Lebensdaten
1864 bis 1941
Geburtsort
Schwedt/Oder
Sterbeort
Meran
Beruf/Funktion
Marineoffizier ; Diplomat
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 120532956 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hintze, Paul (bis 1908)
  • Hintze, Paul von
  • Hintze, Paul (bis 1908)
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Porträt(nachweise)

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Zitierweise

Hintze, Paul von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd120532956.html [20.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Julius ( 1871), Inh. d. Rohtabakgeschäfts u. d. -fabrik E. T. Barchewitz u. Stadtrat in Sch.;
    M Anna Hartmann;
    Schloß Mittelsteine 1918 Helene (* 1871), T d. meckl. Hauptm. Adolf v. Schierstedt u. d. Johanna v. Bülow; kinderlos; 5 Stief-K.

  • Leben

    H. absolvierte das Joachimsthalsche Gymnasium in Berlin und trat 1882 in die Marine ein, war unter anderem Kadett auf der Kreuzerfregatte „Prinz Adalbert“, besuchte 1894-96 die Marineakademie und wurde 1896 zum Oberkommando der Marine kommandiert (1885 Unterleutnant zur See, 1901 Korvettenkapitän, 1905 Fregattenkapitän). Seit 1898 war er Flaggleutnant des Kreuzergeschwaders in Ostasien und wurde 1901 mit der Vertretung des Stabes beauftragt, als Prinz Heinrich von Preußen den Oberbefehl des Geschwaders übernahm. Noch im selben Jahr wurde er als 1. Offizier auf das Linienschiff „Kaiser Wilhelm“ kommandiert, aber schon 1902 in den Admiralstab berufen.

    H.s im wesentlichen diplomatische Laufbahn begann 1903 mit der Zuteilung zur Botschaft Sankt Petersburg als Marineattaché für die nordischen Reiche. Es gelang ihm, durch höfische Gewandtheit das Vertrauen Nikolaus' II. zu gewinnen sowie durch gefällige Berichte, die jedoch wenig mit den wahren Verhältnissen zu tun hatten, die Aufmerksamkeit Wilhelms II. auf sich zu lenken. Dem Zaren riet er während der Revolution von 1905 zu hartem Durchgreifen. Dieser nahm H. im selben Jahr zur Begegnung mit Wilhelm II. nach Björkö mit. 1908 wurde H. als Militärbevollmächtigter der Person des Zaren attachiert (1906 Flügeladjutant, 1907 Kapitän zur See). Wilhelm II. bediente sich mit Vorzug der Auffassungen und der Dienste H.s, um unter Ausschaltung des Auswärtigen Amtes (AA), vertreten durch den Botschafter Graf Pourtalès, am Zarenhofe Politik zu betreiben. Eine Indiskretion H.s führte 1911 zu seiner Abberufung. Zur Dienstleistung ins AA kommandiert (Charakter als Konteradmiral 1911), war er 1911-14 Gesandter in Mexiko, 1914-17 in China und nach dem Abbruch der Beziehungen 1917-18 in Norwegen. Insbesondere seine Reise nach China wußte H. mit dem Nimbus eines großen Abenteuers zu umgeben.

    Auf Betreiben des Zivilkabinetts ernannte Wilhelm II. H. zum Staatssekretär im AA als Nachfolger R. von Kühlmanns, da H. Ludendorff genehm war (16.6.1918). Entgegen den Erwartungen indes folgte H. der Linie Kühlmanns und vertrat, im Gegensatz zu Helfferich, eine Politik der Zusammenarbeit mit den Bolschewiki in Rußland und wandte sich gegen eine militärische Intervention deutscherseits, da er dadurch und durch die Einhaltung des annexionistischen Vertrages von Brest-Litowsk am ehesten die Niederhaltung Rußlands gewährleistet glaubte. Es gelang ihm, Ludendorff von einer Revision des Brester Vertrages abzuhalten, worauf Helfferich zurücktrat, nachdem sich auch Wilhelm II. der Meinung H.s angeschlossen hatte. H. konnte vielmehr die Verhandlungen über einen Ergänzungsvertrag erfolgreich abschließen. Einer Schwenkung Ludendorffs unter Einfluß General M. Hoffmanns zu einer antibolschewistischen Intervention hin kamen die militärischen und politischen Entwicklungen zuvor. – Es ist wesentlich dem Einfluß H.s auf Wilhelm II. zuzuschreiben, daß dieser der Einführung der parlamentarischen Regierungsform zustimmte (29.9.1918), nachdem die Generale die Beendigung des Krieges und ein Eingehen auf das Angebot Wilsons verlangt hatten. Angesichts der allgemeinen Sachlage trat H. zurück, blieb aber als Vertreter des AA im Großen Hauptquartier. Er war Vater des Gedankens, der zeitweilig im Kreise einiger Kaisertreuer (unter anderem W. Groener, F. W. Graf Schulenburg) erörtert wurde, dem Kaiser nahezulegen, an die Front zu gehen, um die Stimmung der Truppen wieder für sich einnehmen (1./2.11.) und dadurch eine Abdankung verhindern zu können. Schließlich bereitete er Wilhelms Flucht nach Holland vor.

    Nach dem Kriege zeitweise Führer der Deutschen Volkspartei in Schlesien, übernahm H. später die Leitung des Auslandsinstituts in Stuttgart und den Verein für das Deutschtum im Ausland. Seine Versuche, sich über die sozialdemokratische Parteileitung sowie|durch eine Reise nach Moskau der Sowjetischen Regierung für den Botschafterposten zu empfehlen, blieben erfolglos.

  • Werke

    Der dt. Diplomat im Ausland, in: Der Auslandsdeutsche, Sonder-H., Neujahr 1922.

  • Literatur

    H. Delbrück, H.s Aufgabe, 1918;
    J. Fischart (E. Dombrowski), Das alte u. d. neue System I, 1919, S. 334-43, Das Werk d. Untersuchungsausschusses d. Dt. Verfassunggebenden Nat.verslg., 4. R., 2. Bd., 1925 (W);
    A. Niemann, Rev. v. oben, Umsturz v. unten, 1927 (W, L);
    G. Gf. v. Lambsdorff, Die Militärbevollmächtigten Kaiser Wilhelms II. am Zarenhofe 1904–14, 1937 (W, P) (unkritisch);
    A. Ritthaler, Die Rolle des Staatssekretärs v. H., in: FBPG 55, 1944, S. 133-62;
    K. Gf. Westarp, Das Ende d. Monarchie, hrsg. v. W. Conze, 1952 (P);
    W. O. v. Hentig, Mein Leben, e. Dienstreise, 21963, S. 178 ff., S. 447-70;
    W. Baumgart, Dt. Ostpol. 1918, 1966 (L);
    H.-E. Volkmann, Die dt. Baltikumspol. zw. Brest-Litovsk u. Compiègne, 1970.

  • Autor/in

    Hans Wolfram von Hentig
  • Empfohlene Zitierweise

    Hentig, Hans Wolfram von, "Hintze, Paul von" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 196 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd120532956.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA