Lebensdaten
erwähnt 1312, gestorben zwischen 1345 und 1347
Beruf/Funktion
Chronist ; Abt in Viktring
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119559552 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Johann
  • Johannes Victoriensis
  • Johann Victoriensis
  • mehr

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Zitierweise

Johann von Viktring, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119559552.html [28.02.2020].

CC0

  • Leben

    J., der wahrscheinlich am 15.2.1312 zum Abt des Zisterzienserklosters Viktring in Kärnten gewählt wurde, dürfte Romane gewesen sein, vermutlich Lothringer aus der Gegend um Metz. Auf dieses gemischtsprachige Gebiet deutet u. a. die Benützung deutschsprachiger Quellen für sein Hauptwerk; paläographische Eigenheiten, die völlig eindeutig auf den Westen hinweisen, konnten in seiner Handschrift nicht gefunden werden. Seine hohe Gesinnung, die feine Bildung, die Freude am Ritterlichen, aber auch sein verächtliches Urteil über Bettelmönche und Emporkömmlinge lassen seine vornehme Abkunft erkennen. Noch im Westen erhielt er eine Ausbildung, die ihn später gemeinsam mit seinen Verbindungen zu der führenden Oberschicht zum Geschichtsschreiber befähigte wie vor ihm nur Otto von Freising. Die rege Verwaltungstätigkeit für sein Kloster half ihm, rasch in Kärnten|heimisch zu werden; er gewann nicht nur die Freundschaft zweier Landeshauptleute, sondern ist bald auch in der Umgebung seines Landesherrn Hzg. Heinrich von Kärnten zu finden. 1330 geleitete er Kg. Johann von Böhmen von Innsbruck nach Trient, wohl auf Geheiß des Herzogs. 1334 wird er als Kaplan Hzg. Heinrichs bezeichnet, 1341 als solcher Hzg. Albrechts II. von Österreich, mit dem er 1335 als Gesandter der Margarete Maultasch in Linz zusammengetroffen war. In der Folge fand er engen Kontakt zu Patriarch Bertrand von Aquileja, als dessen Kaplan er 1342 bezeichnet wird, und zu den Habsburgern, besonders zu Hzg. Albrecht II. dem Lahmen, dem er sein Hauptwerk, den von ihm selbst so genannten „Liber certarum historiarum“ (1340/41 begonnen), widmete. Dieses in 6 Bücher gegliederte, mit den Karolingern beginnende Werk ist nach dem Vorbild Ottos von Freising als Weltchronik konzipiert, geht aber im weiteren Verlaufe in eine Geschichte des „Hauses Österreich“ über (bis 1343). 3 von J. ausgearbeitete Redaktionen sind überliefert, eine vierte im sogenannten „Anonymus Leobiensis“ ist umstritten, obwohl sie schon im 15. Jh. die einzige bekannte Überlieferung war. Eine im 18. Jh. als „Chronicon Carinthiae“ betitelte Handschrift ist verschollen. Für sein Kloster verfaßte J. anschließend an eine Geschichte des Zisterzienserordens eine Gründungsgeschichte. In seinen letzten Lebensjahren (nach 1337) scheint er die Erweiterung des „Liber“ zu einer Universalgeschichte unter EinschluB der röm. Geschichte geplant zu haben; auf uns kam davon das Konzept einer „Cronica Romanorum“. Im gesamten zeigt sich J. durch Otto von Freising beeinflußt. Mönchtum und Klosterleben waren ihm besondere Anliegen. Ein strenger Parteigänger der päpstl. Kurie war er nicht; seine politische Haltung hat man als „grundsätzlich die eines Ghibellinen“ bezeichnet (Lhotsky), dessen Stellungnahme zu den Großen seiner Zeit aus der Zugehörigkeit zum Zisterzienserorden zu verstehen ist (Schneider). Sympathie für das „Haus Österreich“ spricht aus seinem „Liber“, der eine der bedeutendsten Leistungen der spätmittelalterlichen Historiographie darstellt.

  • Werke

    Liber certarum historiarum, ed. F. Schneider, in: MGH SS rer. Germ. 36;
    Cron. Romanorum, hrsg. v. A. Lhotsky, in: Buchreihe d. Landesmus, f. Kärnten 5, 1960;
    Hist. fundationis coenobii Victoriensis, hrsg. v. A. Fournier, Abt J. v. V. u. s. Liber certarum historiarum, 1875, S. 128 ff., u. besser, aber unvollst. A. v. Jaksch, in: Monumenta historica ducatus Carinthiae 3, 1904, S. 290 ff. u. 326 f. rechts.

  • Literatur

    ADB 14;
    A. Fournier, Abt J. v. V. u. s. Liber certarum historiarum, 1875;
    F. Schneider, Stud. zu J. v. V., 1. T., in: NA 28, 1903, S. 139 ff., 2. T., ebd. 29, 1904, S. 397 ff.;
    A. Lhotsky, Quellenkde. z. ma. Gesch. Österreichs, in: MIÖG Erg.-Bd. 19, 1963, S. 257, 292 ff. (L);
    ders., J. v. V., in: ders., Aufsätze u. Vorträge I, hrsg. v. H. Wagner u. H. Koller, 1970, S. 131 ff.;
    S. Haider, Unterss. zu d. Chronik d. „Anonymus Leobiensis“, in: MIÖG 72, 1964, S. 364 ff.;
    Vf.-Lex. d. MA II.

  • Autor/in

    Siegfried Haider
  • Empfohlene Zitierweise

    Haider, Siegfried, "Johann von Viktring" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 574 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119559552.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Johannes (Victoriensis), Abt des Cistercienserklosters zu Viktring in Kärnthen, einer der vorzüglichsten Chronisten des späteren Mittelalters, wurde ungefähr in den siebenziger Jahren des 13. Jahrhunderts geboren. Seine Heimath ist so wenig bekannt als das Jahr seiner Geburt. Aus urkundlichen Zeugnissen jedoch und den Notizen eines Abtskatalogs ergiebt sich, daß er Mitte Mai 1307 zum Abt erwählt worden und am 12. Novbr. 1347 gestorben sei. Er war der vertraute Caplan des König-Herzogs Heinrich von Kärnthen. Als dieser im J. 1335 das Zeitliche segnete, ging J. im Auftrage der Hinterbliebenen Tochter desselben, Margaretha (Maultasch), nach Linz, um hier vor Kaiser Ludwig IV. und den Herzogen Albrecht II. und Otto von Oesterreich|deren Anrecht auf die Länder des Vaters zur Geltung zu bringen. Die Mission, soweit sie die Belehnung des Gemahls der Margaretha, Johann Heinrichs von Luxemburg, mit dem erledigten Herzogthume Kränthen zum Zwecke hatte, scheiterte, wie J. selbst ausführlich erzählt. Das genannte Land ward den Habsburgern Otto und Albrecht II. verliehen, denen nunmehr, als seinen neuen Landesfürsten, der Viktringer Abt in Treue zugethan blieb. Seitdem hat J. als Hofkaplan Albrechts II. wiederholt in Wien seinen Aufenthalt genommen, bis er sich 1341 gänzlich in sein Kloster zurückzog, um hier die Geschichte seiner Zeit zu schreiben. Schon vorher hatte er Material zu einer Geschichte des Stifts gesammelt, und ein handschriftliches Viktringer Copialbuch enthält in der That den Entwurf zu einer „Historia fundationis“. Das Hauptwerk Johanns aber, der „Liber certarum historiarum“, wie der Verfasser selbst den Entwurf überschrieb, ist erst im Jahre 1341 in einem Zuge aufgezeichnet und bis zu der Zeit, da J. die Feder niederlegte, heraufgeführt worden. In der ursprünglichen Gestalt, — ein Münchener Codex (Nr. 22107) bewahrt das erste autographe Concept — erscheint das Werk als eine Geschichte von Oesterreich und Kärnthen von 1231 bis 1341, wobei der Autor für die früheren Zeitabschnitte vorzüglich die Reimchronik des steierischen Ottokar zu Grunde legte. Schon im folgenden Jahre jedoch, 1342, ward das Werk nach Herbeiziehung neuer Quellen zu einer Reichschronik erweitert und bis 1217 hinaufgerückt. Mit dieser Redaction desselben hat uns J. F. Böhmer (Fontes rer. Germ. I.) zuerst bekannt gemacht. Es gab aber noch eine andere. Nimmer rastend arbeitete J. sein Buch im J. 1343 neuerdings um, indem er die Erzählung nunmehr mit den Karolingern beginnen ließ und zugleich sorgsam die jüngsten Ereignisse nachtrug. In dieser Form läßt es sich in einer späteren Compilation, dem von Hier. Pez (Scriptores rer. Austr. I) herausgegebenen Anonymus Leobiensis, nachweisen. Ja, es ist selbst wahrscheinlich, daß unser Abt noch eine dritte Redaction in der Form einer Weltchronik geplant hatte, jedoch zweifelhaft, ob diese Absicht je zur Ausführung kam; Material hierzu findet sich ebenfalls in der angeführten Münchener Handschrift überliefert. Soviel über das Werk. Der Chronist selbst war ein Mann von reichen Kenntnissen und Erfahrungen, von einer ganz ungewöhnlichen Belesenheit in den Klassikern, insbesondere den Dichtern des Alterthums, und mit einem seinen Sinn für Schönheit der Form begabt, für welchen Anlage und Ausschmückung seines Buches zeugen. Dabei hatte er eine verständige und anerkennend objective Auffassung von den Geschehnissen seiner Zeit, über die ihn der Verkehr mit den österreichischen Herzogen, namentlich aber mit dem von ihm hochverehrten Patriarchen Berthrand von Aquileja zu unterrichten geeignet war. In seiner Weltanschauung, wie sie in den poetischen Dedicationen an seine fürstlichen Gönner und in den Entwürfen zur Geschichte seines Klosters zu Tage tritt, erkennt man leicht den Einfluß Otto's von Freising; in seiner Stellung zu dem Streite des Kaisers mit den Päpsten denjenigen seines Freundes Berthrand: J. verurtheilt das Vorgehen Ludwig des Baiers gegen Rom, ohne jedoch ein blinder Anhänger der thomistischen Doctrin zu sein.

    • Literatur

      Böhmer, Fontes rerum Germanicarum I. XXVI—XXXIV. Lorenz, Deutschl. Geschichtsquellen I, 209—217. Fournier, Zur Kritik des Joh. Victoriensis, in der Zeitschrift f. d. österreich. Gymnasien, 1873. 717—727. Derselbe, Abt Johann von Viktring und sein Liber certarum historiarum, Berlin 1875. Mahrenholtz, Johannes von Viktring als Historiker, in den Forschungen zur deutschen Geschichte XIII, 535—576. Derselbe, Zur Kritik von Johann von Viktring's Liber certarum historiarum, Programm der Realschule im Waisenhause zu Halle, 1878.

  • Autor/in

    Fournier.
  • Empfohlene Zitierweise

    Fournier, August, "Johann von Viktring" in: Allgemeine Deutsche Biographie 14 (1881), S. 476-477 unter Johannes [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119559552.html#adbcontent

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