Biermann, Ludwig

Lebensdaten
1907 – 1986
Geburtsort
Hamm
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Astrophysiker ; Astronom ; Physiker
Konfession
unbekannt
Normdaten
GND: 118851489 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Biermann, Ludwig Franz Benedikt
  • Biermann, Ludwig
  • Biermann, Ludwig Franz Benedikt
  • Biermann, Ludwig F. B.
  • Biermann, L.

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Zitierweise

Biermann, Ludwig, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118851489.html#indexcontent [14.07.2026].

CC0

  • Biermann, Ludwig Franz Benedikt

    1907 – 1986

    Astrophysiker

    Ludwig Biermann lieferte wichtige Beiträge zu unserer Kenntnis des Sternaufbaus, der Sonnenaktivität, des interstellaren Raums, der Kometen sowie der Magnetohydrodynamik und der Plasmaphysik. Er ist damit einer der bedeutendsten deutschen theoretischen Astrophysiker des 20. Jahrhunderts. 1951 sagte er die Existenz des Sonnenwindes vorher. Mit seinem organisatorischen Geschick legte er in der frühen Bundesrepublik die Basis für die heutige Rolle Deutschlands in Astrophysik, extraterrestrischer Physik und Plasmaphysik.

    Lebensdaten

    Geboren am 13. März 1907 in Hamm
    Gestorben am 12. Januar 1986 in München
    Grabstätte Nordfriedhof in München
    Ludwig Biermann, Archiv der Max-Planck-Gesellschaft (InC)
    Ludwig Biermann, Archiv der Max-Planck-Gesellschaft (InC)
  • 13. März 1907 - Hamm

    1916 - 1925 - Hamm

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Gymnasium Hammonense

    1925 - 1932 - Hannover; 1925–1927 München; 1927/28 Freiburg im Breisgau; seit 1929 Göttingen

    Studium der Mathematik, Physik, Physikalischen Chemie und Astrophysik

    TH; Universität

    1930 - 1932 - Göttingen

    Promotion (Dr. phil.)

    Universität

    1933 - 1933 - Göttingen

    Voluntärassistent

    Universitätssternwarte

    1933 - 1934 - Edinburgh (Großbritannien)

    Stipendiat des Deutschen Akademischen Auslandsdiensts bei Edmund Taylor Whittaker (1873–1956) und Charles Galton Darwin (1887–1962)

    St. George College der University of Edinburgh

    1934 - 1945

    Mitglied (Mitgliedsnummer: 3452955)

    NSDAP

    1934 - 1937 - Jena

    Stipendiat der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft

    Universität

    1935 - Jena

    Habilitation für Astrophysik

    Universität

    1937 - 1945 - Berlin

    wissenschaftlicher Assistent

    Sternwarte Babelsberg der Universität

    1938 - 1945 - Berlin

    Umhabilitation; Privatdozent

    Universität

    1940 - 1945 - Berlin

    Arbeiten zur Astro-Navigation für Luftwaffe und Marine

    Sternwarte Babelsberg der Universität

    1941 - Kopenhagen

    Deutsches Kulturinstitut im besetzten Dänemark

    1945 - 1946 - Hamburg

    Diätendozent

    Universität

    1947 - 1947 - Hamburg

    außerplanmäßiger Professor für Mathematik

    Universität

    1947 - 1947 - Göttingen

    Leiter der Abteilung Astrophysik

    Kaiser-Wilhelm-Institut (seit 1948 Max-Planck-Institut) für Physik

    1948 - 1948 - Göttingen

    außerplanmäßiger Professor für Astrophysik

    Universität

    1951 - 1958 - Göttingen

    Wissenschaftliches Mitglied

    Max-Planck-Institut für Physik

    1955 - 1955 - Pasadena (Kalifornien, USA); Haverford (Pennsylvania, USA); Princeton (New Jersey, USA)

    Gastdozent für Plasmaphysik und Magnetohydrodynamik

    California Institute of Technology; Haverford College; Princeton University

    1958 - 1975 - Garching bei München

    Direktor

    Max-Planck-Institut für Astrophysik

    1959 - 1986 - München

    Honorarprofessor

    Universität

    1960 - 1965 - Garching

    Mitglied

    Wissenschaftliche Leitung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik

    1971 - 1986 - Garching

    Geschäftsführender Direktor; seit 1975 Emeritiertes Wissenschaftliches Mitglied

    Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik

    12. Januar 1986 - München

    Nach dem Abitur 1925 am humanistischen Gymnasium Hammonense in Hamm studierte Biermann an der TH Hannover und an den Universitäten in München, Freiburg im Breisgau und hauptsächlich in Göttingen Mathematik, Physik, Physikalische Chemie und Astrophysik. In Göttingen war er Schüler des Astrophysikers Hans Kienle (1895–1975) und beschäftigte sich zunächst mit dem Energietransport im Sterninneren. Auf Anregung des Göttinger Strömungsmechanikers Ludwig Prandtl (1875–1953) übertrug er 1932 in seiner Dissertation erfolgreich Erkenntnisse aus der Physik der Erdatmosphäre auf den Strahlungstransport und die Konvektion im Sterninneren. 1938 postulierte Biermann den Ursprung der Sonnengranulation korrekt als Zeichen der Konvektion in der Sonnenatmosphäre und vermutete ebenfalls korrekt, dass solare Magnetfelder die Konvektion beeinflussen, wodurch die Sonnenflecken dunkler als die Umgebung erscheinen und andere Sterne auch Flecken zeigen sollten.

    Nach einem Aufenthalt am St. George College der University of Edinburgh 1933/34 als Stipendiat der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft an der Universität Jena tätig, habilitierte sich Biermann 1935 hier mit der Arbeit „Konvektion im Innern der Sterne“ für Astrophysik. Die Karriereperspektiven für Astrophysiker waren während der Zeit des Nationalsozialismus schwierig, da Arbeiten ohne praktischen Nutzen geringgeschätzt wurden. Kienle gelang es durch Zugeständnisse und Kontakte in den Reichsforschungsrat, mehrere junge Astrophysiker, darunter Biermann, vor der Einberufung zur Wehrmacht zu bewahren; Biermann erledigte während seiner Zeit als wissenschaftlicher Assistent am Observatorium Babelsberg von 1937 bis 1945 seit 1940 als kriegswichtig bezeichnete Arbeiten zur Astronavigation für Luftwaffe und Marine am Astronomischen Recheninstitut in Potsdam. Die Verleihung des Nikolaus-Kopernikus-Preises durch das nationalsozialistische Institut für Deutsche Ostarbeit in Krakau 1943 trug dazu bei, Biermann in einer Zeit, als die Situation für unabkömmlich gestellte Wissenschaftler immer schwieriger wurde, vor dem Einsatz an der Front zu retten.

    Durch seinen Göttinger Studienkollege Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007) mit Werner Heisenberg (1901–1976) bekannt gemacht, nahm Biermann im März 1941 an einer vom Deutschen Wissenschaftlichen Institut in Kopenhagen organisierten Fachtagung teil, in deren Rahmen der bis heute diskutierte Besuch Heisenbergs bei Nils Bohr (1885–1962) stattfand. Nach seinem Aufenthalt in Farm Hall (Großbritannien) mit dem Wiederaufbau und der Leitung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik (seit 1948 Max-Planck-Institut für Physik) in Göttingen betraut, schuf Heisenberg eine Abteilung für Astrophysik, die Biermann seit 1947 leitete. Mit dem Umzug des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik nach Garching bei München 1958 entstand ein separates Teilinstitut unter dem Namen Max-Planck-Institut für Astrophysik (MPA), dessen Direktor Biermann bis 1975 war, das aber erst 1991 zu einem eigenständigen Institut wurde. Die vier Forschergruppen Biermanns unter Heinz Billing (1914–2017), Reimar Lüst (1923–2020), Arnulf Schlüter (1922–2011) und Eleonore Trefftz (1920–2017) trugen u. a. zur Entwicklung der Rechenmaschinen und Plasmaphysik bei. Biermanns Engagement führte zur Gründung neuer (Teil-)Institute: 1960 das Institut für Plasmaphysik, 1963 das Teilinstitut für Extraterrestrische Physik und 1966 das Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn.

    Aufbauend auf Karl-Otto Kiepenheuers (1910–1975) 1950 veröffentlichtem indirekten Beweis untersuchte Biermann die Entstehung galaktischer Magnetfelder und publizierte 1952 den als Biermann Batterie bekannten Mechanismus, der aus der unterschiedlichen Bewegung geladener Teilchen in einem expandierenden Plasma ein initiales galaktisches Magnetfeld entstehen lassen kann. 1951 leitete Biermann aus dem Verhalten und der Geometrie der Kometenschweife die Existenz eines permanenten Partikelstroms her, der 1929 bereits von Sidney Chapman (1888–1970) vermutet wurde und heute als Sonnenwind bekannt ist. Biermann gab auch die korrekten Größenordnungen für dessen Dichte und Geschwindigkeit an. Da er dies, wie für ihn üblich, in einer deutschsprachigen Publikation veröffentlichte, wurden seine Ergebnisse international nicht beachtet. Daher werden seine astrophysikalischen Vermutungen und Entdeckungen heute zumeist mit den Namen englischsprachiger Autoren in Verbindung gebracht. Als Biermann 1956 bei einem Besuch an der University of Chicago dem skeptisch eingestellten John Alexander Simpson (1916–2000) vom Partikelstrom berichtete, beauftragte dieser seinen Assistenten Eugene Parker (1927–2022), Biermanns Angaben zu prüfen. Parker bestätigte und erweiterte Biermanns Rechnungen und gilt seither als Entdecker des Sonnenwinds.

    Mit dem Beginn der wissenschaftlichen Raumfahrt in den 1960er Jahren widmete sich Biermann wieder verstärkt der Kometenforschung. 1982 fand er mit weiteren Forschern, dass sich die beobachtete chemische Zusammensetzung der Kometen erklären lässt, wenn man annimmt, dass Kometen ihren Ursprung in der interstellaren Materie haben. In seiner letzten Arbeit beteiligte er sich an der Entwicklung der Kamera für die Giotto-Mission der Europäischen Weltraumorganisation, die den Kometen Halley zwei Monate nach Biermanns Tod erreichte und erstmals den Kern eines Kometen aus der Nähe untersuchte.

    Biermanns Talent, neue Methoden und Erkenntnisse aus der Aerodynamik, Teilchenphysik, Plasmaphysik und Astronomie zusammenzubringen und daraus Neues zu schaffen, halfen ihm schnelle numerische Abschätzung durch vereinfachende Annahmen durchzuführen. Unter seinen zahlreichen Schülern ragen Billing, Lüst und Schlüter hervor.

    1933 Mitglied der Astronomischen Gesellschaft
    1943 Nikolaus-Kopernikus-Preis des Instituts für Deutsche Ostarbeit
    1952 Mitglied der International Astronomical Union
    1961 ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München
    1961 Mitglied der International Academy of Astronautics, Paris
    1963 Catherine-Wolf-Bruce Goldmedaille der Astronomical Society of the Pacific (USA)
    1969 Dr. Sc. h. c., University of Colorado, Boulder (Colorado, USA)
    1972 Mitglied der Leopoldina
    1973 Emil-Wiechert-Medaille der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft
    1974 Goldmedaille der Royal Astronomical Society (Großbritannien)
    1974 Vorschlagsrecht für den Nobelpreis für Physik
    1976 internationales Mitglied der National Academy of Sciences, USA
    1977 Asteroid 73 640 Biermann
    1986 Space Science Award des Committee on Space Research
    1989 Ludwig-Biermann-Förderpreis der Astronomischen Gesellschaft (jährlich)

    Nachlass:

    Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem, III. Abt., Rep. 228.

    Numerische Integrationen zur Theorie des Sternaufbaus, in: Zeitschrift für Astrophysik 3 (1931), S. 116–128.

    Konvektion im Innern der Sterne, in: Astronomische Nachrichten 257 (1935), S. 269–296.

    Über die chemische Zusammensetzung der Sonne, in: Zeitschrift für Astrophysik 22 (1943), S. 244–264.

    Über die Ursache der chromosphärischen Turbulenz und des UV-Exzesses der Sonnenstrahlung, in: Zeitschrift für Astrophysik 25 (1948), S. 161–177.

    Arnulf Schlüter/Ludwig Biermann, Interstellare Magnetfelder, in: Zeitschrift für Naturforschung A 5 (1950), S. 237–251.

    Kometenschweife und solare Korpuskularstrahlung, in: Zeitschrift für Astrophysik 29 (1951), S. 274–286.

    Entstehung von Magnetfeldern in bewegten Plasmen, in: Annalen der Physik 445 (1952), S. 413–417.

    Solar Corpuscular Radiation and the Interplanetary Gas, in: Observatory 77 (1957), S. 109 f.

    Ludwig Biermann/Reimar Lüst/Rhea Lüst/Hermann Ulrich, Zur Untersuchung des interplanetaren Mediums mit Hilfe künstlich eingebrachter Ionenwolken, in: Zeitschrift für Astrophysik 53 (1961), S. 226–236.

    Evry Schatzman/Ludwig Biermann, Cosmic Gas Dynamics, 1974.

    Dreißig Jahre Kometenforschung, in: Mitteilungen der Astronomischen Gesellschaft 51 (1981), S. 37–48.

    Ludwig Biermann/Paul T. Giguere/Walter F. Huebner, A Model of a Comet Coma with Interstellar Molecules in the Nucleus, in: Astronomy & Astrophysics 108 (1982), S. 221–226.

    J. C. Poggendorffs biographisch-literarisches Handwörterbuch der exakten Naturwissenschaften, Bd. 7a, 1955, S. 182 u. Bd. 8, 1997, S. 398–403.

    Arnulf Schlüter, Ludwig F. B. Biermann 13.3.1907–12.1.1986., in: Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1986 (1987), S. 266–268 (P) (Onlineressource)

    Rudolf Kiepenhahn, Ludwig Biermann. 1907–1986, in: Mitteilungen der Astronomischen Gesellschaft 66 (1986), S. 10 f. (P)

    Ludwig Biermann 1907–1986, hg. v. d. Max-Planck-Gesellschaft, 1988.

    Helmut A. Abt, Art. „Biermann, Ludwig Franz Benedikt“, in: Noretta Koertge (Hg.), New Dictionary of Scientific Biography, Bd. 1, S. 276-279.

    Richard Wielebinski, Ludwig Franz Benedikt Biermann. The Doyen of German Post-War Astrophysics, in: Journal of Astronomical History and Heritage 18 (2015), H. 3, S. 277–284. (P)

    N. N., Art. „Biermann, Ludwig Franz Benedikt“, in: Rolf Sauermost/Doris Freudig/Sabine Ganter (Red.), Lexikon der Naturwissenschaftler, 2000, S. 40 f. (P)

    Michael P. Seiler, Solar-Terrestrische Physik in Deutschland 1939–1949. Instrumentalisierung und Kontinuität der Forschung, 2005.

    Vladimir N. Obridko/Oleg L. Vaisberg, On the History of the Solar Wind Discovery, in: Solar System Research 51 (2017), H. 2, S. 165–169.

    Luisa Bonolis/Juan Andrés León Gómez, Astrophysics, Astronomy and Space Sciences in the History of the Max Planck Society, 2023.

    Fotografien, Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem.

  • Autor/in

    Michael P. Seiler (München)

  • Zitierweise

    Seiler, Michael P., „Biermann, Ludwig“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118851489.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA