Lebensdaten
1470 oder 1471 bis 1526
Geburtsort
Homberg/Efze (Oberhessen)
Sterbeort
Gotha
Beruf/Funktion
Humanist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118735411 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mutian, Konrad (eigentlich)
  • Mutianus Rufus, Konrad
  • Muth, Konrad
  • mehr

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Mutianus Rufus, Conradus, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118735411.html [23.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johannes Muth, Ratsherr u. Bgm. in H.;
    M Anna v. Crutzburgk;
    B Johann (1468–1504), Dr. iur. utr. , Kanzler d. Landgf. Wilhelm II. v. Hessen u. Beisitzer am Hofgericht.

  • Leben

    M., der weder ein Universitätslektorat innehatte, noch publizistisch hervortrat, war eine skeptisch-quietistische, zeitweise zum Zynismus neigende, mehr kritisch-rezeptive als produktive Natur. Ganz der „beata tranquillitas“ ergeben und Freund des Zölibats, vertrat er die radikale Form der humanistischen „vita solitaria“. Sein Ziel war, allein und für sich selbst frei und rechtschaffen zu leben, kein „homo illiteratus“ zu sein und den auf seinem Bildungsweg zur Erkenntnis und Weisheit Mitstrebenden reformerisch beizustehen. Die unmittelbar von ihm ausgehende Wirkung erstreckte sich in persönlichem Umgang und vertrautem Briefwechsel mit Gönnern, Freunden und Scholaren vor allem auf die nahe Univ. Erfurt, deren humanistisches Wesen er nach Marschalks Wegzug neben Johann Sömmering 1505-16 mit seinem Einsatz für Jacob Wimpheling und mit Demarchen für Johann Reuchlin prägte. Sein lat. Briefwechsel mit führenden Humanisten der Zeit (Erasmus, Reuchlin u. a.), geistl. und weltl. Fürsten (Kurmainz, die sächs. Linien, Fürstabt von Fulda u. a.) und ihren Diplomaten (Eitelwolf v. Stein, Valentin v. Sunthausen) zeichnet sich durch vollendeten Stil, außerordentliche Kenntnis der antiken Literatur und philosophische Gedankentiefe aus. Dies vor allem trug dazu bei, daß M. nach Erasmus und Reuchlin als bedeutendster Geist der deutschen Hochrenaissance genannt wurde. Dem Juristen Ulrich Zasius galt er schon 1506 als „Germanorum doctissimus, nostrae aetatis Cicero“.

    Mit dem Humanismus und Erfurt war M. von Jugend auf verbunden. Der früh Verwaiste besuchte die Schule des Alexander Hegius zu Deventer, an der Erasmus sein Mitschüler war. Seit Sommer 1486 studierte er in Erfurt, wo er noch Conrad Celtis hörte, wurde 1488 Baccalaureus und 1492 Magister. Auf dem Weg zum Rechtsstudium in Italien hielt er sich im Frühjahr 1496 in Mainz auf, wo er Gresemund, Wimpheling und Trithemius|mit seiner Sponheimer Bibliothek kennenlernte. Von diesem Zeitpunkt an läßt sich die grenzenlose Bücherliebe und der Aufbau seiner eigenen kostbaren Bibliothek, für den er sein beträchtliches Vermögen und seine Beziehungen einsetzte, verfolgen. Wie kein anderer war M. über alle Neuerscheinungen auf dem europ. Büchermarkt, über Handschriftenfunde und literarische Vorhaben unterrichtet. In Italien, wo er sechs Jahre zubrachte, hörte er neben den Bologneser Glossatoren den älteren Philipp Beroald und Urceus Codrus. Er promovierte 1498 in Ferrara zum Dr. decretorum und lernte in Padua Baptista Mantuanus kennen. In Florenz, Venedig und Rom, wo er mit Pomponius Laetus bekannt wurde, vervollkommnete sich M. in den humanen Wissenschaften. Im Ringen um eine eigene Philosophie wandte er sich, Marsilius Ficinus und Pico della Mirandola folgend, neuplatonischen Lehren zu und gelangte dabei mehr zu einem universalistischen Theismus als Pantheismus, verquickt mit einer auf einer Synthese von christl. Theologie und antiker Philosophie beruhenden spiritualisierten Religiosität, die für das überlieferte Christentum keinen Raum ließ. 1502 kehrte M. mit der Absicht in seine Heimat zurück, dorthin zumindest für sich den Lebensstil einer exklusiven Geistesaristokratie zu übertragen. Nach kurzer Tätigkeit in der landgräfl. hess. Kanzlei bot sich ihm hierzu ein Kanonikat in Gotha an, das ihm volle Unabhängigkeit gewährte. Um es einnehmen zu können, wurde er 1503 Geistlicher, was ihn jedoch nicht hinderte, weiterhin scharfe Kritik an den Institutionen der Kirche und deren Trägern zu üben. Seit 1505 kamen die jungen Erfurter Humanisten in sein gastliches Gothaer Haus und bildeten um den „Meister“ einen literarischen Kreis in humanistischem Sinn (u. a. der Jurist Herbord v. der Marthen sowie Georg Spalatin und Heinrich Urban aus dem nahen Kloster Georgenthal). Auch Helius Eobanus Hessus und Johann Crotus Rubianus verkehrten in M.s Haus und nutzten die philologische Kritik, die philosophische Erkenntnis und die Metrikkunde des Meisters. Der häufiger einkehrende Euricius Cordus schildert in seinem lat. Gedicht „Besuch bei Mutian“ die Dichterklause mit ihrem Hang zum Idyllischen. Hermann Trebelius, Peter Eberbach und sein Bruder, Justus Jonas, Johann Pyrrhu (Roth)s u. a. erbaten und erhielten Briefe. Der Lyriker Christoffer Hack, Tremonius und Ulrich v. Hutten zählten als Tischgäste zur mutianischen Jüngerschaft, die ein geistiges Symposion, jedoch keine große, geheime Satirenwerkstatt (Kampschulte) darstellte. M. selbst verfaßte keine Satiren, und auch die seinem Kreis zugeschriebenen „Epistolae obscurorum virorum“, die dem Rhein-Main-Gebiet entstammen, weisen nur schwache Verbindungslinien nach Gotha auf. Nach 1516 wurde es um M. ruhiger; in Erfurt wurde nun vor allem Erasmus gefeiert. M., der 1515 Luther als Prediger gehört und geschätzt hatte, rückte früh von „dem lutherischen tumultus“ ab. Befangen in seiner ästhetischen Bildungsreligion, fühlte er sich erhaben über den Glauben des einfachen Volkes. Als in seinen letzten Lebensjahren infolge des kirchl. Umsturzes und der Bauernunruhen die Pfründen ausblieben, geriet er in große wirtschaftliche Not.

  • Werke

    Der Briefwechsel d. M. R., Ges. u. bearb. v. C. Krause, 1885 (Biogr.);
    Der Briefwechsel d. C. M., Ges. u. bearb. v. K. Gillert, 1890. In beiden Ausgg. Chronol. d. Briefe vielfach irrig bzw. ungeklärt.

  • Literatur

    ADB 23;
    P. Kalkoff, Humanismus u. Ref. in Erfurt (1500–30), 1926;
    M. Burgdorf, Der Einfluß d. Erfurter Humanisten auf Luthers Entwicklung bis 1510, 1928;
    F. Halbauer, M. R. u. seine geistesgeschichtl. Stellung, 1929;
    L. W. Spitz, The Conflict of Ideals in M. R., in: Journal Warburg 16, 1953, S. 121-43;
    F.-W. Krapp, Der Erfurter Mutiankreis u. seine Auswirkungen, Diss. Köln 1954;
    J.-E. Margolin, M. et son modèle erasmien, in: L'humanisme allemand, 1979, S. 169-202;
    F. Anzelewsky, Ein humanist. Altar Dürers, ebd., S. 525-36;
    I. Höss, Georg Spalatin, 21989;
    Schottenloher 16175, 16180, 16182, 16185 f., 48422;
    LThK;
    Kosch, Lit.-Lex.3.

  • Autor/in

    Heinrich Grimm
  • Empfohlene Zitierweise

    Grimm, Heinrich, "Mutianus Rufus, Conradus" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 656-657 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118735411.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Mutian: eig. Mut, mit seinem vollen Namen Conrad Mutianus Rufus — letzteres wegen seines rothen Haares — hervorragender deutscher Humanist, geb. in Homberg am 15. Octbr. 1471, in Gotha am 30. März 1526. Er besuchte die Schule des Hegius in Deventer, wo er ein Mitschüler des Erasmus war, bezog 1486 die Universität Erfurt, wo er 1492 Magister wurde und wenigstens kurze Zeit lehrte, 1495 ging er, wie es scheint, über Mainz nach Italien, erwarb in Bologna den Doctorgrad der Rechte, weilte längere Zeit in Mailand, Mantua, Florenz, Rom, wurde mit hervorragenden Humanisten und hohen Würdenträgern bekannt, und machte sich mit den humanistischen Studien immer mehr vertraut. 1502 kehrte er in die Heimath zurück, war ganz kurze Zeit in der Kanzlei des Landgrafen von Hessen beschäftigt und lebte seit 1503 als Canonicus in Gotha. Unter seinen Mitcanonikern hatte er keinen Verkehr; nahe stand ihm nur sein Geistesverwandter Heinrich Urban (s. d.). Klosterverwalter in dem benachbarten Georgenthal und Georg Spalatin (s. d.), seit 1505 Lehrer daselbst. Den hauptsächlichsten Einfluß gewann M. aber dadurch, daß dem „Mutianischen Bund“ eine große Anzahl junger Leute beitrat, die auf der Universität Erfurt studirten: Eoban Hesse, Peter Eberbach, Herbord v. d. Marthen, Crotus Rubianus, Euricius Cordus, Justus Jonas. Dieser mutianische Bund ähnelt den übrigen litterarischen Gesellschaften der Humanistenzeit dadurch, daß er ein anerkanntes Haupt hatte, wie etwa die rheinische den Celtes, die Straßburger den Erasmus, daß er durch gemeinsame humanistische Bestrebungen geeint war, aber er unterschied sich dadurch, daß keine gemeinschaftlichen Arbeiten von ihm unternommen wurden. M. selbst war kein Schriftsteller und kein öffentlicher Lehrer. Er ist außer in jener früher erwähnten Erfurier Periode niemals als Lehrer aufgetreten und hat keine zum Druck bestimmte Zeile geschrieben. Seine Wirksamkeit bestand darin, daß er durch persönliches Beispiel und mündliche Ermahnungen und durch einen mit Fleiß und Liebe gepflegten Briefwechsel die jungen Leute an sich fesselte und in ihrer geistigen und sittlichen Entwickelung förderte. Er bekleidete in Deutschland ein unbestrittenes litterarisches Censoramt, selbst die geistig Höchstgestellten wendeten sich an ihn, um sein Urtheil und seine Billigung zu erlangen. Aber er verlangte auch Unterwerfung unter sein Urtheil, ärgerte sich über die Reizbarkeit mancher Poeten und wünschte Eintracht und Friedfertigkeit unter denselben. M. war ein eigenartiger Philosoph, in der Schule der Neuplatoniker gebildet. Der Geist ist ihm das eigentliche Wesen der Dinge. Er vergeistigt daher die christlichen Dogmen, hält die Auferstehung nur für eine geistige, weist den Ceremonien nur geringen Werth zu. So tritt er z. B. gegen diejenigen auf, welche dem „Verschlingen der Hostie“ sonderliche Bedeutung zuschreiben: bringt erst nach zehn Jahren seines Canonicats zögernd sein erstes Meßopfer dar; polemisirt heftig gegen das Fasten, dessen Beweggrund er in der Habsucht der Geistlichen findet, gegen das Gebetplappern und den Reliquiendienst. Er bekämpft die Priester, die am Ueberwiegen der Ceremonieen, an der Entartung des Kirchendienstes schuld seien; er ist entrüstet über die Pfründenjägerei; er wüthet gegen der Priester Unmäßigkeit, Unsittlichkeit, gegen den Wucher, den sie mit den Bauern treiben; er greift Rom an „als die Höhle aller Verbrechen“. Diese freisinnigen Ansichten, die sich manchmal zu pantheistischen steigern — gelegentlich fehlt es nicht an Aeußerungen völligen Unglaubens, abergläubische Anschauungen dagegen kommen so gut wie gar nicht vor — sollen jedoch nur von „Philosophen“ getheilt werden; die Menge müsse „durch Religion und Gesetz getäuscht werden“. Den Philosophen gestattet er ferner gewisse Besonderheiten in der Moral. Selber ist er sittlich und ziemlich mäßig, obwohl in seinen Ausdrucken derb und cynisch; seinen Getreuen aber erlaubt er „gute Trünke“ und drückt ein Auge zu bei ihren sittlichen Vergehen. M. ist ein bedeutender Gelehrter, ein tüchtiger Jurist, ein kenntnißreicher Theologe, vor allem ein ausgezeichneter Humanist. Er ist kein Poet, er schätzt die Poesie zu hoch, um ohne Veranlassung und ohne Begabung Verse zu schmieren. Er kennt die drei von den Humanisten gepflegten Sprachen des Alterthums; verachtet aber, da er deutschnational gesinnt ist, das Deutsche nicht, obwohl er sich desselben nicht bedient. Die griechische Litteratur verehrt er besonders hoch: „sie ist so göttlich, daß kein Lob an sie heranreicht“. Er ist ein vertrauter Kenner des römischen Alterthums; dessen Autoren citirt er mit Vorliebe; er verlangt aber weder von anderen noch erstrebt er für sich sklavische Nachahmung der classischen Autoren, sondern wünscht eine proprietas sermonis, und lehrt eine Vermeidung von Barbarismen. Die Vertreter der Barbarei und Anhänger der Scholastik haßt er aufs Gründlichste. In Folge dieser Gesinnung betheiligt er sich mit seiner ganzen Schar sehr lebhaft am Reuchlin'schen Streite, ermuntert die jungen Freunde, dem bewährten Alten sich anzuschließen, wird eine Zeit lang, nach der Verurtheilung Reuchlin's durch den Kaiser an seiner Ueberzeugung irre — denn er war eben hier wie anderwärts ein Halber — ermannt sich aber wieder und tritt eifrig für die Sache des Gefährdeten ein. Im Mutianischen Kreise ist die berühmte Satire der „Dunkelmännerbriefe“ entstanden, M. hat wahrscheinlich von ihrem Entstehen gewußt, aber sich nicht an derselben betheiligt. An der Reformation dagegen nahm er keinen Antheil. Schon von dem Reuchlin'schen Kampfplatze hatte er sich in den letzten Jahren zurückgezogen, in Bezug auf Luther, den er anfänglich wie fast alle Humanisten sehr verehrt hatte, erklärte er schon 1520, daß er keinem Urheber von Schmähung, Zwist und Streit beitrete und betonte später ganz rückhaltlos, daß er von den „wüthenden Lutheranern“ nichts wissen wolle. Seine letzten Jahre waren durch diese Streitigkeiten, die ihn sehr betrübten, durch seine Armuth, die immer drückender wurde, durch die Bauernunruhen, die sein bischen Eigenthum und sein Leben bedrohten, verwirrt und traurig. Viele seine Genossen waren gestorben oder zerstreut; der Tod des im Leben Vielgepriesenen wurde nur von Wenigen beklagt. Die „glückselige Ruhe“, die zu besitzen er sich früher stolz vermessen hatte, fand er erst im Tode wieder. Die Nachwelt hat ihm, der außer stilistisch vortrefflichen und inhaltlich werthvollen Briefen nichts geschrieben hat, wegen seines großen Einflusses auf die Jugend unter den Führern des deutschen Humanismus neben Reuchlin und Erasmus mit Recht die dritte Stelle eingeräumt. Mutian's Briefe finden sich hauptsächlich in einem Codex der Frankfurter Stadtbibliothek. Daraus zuerst, ausgewählt und verkürzt abgedruckt bei Tentzel, Supplementum historiae Gothanae, Jena 1791. — Erste vollständige Ausgabe sowohl aus dem genannten Codex, als aus vielen anderen Quellen: Der Briefwechsel des M. R. (im Ganzen 665 Nummern, meist wörtlicher Abdruck, nur wenige Regesten) von C. Krause, Kassel 1885. Eine andere Ausgabe von Gillert in Barmen für die Quellenschriften der Provinz Sachsen ist angekündigt aber nicht erschienen. —

    • Literatur

      Biogr. über M. in der Einleitung Krause's, ferner Kampschulte, Universität Erfurt; Strauß, Ulrich v. Hutten; Geiger. Reuchlin; vgl. ferner die Zusammenstellung bei Krause S. I A. 1.

  • Autor/in

    Ludwig Geiger.
  • Empfohlene Zitierweise

    Geiger, Ludwig, "Mutianus Rufus, Conradus" in: Allgemeine Deutsche Biographie 23 (1886), S. 108-109 unter Mutian, Conrad [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118735411.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA