Lebensdaten
1879 bis 1961
Geburtsort
Reinbek
Sterbeort
Bremen
Beruf/Funktion
Pädagogin
Konfession
evangelisch,konfessionslos
Normdaten
GND: 118751786 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Specht, Minna

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Zitierweise

Specht, Minna, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118751786.html [18.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (1841–82), Gutsbes. v. Schloß Reinbek, S d. Heinrich August (1813–1900), Hotelier, u. d. Anne Marie Sophie Meyer (1811–94);
    M Marie Elsabea Mathilde (1849–1926), Hoteliere, T d. Christian Bruhn (1824–85), Hofbes., u. d. Juliane Margaretha Magdalena Dorothea Tiedemann (1823–98); 6 ältere Geschw; – ledig; Leonard Nelson (1882–1927), apl. Prof. f. Philos. an d. Univ. Göttingen (s. NDB 19); kinderlos.

  • Leben

    S. wuchs in Reinbek auf und legte im Seminar der Klosterschule St. Johannis in Hamburg 1899 die Prüfung für das Lehramt an Höheren Mädchenschulen ab. 1906–09 studierte sie in Göttingen Geschichte und Geographie/Geologie, 1914/15 Mathematik und arbeitete danach als Oberlehrerin u. a. 1918 bei Hermann Lietz (1868–1919) im Landerziehungsheim Haubinda in Thüringen als Vorbereitung für gemeinsam mit Leonard Nelson geplante Bildungseinrichtungen, die sie zusammen gründeten: den „Internationalen Jugendbund“ (IJB, 1917) – eine Erziehungsgemeinschaft, in der Gesinnung, Charakter und Vernunft ausgebildet werden sollten –, die Philosophisch-Politische Akademie (1922) und das von S. geleitete Landerziehungsheim Walkemühle bei Melsungen (1924) mit einer Ausbildung für junge Erwachsene zu unabhängigen sozialistischen Führern (bis Ende 1931) sowie einer reformpädagogisch orientierten Kinderabteilung. Nach dem Ausschluß der IJB-Mitglieder aus der SPD war S. 1926 Mitbegründerin des „Internationalen Sozialistischen Kampfbunds“ (ISK), den sie nach Nelsons Tod mit Willi Eichler (1896–1971) leitete. Der ISK verstand sich als „Partei des Rechts“, trat für das Ideal eines Staats nach platonischem Vorbild ein, in dem die Vernünftigsten herrschen sollten, und betrieb den Aufbau einer Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus, u. a. durch die Herausgabe der Tageszeitung „Der Funke“ in Berlin, an der S. 1931/32 beteiligt war.

    Nach der Auflösung der Kinderabteilung der Walkemühle durch die SA ging S. im Okt. 1933 nach Dänemark ins Exil und gründete dort sowie 1938 nach ihrer Übersiedelung nach Großbritannien Schulen, die durch Gemeinschaft, Einfachheit der Lebensumstände und Unabhängigkeit von Traditionen darauf abzielten, den heimatlos gewordenen Emigrantenkindern Selbstvertrauen und Vertrauen in andere Menschen zu vermitteln, worüber sie in ihrem Text „Education for Confidence“ berichtete (1944). S.s Utopie war die Entwicklung einer internationalen, sozialistischen Schule, die ein Modell für die europ. Verständigung sein sollte. Obwohl S. sich während der gesamten Exilzeit politisch gegen den NS-Staat engagierte, wurde sie im Juni 1940 als „feindliche Ausländerin“ für ein Jahr auf der Isle of Man interniert, setzte aber auch dort eine Lagerschule durch.

    1941–45 lebte S. in London, erstellte im Auftrag der Fabian Society eine Studie über „Private Schools and the National System“ und baute 1943 das German Educational Reconstruction Committee (G.E.R.) mit auf. In ihrer Publikation „Gesinnungswandel“ (1943) analysierte sie die nationalsozialistische Erziehung, entwarf ein Programm für die Umerziehung der NS-Jugend und für die Gestaltung der künftigen Schule. Im Sept. 1945 hatte sie als Mitglied der engl. Delegation die Gelegenheit, ihre Ideen auf den „Internationalen Studientagen für das Kriegsgeschädigte Kind“ (S.E.P.E.G.) in Zürich vorzutragen. Auf Wunsch von Edith (1885–1982) und Paul Geheeb (1870–1961) übernahm S. 1946 die Leitung der Odenwaldschule in Oberhambach, organisierte dort zwei internationale Tagungen (1947 die S.E.P.E.G.-Konferenz und 1949 die G.E.R.-Tagung), wirkte im hess. Landesschulbeirat bei der Oberstufenreform mit und wurde Mitglied der Dt. UNESCO-Kommission (1949–59). 1952 bis Ende 1953 war S. im UNESCO-Institut für Pädagogik in Hamburg tätig, danach wurde sie „Inspektorin“ der „Vereinigung der Landerziehungsheime“, deren Vorsitzende sie seit 1952 war, gab die Reihe „Kindernöte“ heraus (unter Mitarb. v. M. Friedländer, 1950–58) und engagierte sich bildungspolitisch wieder in der SPD.

    Durch das Exil verursacht, gab es von 1946 bis zu S.s Tod nur eine relativ kurze Periode, die zudem als restaurative Phase des Bildungswesens zu charakterisieren ist, in der ihre reformerischen Ideen für die Entwicklung der Pädagogik in Deutschland wirksam werden konnten. Der Gedanke des „exemplarischen Lernens“, die Selbsttätigkeit des Kindes, die Mitbestimmung, das sokratische Gespräch, das an der Odenwaldschule realisierte Gesamtschulmodell, die Ganztags- und die Stadtrandschule sind beispielhaft zu nennen, auch wenn S.s Name heute selten damit in Verbindung gebracht wird. Im Kontext der Landerziehungsheime ist S. jedoch bekannt geblieben.

  • Auszeichnungen

    Goethe-Plakette d. hess. Ministers f. Erziehung u. Volksbildung (1955).

  • Werke

    u. a. Gesinnungswandel, 1943, mit anderer Aufss. nachgedr. in: Gesinnungswandel, neu hg. u. eingel. v. I. Hansen-Schaberg unter Mitarb. v. S. Rathgens, 2005 (W, L, P);
    Education for Confidence, 1944, dt. in: H. Feidel-Mertz, 1983, S. 92–103 (s. L);
    Nachlaß:
    Archiv d. soz. Dem. d. Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn;
    Leonard Nelson Nachlaß, BA Berlin: Archiv d. Odenwaldschule Oberhambach;
    Slg. Päd.-Pol. Emigration (PPE), Prof. Dr. H. Feidel-Mertz, Frankfurt/M.

  • Literatur

    H. Becker u. a. (Hg.), Erziehung u. Pol., M. S. zu ihrem 80. Geb.tag, 1960 (P);
    H. Feidel-Mertz, Mit d. Blick auf d. Jugend Europas, M. S. u. d. Nachfolge-Schulen d. Walkemühle in Dänemark u. Großbritannien, in: dies. (Hg.), Schulen im Exil, 1983, S. 89–91;
    B. S. Nielsen, Erziehung zum Selbstvertrauen, Ein sozialist. Schulversuch im dän. Exil 1933–1938, 1985;
    A. Dertinger, Frauen d. ersten Stunden, 1989, S. 203–15 (P);
    E. Harder-Gersdorff, M. S., Sozialismus als Lebenshaltung u. Erziehungsaufgabe, in: I. Brehmer (Hg.), Mütterlichkeit als Profession, I, 1990, S. 165–74;
    I. Hansen-Schaberg, M. S., Eine Sozialistin in d. Landerziehungsheimbewegung (1918 bis 1951), 1992 (P);
    dies., „Lehrjahre“ in Göttingen, Die pol. Päd. M. S. 1879–1961, in: T. Weber-Reich (Hg.), „Des Kennenlernens werth“, Bed. Frauen Göttingens, 1993, S. 212–26 (P);
    dies., „Geist u. Tat“, Konzeptionelle Vorschläge M. S.s z. Schulreform auf d. Hintergrund ihrer Erfahrungen in d. Landerziehungsheimbewegung, in: J. Eierdanz u. A. Kremer (Hg.), „Weder erwartet noch gewollt“, Krit. Erziehungswiss. u. Päd. in d. Bundesrep. Dtld. z. Zeit d. „Kalten Krieges“, 2000, S. 91–111;
    dies. u. C. Lost, M. S. (1879–1961), Reformpäd. Konzepte im internat. Kontext, in: Neue Slg. 1993, S. 141–52;
    C. Lost, Mitt. zu M. S., Moskauer Tagebuch 1927, in: OSO-Hh., NF, H. 15, 1993, S. 149–62;
    BHdE I;
    Lex. d. 1000 Frauen, 2000 (P);
    Who is who d. Soz. Arbeit, hg. v. H. Maier, 1998;
    Demokrat. Wege.

  • Autor/in

    Inge Hansen-Schaberg
  • Empfohlene Zitierweise

    Hansen-Schaberg, Inge, "Specht, Minna" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 635-637 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118751786.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA