Lebensdaten
1595 bis 1667
Geburtsort
Landskron (Böhmen)
Beruf/Funktion
Mediziner ; Polyhistor
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119023288 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Marci, Johann Marcus
  • Kronland, Johannes Marcus Marci von (genannt)
  • Marci genannt von Kronland, Johann Marcus
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Zitierweise

Marci von Kronland, Johann Marcus, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119023288.html [22.01.2019].

CC0

  • Leben

    M. studierte Philosophie und Theologie in Olmütz mit dem Ziel, Priester zu werden. Wegen seiner schwachen Gesundheit und Stimme der Aufgabe eines Predigers nicht gewachsen, entschloß er sich, ab 1618 in Prag Medizin zu studieren. Nach seiner Promotion zum Doktor der Medizin 1625 lehrte er an der Med. Fakultät der Univ. Prag. Von 1630 bis zu seinem Todesjahr 1667 wirkte er hier als Professor der Medizin. Achtmal war er Dekan der Fakultät und 1662 Rektor der Universität. Kaiser Ferdinand III. ernannte ihn zu seinem Leibarzt, eine Funktion, die er auch für dessen Nachfolger, Leopold I., übernahm. In Anerkennung seines persönlichen Einsatzes während der Belagerung von Prag durch die schwed. Armee (1648) wurde er zum Kaiserl. Rat ernannt und 1654 geadelt.

    Als Professor vertrat M. die Interessen des weltlichen Teils der Universität gegen die immer stärker aufkommenden Jesuiten bis 1654, als es diesen gelang, die von ihnen bislang noch unabhängigen Fakultäten für Medizin und Jurisprudenz unter Kontrolle zu bekommen. Im Rahmen seiner antijesuitischen Bemühungen reiste er 1639 nach Rom. Während dieser Reise lernte er die Jesuiten Paul Guldin in Graz und Athanasius Kircher in Rom kennen. Aus der Bekanntschaft mit diesen beiden führenden Mathematikern und Naturwissenschaftlern erwuchs eine langjährige Korrespondenz, die M.s naturwissenschaftliche Interessen und Publikationen beeinflußte.

    Der Umstand, daß ausgerechnet Mitglieder der von ihm bekämpften Jesuiten seinen Werdegang als Naturwissenschaftler begleiteten, hat mit der durch die Gegenreformation bedingten relativen Verarmung des wissenschaftlichen Lebens in Prag zu tun. Neben Galilei zählten auf katholischer Seite vor allem einige Jesuiten zu den maßgeblichen Naturwissenschaftlern der Zeit. In Prag war M. auf diesem Gebiet auf sich allein gestellt und weitgehend ohne Kontakt zu den in Frankreich oder gar in prot. Ländern erzielten Ergebnissen.

    M.s Hauptinteresse galt der Medizin. Seine 1635 in der „Idearum operatricium idea“ veröffentlichten Vorstellungen über Embryologie schenkte er dem 1636 zu einem Kurzbesuch in Prag weilenden Entdecker des Blutkreislaufs, William Harvey. Die 1678 postum erschienene Studie „Lithurgia mentis seu disceptatio medico-philosophica et optica de natura epilepsiae“ identifizierte auf der Basis eines später von John Locke kodifizierten Sensualismus die Epilepsie mit einer Nervenkrankheit. Zwischen diesen beiden Werken liegen die wichtigsten naturwissenschaftlichen Veröffentlichungen M.s. In Kenntnis von Galileis „Discorsi“ veröffentlichte er 1640 sein „De proportione motus“, in dem er auf anderem Wege als Galilei zum Gesetz des freien Falls und der Isochronie der Pendelschwingung, allerdings ohne Einschränkung auf sehr kleine Amplituden kam. M., der das Pendel als „Pulsimeter“ zur Pulsmessung verwendete, bot eine völlig falsche, mutmaßlich nachträglich eingefügte Theorie, um die richtige, experimentell gesicherte Beziehung zwischen Pendellänge und Schwingungsdauer zu erklären. Originell sind seine Überlegungen zum Fall in Widerstand leistenden Medien und seine auf Versuchen beruhende Behandlung des elastischen Stoßes, die, wie Christiaan Huygens 1654 feststellte, allerdings Lücken und Fehler aufwies. Die aufregendsten Ergebnisse des Naturphilosophen M. enthielt sein 1648 publizierter, der Erklärung des Regenbogens dienender „Thaumantias, liber de arcu coelesti“. Über seine lichtkosmologischen Spekulationen hinaus enthält dieses Werk den Grundgedanken des Huygensschen Prinzips, die Beschreibung von Interferenzerscheinungen wie der Beugung und der Farben dünner Schichten, sowie die Erkenntnis, daß die einzelnen Spektralfarben verschieden stark gebrochen werden und daß monochromatisches Licht beim Durchgang durch ein Prisma seine Farbe nicht ändert. Dem noch in scholastischen Vorstellungen befangenen M. blieb es versagt, weißes Licht als eine Mischung des Lichts der Spektralfarben begreifen zu können. Diese Erkenntnis gelang erst Newton in dessen erster optischer Arbeit von 1672.

    Von wissenschaftlichen Diskussionen weitgehend abgeschnitten und damit in seinen Entwicklungsmöglichkeiten eingeengt, hat M. die Zeichen einer Aufbruchstimmung in seiner Zeit durchaus wahrgenommen. Seine Isolation in Prag verhinderte aber vermutlich, daß er sich konsequent von scholastischen, platonischen und mystischen Vorstellungen absetzte. So mischen sich bei ihm naturwissenschaftliche Anschauungen mit der Vorstellung einer Weltseele und einer aktiven, Existenz und Form gebenden Idee, die möglicherweise über die Neuplatoniker in Cambridge noch bis zu Newton wirksam war.

  • Literatur

    ADB 20;
    Sonderausg. d. Acta historiae rerum naturalium necnon technicarum Nr. 3, 1967;
    E. J. Aiton, J. M. M., in: Annals of Science 26, 1970, S. 153-64;
    K. E. Sørensen, A Study of De proportione motus by M. M. de Kronland, in: Centaurus 20, 1976, S. 50-76, 21, 1977, S. 246-77;
    DSB IX;
    Pogg. II.

  • Portraits

    Kupf. v. J. Balzer n. Zeichnung v. J. Kleinhard, 1772, in: Effigies virorum eruditorum I, 1773.

  • Autor/in

    Ivo Schneider
  • Empfohlene Zitierweise

    Schneider, Ivo, "Marci von Kronland, Johann Marcus" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 119 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119023288.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Marci: Johannes Marcus M., genannt von Kronland, geb. am 13. Juni 1595 in Landskron in Böhmen, am 30. Decbr. 1667 in Prag, hatte das Gymnasium zu Olmütz besucht und begab sich dann an die Universität Prag, wo er in den Jesuitenorden einzutreten beabsichtigte, aber in Folge seiner Kränklichkeit (er galt als phthisisch und war augenleidend) nicht aufgenommen wurde; auch mußte er auf den theologischen Beruf überhaupt verzichten, da ihm seine schwache Brust und Stimme das Predigen unmöglich machten. Somit ergriff er nun das Studium der Medicin, in welchem er so rasche Fortschritte machte, daß er alsbald nach absolvirter Universität (wahrscheinlich um 1620) eine Professur in Prag und die Stelle eines Physikus erhielt. Von einem außerordentlichen Wissensdurste getrieben, warf er sich zunächst auf das Studium der französischen, italienischen und spanischen Sprache, zu welchem Behufe er auch Reisen unternahm, und in Rom wurde er (1640) durch Athanasius Kircher auf die orientalischen Sprachen hingewiesen, unter welchen er hauptsächlich das Arabische bevorzugte; hierauf eignete er sich, um die Schriften des Aristoteles studiren zu können, das Griechische an, dann warf er sich auf die Kabbala, worauf eine einläßliche Beschäftigung mit Geometrie und Astronomie folgte, welch letztere er so lieb gewann, daß er sich auf dem Dache seines Wohnhauses eine Sternwarte einrichtete; endlich auch die Alchimie betrieb er in einer Weise, daß die öffentliche Meinung ihm die Fähigkeit des Goldmachens zuschrieb. An der Universität stand er in hohem Ansehen und wurde öfters (1642, 1651, 1654) mit Aufträgen behufs Schlichtung der durch die Jesuiten hervorgerufenen Mißhelligkeiten betraut; im J. 1658 ernannte ihn Kaiser Ferdinand III. zu seinem Leibarzte und verlieh ihm zugleich die Würde eines Comes palatinus (eine Ehrenbezeugung, welche im 17. Jahrhundert sehr häufig|vorkam). Was M. in seiner Jugend geplant hatte, verwirklichte er noch kurz vor seinem Tode, indem er während seiner letzten Krankheit in den Jesuitenorden eintrat. Seine schriftstellerische Thätigkeit hatte begonnen mit: „Idearum operatricium idea seu hypotyposis et detectio illius occultae virtutis, quae semina foecundat“ (1635), dann folgte „De proportione motus seu regula sphygmica ad celeritatem et tarditatem pulsuum absque errore metiendam“ (1639), hieraus „De causis naturalibus pluviae purpureae Bruxelensis“ (1647) und „Thaumantias, liber de arcu celesti deque colorum apparentium natura ortu et causis“ (1648), eine Schrift, über welche sich Goethe in der Geschichte der Farbenlehre (WW. Bd. LIII, S. 205 ff.) ausführlicher äußert; ferner: „De Proportione motus figurarum rectilinearum et circuli quadratura ex motu“ (1648), wobei das in der damaligen mathematischen Litteratur hervorragende sogen. Tangentenproblem zu Grund lag, mit welchem sich die Quadratur der Curven und die Cubatur der krummen Flächen verband, „De longitudine seu differentia inter duos meridianos“ (1650), „Labyrinthus, in quo via ad circuli quadraturam pluribus modis exhibetur“ (1654). Zuletzt kehrte er wieder zu dem naturphilosophischen Gedankenkreise seiner Erstlingsschrift zurück in „Philosophia vetus restituta“ (1662). Nach seinem Tode erschienen die medicinischen Schriften „Liturgia mentis seu disceptatio medica philosophica et optica de natura epilepsiae, illius ortu et causis, cui aceessit tractatus medicus de natura urinae“ (1678) herausgegeben von J. Dobrzensky, welcher angeblich noch ein weiteres Werk Marci's, nämlich „Orthographia seu philosophia impulsus universalis“ veröffentlicht haben soll. In merkwürdiger Weise vereinigte der gewiß hochbegabte M. gegensätzliche Richtungen in sich. Als praktischer Arzt suchte er sich einerseits in allen möglichen Wunderkuren zu bethätigen und andererseits verwarf er alle Arzneien, so daß er unter dem Hinweise, daß er 30 Jahre lang kein Heilmittel eingenommen, dem Kaiser Ferdinand III. den gleichen Rath gab; hinwiederum aber schlug er einmal vor, alle Krankheiten lediglich durch böhmische Siegelerde zu heilen, ja ein andermal erzählt er, daß er durch eine von einem Jesuiten geweihte Münze von einer schweren Krankheit curirt worden sei. Nicht unähnlich verhält es sich mit seinen zwei naturphilosophischen Schriften, in welchen eine wunder bare Mischung von Naturforschung und Aberglauben waltet. Er knüpft bald an Duns Scotus bald an Thomas von Aquino an und zugleich stützt er sich auf Paracelsus und auf Van Helmont den Aelteren, ja auch auf den Hermes Trismegistos; er bekämpft den Aristoteles und den Galenus, glaubt aber doch auch aus Demokritos, Anaxagoras und Hippokrates den Weg zu einem eigenthümlichen Neuplatonismus finden zu können. Sein Grundgedanke zeigt immerhin noch die meiste Verwandtschaft mit Paracelsus und in geringerem Grade mit Van Helmont. Eine plastische Kraft der Organismen wird mystisch als die Samen-Idee derselben bezeichnet und auf eine letzte untheilbare Einheit, welche alles Einzelne umfaßt, nämlich auf eine Weltseele zurückgeführt; als Vorstellungen der Weltseele sind jene Ideen die Ursache der Gesundheit und ebenso auch der Krankheiten, welchen somit nahezu eine selbständige Wesenheit zugeschrieben wird. Während Evolution aus der Weltseele und Involution in dieselbe ihm als Erklärungsgrund des gesammten Entstehens und Vergehens gelten und sonach der Grundsatz „Omina in omnibus“ durch beständige Metamorphose sich verwirklicht, verbindet er hiermit doch wieder den Glauben an persönliche Geister in der Natur und eine immaterielle Postexistenz der menschlichen Seele.

    • Literatur

      Dobrzensky in der Vorrede zur erwähnten Liturgia mentis (1678). Pelzel, Abbildungen böhmischer und mährischer Gelehrten (1773), Band I, S. 80; Guhrauer in der von Fichte und Ulrici herausgebenen Zeitschrift f. Philos. 1852, S. 241 ff. S. Barach, Hier. Hirnhaim (1863), S. 17 ff.

  • Autor/in

    Prantl.
  • Empfohlene Zitierweise

    Prantl, Carl von, "Marci von Kronland, Johann Marcus" in: Allgemeine Deutsche Biographie 20 (1884), S. 301-302 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119023288.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA