Wiener, Max
- Lebensdaten
- 1882 – 1950
- Geburtsort
- Oppeln (Oberschlesien)
- Sterbeort
- New York City
- Beruf/Funktion
- Rabbiner
- Konfession
- jüdisch
- Normdaten
- GND: 119109220 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Wiener, Max
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Wiener, Max
| Rabbiner, * 22.4.1882 Oppeln (Oberschlesien), † 30.6.1950 New York City, ⚰New York City.
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Genealogie
V Isidor (1839–1906), Kaufm., Lederwarenhändler in O., S d. Adolf (1812–95), aus Murowana Goślina (Posen), Rabbiner, u. d. Auguste Herrmann (1820–1886);
M Amalie Marcus (um 1845–1922), aus Ostrowo (Posen);
2 B Georg (1869–1961), Alfred (1874–1945, ⚭ Else Benjamin,* 1887), zuletzt in Cochabamba (Bolivien), Schw Marie (1871–1910, ⚭ Simon Ephraim,* 1863, Kaufm. in Posen);
– ⚭ Toni (1887–1971), Rel.lehrerin, zuletzt in Kfar Szold (Israel), T d. Meyer Hamburger (1838–1903), Math. an d. TH Berlin (s. NDB VII), u. d. Henrietta Landsberg (1852–1928);
2 S Theodore (1918–2006, ledig), emigrierte 1934 in d. USA, Rabbiner, später Bibl. d. Hebrew Union College, Cincinnati, Judaica Cataloger d. Library of Congress, Washington D. C. (s. BHdE II), Arthur Immanuel (1914 – n. 1950, ⚭ Herta Lewin), emigrierte 1934 n. Palästina, Kibbuzmitgl.;
E Achiam;
Gvm d. Ehefrau Meyer (Mayer) Landsberg (1810–1870), Rabbiner in Hildesheim (s. Biogr. Hdb. Rabbiner I). -
Biographie
Als Schüler des Gymnasiums in Oppeln lernte W. Leo Baeck (1873–1956) kennen, der 1895–1905 als Rabbiner in Oppeln amtierte und mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Nach dem Abitur 1902 nahm W. simultan ein Philosophie- und Rabbinatsstudium auf. 1902/03 und 1904–06 studierte er an der Univ. Breslau und am konservativen Jüd.-Theol. Seminar in Breslau, 1903/04 an der Univ. Berlin und an der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. 1906 wurde W. in Breslau bei dem Philosophen Jakob Freudenthal (1839–1907) zum Dr. phil. promoviert; 1908 legte er das Rabbinerexamen an der Berliner Hochschule ab. 1909–12 amtierte er als akademischer Religionslehrer und stellv. Rabbiner in Düsseldorf, 1912–26 als Rabbiner in Stettin (Szczecin); 1917/18 war er Feldrabbiner in Frankreich beim Oberkommando der I. Armee. 1925 lehnte W.|einen Ruf nach Mannheim ab und ging 1926 als Gemeinderabbiner nach Berlin. Seit 1924 lehrte er Religionsphilosophie an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, zunächst vertretungshalber für Julius Guttmann (1880–1950), seit 1935 als reguläres Kollegiumsmitglied. Von Ende der 1920er Jahre bis 1933 fungierte er auch als Studentenseelsorger an der Univ. Berlin.
Im Aug. 1939 emigrierten W. und seine Frau auf Einladung einer jüd. Reformgemeinde in Syracuse (New York) mit einem Non-Quota Visum in die USA. Dort lebte sich W. nur mühsam ein. 1939–41 lehrte er als Dozent für Religionsgesetz und Liturgie am Hebrew Union College, Cincinnati (Ohio); 1941–43 war er Rabbiner in Fairmont (West Virginia). 1943 fand er auf Einladung von Rabbiner Hugo Hahn (1893–1967) als „special rabbi“ der Emigrantengemeinde „Habonim“ in New York City ein neues Wirkungsfeld. Bis zu seinem Tod setzte er hier seine Forschungs- und Publikationstätigkeit fort.
W. war einer der profiliertesten und wissenschaftlich produktivsten liberalen Rabbiner seiner Zeit. Beeinflußt von Fichte, dem seine Dissertation gewidmet war (J. G. Fichtes Lehre vom Wesen u. Inhalt d. Gesch., 1906), und von dem neukantianischen dt.-jüd. Philosophen Hermann Cohen (1842–1918), beschäftigte er sich mit der Bedeutung der biblischen Propheten. Später löste er sich von Cohens universalistischen Vorstellungen und entwickelte eigene religionsphilosophische Ansätze, die die Bedeutung des jüd. Volks im Prozeß der Offenbarung betonten. W. war kein systematischer Denker, sondern griff wichtige intellektuelle Entwicklungen seiner Zeit kreativ auf; dem Zionismus stand er, im Gegensatz zu seinen meisten Kollegen, positiv gegenüber. Sein einflußreichstes Werk, „Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation“ (1933, Neudr. 2002, hg. u. mit e. Nachw. versehen v. D. Weidner), erschien kurz nach der NS-Machtübernahme und bot eine innovative Interpretation der fundamentalen Transformation des dt. Judentums im 19. Jh.
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Auszeichnungen
|Mitgl. d. jüd. Studentenverbindung Amicitia (Breslau), d. Allemania-Loge Stettin (1925–1939), d. phil. Komm. d. Ak. d. Wiss. d. Judentums, d. Geschäftsstelle d. Vereinigung d. lib. Rabbiner Dtld.s, u. im Präsidialausschuß (1933);
Vorstandsmitgl. im Ver. f. jüd. Gesch. u. Lit. in Stettin, d. Moon’schen Blindenver. u. d. Kulturbundes dt. Juden (1936–39);
Delegierter d. World Union for Progressive Judaism (seit 1926);
Präs. d. Herzl Soc., New York (1949/50). -
Werke
|Die Anschauungen der Propheten v. d. Sittlichkeit, 1909;
Zur Gesch. d. Offenbarungsbegriffs, in: Judaica, FS Hermann Cohen, 1912, Nachdr. 1980, S. 1–24;
Die Rel. der Propheten, 1912;
Jüd. Frömmigkeit u. rel. Dogma, in: Mschr. f. Gesch. u. Wiss. d. Judentums 67, 1923, S. 153–67, 225–44, u. 68, 1924, S. 27–47 (Separatdr. 1924);
Aufriß e. jüd. Theol., in: Hebrew Union College Annual 18, 1943/44, S. 353–96;
Abraham Geiger’s Conception of the Science of Judaism, in: Yivo Annual of Jewish Social Science 11, 1957, S. 142–62;
Das Geschlecht zw. Gestern u. Morgen, in: Bull. d. Leo-Baeck-Inst. 18, 1979, Nr. 55, S. 35–49;
Abraham Geiger u. d. lib. Judentum, Ms. o. J., postume engl. Übers. v. E. J. Schlochauer, Abraham Geiger and Liberal Judaism, The Challenge of the 19th Century, 1962, Nachdr. 1981;
– Überss.: Jescha’jahu (Jesaja) u. Jeheskel (Ezechiel) f. d. dt. Bibelübers., hg. v H. Torcyner, 1937;
– Mithg.: Jüd. Lex., 1927–30;
Zs. „The Reconstructionist“, 1945–50;
– Bibliogr.: R. S. Schine, Jewish Thought Adrift, 1992 (s. L), S. 185–94;
Biogr. Hdb. Rabbiner II;
– Nachlaß: Leo Baeck Inst., London, M. W. Collection, AR 1822 (im Internet). -
Literatur
|H. Liebeschütz, M. W.s Reinterpretation of Liberal Judaism, in: Leo Baeck Inst. Yearbook 5, 1960, S. 35–57;
ders., Von Georg Simmel zu Franz Rosenzweig, Stud. z. jüd. Denken im dt. Kulturbereich, 1970;
P. E. Rosenblüth, Gesetzesrel. als positiver Begriff, M. W.s Verständnis d. Thora, in: P. v. d. Osten-Sacken (Hg.), Treue z. Thora, Btrr. z. Mitte d. christl.-jüd. Gesprächs, FS Günther Harder z. 75. Geb.tag, 1979, S. 101–07;
Theodore Wiener, The German-Jewish Legacy, An Overstated Ideal, in: A. J. Peck (Hg.), The German-Jewish Legacy in America, 1938–1988, From Bildung to the Bill of Rights, 1989, S. 151–55;
R. S. Schine, Jewish Thought Adrift, M. W. (1882–1950), 1992;
ders., ‚Dt. Judentum’, ‚jüd. Dt.tum’, Der Weg M. W.s (1882–1950), in: Trumah 3, 1992, S. 129–49;
D. Weidner, M. W., Säkularisierung u. d. Problem d. jüd. Philos., in: Transversal 6, 2005, Nr. 1, S. 41–63;
ders., Kommentar zu M. W., Dt. Geist u. wiss. Antisemitismus (1922), in: B. Erdle u. W. Konitzer (Hg.), Theorien über Judenhass, Eine Denkgesch., Komm. Qu.ed. (1781–1931), 2015, S. 262–70;
K. M. Stünkel, Judentum als traditionelle Kritik, Der Btr. M. W.s z. Bild des Jüd. im Gespräch d. Religionen, in: J. Sucker u. L. Wohl v. Haselberg (Hg.), Bilder des Jüd., Selbst- u. Fremdzuschreibungen im 20. u. 21. Jh., 2013, S. 263–80;
E. G. Lowenthal, Juden in Preußen, 1982, S. 241;
W. Tetzlaff, Kurzbiogrr. bedeutender dt. Juden d. 20. Jh., 1982, S. 355;
J. Walk u. a. (Hg.), Kurzbiogrr. z. Gesch. d. Juden, 1918–1945, 1988, S. 387;
BHdE I;
Heuer;
Biogr. Hdb. Rabbiner II (W, L);
Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L). -
Porträts
|Photogr, v. I. Cohn, Abb. in: Central-Ver.-Ztg. 13, Nr. 2 v. 11.1.1934, S. 9;
Photogrr. im Leo Baeck Inst., London, M. W. Collection, Abb. in: R. S. Schine, Jewish Thought Adrift, 1992 (s. L), S. xii u. 180. -
Autor/in
Ursula Reuter -
Zitierweise
Reuter, Ursula, "Wiener, Max" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 91-92 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd119109220.html#ndbcontent