Lebensdaten
1861 bis 1936
Geburtsort
Dübendorf bei Zürich
Sterbeort
Bonn
Beruf/Funktion
Sprachforscher
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118783653 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Meyer-Lübke, Wilhelm

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Meyer-Lübke, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118783653.html [19.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm M. (1830-1906), Dr. med., prakt. Arzt in D., S d. Wilhelm (1797–1877), Stadtrat u. Oberst in Z., u. d. Karolino Ott (1806–89);
    M Emma (1837–64), T d. Heinrich Frei (* 1795), Major, Mitgl. d. Zürcher Kantonsrats, u. d. Sophie Gujer;
    Ov Conrad Ferdinand (s. 1);– Steglitz b. Berlin 1889 Hermine (1869–1933), T d. Johann Andreas Lübke in Burg b. Magdeburg u. d. Dorothea Elisabeth Hermes;
    2 T.

  • Leben

    Nach dem Besuch des Gymnasiums in Zürich studierte M. 1879-81 an der dortigen Universität bei dem Indogermanisten Heinrich Schweizer-Sidler. An der Univ. Berlin (1881–83) prägte ihn vor allem der Indogermanist Johannes Schmidt. 1883 promovierte M. in Zürich mit der Dissertation „Die Schicksale des lat. Neutrums im Romanischen“ (1883), womit er sich bereits als hervorragender Kenner nicht nur der roman. Idiome, sondern auch aller indogerman. Sprachzweige erwies. 1883-84 arbeitete er in Italien an kritischen Untersuchungen von franko-ital. Texten. 1884 habilitierte sich M. in Zürich, 1885 hörte er in Paris Vorlesungen bei Gaston Paris und unterrichtete selbst an der École des Hautes Études. Als Privatdozent war er 1885-87 in Zürich und erhielt 1887 einen Ruf als Extraordinarius nach Jena, 1890 nach Wien, wo er 1892 zum o. Professor aufrückte (1906/07 Rektor). 1915 folgte er einem Ruf nach Bonn auf den traditionsreichen Lehrstuhl von Friedrich Diez. In der Nachkriegszeit wurde M. zu Vorträgen nach Dänemark, Schweden, England, den USA, Spanien und Portugal eingeladen; 1926-28 wirkte er als Gastprofessor in Coimbra. Seine fruchtbarsten Jahre verbrachte M. in Wien (1890–1915). In dieser Zeit entstanden seine wesentlichen Werke, die einer ganzen Generation von Forschern als Wegweiser dienen sollten.

    Entsprechend den Anregungen, die er von seinen Lehrern in Zürich und Berlin erfahren hatte, übertrug M., wie bereits in seiner Dissertation, die Ziele und Methoden der Indogermanistik auf die Erforschung der roman. Sprachen. Ziel war für ihn (wie schon für Diez) die Erhellung des gemeinsamen Ursprungs der roman. Sprachen aus dem Latein und des Fortlebens des lat. Wortgutes in den Einzelsprachen. Gegenüber Diez faßte er den Begriff des Vulgärlateins neu und entwickelte neue Methoden zu dessen Erforschung. Es ging ihm vor allem um die Parallelerscheinungen innerhalb der ältesten Phasen der roman. Sprachen, insbesondere um die Erhellung von vorroman. und vorliterarischen Sprachstadien. Im Mittelpunkt seiner Betrachtung standen Laut- und Formenlehre; syntaktische Probleme lagen ihm eher fern. Der Lautlehre legte er die neueren Erkenntnisse der Lautphysiologie zugrunde. Sein Material entnahm er zwar nur schriftlichen Quellen, berücksichtigte aber nicht nur die Schriftsprache, sondern auch die Dialekte, wie bereits in seiner „Ital. Grammatik“ (1890). Das Anhören lebender Mundarten wurde erst durch die spätere Sprachgeographie üblich, für deren Ergebnisse M. Verständnis zeigte, aber deren Methoden er nicht mehr folgen konnte. Als erster bezog er das Rumänische in seine Darstellung ein, ebenso, auf den Forschungen G. I. Ascolis fußend, das Rätoromanische. Er entdeckte das Sardische (Logudoresische) als eigenen Sprachtyp (1902). Die Eigenständigkeit des Katalanischen wies er in einer gesonderten Publikation nach (1925). M. erkannte die Bedeutung der Randsprachen der Romanie, veröffentlichte Studien über die kelt. Sprachen, das Baskische und das Albanesische. Als erster lieferte er eine sprachgeschichtliche Untersuchung des Neugriechischen (1889).

    In einer großen Synthese faßte M. die Forschungsergebnisse seit Diez in seiner Grammatik der roman. Sprachen (I, 1890, II, 1895, III, 1899, IV, 1902) zusammen, deren erster Band ihn mit einem Schlage berühmt machte. Diezens etymologisches Wörterbuch ersetzte er durch sein „Roman, etymologisches Wörterbuch“ (1911, 31935), in dem er nicht wie jener von den Einzelsprachen ausging, sondern vom Lateinischen. Sein „wissenschaftliches Glaubensbekenntnis“ gab er in seiner „Einführung in das Studium der roman. Sprachwissenschaft“ ab (1901, 31920), weniger ein Buch für den Anfänger als für den reifen Forscher. Ein großer Wurf war die „Historische Grammatik der franz. Sprache“, die im 1. Band (1908, 51934) eine relative Chronologie der Lautveränderungen bot. Im 2. Band „Wortbildungslehre“ (1921) ging M. nicht von der Lautform, sondern von der Bedeutung aus.

    Als großer Organisator zeigte sich M. durch die Begründung des Rumän. Instituts der Univ. Wien (1911), ferner der Zeitschriften „Wörter und Sachen“ (1909) und „German.-roman. Monatsschrift“ (1909) sowie die Gründung und Herausgabe der vielbändigen „Sammlung roman. Elementar- und Handbücher“.|

  • Auszeichnungen

    Dr. h. c. (Cambridge, Coimbra, Graz, Turin); Mitgl. d. Ak. d. Wiss. Wien (1903), Ehrenmitgl. d. Rumän. Ak. d. Wiss. (1928).

  • Werke

    Weitere W Die lat. Sprache in d. roman. Ländern;
    Die ital. Sprache, beides in: Gröbner, Grundriß d. roman. Philol. I, 1886, 21904;
    Die roman. Sprachen, in: Hinnbergers Kultur d. Gegenwart I, 1909, 21925;
    Die Betonung im Gallischen, 1901;
    Zur Kenntnis d. Altlogudoresischen, 1902;
    Roman. Namenstud. I: Die altportugies. Personennamen german. Ursprungs, 1, 1904, 2, 1917;
    Rumänisch, Romanisch, Albanesisch, 1914;
    Lat. „f“ im Baskischen, 1934;
    Die Schicksale d. lat. „l“ im Romanischen, 1934. – W-Verz.: G. Moldenhauer, in: Zs. f. franz. Sprache u. Lit. 61, 1938, S. 385-440.

  • Literatur

    FS z. 60. Geb.tag, Zs f. Roman. Philol. 41, 1921;
    E. Winkler, in: Wörter u. Sachen 17, 1936, S. V-VIII (P);
    E. Richter, in: Archiv f. d. Studium d. Neueren Sprachen 170, 1936, S. 197-210;
    L. Gauchat, in: NZZ v. 7.10.1936;
    E. Gamillscheg, in: Zs. f. franz. Sprache u. Lit. 60, 1937, S. 385-406 (P);
    C. Battisti, in: Archivum Romanicum 21, 1937, S. 385-435 (W-Verz., P);
    A. Kuhn, in: Zs. f. Roman. Philol. 57, 1937, S. 778-84 (P);
    E. v. Ettmayer, in: GRM 25, 1937 (persönl. Erinnerungen aus Ms Wiener Zeit);
    ders., in: Alm. d. Ak. d. Wiss. Wien 87, 1937, S. 324-31 (P);
    L. Spitzer, Mes Souvenirs de M.-L., in: Français moderne 6, 1938, S. 213-24 (M.-L. als Lehrer in Wien u. Bonn, krit.);
    J. Jud, in: Vox romanica 2, 1937, S. 336-44 (P);
    HBLS;
    Schweizer Lex.

  • Autor/in

    W. Theodor Elwert
  • Empfohlene Zitierweise

    Elwert, W. Theodor, "Meyer-Lübke, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 303-304 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118783653.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA