Lebensdaten
1739 bis 1799
Geburtsort
Frankfurt/Main
Sterbeort
Frankfurt/Main
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Übersetzer ; Jurist ; badischer Oberamtmann in Emmendingen ; Hofgerichtsdirektor in Karlsruhe ; Jugendfreund Goethes
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118795163 | OGND | VIAF

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Zitierweise

Schlosser, Johann Georg, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118795163.html [21.11.2017].

CC0

  • Genealogie

    Aus hess.-saarländ. Pfarrersfam.;
    V Erasmus Carl (1696–1773), Jurist, ksl. Rat, Schöffe in F. (s. Frankfurter Juristen; Frankfurter Biogr.), S d. Ludwig Heinrich (1663–1723), aus Darmstadt, seit 1697 Prediger an d. Katharinenkirche in F., u. d. Maria Jacobea Walther ( 1732);
    M Susanna Maria Orth (1703–89), aus Frankfurter Patrizierfam.;
    1) 1773 Cornelia (1750–77), T d. Caspar Goethe (1710–82), Dr. iur., ksl. Wirkl. Rat, Schw d. Johann Wolfgang v. Goethe (1749–1832) (beide s. NDB VI), 2) 1778 Johanna (1744–1821), T d. Georg Fahlmer, Großkaufm. in Düsseldorf u. F., KR, Halb-Schw d. Marie Fahlmer (1713–46), M d. Friedrich Heinrich v. Jacobi (1743–1819) u. d. Johann Georg Jacobi (1740–1814) (beide s. NDB X);
    2 T aus 1) u. a. Luise (1774–1811, ⚭ Georg Heinrich Ludwig Nicolovius, 1767–1839, Bildungspol., s. NDB 19), 1 S aus 2) Eduard ( 1807), preuß. Mil.arzt, 1 T aus 2) Henriette (⚭ David Hasenclever, Kaufm. in Düsseldorf);
    N Fritz (s. 2);
    E Richard Hasenclever (1813–76, ⚭ Sophie, 1824–92, T d. Wilhelm v. Schadow-Godenhaus, 1788–1862, Maler, s. NDB 22), Arzt in Düsseldorf, theol., med. u. musikal. Schriftst., Mitbegr. d. altkath. Bewegung, Abg. in d. preuß. II. Kammer u. im RT, s. ADB X u. XI).

  • Leben

    S. absolvierte das Gymnasium in Frankfurt/M. und studierte 1758-60 Rechtswissenschaften in Jena, danach in Altdorf, wo er 1762 zum Dr. iur. promoviert wurde. Eine anschließende Advokatur in Frankfurt befriedigte ihn nicht, so daß er 1766 in die Dienste Prinz Friedrich Eugens von Württemberg trat. 1769 kehrte er nach Frankfurt zurück, war erneut als Advokat tätig und versuchte sich als politisch-philosophischer Autor und Dichter. 1771 veröffentlichte er seinen „Katechismus der Sittenlehre für das Landvolk“, der großes Interesse hervorrief (Neudr. 1998, Microfiche 1990–94). 1772 zählte S. mit Joh. Heinrich Merck (1741–91) und mit seinem Freund und Schwager Goethe zu den Hauptmitarbeitern der „Frankfurter Gelehrten Anzeigen“. 1773 trat er in die Dienste Mgf. Karl Friedrichs von Baden. Seit 1774 hatte S. die hochbezahlte Funktion eines Oberamtmanns der Mgfsch. Hochberg inne; sein Wohnsitz blieb bis 1787 Emmendingen. Seine umfangreichen sozialen, wirtschaftlichen und verwaltungspolitischen Reformvorhaben konnte er nur zum Teil verwirklichen, da er immer wieder in Konflikt mit den physiokratischen Ansichten seines Landesherrn und seiner Vorgesetzten geriet.

    Trotzdem erhielt S. zeitweilig noch bedeutenderen Einfluß auf die innere Politik Badens, als er 1787 nach Karlsruhe versetzt wurde. Hier wurden die obersten Staatsorgane z. T. nach seinen Ideen mit Ansätzen zu einer Gewaltenteilung reformiert und neu gegliedert. S. wurde 1790 Direktor des Hofgerichts und Mitglied des Geheimen Rats. Nach anhaltenden Differenzen mit seinem dem aufgeklärten Absolutismus verhafteten Landesherrn schied S. 1794 aus bad. Diensten und lebte zwei Jahre in Eutin, wo er mit Johann Heinrich Voß (1751–1826) und den Brüdern Stolberg (Christian, 1748–1821, Friedrich Leopold, 1750–1819) in enger geistiger Gemeinschaft stand. 1798 nahm er einen Ruf als Syndikus seiner Heimatstadt an.

    S.s Schriften zeigen einen eigenwilligen Charakter, stark geprägt von antiken, aber auch modernen republikanischen Ideen (Aristoteles, Machiavelli), deren kritische Tendenz im Laufe der Jahre zunahm. Drei Hauptaspekte seines literarischen Schaffens sind hervorzuheben: Erstens seine Bemühungen um eine umfassende Neurezeption der antiken, vornehmlich politischen Philosophie; so verfaßte S. die erste, auch durch den umfangreichen Kommentar bedeutende dt. Übersetzung der „Politik“ des Aristoteles. Zweitens seine Kritik am Entwurf für das spätere preuß. „Allgemeine Landrecht“, an dem S. in mehreren Schriften, darunter den „Briefe[n] über die Gesezgebung“ (1789), u. a. bemängelte, daß er zu abstrakt sei und das Gewohnheitsrecht vernachlässige. Drittens seine späte Polemik gegen die kritische Philosophie Kants, der S. eine Tendenz zur erfahrungsfeindlichen und lebensfremden Abstraktion unterstellte, womit er sich der scharfen Kritik gerade seiner jüngeren Zeitgenossen (u. a. F. Schlegel, Schelling) aussetzte.

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Erfurter Ak. nützl. Wiss. (1788), d. Wiener Logen „Zur wahren Eintracht“ im Meistergrad (1783) u. „Zur Wahrheit“ (1786); Mitbegr. u. Meister vom Stuhl d. Freiburger Loge „Zur edlen Aussicht“ (1784), Meister vom Stuhl d. Karlsruher Loge „Carl zur Einigkeit“.

  • Werke

    Weitere W Prinz Tandi an d. Vf. d. neuen Menoza, 1775 (neu hg. u. mit e. Nachwort v. M. Luserke, 1993);
    Anti-Pope, oder Versuch über d. natürl. Menschen, 1776;
    Katechismus d. christl. Rel. f. d. Landvolk, 1776;
    Pol. Fragmente, 1777;
    Vorschlag u. Versuch e. Verbesserung d. dt. bürgerl. Rechts ohne Abschaffung d. röm. Gesezbuchs, 1777 (Neudr. 1973);
    Xenocrates oder über d. Abgaben, An Göthe, 1784, Neudr. 2000;
    Ueber Pedanterie u. Pedanten, als e. Wahrnung f. d. Gelehrten d. XVIII. Jh., (neu hg. mit e. Nachbemerkung v. A. Kosenina, 21997);
    Fünfter Brief über d. Entwurf d. Preuß. Gesetzbuchs, 1790 (Neudr. 1973);
    Schreiben an e. jungen Mann, der d. krit. Phil, studieren wollte, 1797;
    Zweites Schreiben an e. jungen Mann, …, veranlaßt durch d. angehängten Aufs. d. Herrn Prof. Kant über d. Phil. Frieden, 1798;
    Aristoteles' Pol. u. Fragment d. Oeconomik, Aus d. Griech übers. u. mit Anmerkungen u. e. Analyse d. Textes, 2 T., 1798;
    Kl. Schrr., 6 Bde., 1779-93 (Nachdr. mit e. Einf. v. D. W. Schumann, 1972;
    Microfiche 1990–94).

  • Literatur

    ADB 31;
    A. Nicolovius, J. G. S.s Leben u. lit. Wirken, 1844 (Neudr. 1973);
    E. Loewenthal, J. G. S., Seine rel. Überzeugungen u. d. Sturm u. Drang, Diss. Berlin 1935;
    I. Kreienbrink, J. G. S. u. d. geistigen Strömungen d. 18. Jh., Diss. Greifswald 1948 (ungedr.);
    dies., J. G. S. u. d. Fam. Goethe, in: Btrr. z. dt. u. nord. Lit., Festgabe f. Leopold Magon, 1958, S. 204-25;
    dies., J. G. S.s Streit mit Kant, in: A. R. Schmitt (Hg.), FS f. Detlef W. Schumann, 1970, S. 246-55;
    D. W. Schumann, Eine pol. Zirkularkorr. J. G. S.s u. seiner oberrhein. Freunde, in: Goethe, NF d. Jb. d. Goethe-Ges. 22, 1960, S. 240-68;
    H. Bräuning-Oktavio, Neues z. Biogr. J. G. S.s, in: Jb. d. Freien Dt. Hochstifts 1963, S. 19-99;
    M. Riedel, Aristoteles-Tradition am Ausgang d. 18. Jh., Zur ersten dt. Übers. d. „Pol.“ durch J. G. S., in: Alteuropa u. moderne Ges., FS f. Otto Brunner, 1963, S. 278-315;
    H. P. Liebel, Enlightened Bureaucracy versus Enlighted Despotism in Baden, 1750–1792, 1965;
    R. Schulze, J. G. S. u. d. Idee e. reinen Zivilgesetzbuches, Zur Privatrechtsentwicklung zw. Vernunftrecht u. Hist. Rechtsschule, in: ZHF 6, 1979, S. 317-44;
    J. van d. Zande, Bürger u. Beamter, J. G. S. 1739-1799, 1986 (W);
    J. G. S. (1739-1799), Eine Ausst. d. Bad. Landesbibl. U. d. GLA Karlsruhe, Ausst.kat., hg. v. d. Bad. Landesbibl. Karlsruhe, 1989 (P);
    B. Dölemeyer, Juristen im 17. u. 18. Jh., 1993;
    Frankfurter Biogr. (P);
    Kosch, Lit. Lex.3 (W, L);
    Killy;
    BBKL 18 (W, L).

  • Portraits

    Kupf. v. Ch. W. Bock, 1788 (Karlsruhe, GLA);
    Ölgem. v. C. Koopmann, 1832 (Heidelberg, Kurpfälz. Mus.), beide Abb. in: J. G S., Ausst.kat., 1989 (s. L), S. 253 u. 295.

  • Autor

    Hans-Christof Kraus
  • Empfohlene Zitierweise

    Kraus, Hans-Christof, "Schlosser, Johann Georg" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 101-102 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118795163.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Schlosser: Johann Georg S., Bruder von Hieronymus Peter S., wurde am 9. December 1739 zu Frankfurt a. M. geboren. Er absolvirte das Gymnasium seiner Vaterstadt, dessen einseitig classischen Unterricht bei trockenen Pedanten er selbst später mit harten Worten verdammt hat. Die Mathematik|blieb ihm bis zum 20. Lebensjahr fremd; bis zur selben Zeit durfte er zu Hause nur Schulbücher zur Hand nehmen, nur im Verborgenen konnte er mit der neueren Litteratur durch die Lectüre von Gottsched's Schaubühne Fühlung gewinnen. Von früh an bestimmt, Advocat in seiner Vaterstadt zu werden, studirte er in Gießen bei Hoepfner, in Jena bei Hellfeld die Rechte und beschloß das Studium 1762 in Altorf durch die Promotion; seine Dissertation behandelte die Vormundschaft nach dem Rechte seiner Vaterstadt. Kurz darauf wurde er Advocat in Frankfurt. Diese Thätigkeit voll kleinlicher Geschäfte befriedigte seinen nach Goethe "strebenden und das Allgemeine suchenden Geist" nicht; er folgte 1766 mit Freuden einer Berufung des Prinzen Friedrich Eugen von Württemberg als dessen Geheimsecretär und Leiter der Erziehung seiner Kinder nach Treptow a. d. R. Auf der Reise dorthin besuchte S. Goethe in Leipzig. Zehn Jahre älter als der jugendliche Dichter war er diesem in jeder Hinsicht überlegen, doch kam er seinem Landsmann und dessen litterarischen Neigungen in so freundlicher Weise entgegen, daß von da ab eine feste Freundschaft die beiden Landsleute trotz des Unterschiedes des Lebensalters, des Charakters und der Bestrebungen verband. Auch von Treptow aus blieb S. mit Goethe in Verbindung; sie wechselten Briefe in mehreren Sprachen, Goethe rühmte, wie viel er der Weltkenntniß und der "ernsten, edlen Denkweise" Schlosser's damals verdankte. In Treptow entstanden Schlosser's erste litterarische Arbeiten, die aber erst später im Druck erschienen: poetische Uebersetzungen aus der Ilias und aus Plato, sowie der Anti-Pope (in englischer Sprache) gegen Pope's unbefriedigende Lehre von der menschlichen Glückseligkeit in seinem Versuch über den Menschen. 1769 verließ S. Treptow, um wieder in Frankfurt seine advocatorische Thätigkeit aufzunehmen, empfand aber bald wieder die alte Abneigung gegen diesen Beruf, so daß er sich mit größerem Eifer litterarischen Arbeiten widmete. 1771 erschien sein Katechismus der Sittenlehre für das Landvolk, welcher wegen angeblich zu geringen christlichen Gehaltes mehrfach Anstoß erregte, aber, von hervorragenden Männern mit voller Anerkennung begrüßt, eine ganze Reihe von Ausgaben erlebte und der Vorgänger vieler ähnlicher Schriften geworden ist. Mit Merck und Hoepfner redigirte dann S. die Frankfurter Gelehrten Anzeigen, an denen auch Goethe mitarbeitete, damals College Schlosser's als Advocat und von demselben in seiner amtlichen Thätigkeit stark beeinflußt. Beide Advocaten traten gegenüber der Frankfurter Geistlichkeit energisch für die Anzeigen ein, als dieselben 1773 von dem Hamburger Pastor Goeze wegen einer absprechenden Kritik seiner Betrachtungen über das Leben Jesu und in anderen Fällen bei den städtischen Behörden verklagt wurden. Zu den gemeinsamen litterarischen und geschäftlichen Bestrebungen, welche S. mit Goethe verknüpften, traten jetzt auch die Bande der Verwandtschaft. S. bewarb sich um die Hand von Goethe's Schwester Cornelia (geb. am 7. Decbr. 1750), die Verbindung wurde am 1. November 1773 vollzogen, als S. mit dem Titel eines Markgr. Bad. Hof- und Regierungsrathes in den Dienst des Markgrafen Karl Friedrich von Baden, eines der hervorragendsten Vertreter des "aufgeklärten Despotismus" (s. A. D. B. XV, 241), eingetreten war. Unzufriedenheit mit seiner Thätigkeit als Advocat und der Wunsch nach einem ausgedehnteren Wirkungskreise, der ihm auch wissenschaftliche Arbeit verstatte, hatte ihn zu der Veränderung in der Stellung veranlaßt. Nach kurzer Thätigkeit in Karlsruhe ward S. Oberamtmann der Markgrafschaft Hochberg mit dem Wohnsitz in Emmendingen; nach Goethe war es Schlosser's schroffe Rechtlichkeit, die ihn am Sitze der Regierung unbequem erscheinen ließ und seine Versetzung nach Emmendingen veranlaßte. In seinem selbständigen Amt und dem eigenen Heim fühlte sich S. völlig glücklich. Nicht so die Gattin: sie war S. nicht aus Liebe gefolgt, sie empfand zwar für seinen Charakter und seinen|Werth als Mann die größte Achtung, stand aber seinen wissenschaftlichen Arbeiten fremd gegenüber; sie fühlte sich in dem kleinen Landstädtchen vereinsamt, während sie in Frankfurt an eine geistig anregende Geselligkeit gewöhnt war, und empfand schmerzlich die Trennung von dem geliebten Bruder; dazu traten körperliche Leiden, welche ihr die letzten Lebensjahre verbitterten. Allmählich wurde das Verhältniß Cornelia's zu S. herzlicher; ihr früher Tod am 8. Juni 1777 war ein schwerer Schlag für S., wie für Goethe, Lenz und die anderen Freunde des Schlosser'schen Hauses. Am 24. September 1778 führte S. als zweite Gattin Johanna Fahlmer heim (geb. 16. Juni 1744., 31. October 1821), eine nahe Verwandte der beiden Jacobi; in einem tief empfundenen Brief voll wehmüthiger Erinnerung an die früh verstorbene Schwester begrüßte Goethe sie als die Nachfolgerin Cornelia's. Neben der amtlichen Thätigkeit entfaltete S. in Emmendingen eine überaus vielseitige litterarische; hier entstanden eine ganze Reihe von philosophischen, moralischen, politischen Aufsätzen, meist in Zeitschriften veröffentlicht; der Anti-Pope wurde deutsch herausgegeben, mehrere philosophische und dramatische Werke des Alterthums übersetzt und eifrig Mathematik getrieben. Daneben pflegte S. einen regen Verkehr mit den Freunden in der Schweiz, Baden und Elsaß, wie Lavater, die Jacobi, Lenz. Pfeffel, Lerse, Salzmann. Iselin u. a. 1775 war Goethe allein, 1778 mit Karl August in Emmendingen. Aus Schlosser's mehr politischer Thätigkeit ist seine Theilnahme an der damaligen Bewegung in der Gesetzgebung hervorzuheben. Schon 1773 hatte er in Rücksicht auf Carmer's preußisches Gesetzwerk einen Vorschlag zur Verbesserung des deutschen bürgerlichen Rechtes ohne Abschaffung des Römischen Corpus juris veröffentlicht, worin er sich als Vorläufer der historischen Rechtsschule zeigt; 1783 folgte er einem Rufe Joseph's II. nach Wien zur Theilnahme an Konferenzen über eine Gesetzverbesserung in den österreichischen Staaten, überall Beziehungen amtlicher und litterarischer Art mit hervorragenden Männern anknüpfend. In demselben Jahre trat er als eifriges Mitglied dem Illuminaten-Orden bei, um gegen die Feinde der Aufklärung und den Despotismus zu streiten. Sein amtliches Wirken fand zwar die volle Anerkennung der Regierung: er wurde Chef des oberländischen Bergwesens, sorgte für Errichtung von Fabriken und war in jeder Weise bemüht, seinen Bezirk zu heben; doch fehlte es nicht an Spannungen mit der Regierung, die ihren Grund in Schlosser's strengem Rechtssinne auch nach oben hatten, wenngleich der Fürst ihm stets gewogen blieb. 1787 bat er deßhalb um eine Stelle, "an der er nicht reden dürfte, bis man ihn fragte", und wurde als Geh. Hofrath nach Karlsruhe versetzt, wo er. zuerst am Geh. Staatsarchiv und dann beim Landescollegium beschäftigt, eine vielseitige Thätigkeit in allen Regierungsgeschäften entfaltete. 1790 wurde er Director des Hofgerichtes und als Wirkt. Geh. Rath Mitglied des geheimen Rathes. Ein nach seiner Ansicht nicht zu rechtfertigender Eingriff des Markgrafen in das Vorgehen des Hofgerichtes gegen einen tiefverschuldeten Grafen veranlaßte S. zur Einreichung seines Entlassungsgesuches; 1794 schied er unter voller Anerkennung seines Fürsten und zu tiefem Bedauern des Landes aus dem markgräflichen Dienste aus, dem er über zwei Jahrzehnte als einer der hervorragendsten Beamten angehört hatte. Die letzten Jahre im Süden verbrachte er in stetem Verkehr mit den litterarischen Berühmtheiten seiner Zeit: mit J. G. Jacobi, dem er eine Professur in Freiburg verschafft hatte, mit Lavater, den er mehrmals in der Schweiz besuchte, mit Goethe in Heidelberg während der Belagerung von Mainz — hier sahen sich die beiden Schwäger zum letzten Mal, Goethe's Darstellung von einem beiderseitigen Mißbehagen wird durch seine eigenen Briefe widerlegt —, mit Fritz Stolberg, mit G. Forster in Mainz, dessen Schwärmerei für die Revolution S.|durchaus verdammte. Von seinen Schriften aus dieser Zeit seien erwähnt: "Xenocrates oder über die Abgaben" (1784) gegen Schlettwein's physiokratisches System, die Polemik gegen die Berliner Monatsschrift, die ihn als Gläubigen Cagliostro's verdächtigt hatte, die nach Hugo und Savigny sehr beachtenswerthe Kritik an Svarez' Entwurf eines Preußischen Gesetzbuches (1789); S. war früher zur Mitarbeit an demselben aufgefordert worden, hatte aber aus persönlichen und sachlichen Gründen abgelehnt. S. beabsichtigte wegen der Kriegsunruhen, im Südwesten sich in eine norddeutsche Stadt zurückzuziehen und dort nur den Musen und der Erziehung seines Sohnes zu leben. Nach längerem Aufenthalt in Ansbach 1796 wählte er Eutin, den Wohnort von Fritz Stolberg, Voß, seines Schwiegersohns Nicolovius und zeitweilig Jacobi's. Hier beschloß er seine schriftstellerische Thätigkeit mit einer Polemik gegen Kant über dessen ewigen Frieden und mit der Uebersetzung von Aristoteles' Politik und Oekonomik. Er sollte sein Leben nicht in der ersehnten Muße zu Eutin enden: als ihn 1798 seine Vaterstadt in ehrenvollster Weise als Syndicus berief, nahm er die Stelle an und siedelte nach Frankfurt über, welches, zu jener Zeit in seinem Bestand als Reichsstadt allseitig bedroht, einer tüchtigen staatsmännischen Kraft sehr bedürftig war. Aber schon am 17. October 1799 wurde S. seiner Vaterstadt mitten aus einer umfangreichen und ihn vollbefriedigenden Thätigkeit durch einen plötzlichen Tod entrissen. — Von Schlosser's Schriften sind oben nur die bedeutendsten erwähnt: die lange Reihe derselben hat sein Enkel Nicolovius am Schlusse der Biographie des Großvaters zusammengestellt; S. selbst veröffentlichte eine Sammlung seiner kleinen Schriften in 6 Theilen 1779—93. Sie umfassen die Gebiete der Politik, Rechtswissenschaft, Moral, Philosophie, Theologie, Geschichte und auch einige Dichtungen. Sie sind heute so gut wie verschollen; sie wurzeln in ihrer Zeit und deren besonderen Anschauungen; der Enkel urtheilt darüber zutreffend: "S., genährt mit dem Marke des classischen Alterthums, stellte in seinen Schriften, beinahe stets mit Beziehung auf practische Wirksamkeit, die fruchtbarsten Wahrheiten aus dem Gebiete der Politik, Geschichte, Moral und Philosophie mit Freimüthigkeit und Beredsamkeit dar. Der gegenwärtigen Zeit ist er als Schriftsteller entfremdet. Wenn er auch, wie Burke, in seinem heiligen Eifer in manches Paradoxe gerieth, so verkündigte er gleichwohl mit Muth, Feuer und Kraft viele Wahrheiten, die heutzutage sehr verkannt werden und dennoch dem Zeitalter höchst dienlich sind." — Aus erster Ehe hatte S. zwei Töchter: Luise, welche sich 1795 mit G. H. L. Nicolovius (s. A. D. B. XXIII, 635) vermählte und 1811 starb, und Julie, 1793; aus zweiter Ehe eine Tochter Henriette, 1809 mit D. Hasenclever vermählt, und einen Sohn Eduard, der 1807 als preußischer Militärarzt starb. —|

    • Literatur

      Vgl. A. Nicolovius, Joh. Georg Schlosser's Leben und litterarisches Wirken (Bonn 1844). — Heyden, Gallerie berühmter Frankfurter (Frankfurt 1861). — Goethe, Aus meinem Leben. — Dechent, Goethejahrbuch X, über Schlosser's Betheiligung an den Frankfurter Gelehrten Anzeigen. — Stölzel, C. G. Svarez (Berlin 1885), über Schlosser's Stellung zum preußischen Gesetzwerk. — Erdmannsdörffer, Polit. Korrespond. Karl Friedrichs v. Baden, Bd. 1 (Heidelberg 1888), über Schlosser's Thätigkeit in badischen Diensten. — Ferner über Cornelia Goethe: Düntzer, Frauenbilder aus Goethe's Jugendzeit (Stuttgart u. Tüb. 1852). — Geiger, Briefe Goethe's an Cornelia, Goethejahrbuch VII. — Suphan, Zwei Briefe Cornelia's, ebenda IX, und Weinhold, Aus Lenz' Nachlaß, ebenda X. — Ueber Johanna Fahlmer: Urlichs, Briefe von Goethe an Johanna Fahlmer (Leipzig 1875).

  • Autor

    R. Jung.
  • Empfohlene Zitierweise

    Jung, Rudolf, "Schlosser, Johann Georg" in: Allgemeine Deutsche Biographie 31 (1890), S. 544-547 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118795163.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA