Lebensdaten
1835 bis 1913
Geburtsort
Coburg
Sterbeort
Dresden
Beruf/Funktion
Komponist
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118907735 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Dräseke, Felix August Bernhard
  • Draeseke, Felix
  • Dräseke, Felix
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Zitierweise

Dräseke, Felix, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118907735.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Theodor (1808–70), Sup. in Coburg, S des Bernhard s. (1);
    M Maria (1815–35), T des Dompropstes Gottfr. Aug. Hanstein (1761-1821, s. ADB X);
    Dresden 1894 Frida Neuhaus (1859–1942); kinderlos.

  • Leben

    D. wird schon als 5jähriges Kind gehörleidend; zunehmende Taubheit verzerrt ihm später die wahrgenommenen Klangbilder und erschwert die Unbefangenheit des Urteils über Zeitgenossen. Hebel seiner inneren Entwicklung werden die religiösen Anregungen aus dem Familienkreise sowie Coburger Operneindrücke. Der 17jährige ringt dem Vater die Erlaubnis ab, Musiker zu werden, die geistige Enge des Leipziger Musiklebens stößt ihn jedoch ab. Eine neue Welt eröffnen ihm Franz Liszts Weimarer Taten, insbesondere dessen Wagnerpflege, und der Zukunftsglaube der „Neudeutschen“ wird sein Bekenntnis. Julius Rietz unterrichtet ihn, er schließt Freundschaft mit Hans von Bülow, und Franz Brendel überträgt dem 20jährigen die Berichterstattung für die „Neue Zeitschrift für Musik“. Eine 1½ stündige Symphonie in C fällt vor seiner Selbstkritik der Vernichtung anheim, doch seine Oper „König Sigurd“ wird von Liszt als monumentales Werk begrüßt und für Weimar zur Aufführung vorgesehen. D. bezeichnete seine die Mitwelt befremdenden Schöpfungen selber als „männlich, kernhaft, stolz“, zugleich aber als „schroff, ja störrisch, bizarr und bombastisch übertrieben“. Er übersteigert alles, was der Fortschrittsdrang jener Jahre in Formung, Harmonik und Instrumentation aufzubieten weiß. Auf der Weimarer Tonkünstlerversammlung (1861), wo seine Germania-Kantate (nach Kleist) erklingt, kommt|es zur künstlerischen Katastrophe. Auf 12 Jahre zieht er sich zurück zu stiller Lehrtätigkeit in die Schweiz (Ifferten, Lausanne, Genf). Diese Jahre tiefer Vereinsamung, so sehr er sie später als „verlorene“ betrauert hat, führen zu einem gründlichen Sich-Besinnen auf das Wesen der Kunst. Einem einjährigen Kunststudium in Spanien und Italien und vor allem der Persönlichkeit Wagners, dessen Gast er schon 1859 in Luzern gewesen war, dankt er die „Rückleitung auf den natürlichen Weg“. Strenge Studien im Kontrapunkt geben Zeugnis von tiefer Wandlung. Nicht nur große symphonische Dichtungen entstehen jetzt; der „gefürchtetste Kontrapunktiker seiner Zeit“ (H. Kretzschmar) vermag in der IV. seiner 5 Symphonien, der „Tragica“, psychologisierende Dramatik und eigenständig in sich selbst ruhende Musikstruktur, diese beiden bisher getrennt nebeneinander herlaufenden Schaffensströme, in ein gemeinsames Bett zu leiten. Nun reifen die Totenmesse in h-moll mit dem erschütternden Dies irae und die Messe in fis-moll. In ihnen verbinden sich die Stilisierungsmittel der altehrwürdigen Passacaglia, der Fuge und Doppelfuge, des Kanons und der Choralbearbeitung mit den Darstellungsmitteln neuzeitlichen subjektiven Ausdrucks.

    1876 siedelt D., der unter der Last innerer Krisen zu kränkeln begonnen hat, nach Dresden über. Hier beschwingen ihn die Aussicht auf eine Berufung als Theorielehrer an das Konservatorium und die vorzüglichen Leistungen des Opernhauses zu neuen dramatischen Plänen. Dichterkomponist wie Peter Cornelius, der D.s melodische Begabung als die stärkste innerhalb der neudeutschen Schule gerühmt hatte, schreibt D. neben einer Fülle von Liedern und Kammermusik die mehrfach aufgeführten Musik- und Gesangsopern „Dietrich von Bern“ (1870/71, ursprünglich „Herrat“), „Gudrun“ (1882–84), das kammermusikalisch-intime Lustspiel „Fischer und Kalif“ (1894), das Musikdrama „Bertrand de Born“ (1892–94) und endlich die symbolschwere Altersschöpfung „Merlin“ (1903–05). Dramatiker ist D. von Anbeginn gewesen, freilich ohne Zugeständnisse an ein breites Publikum. Aus der musikdramatischen Sicht der Jahrhundertwende entsteht denn auch 1895-99 sein oratorisches Riesenwerk, die Trilogie mit großem Vorspiel „Christus“ (1912 durch Bruno Kittel mehrmals in Berlin und Dresden dargeboten, nach den Worten des Komponisten auch einzeln aufführbar). In den Chorpyramiden des „Christus“ erreicht die Tonkunst jener Jahre, nach Bruckners naiv-elementarischen Bekenntnissen, auf geistlichem Gebiete ihren Höhepunkt. D. spricht hier, kommenden Haltungen die Bahn weisend, als Vertreter überpersönlicher Gesamtheitserlebnisse, geistig reflektierend, und jenseits naturalistischer und impressionistischer Zeitströmungen, unter unerbittlicher Abweisung aller an die ethische Substanz greifenden Tendenzen.

    Die überaus glückliche Ehe mit seiner Schülerin Frida Neuhaus ermöglichte ihm die Geborgenheit, deren er für sein Schaffen bedurfte, zumal seine nicht selten herbe Tonsprache bisweilen Ablehnung erfuhr, unter seinen Schriften aber besonders seine Streitschrift „Die Konfusion in der Musik“ (1906). Diese entfesselte, kurz nach der Uraufführung der „Salome“ von Richard Strauß, in ihrem Kampfe gegen Dekadenz, naturalistische Rohheit und bloße sinnliche Nervenreize den heftigsten Streit der Meinungen. Genugtuung wurde ihm von einem Kreise bedeutender Schüler, zu denen auch Jos. Lederer, P. Scheinpflug, Felix Gothelf, Walt. Engelsmann, Asbjörn Wieth-Knudsen und Alexander Friedrich von Hessen gehörten. Seine Lehrerfolge und seine Werke trugen ihm hohe Auszeichnungen ein. 1912 verlieh ihm die Universität Berlin als „dem Wiederhersteller des alten Glanzes der deutschen Musik und deren wahrscheinlichen Führer nach Brahms“ die Würde eines Ehrendoktors. 1931 wurde eine F.D.-Gesellschaft gegründet. Ein dreitägiges D.-Fest fand zum 100. Geburtstag zu Coburg, ein achttägiges zu Dresden statt; 1939 folgte ein zweitägiges auf Schloß Burg/Wupper.

  • Auszeichnungen

    Dr. med. h. c. (Dorpat).

  • Werke

    Weitere W u. a. Kompositionen: Klavier-Sonate cis-moll op. 6, 1862-67; Symphon. Dichtungen „Caesar“, 1860, und „Frithjof“, 1862-65;
    3 Streichquartette in c, e, eis, 1880, 86, 95;
    3 Quintette in B, A, F, 1888, 97, 1901;
    Balladen, Lieder, Melodramen;
    Klarinetten-Sonate in B, op. 38, 1887: Klavierkonzert in Es, op. 36, 1886;
    „Columbus“, Kantate f. M.chor, Soli u. Orch. op. 52, 1889;
    op. 30 Adventlied (nach Rückert), 1886;
    op. 39 Osterszene nach Goethes Faust, 1906;
    Psalm 57, 1907, jeweils f. Chor, Soli u. Orchester;
    op. 85 Große Messe a-moll f. gem. Chor, 1908-9;
    Requiem e-moll f. 5 Gesangsstimmen, 1909-10;
    Symphon. Dichtung „Thuner See“, 1902-03;
    Symphon. Vorspiele: „Leben ein Traum“ (nach Calderon), 1889, „Penthesilea“ (nach Kleist), 1888. „Traum ein Leben“ (nach Grillparzer), 1904: op. 49 Serenade D-dur, 1888;
    Symphonia comica in e-moll, 1912. Schrr.: Liszts neun symphon. Dichtungen, 1857 f.;
    Peter Cornelius u. s. hinterlassenen Werke, 1876 f.;
    Die Lehre v. d. Harmonia, in lustige Reimlein gebracht, 1883;
    Der gebundene Stil, 1901; Lebenserinnerungen (Hs.), |1906-11, gekürzte Bearb. v. H. Stephani. Der lit. Nachlaß wurde 1945 vollst. vernichtet.

  • Literatur

    H. Kretzschmar, Führer durch d. Konzertsaal, 1887/90;
    O. zur Nedden, F. D.s Opern u. Oratorien, Diss. Marburg 1925;
    E. Roeder, F. D. als Programmusiker, Diss. Heidelberg 1926;
    ders., F. D. I, 1932, II, 1937 (P u. Notenhss.);
    Mitt. d. F. D.-Ges., 7 Hh., 1933-43;
    H. Stephani, in: Zs. f. Musikwiss., 1935;
    ders., in: MGG III, Sp. 728-34 (W, L, P);
    H. J. Moser, Musikgesch. in hundert Lb., 1952.

  • Portraits

    Ölgem. v. R. Sterl, Zeichnung v. R. Müller (Dresden, Stadt-Mus.), Abb. in MGG; Totenmaske v. S. Werner.

  • Autor/in

    Hermann Stephani
  • Empfohlene Zitierweise

    Stephani, Hermann, "Dräseke, Felix" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 97-99 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118907735.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA