Billing, Heinz
- Lebensdaten
- 1914 – 2017
- Geburtsort
- Salzwedel
- Sterbeort
- Garching bei München
- Beruf/Funktion
- Physiker ; Mathematiker ; Informatiker
- Konfession
- evangelisch-lutherisch
- Normdaten
- GND: 119485311 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Billing, Heinz Eduard
- Billing, Heinz
- Billing, Heinz Eduard
- Billing, H.
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Billing, Heinz Eduard
1914 – 2017
Physiker, Mathematiker, Informatiker
Heinz Billing erschloss mit seinen methodischen und experimentellen Beiträgen zur Entwicklung der ersten programmierbaren elektronischen Rechenanlagen für die Wissenschaft sowie zur Entwicklung neuer Detektoren zur Messung von Gravitationswellen wichtige Gebiete der wissenschaftlichen Grundlagenforschung in der Bundesrepublik nach 1945.
Lebensdaten
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Autor/in
→Johannes-Geert Hagmann (München)
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Zitierweise
Hagmann, Johannes-Geert, „Billing, Heinz“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd119485311.html#dbocontent
Nach dem Abitur in Salzwedel 1932 studierte Billing Mathematik und Physik an der Universität Göttingen, wechselte im Frühjahr 1933 an die Universität in München, wo er im Oktober 1938 bei Walther Gerlach (1889−1979) mit einer Arbeit zum Einstein’schen Drehspiegelversuch zum Dr. rer. nat. promoviert wurde. Im selben Jahr trat Billing als Assistent in die Aerodynamische Versuchsanstalt (AVA) in Göttingen ein. Von November 1938 bis Mai 1941 war er Soldat der Wehrmacht, wurde dann als „unabkömmlich“ zurück zur AVA an das Institut von Hans Georg Küssner (1900−1984) berufen und forschte bis zum Kriegsende zu militärischen Problemen der Strömungslehre und Akustik. Von 1933 bis 1937 Mitglied der SA und seit 1938 Mitglied der NSDAP, wurde er im Entnazifizierungsverfahren als in Gruppe 2 „im Amt zu belassen“ eingestuft. In seinen Lebenserinnerungen gab Billing an, aus Idealismus sowie aus Solidarität mit Kommilitonen der Mathematischen Verbindung in die SA eingetreten zu sein.
1946 wechselte Billing in das aus der AVA ausgegliederte Institut für Instrumentenkunde (IfI) in Göttingen, das der Max-Planck-Gesellschaft 1948 bei ihrer Gründung zugeordnet wurde, und war von 1961 bis 1982 Wissenschaftliches Mitglied im Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik in München sowie seit 1967 Honorarprofessor an der Universität Erlangen-Nürnberg.
Billing trug maßgeblich zur Entwicklung wissenschaftlicher Rechenmethoden und Rechenmaschinen in Deutschland sowie zur Entwicklung neuer astrophysikalischer Instrumentation für die Detektion von Gravitationswellen bei, deren Existenz von Albert Einstein (1879−1955) als Folgerung der von ihm entwickelten Allgemeinen Relativitätstheorie vorhergesagt worden war. Aufbauend auf seiner akustischen Forschung mit Magnetophonen bei der AVA während der Kriegsjahre und angeregt durch Gespräche mit britischen Wissenschaftlern entwickelte er 1948 den Magnettrommelspeicher, einen Datenspeicher für automatische elektronische Rechenanlagen. Aufgrund des Interesses von David Milton Myers (1911−1999) an dieser Entwicklung wirkte Billing von September 1949 bis Mai 1950 am Department of Electrical Engineering der University of Sydney am Aufbau von Rechenmaschinen mit.
1950 kehrte Billing auf Betreiben von Werner Heisenberg (1901−1976) und Ludwig Biermann (1907−1986) an das IfI als Leiter der 1956 in das Max-Planck-Institut für Physik überführten Arbeitsgruppe Numerische Rechenmaschinen zurück. Dort entwickelten er und sein Team die erste programmierbare elektronische Rechenmaschine in Deutschland (G1), die von 1952 bis zum Umzug des Instituts nach München 1958 für astrophysikalische und andere wissenschaftliche Rechnungen in Betrieb war. Die Entwicklung der nachfolgenden Rechenanlagen G1a, G2 und G3 unterstrich national wie international Billings Ruf als Experte für wissenschaftliche Rechenanlagen. Am 7. Juni 1961 wurde Billing zum Wissenschaftlichen Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft ernannt, 1968 übernahm er den Vorsitz des neu gegründeten Beratenden Ausschusses für EDV-Anlagen der Max-Planck-Gesellschaft und gehörte diesem Gremium über seine Emeritierung 1982 hinaus an.
Von 1970 verlagerte sich Billings wissenschaftliches Interesse auf das zur Astrophysik zählende Gebiet der Detektion von Gravitationswellen. Billing und sein Team am Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik bauten Apparate nach und wiederholten seit 1971 Experimente des US-amerikanischen Physikers Joseph Weber (1919−2000), der berichtet hatte, mit zwei von ihm entwickelten unabhängigen Resonanzdetektoren, die aus großen zylindrischen Testmassen bestanden, Gravitationswellen in Koinzidenz nachgewiesen zu haben. Bei der einsetzenden weltweiten Forschungsaktivität auf diesem Gebiet konnten die Koinzidenzmessungen in München und Frascati (Italien) die Ergebnisse Webers jedoch nicht bestätigen. Stattdessen entwickelte die Münchner Gruppe, darunter Karl Maischberger, Albrecht Rüdiger, Roland Schilling, Lise Schnupp sowie Walter Winkler (geb. 1943), zur Verbesserung der Sensibilität ein neues Experiment, das auf der Interferometrie von Licht gründete. Mit dieser Idee, von der er als Gutachter für einen Forschungsantrag des Physikers und späteren Nobelpreisträgers Rainer Weiss (1932−2025) Kenntnis erlangte, knüpfte Billing zum Ende seiner Laufbahn noch einmal an die Methoden aus seiner Doktorarbeit an.
Bis zu Billings Emeritierung 1982 wurden zwei Prototypen des Interferometers in Betrieb genommen; danach wurden die Experimente in das Max-Planck-Institut für Quantenoptik unter Leitung von Herbert Walther (1935−2006) überführt und schließlich in der von Karsten Danzmann (geb. 1955) geleiteten Anlage GEO600 bei Hannover ausgebaut. Am 11. Februar 2016, im letzten Lebensjahr Billings, wurde der erstmalige Nachweis der Gravitationswellen durch das US-amerikanischen LIGO-Konsortium – auch dank instrumenteller und technischer Beiträge durch GEO600 – bekanntgegeben.
| 1967 | Honorarprofessor, Universität Erlangen-Nürnberg |
| 1968–1998 | Mitglied des Beratenden Ausschusses für Rechenanlagen in der Max-Planck-Gesellschaft (1968–1986 Vorsitzender) |
| 1987 | Konrad-Zuse-Medaille der Gesellschaft für Informatik |
| 1993 | Heinz-Billing-Preis zur Förderung des wissenschaftlichen Rechnens der Heinz-Billing-Vereinigung zur Förderung des wissenschaftlichen Rechnens e. V. (Verein innerhalb der Max-Planck-Gesellschaft) (zweijährlich) |
| 2006 | Bayerischer Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst |
| 2013 | Ehrenbürger der Hansestadt Salzwedel |
| 2015 | Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland |
| 2016 | Verdienstmedaille in Gold der Stadt Garching |
Nachlass:
Archiv des Deutschen Museums, München, NL 116.
Weitere Archivmaterialien:
Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem, Abt. II, Rep. 67, Nr. 350; Abt. III, Rep. 222, Nr. 9; Abt. II, Rep. 67, Nr. 1641 u. Abt. III, Rep. 84/2, Nr. 0541.
Stadtarchiv Salzwedel, Geburtsregister 1914 102 u. Heiratsregister 117.
Niedersächsisches Landesarchiv, Nds. 171 Hildesheim, Nr. 12278.
Universitätsarchiv München, Promotionsakte Nr. 220 1938 u. Studentenkarte 1875 (344).
Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, R 9361-VIII u. R 9361-IX.
Universitätsarchiv Erlangen Nürnberg, F2/1 Nr. 1856. (Personalakte)
Objekte:
Deutsches Museum, München, Objektsammlungen, Inv.-Nr. 75539, Magnettrommelspeicher der Rechenanlage G1.
Monografien:
Heinz Billing/Hans G. Küssner/Klaus Katterbach, Untersuchung der Bewegung einer Platte bei Eintritt in eine Strahlgrenze, 1942. (ungedr. Manuskript, Archiv des Deutschen Museums, München, Nachlass Heinz Billing)
Über eine Möglichkeit zur U-Boot-Ortung mittels einer akustischen Methode, wie sie von den Engländern angewandt sein könnte, 1943. (ungedr. Manuskript, Archiv des Deutschen Museums, München, Nachlass Heinz Billing)
Ein empfindliches Hitzdrahtmikrofon kleinen Durchmessers und besonders geringer Körperschallempfindlichkeit, 1944. (ungedr. Manuskript, Archiv des Deutschen Museums, München, Nachlass Heinz Billing)
Flugversuche zwecks akustischer Ortung vom Flugzeug aus, 1945. (ungedr. Manuskript, Archiv des Deutschen Museums, München, Nachlass Heinz Billing)
Modern Aeronautical Acoustics, 1947.
Meine Lebenserinnerungen, 1994.
Aufsätze:
Über einen Stufenkompensator für den Jamin’schen Interferntentialrefraktor bei Beleuchtung mit weissem Licht, in: Zeitschrift für Physik 103 (1936), S. 57–60.
Ein Interferenzversuch mit dem Lichte eines Kanalstrahles, in: Annalen der Physik 32 (1938), H. 7, S. 577–592. (Diss. rer. nat.)
Heinz Billing/Hans G. Küssner, Instationäre Strömungen, in: FIAT Review of German Science, Hydro- und Aerodynamik, 1947, Bd. 11, S. 127–180.
Numerische Rechenmaschine mit Magnetophonspeicher, in: Zeitschrift für Angewandte Mathematik und Mechanik 29 (1949), S. 1–4.
So arbeiten elektronische Rechenautomaten, in: Die Umschau in Wissenschaft und Technik 51 (1951), S. 165–169.
Ludwig Biermann/Heinz Billing, Moderne mathematische Maschinen, in: Naturwissenschaften 40 (1953), S. 7–13.
Schnell aufrufbare magnetostatische Speicher für elektronische Rechenmaschinen, in: Naturwissenschaften 40 (1953), S. 49 f.
Ludwig Biermann/Heinz Billing, Die Göttinger Elektronischen Rechenmaschinen I. Allgemeines, in: Zeitschrift für Angewandte Mathematik und Mechanik 33 (1953), H. 1/2, S. 48–60.
Heinz Billing/Albrecht Rüdiger, Das Parametron verspricht neue Möglichkeiten im Rechenmaschinenbau, in: Elektronische Rechenanlagen. Zeitschrift für Technik und Anwendung der Nachrichtenverarbeitung in Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung 1 (1959), H. 3, S. 119–126.
Die Magnetspeicher bei elektronischen Rechenmaschinen, in: Fritz Winckel (Hg.), Technik der Magnetspeicher, 1960, S. 282–328.
Heinz Billing/Albrecht Rudiger/Roland Schilling, Coincident Current Magnetic Film Memories Using Locked Hard-Direction Films Having Microshape Anisotropy, in: Journal of Applied Physics 37 (1966), S. 1367–1373.
Heinz Billing/Albrecht Rüdiger/Roland Schilling, Ein Spezialrechner zur Spurerkennung und Spurverfolgung in Blasenkammerbildern, in: Elektronische Rechenanlagen 11 (1969), H. 3, S. 133–142.
Heinz Billing/Peter Kafka/Karl Maischberger/Friedrich Meyer/Walter Winkler, Results of Munich-Frascati Gravitational-Wave Experiment, in: Lettere Al Nuovo Cimento 12 (1975), S. 111–116.
Heinz Billing/Walter Winkler, Munich Gravitational-Wave Detector, in: Nuovo Cimento Della Societa Italiana, Sezione B 33 (1976), S. 665–680.
Heinz Billing/Karl Maischberger/Albrecht Rudiger/Roland Schilling/Lise Schnupp/Walter Winkler, Argon-Laser Interferometer for the Detection of Gravitational Radiation, in: Journal of Physics E: Scientific Instruments 12 (1979), H. 11, S. 1043–1050.
Die Göttinger Rechenmaschinen G1, G2, G3 (1980), in: Dieter Wall (Hg.) Entwicklungstendenzen wissenschaftlicher Rechenzentren, Kolloquium, Göttingen, Juni 1980, 1980, S. 1–13.
Albrecht Rüdiger/Roland Schilling/Lise Schnupp/Walter Winkler/Heinz Billing/Karl Maischberger, Demands on Laser Purity in an Interferometric Gravitational-Wave Detector, in: Journal de Physique Colloques 42 (1981), S. C8-451–C8-459.
Schnelle Rechenmaschinenspeicher und ihre Geschwindigkeits- und Kapazitätsgrenzen, in: Information Technology 50 (2008), H. 5, S. 329–337.
John A. N. Lee, Heinz Billing, in: ders., Computer Pioneers, 1995. (Onlineressource)
Wilhelm Hopmann. The G1 and the Göttingen Family of Digital Computers, in: Raul Rojas/Ulf Hashagen (Hg.), The First Computers. History and Architectures, 2002, S. 295–314.
Manfred Eyßell, Heinz Billing. Der Erbauer der ersten deutschen Elektronenrechner. T. 1 u. 2, in: GWDG-Nachrichten 33 (2010), H. 4, S. 9–42 (Onlineressource) u. H. 5, S. 10–29. (Onlineressource).
Hans Dieter Hellige, Geschichte der Informatik. Visionen, Paradigmen, Leitmotive, 2013, S. 118–131.
Herbert Bruderer. Meilenstein der Rechentechnik. Zur Geschichte der Mathematik und Informatik, 2015, S. 49 u. 386.
Luisa Bonolis/Juan-Andres Leon, Astrophysics, Astronomy and Space Sciences in the History of the Max Planck Society, 2023, S. 88–92 u. 500–502.
15 Fotografien, 1952–2021, Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem.