag

    Konstrukteur

    Elektrizitäts-Aktiengesellschaft (EAG)

    1912 - 1914 - Friedrichshafen

    Chef-Ingenieur

    Flugzeugbau Friedrichshafen GmbH

    1914 - 1923 - Friedrichshafen

    Ingenieur; seit 1917 Oberingenieur

    Luftschiffbau Zeppelin GmbH

    1923 - Brunnen (Kanton Schwyz)

    Übersiedlung

    1932 - 1938 - Luzern

    Übersiedlung; Gründer; Leiter

    ALAPHON, Radiodienst und Radiobau AG

    1941 - 1945 - Grenchen (Kanton Solothurn)

    wissenschaftlicher Mitarbeiter; Leiter

    Technisches Büro der Flugzeugbau A. G. Grenchen

    1945 - 1945 - Fischenthal (Kanton Zürich)

    Übersiedlung; Ingenieur

    Naef Flugmechanik AG

    1946 - 1952 - Genf

    Entwürfe zur Konstruktion eines Windkanals

    Hispano-Suiza (Suisse) S. A.

    1949 - 1949 - Luzern

    Redakteur

    Luzerner Neueste Nachrichten (Tageszeitung)

    1950 - Wetzikon (Kanton Zürich)

    Übersiedlung

    1959 - 1970 - Wetzikon

    Expertisen und Entwicklungen für Bergbahnen

    eigenes Ingenieurbüro

    1972 - Bazenheid (Kanton St. Gallen)

    Übersiedlung

    1973 - St. Gallen

    Übersiedlung

    22. September 1974 - St.·Gallen

    alternativer text
    Stromlinienwagen von Paul Jaray, ETH-Bibliothek Zürich (InC)

    Frühe Karriere

    Nach dem Besuch der Realschule in Wien, die Jaray 1906 abschloss, entschied er sich trotz künstlerischer Neigungen für ein Maschinenbaustudium an der TH Wien. Seit 1910 arbeitete er als Konstrukteur bei Keller & Wouwermans in Wien und machte erstmals mit innovativen Ideen auf sich aufmerksam. 1911 war er als Assistent an der Deutschen TH Prag und 1911 als Konstrukteur bei der Elektrizitäts-Aktengesellschaft (EAG) beschäftigt. In diesem Zeitraum meldete er sein erstes Flugzeugpatent (Flugzeug mit freitragenden Flügeln) an, verfolgte die Patentierung aber nicht weiter. Von 1912 bis 1914 war Jaray als Chef-Ingenieur im Flugzeugbau im Zeppelin-Konzern in Friedrichshafen tätig, wo er mit dem Luftfahrtpionier Robert Gsell (1889–1946) in Kontakt kam. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs wechselte er in den Mutterkonzern, die Luftschiffbau Zeppelin GmbH, entwickelte hier aerodynamische Verbesserungen für Luftschiffe, baute einen Windkanal und stand im Austausch mit Ludwig Prandtl (1875–1953). Jarays Forschung führte dazu, dass die Luftschiffe ihre charakteristische Stromlinienform erhielten.

    Von der Luftfahrt in die Automobilbranche

    Nach dem Produktionsverbot für Luftfahrzeuge durch den Versailler Vertrag 1919 forschte Jaray im Rahmen seiner Anstellung bei Luftschiffbau Zeppelin auch zu anderen Themen. Er entwickelte 1919 den ersten Prototyp des Schwinghebel-Fahrrads J-Rad, bei dem der Antrieb nicht mit einer Pedalkurbel, sondern mit einem Trethebel erzeugt wird. Seit 1922 wurde das J-Rad von den Hesperus-Werken in Stuttgart seriell produziert und fand v. a. in den Niederlanden Anklang. 1923 wurde die Produktion wegen tödlicher Unfälle infolge Materialfehler und Sparmaßnahmen eingestellt. Zudem wandte Jaray sich dem Automobil zu und meldete 1921 den ersten Stromlinienwagen zum Patent an, dessen Bewilligung sich durch Edmund Rumplers (1872–1940) Einspruch verzögerte. 1922 produzierte er mit der Rud. Ley Maschinenfabrik AG aus Arnstadt den Ley Typ T6, eines der ersten stromlinienförmigen Autos.

    1923 zog Jaray mit seiner Familie nach Luzern und gründete hier im selben Jahr die Firma ALAPHON, die den ersten in der Schweiz serienmäßig hergestellten Radioempfänger produzierte. Das Unternehmen scheiterte und wurde 1938 liquidiert. Gleichzeitig arbeitete Jaray an stromlinienförmigen Automobilkarosserien, deren geringe Windwiderstände hohe Geschwindigkeiten bei niedrigem Verbrauch ermöglichten. Große Hersteller wie Mercedes-Benz, Tatra, Fiat und Chrysler nutzten seine Patente. Heute gilt es als eine der grundlegenden Formen im Automobilbau. In den 1920er Jahren konnte sich dieses Konzept jedoch nicht durchsetzen und wurde u. a. durch zeitgenössische modische Trends verdrängt. Erst in den 1930er Jahren begann man, aerodynamische Erkenntnisse aus dem Schiffs- und Flugzeugbau gezielt auf die Konstruktion von Fahrzeugkarosserien zu übertragen.

    Krisen und nationalsozialistische Verfolgung

    Der Suizid eines Geschäftspartners, familiäre Belastungen, wirtschaftliche Rückschläge sowie der Verlust deutscher Aufträge nach der nationalsozialistischen Machtübernahme brachten Jaray in den 1930er Jahren in persönliche und finanzielle Schwierigkeiten. Mit der nationalsozialistischen Verfolgung verschwanden Jarays Beiträge aus dem öffentlichen Bewusstsein; seine Patente wurden für „ungültig“ erklärt. Seine Urheberschaft der erfolgreichen, stromlinienförmigen Automobile – bis hin zum KdFWagen – wurde gezielt verschwiegen oder ignoriert, zumal die politischen und kriegsbedingten Umstände es erlaubten, Patent- und Urheberrechte zu übergehen. In der Zusammenarbeit mit deutschen Automobilherstellern war Jaray gezwungen, unter dem Namen von Strohmännern aufzutreten; deren Ergebnisse wurden propagandistisch als nationalsozialistischer Erfolg umgedeutet.

    Seit 1935 hielt Jaray Vorträge an der ETH Zürich, unterstützt von dem Aerodynamiker Jakob Ackeret (1898–1981). Von 1941 bis 1945 arbeitete er als technischer Leiter bei Willy Farners (1905–1978) Flugzeugbau A. G. Grenchen und seit 1945 bei Naef Flugmechanik AG. Parallel führte er eigene Ingenieurbüros und widmete sich unterschiedlichen Erfindungen – von Bildübertragungsgeräten bis zu Schneepflügen. Auch als Komponist und Künstler hinterließ er ein kleines Werk. Erst in den letzten Jahren wurden Jarays Name und seine Leistungen für den modernen Fahrzeugbau wiederentdeckt, u. a. 2021 durch eine Ausstellung im Arsenale Institute in Venedig und 2023 im Kunsthaus Dahlem in Berlin.

    1917 Wilhelmskreuz
    1975 Bronzemedaille des Oldtimer-Clubs Ostschweiz

    Nachlass:

    ETH-Bibliothek, Archiv der ETH Zürich. (weiterführende Informationen)

    ETH-Bibliothek, Sammlung wissenschaftlicher Instrumente und Lehrmittel. (Objekte aus dem Nachlass) (weiterführende Informationen)

    Monografien:

    Konstruktionsprinzipien des Flugzeugbaues, 1911.

    Über die Luftschifform, Vortrag an der ETH Zürich, 1937. (ungedr. Manuskript, ETH-Bibliothek)

    Automobil und Aerodynamik, Vortrag an der ETH Zürich, 1938. (ungedr. Manuskript, ETH-Bibliothek)

    Artikel:

    Konstruktions-Prinzipien, in: Technische Blätter (Vierteljahrschrift des deutschen Polytechnischen Bezirksvereins in Böhmen) 43 (1911), S. 103–119 u. 174–190.

    Studien zur Entwicklung der Luftfahrzeuge unter besonderer Berücksichtigung der Zeppelinluftschiffe, in: Zeitschrift für Flugtechnik und Motorluftschifffahrt 11 (1920), S. 153–159 u. 173–178.

    Der Stromlinienwagen, in: Der Motorwagen 25 (1922), H. 17, S. 333–336.

    Stromlinienkarosserie (Stellungnahme zu Kritiken), in: Der Motorwagen 25 (1922), H. 26, S. 505 f.

    Die Leistungsberechnung des Motorwagens unter besonderer Berücksichtigung des Luftwiderstandes, in: Der Motorwagen 25 (1922), H. 29, S. 551–559.

    Die Kraftwagenform als technisches Problem, in: Deutsche Motor-Zeitschrift 11 (1934), S. 66–72.

    Edsel Ford und die Stromlinie, in: Neue Zürcher Zeitung v. 27.5.1934, S. 13 f.

    Zur Aerodynamik von Rennwagen, in: Automobiltechnische Zeitschrift 38 (1935), S. 118-122.

    Aerodynamik und Maschinenbau, in: Zeitschrift für Angewandte Mathematik und Physik (Sonderband: Festschrift J. Ackeret) 5/6 (1958), S. 382–388.

    Patente:

    Paul Jaray/Luftschiffbau Zeppelin Gmbh., Luftschraubenantrieb für Vor- und Rückwärtsgang DE331827C, angemeldet 29.6.1919, veröffentlicht 28.3.1922.

    Paul Jaray/Luftschiffbau Zeppelin Gmbh., Kühlvorrichtung für Luftfahrzeuge DE355220C, angemeldet 17.11.1917, veröffentlicht 22.6.1922.

    Paul Jaray/Luftschiffbau Zeppelin Gmbh., Passagierluftschiff für Fernfahrt DE391494C, angemeldet 4.4.1920, veröffentlicht 10.3.1924.

    Fahrzeug mit Pedalantrieb CH96123A, angemeldet 27.1.1921, veröffentlicht 1.9.1922.

    Improvements in and Relating to Velocipedes and the Like GB186948A, angemeldet 11.4.1921, veröffentlicht 11.10.1922.

    Kraftwagen DE441618C, angemeldet 8.9.1921, veröffentlicht 9.3.1927.

    Stromlinienförmige Wagenkarosserie DE481049C, angemeldet 20.10.1928, veröffentlicht 13.8.1929.

    Paul Jaray/Alaphon, Radiodienst & Radiobau, Antenne, insbesondere für Wohnkolonien CH172521A, angemeldet 3.11.1933, veröffentlicht 15.10.1934.

    Drucklüfte insbesonders zur Belüftung von Fahrzeugen CH239135A, angemeldet 4.6.1943, veröffentlicht 15.9.1945.

    Zeichnungsgerät CH245101A, angemeldet 2.2.1944, veröffentlicht 31.10.1946.

    Snow Removing Machine CA484416A, angemeldet 1.7.1952, veröffentlicht 1.7.1952.

    Andreas Ostertag, Ein Pionier der Aerodynamik und der Luftschifffahrt. Paul Jaray zum 85. Geburtstag, in: Schweizerische Bauzeitung 92 (1974), S. 227–229.

    Hanspeter Bröhl, Paul Jaray. Stromlinienpionier. Von der Kastenform zur Stromlinienform, 1978.

    Beat Glaus, Paul Jaray. Aerodynamiker, Konstrukteur und Erfinder (1889–1974), in: Industriearchäologie 8 (1984), H. 4, S. 2–8.

    Hans-Eberhard Lessing, Paul Jaray. Vom Zeppelin zum J-Rad, in: Volker Briese/Wilhelm Matthies/Gerhard Renda (Hg.), Wegbereiter des Fahrrads, 1997, S. 29–44.

    Christian Binnebesel, Vom Handwerk zur Industrie. Der PKW-Karosseriebau in Deutschland bis 1939, 2008, S. 94 f. u. 119–122. (Onlineressource)

    Bruno Meyer, Art. „Jaray, Paul“, in: Historisches Lexikon der Schweiz, 18.1.2021. (Onlineressource).

    Wolfgang Scheppe, Paul Jaray (1889–1974). Biographische Notiz, in: ders., Paul Jaray. Die Vernunft der Stromlinie, Katalog der Ausstellung im Kunsthaus Dahlem, 2023, S. 8 f.

    Fotografien, 1921–1974, Bildarchiv der ETH Zürich.

  • Autor/in

    Claudia Briellmann (Zürich)

  • Zitierweise

    Briellmann, Claudia, „Jaray, Paul“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd124877257.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA